Politiker und Manager sind an allem schuld. Wenn es in der westlichen Welt einen Grundkonsens gibt, dann diesen. Jahr für Jahr ermitteln Umfragen, auf welchen historischen Tiefststand das Vertrauen der Deutschen in ihre Einrichtungen und Eliten wieder gefallen ist. Das verwundert nicht. In einer Demokratie arbeiten sämtliche Systeme ohne Unterlass daran, das Vertrauen ins Spitzenpersonal zu untergraben. Tagtäglich berichten die Medien über Korruption und Unfähigkeit. Die Justiz ermittelt. Eine Partei beschuldig die andere. Wenn die Politik sich rühmt, winken wir ab. BILD

Die Wirtschaft schaltet Werbung. Vielleicht kaufen wir das Zeug. Doch von der Meinung, dass die Hersteller verkommene Subjekte seien, lassen wir uns nicht abbringen.

So scheint es nur folgerichtig, dass eine Institution in allen Umfragen zu unserem Vertrauen fehlt. Es ist die wichtigste, alles entscheidende: der Souverän, das Volk. Wir selbst. Haben wir denn Vertrauen zu uns? Vertrauen wir darauf, dass wir – meist – das Gute tun, das Schlechte lassen werden, das Böse ohnehin? Dass wir das Richtige kaufen werden, das Falsche nicht? Trauen wir uns genug Engagement zu und Kraft zum Verzicht – um die Schwachen zu stützen und die Zerstörung der Natur zu stoppen?

Natürlich nicht. Der Mensch ist schlecht. Ein Homo oeconomicus. Und noch viel Schlimmeres. Wir wissen von unseren Vergehen. Vor allem in dem Bereich, in dem wir täglich wählen: dem des Konsums.

Unsere aktuelle Versuchung heißt Discounter. Es sind die Billiganbieter aller Branchen. Die Geschichte geht in Kürze so: In den vergangenen Jahrzehnten wuchs stetig unser Bewusstsein für die Umwelt, die Grenzen des Wachstums und die weltweite Ungerechtigkeit. Doch just in dem Moment, da wir unserem Denken Taten folgen lassen wollten und im Begriff waren, zu Helden eines ethischen Konsums zu werden, stand plötzlich der billige Jakob vor uns und bot uns die Welt zum Schnäppchenpreis. Es war die letzte Prüfung, und wir haben sie nicht bestanden. Lidl, Mediamarkt, Ryanair – das sind Chiffren eines unerwarteten historischen Rückschritts, unserer verhinderten Wandlung. Saulus wollte Paulus werden – und blieb doch Saulus.

Natürlich ist das Unfug. Auch ohne Discounter wären wir heute keine Heiligen. Doch scheint es, als täten wir nun das Gegenteil dessen, was wir eigentlich wollten: Wir buchen Flüge zu Preisen, von denen wir wissen, dass sie auf Niedriglöhnen und Stellenabbau beruhen. Wir kaufen ein in Supermärkten, deren Preise angemessene Gewinne für die Produzenten ausschließen – ebenso wie eine umwelt- und tiergerechte Produktion. Wir haben gelesen, dass den Angestellten hinter der Kasse landesübliche Rechte vorenthalten werden. Wir wissen, dass Hosen und Pullover, Computer und DVD-Player, die wir zu Spottpreisen kaufen, nicht in Deutschland, sondern im Ausland gefertigt werden, in so genannten Niedriglohnländern.

Sozialdumping, Stellenabbau, Verlagerung der Produktion ins Ausland – als Kunde fördern wir alles, was uns als Bürger empört. Wir tun genau das, was wir Politikern und Managern vorwerfen. Wie die Manager an der Spitze der Konzerne treiben wir Globalisierung und Deregulierung voran. Die Manager schauen auf jeden Cent und nehmen nur das Billigste? Genau das tun wir, als fortwährend rechnende und vergleichende Kunden, als knallharte Manager unserer Lebenshaltung. Wir drücken die Preise, bis als Produktionsstandort unserer Waren nur noch Fernost infrage kommt. Wir selbst sind die globalen Heuschrecken. Volk und Elite sind sich einig in ihrem radikalen Ökonomismus. Und wie die Elite sind wir teils getrieben, teils Treibende. Arbeitslose und Geringverdiener müssen auf jeden Cent schauen. Der Rest hat aus seinem Portemonnaie einen Fetisch gemacht wie die Manager aus dem Shareholder-Value.