Einkaufen Plastik statt Jute
Die Jutetasche ist verschwunden. Und nicht einmal der Mann, der sie zum Symbol der Alternativbewegung machte, trauert ihr heute nach
Einer wie Gerd Nickoleit wird nicht berühmt. Er trägt zerbeulte Hosen, Sandalen, ein weites kariertes Hemd. Seine Augen fliehen hinter den eckigen Brillengläsern, sobald jemand sein Büro betritt, als wünsche er sich nicht, dass sich überhaupt jemand für ihn interessiert. Nickoleit hockt am Ende des langen Raums, mit der Schulter zur Tür. Auf einem Schild stehen sein Name und das Wort »Grundsatz«, so heißt seine Abteilung. Nickoleit denkt beruflich über Grundsätzliches nach.
Vor der Tür laufen junge Leute schnell treppauf, treppab, ein moderner Industriebau, viel Weiß, viel Holz, Sitz der Firma Gepa in Wuppertal. Das Unternehmen nennt sich »Fair Handelshaus«. Es vertreibt Produkte aus armen Ländern und sorgt dafür, dass mehr Geld als gewohnt an die Hersteller fließt. Das ist eine Idee aus den siebziger Jahren, die seitdem immer beliebter geworden ist – der faire Handel wächst wie nie zuvor. Gerd Nickoleit, 62, hat die Idee in Deutschland verbreitet. Ohne ihn wären die meisten der 150 Mitarbeiter von Gepa vielleicht gar nicht hier.
Nickoleit hätte auch Politiker werden können oder Journalist. Hätte den Leuten erklären können, wie ungerecht der Welthandel ist. Dass Bauern in Asien oder Südamerika für ihre Produkte nicht genug Geld bekommen, um aus der Armut auszubrechen. Dass auch die Europäer mit ihren Zöllen und Subventionen schuld daran sind. Er hätte sich auf die Straße stellen können, um Unterschriften und Geld zu sammeln. Nickoleit wurde Projektleiter bei Gepa. Er warb für sein Anliegen mit einem Gegenstand, den man schon bald in praktisch jedem Haushalt finden sollte. Nickoleit brachte Deutschland die Jutetasche.
Sie kam 1978 auf den Markt, eine quadratische Einkaufstasche aus grobem Jutestoff, etwas muffig riechend, mit dem Aufdruck »Jute statt Plastik«. Sie wurde in Bangladesch genäht und kostete 1,50 Mark das Stück. Nickoleit organisierte den Einkauf, er bezog die Taschen über internationale Hilfsorganisationen. Ließ Broschüren drucken, Poster, sogar ein Buch. Schickte Pakete an Dritte-Welt-Läden und 8000 kirchliche Aktionsgruppen. Sie bauten Stände in Fußgängerzonen auf, vor Schulen. Folgten Nickoleits Anweisung, keine Tasche zu verkaufen, ohne Informationen mitzuliefern – über die Frauen von Bangladesch und die in den siebziger Jahren bedrohlich nah scheinenden Grenzen des Wachstums.
»Die Tasche stand für eine andere Lebensart«, sagt Nickoleit. »Man brachte zum Ausdruck: Ich schone die Umwelt, und ich tue etwas für die Ärmsten.«
Das Handelshaus Gepa, drei Jahre zuvor von kirchlichen Organisationen gegründet, wurde von der großen Nachfrage überrascht. In den folgenden zehn Jahren verkaufte Gepa fünf Millionen Taschen. Die Jutetasche wurde zum Sinnbild der Alternativbewegung, die Grünen zogen mit ihr in den Bundestag ein.
Sie blieb ein Symbol der achtziger Jahre. »Den Gebrauchswert ersetzte die leichtere Baumwolltasche«, sagt Gerd Nickoleit, »der Symbolwert hatte sich überholt.« In den Neunzigern stand die Jutetasche für eine vergangene Ära, als Stilsünde wurde sie ausgiebig verspottet.
Die Idee für die »Bildungsaktion« der siebziger Jahre stammte ursprünglich von dem Schweizer Verein Erklärung von Bern. Er setzte sich früh für gerechtere Entwicklungshilfe ein. Der Plan sei 1975 bei einer Tagung entstanden, erzählt Rudolf Strahm, 62, damals Geschäftsführer. Er nimmt für sich in Anspruch, den Slogan »Jute statt Plastik« mit erfunden zu haben – »viele Leute fanden ihn zu simpel«.
Der ovale Aufdruck war den Zollstempeln in den Verschiffungshäfen nachempfunden. In der Schweiz war die Jutetasche bereits 1976 erhältlich, ein Bestseller jedoch wurde sie erst in Deutschland.
Frauen in Bangladesch sitzen auf dem Boden und nähen von Hand
Anfang 1979 fährt Gerd Nickoleit nach Bangladesch. Er will überprüfen, ob die Vereinbarungen mit den Herstellern eingehalten werden. Er sieht Frauen, die in Hütten aus Palmzweigen auf dem Lehmboden sitzen; sie nähen die Taschen per Hand oder mit einfachen Maschinen.
Der Anblick extremer Armut ist für ihn nichts Neues, er hat als Entwicklungshelfer in Iran und Peru gearbeitet. Für viele Frauen in dem islamischen Land ist die Tasche die einzige Möglichkeit, überhaupt Geld zu verdienen. Ein kleiner Teil des Einkommens wird für die Dorfgemeinschaften einbehalten, sie sollen investieren.
In Bangladesch hat Nickoleit gesehen, dass es möglich ist, die Welt im Kleinen zu verändern – wenn einer nur den Handel gerecht organisiert und dem Konsumenten die Möglichkeit gibt, die richtigen Dinge zu kaufen. Er war einmal Jungsozialist, dann stand er den Grünen nahe, aber politisch aktiv war er nie. In Berlin geboren, in Schleswig-Holstein aufgewachsen, geht Nickoleit als junger Mann zu den christlichen Pfadfindern, entdeckt das Reisen. Macht eine kaufmännische Lehre. Trampt durch Europa, sucht den richtigen Beruf für seine Abenteuerlust.
Im Auftrag von Brot für die Welt wird er der erste deutsche Entwicklungshelfer in Iran. Als er 1978 aus Peru zurückkehrt, stellt ihn Gepa an. Es ist eine Zeit, in der viele Männer ihre Haare lang tragen, Nickoleit schneidet seine kurz. Er heiratet, bekommt drei Kinder.
Durch Jute wurde fairer Handel zu einer Bewegung
Bei Gepa macht er das Reisen zum Job. Er stellt die Kriterien mit auf, welche die Handelspartner erfüllen müssen – meist sind es demokratisch organisierte Genossenschaften von Kleinbauern. Er besucht sie, entscheidet über ihre Aufnahme in die Gepa-Produzentenliste. Er tut das bis heute, nur die Orte wechseln, die Produkte, mal ist es Kaffee aus Nicaragua, Tee aus China, dann sind es Fußbälle aus Pakistan.
Gepa zahlt Preise, die höher sind als auf dem Weltmarkt, die Hersteller investieren die Überschüsse. Immer mehr Menschen in den reichen Ländern wissen und fördern das. Der Umsatz von Gepa hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, auf 42 Millionen Euro. Ohne die Jutetasche ist dieser Erfolg nicht vorstellbar. »Durch Jute ist der faire Handel zu einer Bewegung geworden«, sagt Nickoleit.
Die Globalisierung sieht er überwiegend positiv. »Viele Zölle sind gefallen. In Indien gibt es jetzt eine Mittelschicht. Aber im globalen Wettbewerb kommen die Schwächeren immer noch zu kurz. Es gibt immer noch Zölle, für Kaffee, Zucker. Afrika hat keine Chance am Markt.« Doch große Firmen sind durch fairen Handel unter Druck geraten. Und die EU plant eine Resolution, um den fairen Handel stärker zu fördern.
Der Jutetasche, diesem »stinkigen Ding«, hat Nickoleit nie nachgetrauert.
Seit vorigem Jahr ist sie bei Gepa wieder im Angebot, zur 30-Jahr-Feier ihres Bestehens nahm die Firma sie neu in den Katalog auf. Sie wird von den gleichen Näherinnen in Bangladesch hergestellt wie früher, kostet 3,95 Euro, mehr als das Fünffache des alten Preises.
Verkauft wurden bisher 650 Stück.
- Datum 08.06.2006 - 13:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 08.06.2006 Nr. 24
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