Die Avantgarde hieß Löwenzahn, Rapunzel oder Erdgarten. Das waren die ersten Naturkostläden, in denen es zementschwere Honigkekse gab, Müsli, Miso und Kopfsalat ohne Pestizide. Die Käufer waren allesamt vollwertige Bekenner. Erst im Jahr Tschernobyl verirrten sich auch Vorstadtmütter und andere Normalverbraucher der Konsumgesellschaft in die Bioläden, um unverstrahlte Milch zu holen. BILD

Dreißig Jahre später bilden sie die Mehrheit in den Einkaufsbiotopen, die heute mit coolem Design einladen und prall gefüllt sind mit zig Käsesorten, Tunfischsalat in Dosen, Dinkel-Stracciatella-Kuchen. Auch gut verdienende Genießer schieben jetzt Champagnertrüffeln und zusatzstofffreien Orange-Sanddorn-Badezusatz zur Kasse.

Bio ist schick geworden: Fast verdreifacht hat sich der Umsatz mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln in den letzten zehn Jahren. Allein 2005 wuchs er in Deutschland um 15 Prozent auf 4 Milliarden Euro. Trotz höherer Preise und anderswo herrschender Absatzflaute.

Die Konvertiten sind zwar meist nicht sehr konsequent: Sie greifen morgens zu Vollkorn-Croissants beim Biobäcker, abends zu Fertiggerichten von Plus. Viele sorgen sich eher um ihre Gesundheit oder, nicht minder egoistisch, den guten Geschmack als um die Rettung des Planeten. Doch je mehr diese Verbraucher davon hören, unter welchen Bedingungen Futtermittel hergestellt und Kakao gepflückt, Fische gefangen, T-Shirts genäht oder Energieressourcen ausgebeutet werden, desto mehr denken sie beim Einkauf an die sozialen und ökologischen Folgen.

Prompt haben Marktforscher einen Namen auch für diese »Werteszene« gefunden: »Lohas«, das steht für lifestyle of health and sustainability . Seine Anhänger sind auf »Gesundheit und Nachhaltigkeit« bedacht und längst keine Ökos mehr, sondern »arriviert anspruchsvolle« Konsumenten und junge Eltern. Studien verzeichnen ein Marktvolumen der Lohas-Produkte von rund 500 Milliarden Euro in den westlichen Industrienationen und verheißen den Ökoherstellern einen Marktanteil von 10, manchmal gar 30 Prozent. Neben den 2500 Fachgeschäften für Naturkost wurden in Deutschland schon 300 Biosupermärkte eröffnet. Laufend machen neue auf. Auch der konventionelle Einzelhandel räumte Regale für Ökowaren frei, oft unter eigenen Labels; oder er treibt, wie Rewe seine Vierlinden-Filialen, grüne Ableger. Neuerdings gibt es Biowaren sogar bei Discountern wie Aldi oder Lidl. Die Nachfrage beflügelt das Angebot; umgekehrt steigen mehr Kunden um, je leichter sie an hormonfreie Schnitzel herankommen.

Beispielhaft – und prägend – für die Entwicklung auf der Angebotsseite ist eine Metzgersfamilie aus dem Westfälischen. Karl Ludwig Schweisfurth hatte die Fleischerei seiner Eltern zu Europas größter Wurstfabrik Herta ausgebaut, doch mit 55 Jahren packte ihn der Widerwille gegen den derben Umgang mit Tieren und Waren. 1985 verkaufte er und zog nach Bayern.

Auf seinem Biohof mit Alpenblick konnte er, finanziell unabhängig, aufbauen, was damals noch wirtschaftlich riskant war: eine geschlossene Bioproduktionskette von der Weide bis zur Wurstküche. Vor allem lehrten seine Hermannsdorfer Land-Werkstätten, dass auch Ökoprodukte der professionellen Bearbeitung bedürfen, damit sie nicht bloß gesund sind, sondern auch lecker. Schweisfurths Sohn Georg war dann ein Pionier beim Vormarsch in breitere Kundenschichten. 1998 eröffnete er in München seinen ersten Biosupermarkt namens Basic, der heute rund 12.000 Produkte führt.