Kundenverhalten

Selbst schuld!

Ob Niedriglöhne, Stellenabbau oder Umweltzerstörung: Was uns als Bürger empört, fördern wir als Kunden

Politiker und Manager sind an allem schuld. Wenn es in der westlichen Welt einen Grundkonsens gibt, dann diesen. Jahr für Jahr ermitteln Umfragen, auf welchen historischen Tiefststand das Vertrauen der Deutschen in ihre Einrichtungen und Eliten wieder gefallen ist. Das verwundert nicht. In einer Demokratie arbeiten sämtliche Systeme ohne Unterlass daran, das Vertrauen ins Spitzenpersonal zu untergraben. Tagtäglich berichten die Medien über Korruption und Unfähigkeit. Die Justiz ermittelt. Eine Partei beschuldig die andere. Wenn die Politik sich rühmt, winken wir ab.

Die Wirtschaft schaltet Werbung. Vielleicht kaufen wir das Zeug. Doch von der Meinung, dass die Hersteller verkommene Subjekte seien, lassen wir uns nicht abbringen.

So scheint es nur folgerichtig, dass eine Institution in allen Umfragen zu unserem Vertrauen fehlt. Es ist die wichtigste, alles entscheidende: der Souverän, das Volk. Wir selbst. Haben wir denn Vertrauen zu uns? Vertrauen wir darauf, dass wir – meist – das Gute tun, das Schlechte lassen werden, das Böse ohnehin? Dass wir das Richtige kaufen werden, das Falsche nicht? Trauen wir uns genug Engagement zu und Kraft zum Verzicht – um die Schwachen zu stützen und die Zerstörung der Natur zu stoppen?

Natürlich nicht. Der Mensch ist schlecht. Ein Homo oeconomicus. Und noch viel Schlimmeres. Wir wissen von unseren Vergehen. Vor allem in dem Bereich, in dem wir täglich wählen: dem des Konsums.

Unsere aktuelle Versuchung heißt Discounter. Es sind die Billiganbieter aller Branchen. Die Geschichte geht in Kürze so: In den vergangenen Jahrzehnten wuchs stetig unser Bewusstsein für die Umwelt, die Grenzen des Wachstums und die weltweite Ungerechtigkeit. Doch just in dem Moment, da wir unserem Denken Taten folgen lassen wollten und im Begriff waren, zu Helden eines ethischen Konsums zu werden, stand plötzlich der billige Jakob vor uns und bot uns die Welt zum Schnäppchenpreis. Es war die letzte Prüfung, und wir haben sie nicht bestanden. Lidl, Mediamarkt, Ryanair – das sind Chiffren eines unerwarteten historischen Rückschritts, unserer verhinderten Wandlung. Saulus wollte Paulus werden – und blieb doch Saulus.

Natürlich ist das Unfug. Auch ohne Discounter wären wir heute keine Heiligen. Doch scheint es, als täten wir nun das Gegenteil dessen, was wir eigentlich wollten: Wir buchen Flüge zu Preisen, von denen wir wissen, dass sie auf Niedriglöhnen und Stellenabbau beruhen. Wir kaufen ein in Supermärkten, deren Preise angemessene Gewinne für die Produzenten ausschließen – ebenso wie eine umwelt- und tiergerechte Produktion. Wir haben gelesen, dass den Angestellten hinter der Kasse landesübliche Rechte vorenthalten werden. Wir wissen, dass Hosen und Pullover, Computer und DVD-Player, die wir zu Spottpreisen kaufen, nicht in Deutschland, sondern im Ausland gefertigt werden, in so genannten Niedriglohnländern.

Sozialdumping, Stellenabbau, Verlagerung der Produktion ins Ausland – als Kunde fördern wir alles, was uns als Bürger empört. Wir tun genau das, was wir Politikern und Managern vorwerfen. Wie die Manager an der Spitze der Konzerne treiben wir Globalisierung und Deregulierung voran. Die Manager schauen auf jeden Cent und nehmen nur das Billigste? Genau das tun wir, als fortwährend rechnende und vergleichende Kunden, als knallharte Manager unserer Lebenshaltung. Wir drücken die Preise, bis als Produktionsstandort unserer Waren nur noch Fernost infrage kommt. Wir selbst sind die globalen Heuschrecken. Volk und Elite sind sich einig in ihrem radikalen Ökonomismus. Und wie die Elite sind wir teils getrieben, teils Treibende. Arbeitslose und Geringverdiener müssen auf jeden Cent schauen. Der Rest hat aus seinem Portemonnaie einen Fetisch gemacht wie die Manager aus dem Shareholder-Value.

Es ist eine Persönlichkeitsspaltung: Wir schimpfen über die Schließung deutscher Standorte und kaufen am selben Tag eine Hose für 30 Euro, die in Bangladesh genäht wurde. Auch die französischen Studenten, die gegen die Globalisierungsscheiße, die merde mondialiste, auf die Straße gehen, die jetten billig durch die Welt und kleiden sich von Kopf bis Fuß in H&M. Der Protestwähler ist im Zivilstand Schnäppchenjäger. Wir sind Schizophrene. Die Diagnose trifft die Völker aller westlichen Demokratien. Als Bürger sind wir Sozialisten – Verfechter der alten sozialen Errungenschaften. Als Kunden sind wir Neoliberale. Marktradikale. Uns ist Recht, was billig ist. »Für 19 Euro nach Barcelona.« Noch nie war Doppelmoral so preiswert. So sieht sie aus, unsere Bonusmeilen-Affäre. Und wenn es uns dennoch an Geld mangelt, nehmen wir Kredite auf. Deficit spending. Unsere Haushalte sind belastet wie noch nie. Rekordverschuldung.

Das ist unsere Bilanz. Wäre es da nicht besser, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein neues?

Was treibt uns, das Volk, in diese Schizophrenie, diese groteske Spaltung zwischen Konsumverhalten und Bürgerzorn? Was ist neu an unserer Situation? Eines ist sicher: Es ist nicht die Billigproduktion. Denn Billigproduktion war immer. Sie ist keine Erfinder der Discounter. Der Kolonialismus, der unsere flugschnelle Entwicklung zur Industrie- und Überflussgesellschaft erst möglich gemacht hat, war vor allem eines – Billigproduktion. Sklaverei und Rohstoffraub. Menschen, Hölzer, Metalle – alles gab es fast zum Nulltarif. Die Länder, die noch heute Niedriglohnländer sind, waren lange Kein-Lohn-Länder. Lange vor Lidl gab es Edeka, ursprünglich EDK, die Einkaufsgenossenschaft deutscher Kolonialwarenhändler. Und auch die Produktion daheim war ausschließlich Billigproduktion. Manchester-Kapitalismus. Was bekanntlich hieß: Hungerlöhne, 14-Stunden-Schichten, Kinderarbeit – die Verelendung der arbeitenden Massen.

Jahrzehntelang kämpften die europäischen Arbeiter dafür, dass sie an einem Wohlstand teilhaben konnten, der auch auf Ausbeutung der nichteuropäischen Arbeiter beruhte. Das war die Schizophrenie des Frühkapitalismus. Die Grundlage unseres Lebensstils.

Lange Zeit war die Mehrheit der Bevölkerung zugleich Verlierer und Gewinner des Systems. Erst in den fünfziger und sechziger Jahren wechselte das Volk ganz auf die Gewinnerseite – jedenfalls gemessen an der Armut der restlichen Welt, unserer Zulieferer. Aus den proletarischen Massen wurden die Massen der Konsumenten. Die goldenen Jahre begannen. Aus Schizophrenie wurde Identität – die Identität des Wohlstandsbürgers. Die Not verschwand nicht, aber sie wurde eine Randerscheinung. Die Unterschiede waren erträglich, weil es allen besser ging. Massenhaft lagerten wir – als Manager unserer Freizeit – unseren Urlaub ins Ausland aus. In Länder, wo die Dinge »nichts kosten« und wir fremde Natur verbrauchten. Wir gewöhnten uns daran, die Welt als Schnäppchen zu betrachten.

An der Identität des Wohlstandsbürgers halten wir bis heute fest. Obwohl sie sich längst überlebt hat.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sind wir wieder Gewinner und Verlierer zugleich. Immer mehr Menschen müssen wieder für Niedriglöhne arbeiten – jedenfalls gemessen an den »Normallöhnen« unserer Breiten. Zum ersten Mal machen wir wieder die Erfahrung der Entrechtung. Es ist die Schutzlosigkeit derer, die keine Wahl haben, die schweigen müssen, wenn sie Arbeit haben wollen. Wir verlieren unsere Arbeit. Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Jetzt stimmt der Satz, doch sind es nicht die Ausländer im Inland, sondern die Ausländer im Ausland. Da gibt es auch viel mehr. In Polen, Tschechien, Rumänien, in der Ukraine, Irland, Bangladesh, Indien, China, Taiwan, Japan, Korea…

Eigentlich geht ja ein Traum in Erfüllung. Ein alter Traum der Linken. Immer mehr Länder nehmen teil an der industriellen Produktion, teil auch an den Segnungen des Wohlstands. Was aber macht der aufrechte Linke? Er wettert gegen die Auslagerung der Produktion ins Ausland. So hatte er sich das nicht gedacht. Den Menschen in aller Welt soll es besser gehen – aber nicht auf seine Kosten. Proletarier aller Länder, die Jobs bleiben hier! Tatsächlich ist es heute vor allem die Linke, sind es linke Parteien und Gewerkschaften, die dagegen protestieren, dass die Ausländer uns die Arbeitsplätze wegnehmen, die Ausländer im Ausland.

Das ist die Schizophrenie des Spätkapitalismus. Ein vergeblicher Kampf.

Auch aus ökologischen Gründen. Unser Lebensstil ist bekanntlich nicht globalisierbar. Also empören wir uns gegen die US-Regierung, die kurzsichtige Industriepolitik macht, gegen die multinationalen Konzerne, die ihren Profiten nachjagen. Doch die großen Wirtschaftssektoren, Industrie und Landwirtschaft, reduzieren seit Jahren ihren Energieverbrauch und CO₂-Ausstoß – nur ein Wirtschaftssektor tut das nicht, im Gegenteil, er verbraucht mehr Energie und produziert mehr CO₂: Es sind die privaten Haushalte. Wir sind es. Das Volk. Wir leben, in unseren Wohnungen und Vorstadthäusern, auf immer mehr Platz pro Person. Wenn uns friert, heizen wir sämtliche Räume. Abends brennt überall Licht. Wir haben immer mehr elektrische Geräte. Statt kleiner deutscher, kaufen wir große amerikanische Kühlschränke. Wenn wir irgendwo sparen, geben wir das Gesparte an anderer Stelle wieder aus. Unser Konsum bleibt, unter dem Strich, der gleiche. Gewiss, unsere Autos verbrauchen im Schnitt mittlerweile weniger Kraftstoff, doch ein großer Teil der Modelle, die wir heute kaufen, verbraucht noch immer zwischen zwölf und 18 Litern. Und wir fahren mehr Kilometer. Wir fliegen auch mehr. Nicht nur von Berufs wegen, wo wir vielleicht keine Wahl haben, sondern auch als Touristen, just for fun.

Wären wir eine Regierung, man sollte uns abwählen. Wären wir ein Konzern, man sollte uns boykottieren.

Doch die Wut geht immer in die andere Richtung. Wenn die Preise für Energie wieder mal steigen – für Benzin und Kerosin, Gas und Strom –, reicht die Front des Protests von Bild bis zu den Verbraucherzentralen. Verbraucherschutz heißt: Schutz des Verbrauchers vor der Regierung und der Wirtschaft. Wer aber schützt uns vor dem Verbraucher, vor uns selbst?

Dabei mangelt es uns in unserer Schizophrenie ja keineswegs an Moral. Geiz ist geil? Keineswegs. Unser Verantwortungsbewusstsein war noch nie so groß wie heute. So allumfassend weltumspannend. Und wo das Gute einfach ist, da tun wir es auch. Wir boykottieren Konzerne, die Menschenrechte und Umweltschutz missachten. Wie oft sind wir an Shell vorbeigefahren und haben bei BP oder Aral getankt. Es hat uns viel gebracht – das Gefühl, Gutes zu tun, etwas zu bewirken –, aber nichts gekostet.

Wollen wir das Gute also nur gratis oder gar nicht? Nein. Wir spenden großzügig – da wissen wir, was mit unserem Geld geschieht. Wir engagieren uns, mehr denn je, in Vereinen und Initiativen – wo greifbar ist, was wir erreichen. Tatsächlich gehen mit dem Billig-Boom ein Bio-Boom und ein Luxus-Boom einher. Das zeigt, dass wir nicht plötzlich geizig, sondern nur agiler geworden sind. Wir bewegen uns hin und her, zwischen dem Billigen, Besten und Bio-Produzierten – im Gegensatz zu den Großeltern, die beim Einkaufen nur wenig zu wählen hatten und markentreu und markenblind immer dasselbe kauften. Wir wissen: Die Qualität bei Aldi und Lidl, Ikea und H&M ist oft nicht schlechter als bei den teureren Konkurrenten. Wir wissen auch: Bei Marken bezahlen wir häufig vor allem – die Marken. Auch die Teuren produzieren billig. Gleich neben den Sweatshops, die für H&M nähen, stehen die Sweatshops, deren Produkte die großen Logos tragen werden. Oft fehlt eine klare Alternative, die die Mehrkosten lohnt. – »Du, ich habe heute bei Edeka eingekauft und einen Flug bei Lufthansa gebucht!« – ist das der Auftritt eines Helden? Auch auf einem Lufthansa-Ticket klebt kein Biosiegel.

Was gibt es noch zu unserer Entschuldigung zu sagen? Natürlich: Vielen fehlt es an Geld, auch an Zeit und Kraft, immer bio zu kaufen, dauernd das Beste zu suchen. In der Konsumgesellschaft ist auch Moral ein Privileg. Doch selbst wer Geld, Zeit und Kraft hat, hat davon nie genug. Denn wir wissen stets mehr über das Schlechte, das wir verursachen, als über das Gute, das wir tun – oder tun könnten. Das Ergebnis: Wir fühlen uns ohnmächtig, egal, was wir tun. Die Nachrichten, die uns mobilisieren sollten, lähmen uns. Dabei hat sich die Frequenz der Horrormeldungen über Konzerne und Produkte in der Vergangenheit ständig erhöht. Längst ist die Apokalypse nicht mehr angewiesen auf philosophische Schriften und eng bedruckte Flugblätter. Sie ist täglich im Fernsehen und im Kino zu sehen. Auf jeden Werbeblock kommt eine Reportage über die tägliche Katastrophe. Die Bewusstseinsindustrie überflutet uns nicht nur mit Affirmation, sondern auch mit Kritik.

Demgegenüber ist die Nachrichtenlage, was das Gute betrifft, äußerst dünn. Berichte von Lösungen und Fortschritten dringen kaum zu uns durch. Das Gute bleibt oft abstrakt und als Abstraktion, als Öko- oder Fairtrade-Siegel, reicht es vielen nicht als Kompensation ihrer Kosten. Wie geht es denn den Pflückern fair gehandelter Biobananen? Geht es ihnen gut? Wir wissen es nicht. Wir sehen es nicht.

So viel zu unserer Entschuldigung. Das alles ist triftig – und ebenso billig. Wir müssen unser Verhalten – und die Bedingungen unseres Verhaltens – trotzdem ändern.

Wir sollten uns mehr für Lösungen interessieren. Es kann nicht sein, dass wir über die Katastrophe von Tschernobyl fast alles wissen und über den Betrieb einer Solaranlage fast nichts.

Wir sind Experten unseres Untergangs, aber Laien, wenn es darum geht, Energie zu sparen, ökologisch zu bauen oder für wenig Geld gesund zu kochen. Wir brauchen Routinen des Guten, Gewohnheiten, die uns entlasten. Wir müssen uns grundsätzlich entscheiden, wo wir mehr ausgeben wollen für Ökologisches und gerechte Löhne. Da der Mensch seine Bedürfnisse stets bis an die Grenzen seines Budgets ausdehnt, hat er nie Geld übrig.

Einen einfachen Weg gibt es nicht. Einerseits brauchen wir eine globale Bewegung für eine globale Zivilisierung des Kapitalismus. Andererseits sollte man das Licht in der Küche ausmachen, wenn man nicht in der Küche sitzt. Wir müssen einen anderen, einfacheren Lebensstil entwickeln. Doch geht es nicht um die quasireligiöse Wandlung des Einzelnen zum guten Konsumenten, zum Rad fahrenden Vegetarier mit Heiligenschein. So, wie im 19. Jahrhundert keine private Hilfsbereitschaft die Bismarcksche Sozialgesetzgebung überflüssig gemacht hätte, macht heute kein Konsumverhalten eine globale Umwelt- und Sozialgesetzgebung überflüssig. Ein Einkaufszettel ersetzt kein Regierungsprogramm.

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Leser-Kommentare

    • 08.06.2006 um 11:05 Uhr
    • cmi

    Natürlich ist es so, dass man zum Teil bewusst billig kauft und damit bewusst oder unbewusst Stellenabbau und Niedriglöhne fördert. Aber: diese Entwicklung kann man doch nicht allein auf den Verbraucher abwälzen. Wenn ich einen hochpreisigen Fernseher von z.B. Sony, Panasonic oder sonstwem kaufe - sichere oder schaffe ich damit Arbeitsplätze in Deutschland? Vermutlich nicht.

    Dazu kommt, dass man viel zu wenig über die Unternehmen weiss. Unternehmen sind zuerst einmal große anonyme Moloche, bei denen man nicht weiss, ob sie nun Kinderarbeiter in Bangladesh beschäftigen, oder vielleicht nach wie vor auf (west-)europäische Produktion setzen. Magazine wie brand eins beleuchten hin und wieder einzelne Unternehmen näher und man bekommt mit "Ah, Firma xyz ist ein Familienbetrieb, der ausschließlich in Deutschland fertigt". Dies beeinflusst durchaus Kaufentscheidungen.

    Unternehmen bewerben ihre Produkte, nicht sich selbst.

  1. das völlig die Marktmacht der Anbieter ausblendet. Gut, daß der Artikel nicht im Wirtschaftsteil erschienen ist. Besser aufgehoben wäre die diffuse Polemik wider den Kunden allerdings in einer Schülerzeitung.

    korfstroem

  2. Welchen Lebensstandard könnten wir uns leisten, wenn wir nur Produkte kauften, die zu einem Stundenlohn produziert (und transportiert und verkauft...) wurden, zu dem auch wir zu arbeiten bereit sind? Unsere Wohnungen wären vielleicht kleiner, älter, schlechter beheizt. Weniger und ältere Elektrogeräte ohne Stand-by-Funktion befänden sich darin; wenn eines defekt wäre, käme die Reparatur günstiger als ein Neukauf bzw. als dem Händler ein Umtausch [unvorstellbar zwar, aber mein Opa versicherte mir glaubwürdig, kurz nach dem Krieg sei das so gewesen]. Das Auto wäre alt und vielleicht verbeult, der Zweitwagen nicht vorhanden. Den knapper bemessenen Jahresurlaub verbrächte man z. T. wieder wandernd und zeltend, zu seinen Freizeittouren am Wochenende [das vielleicht nur noch aus dem Sonntag bestünde] brächte man wieder selbst etwas Essbares mit, statt sich vor Ort zu überteuerten Preisen zu verpflegen. Trifft das in etwa das Maß, in dem wir auf Kosten anderer leben?

    Andererseits: Wenn wir (die westliche Welt) uns wirklich mit dem oben Beschriebenen beschieden, wäre den Menschen der übrigen Welt damit wirklich geholfen? Wie viel technischer (Internet) oder medizinische Fortschritt hätte dann in den letzten Jahrzehnten nicht stattgefunden? Eine gewisse Ungleichheit der Lebensverhältnisse ist ja auch ein Fortschrittsmotor: Investitionen für Entwicklungskosten "lohnen" sich, weil auf einem Teil der Welt überproportional gut dafür bezahlt wird; irgendwann ist es dann günstig genug, um allen zur Verfügung zu stehen. Unser Ziel sollte es nicht per se sein, billig produzierte Produkte zu vermeiden; sondern die Freiheit, die uns momentan in Form von Zeit und Geld noch gegeben ist nicht einfach zu verkonsumieren, sondern sinnvoller zu nutzen, damit immer mehr Menschen und Weltregionen Vorteile aus dem in unserer Gesellschaft ermöglichten wissenschaftlich-technischen Fortschritt ziehen können.

  3. 4. Genau!

    Alle wollen soviel verdienen wie moeglich aber einkaufen wie auf einem chinesischem Freiluftmarkt- am besten noch Geld dazu...Geiz ist geil und aehnlichen Unsinn - das Ergebnis dieser Kampagne sind verlorene Arbeitsplaetze die nie zurueck kommen.

  4. Wenn weniger Zeug, was wirklich kein Mensch braucht, gekauft werden würde, könnten auch von Leuten, die sich ihr Geld einteilen müssen, anständigere Preise für den Rest bezahlt werden. Leider ist dieser Zug schon lange vorerst in die entgegengesetzte Richtung abgefahren:
    Das liebe Wirtschaftswachstum hängt ja nunmehr von solchen Frasgen ab, wieviele Teenies wieviele Klingeltöne und logos für ihr handy bestellen. (Nichts gegen Teenies, es gibt auch Rentnerbeispiele)

  5. Vielleicht liegt "das" Problem ja genau da, wo dieser Artikel endet: eine "globale Bewegung für eine globale Zivilisierung des Kapitalismus" ist meiner Meinung nach geanu die Wurzel des Problems. Sollten wir nicht versuchen bei all den Hürden und Hindernissen trotzdem über unseren kapitalistischen Tellerrand hinauszuschauen anstatt ein System, das immer auf Konkurrenz und extremem, ungesunden Egoismus basiert, zu beschöningen?

    Wir sollten radikaler (im Sinne des "an die Wurzel des Problems vordringen") werden und uns trauen, was der Artikelschreiber sich nicht getraut hat: die letzte Konsequenz - sprich die Ktirik an dem kapitalistischen System und vor allem das Erspinnen von neuen Gesellschaftsmodellen - wagen. Sicher sind wir auch in diesem System nicht, weshalb also nicht andere unsichere aber spannende Pfade beschreiten?

  6. bestimmen heute die Geschaeftsgebahren der Wirtschaft.Immer weniger Angestellte die fuer weniger Geld mehr Arbeit leisten muessen machen gute Bilanzen und die Aktionaere froh.Nicht nur in Deutschland sondern ueberall in der sogenannten zivilisierten Welt und die Global Economie steigert den Stellen-Abbau - laengst haben die Wirtschaftsbosse jede soziale Verantwortung abgelegt und halten den Blick auf die 'bottom line'- dass viele Menschen laengst keine Arbeit mehr haben spielt keine Rolle.
    Dass auch der Rest der Arbeitsplaetze alle nur noch 'auf Zeit' sind ist eine traurige Wahrheit an der nichts vorbei geht.Leider spielen die Schnaeppchenjaeger diesen Leuten noch in die Hand.Ich selber kaufe weder bei Wal-Mart noch bei anderen Discountern ein ...obwohl es nicht viel ausrichtet will ich doch meinem Protest gegen diese Methoden Luft machen.Arbeit sollte jedem einen vernuenftigen Lohn geben damit er davon leben kann alles andere ist moderne Sklaverei.

  7. Soforthilfe:

    Blenden wir mal alle äußeren Faktoren, die uns in einem Kampf "gegen uns (Verbraucher) selbst" im Wege stehen aus und schauen wir was noch übrig bleibt.

    Ein jeder ist ein Individuum, der frei entscheiden kann,

    1) ob er weiterhin sein Gewissen umgeht, billig konsumiert und sich selbst "nachträgt", falsch gehandelt zu haben.

    2) oder ob er selbst tätig werden will, auf Kosten seiner Bequemlichkeit und seines Wohlstandes, jedoch verbunden mit einem höheren Selbstwert- & Solidaritätsgefühl.

    Ich denke, dass genau DA der Knackpunkt liegt.

    Wir greifen zu Billigprodukten, weil wir an unseren Mitbürger nicht glauben.
    "Warum soll ICH denn anfangen? Ich würde ja gerne, aber "die anderen" machen ja eh nicht mit."

    Nehmen wir an das wäre allgemeiner Konsens:
    Welche Schlüsse ziehen wir daraus?
    1) Der allgemeine Wille ist vorhanden.
    2) Es mangelt an gegenseitigem Vertrauen.

    Lösung?

    "Eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem 1. Schritt."
    (Lao-Tzu)

    Ich würde es noch erweitern:

    "Der erste Schritt ist der Kleinste."

    Ein Bier weniger in der Kneipe. da hat man ein Budget von sagen wir mal 2,50€.
    Was kann man allein mit 2,50€ anrichten?
    Eine ganze Menge.

    Das muss möglich sein!
    Als ein erster Schritt wäre das ausreichend. Wichtig ist: Man muss ihn machen: Für das eigene Selbstwertgefühl und für das Wohl der Menschheit.
    danach folgt ein zweiter Schritt.. ganz einfach.

    Und der erste Schritt muss auch nicht einmal etwas kosten.
    Wer jemandem über die Straße hilft, bekommt viel mehr zurück als er gegeben hat.
    Da liegt das eigentliche Potential: Der Mensch ist kreativ - schaffend in der Gemeinschaft.

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  • Von Sven Hillenkamp
  • Datum 7.6.2006 - 09:59 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT 08.06.2006 Nr. 24
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