Integration

Von den Zuwanderern lernen

Der CDU-Politiker und nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet plädiert für eine gemeinsame Leitkultur

Sind wir für oder gegen eine multikulturelle Gesellschaft? Diese Frage bewegt seit langem die Gemüter in Deutschland. Doch warum eigentlich? Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich der Erkenntniswert dieser Frage als äußerst mager – ähnlich wie bei der Überlegung, ob wir für oder gegen die Globalisierung sind. Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, sieht tagtäglich, dass viele Kulturen seit Jahrzehnten bei uns leben. Da man im Lateinischen »viele« mit »multi« übersetzt, kann man also getrost von einer multikulturellen Gesellschaft sprechen.

Was aber sichert den Zusammenhalt in einer multikulturellen Gesellschaft? Multikulturell heißt gerade nicht, dass jeder machen kann, was er will. Wenn in Deutschland etwa im Namen einer Kultur Frauenrechte missachtet werden, muss im Namen des Grundgesetzes die Einhaltung des Rechts durchgesetzt werden.

Nein, es führt kein Weg vorbei an einer gemeinsamen Leitkultur, in der wir uns auf Grundwerte verständigen, die über das Grundgesetz hinaus Identität schaffen. Das heißt nicht, dass wir über unsere Grundrechte mit Islamisten verhandeln. Das Grundgesetz ist nicht verhandelbar. Doch welche Werte bilden den Kitt unserer Gesellschaft? Wie sollte eine solche Debatte geführt werden, damit sie nicht zerfranst, sondern einen Kanon von Werten schafft, den Deutsche und Zuwanderer akzeptieren? Diese Fragen bewegen uns in Nordrhein-Westfalen in besonderer Weise, denn von rund 18 Millionen Einwohnern haben etwa vier Millionen Menschen eine Zuwanderungsgeschichte.

Um zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen, ist es ratsam, in der Debatte davon auszugehen, was in unserer multikulturellen Gesellschaft allen gemein ist und was wir anstreben müssen, damit wir uns in Zukunft behaupten können. Daher könnte die zentrale Frage etwa so lauten: Wie schaffen wir in unserer heutigen Gesellschaft Bedingungen, die unsere im Arbeitsprozess stehenden und nachwachsenden Generationen in die Lage versetzen, sich im allgemeinen Wettbewerb in einer globalisierten Welt behaupten zu können – ungeachtet der geistigen Unterschiede, die die Kulturen trennen. Gewiss, eine gemeinsame Antwort auf diese Frage zu finden ist nicht leicht. Doch es ist möglich, wenn wir uns auf einige Voraussetzungen verständigen.

Erstens: Die Würde und die Gleichwertigkeit jedes einzelnen Menschen sind unantastbar. So will es das Grundgesetz, der Geist unserer Verfassung jedoch ist keineswegs überall in Deutschland gelebte Praxis. Die Herausforderung für Deutsche und Zuwanderer liegt darin, zu lernen, den anderen in seiner Existenz und in seinen Überzeugungen anzuerkennen und zu achten – ohne dass das eigene Selbstwertgefühl und die Richtigkeit eigener Überzeugungen infrage gestellt werden. Denn Respekt und Akzeptanz des Fremden setzten die Wertschätzung des eigenen Ichs voraus. Doch haben wir Deutsche das in ausreichendem Maße? Mein Eindruck ist, dass wir uns wieder klar darüber werden müssen, dass unsere Ansprüche an eine offene Gesellschaft nur Zukunft haben werden, wenn auch die sie formenden kulturellen Überzeugungen in ihnen lebendig bleiben.

Die Muslime dagegen müssen, und das wäre mein zweiter Punkt, die in unserer Kultur gewachsene Trennung von Religion und Staat akzeptieren. Es ist sicher nicht Sache westlicher Staaten, den Islam zu reformieren, aber man kann zu Recht verlangen, jene zum Schweigen zu bringen, die Hass auf den Westen und alle Nichtmuslime schüren.

Drittens: Es muss bei uns Deutschen die Bereitschaft wachsen, auf Mitbürger aus anderen Kulturen zuzugehen sowie Interesse für ihre Sitten, Gebräuche und Freizeitgestaltung zu zeigen. Wir müssen mehr Verständnis und Anerkennung zeigen für Menschen anderer Kulturen. Diese müssen sich ihrerseits ebenfalls um Zusammenarbeit mit uns und um Integration bemühen. So sollten Zuwanderer mehr Verständnis dafür entwickeln, dass ihre Kinder bessere Bildungschancen in Deutschland haben, wenn sie frühzeitig unsere gemeinsame Sprache lernen. Sie müssen erkennen, dass Ausgrenzung unserer gemeinsamen Zukunft und der ihrer Kinder schadet.

Das harmonische Zusammenleben der Generationen, Kinderfreundlichkeit, der Respekt vor älteren Menschen und die Achtung religiöser Überzeugungen sind dagegen Werte, die fest in der Lebenswelt der Zuwanderer verankert sind – von unserer Gesellschaft aber wieder neu entdeckt werden müssen. So käme wohl kein Zuwanderer auf die Idee, dass Kinder nach ihrem 25. Lebensjahr nicht mehr für ihre Eltern verantwortlich sind – so wie es bei der Reform des Hartz-IV-Gesetzes ernsthaft diskutiert wurde.

Auch zeigen Zuwanderer großen Respekt vor den religiösen Überzeugungen anderer – ein Wert, der bei uns verloren zu gehen droht. Müssen unsere Medien eigentlich jede Geschmacklosigkeit publizieren, die die Gefühle religiöser Menschen verletzt? Warum müssen sich gläubige Christen in unserem Land jeden medialen Schlag unter die Gürtellinie gefallen lassen? Ich begrüße den Protest der deutschen Katholiken gegen die TV-Serie Popetown.

Kurzum: Vorurteile müssen auf beiden Seiten abgebaut werden. Doch dies gelingt uns nur, wenn mehr zwischenmenschliche Kontakte zwischen Muslimen, Christen und Nichtgläubigen in der Bevölkerung geknüpft werden. Deshalb muss die Debatte über gemeinsame Werte nicht zuvörderst in der Politik geführt werden – sondern in Vereinen, Verbänden und Schulen. Wir sollten schnell damit beginnen.

Armin Laschet, CDU, ist Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

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Leser-Kommentare

  1. entgegen der CDU-Prinzipien (Migranten aus populistischen Gründen zu stigmatisieren), seinen Job richtig machen zu wollen. Ob hier geheuchelt wird, und beim nächsten Wahlkampf der CDU wieder Xenophobie bedienende "Türken"hatz gemacht wird, wird sich zeigen.

    Eine Leitkulturdebatte ist nach wie vor überflüssig. Man kann darüber Reden, wie man alte Menschen, Kinder, Ehefrauen, Nachbarn ... behandelt (so dass man Gemeinschaftspflichten erfüllt), aber so zu tun, als hätte nur eine Volksgruppe Diskussionsbedarf, und nicht die ganze Gesellschaft, geht an dem Betreben, Probleme zu lösen, vorbei. Es schafft nur Probleme.

  2. Sonntagsrede! Hier versucht offenbar jemand, drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen wird postuliert, dass man als Minister in seiner Aufgabe aufgeht. Es soll nach persönlicher Überzeugung klingen, wenn Multi-Kulti beschworen wird (ganz nebenbei werden bei der Gelegenheit die eigenen altsprachliche Kompetenzen bewiesen). Dabei ist Überzeugung allein noch nie ein Garant für Erfolg gewesen. Aber darum geht es ja vermutlich auch gar nicht. Vermutlich will man auf diese Art (zweite Fliege) kompatibel sein für jene, die Anschluss suchen, ohne sich all zu sehr verbiegen zu müssen. Dieses Statement schreit förmlich: "Schwarz-Grün!" Die dritte Fliege allerdings ist dann eine, die denen, die sich zunächst gebauchpinselt fühlen, unter Umständen im Halse stecken bleiben könnte: die (bereits vor Wochen für tot erklärte) LEIT-Kulturfliege nämlich. Denn siehe: Es kann nur einen geben, der die Kulturen leitet: die CDU. Weil: die hat das Wort christlich im Titel. Und das Wort demokratisch. Und deswegen hat die CDU sie auch gepachtet, die moralisch-kulturelle Leit-Kompetenz. Oder doch nicht?

    Nun - man wird, wenn man ein wenig Geduld aufbringt, schon sehen, ob NRW demnächst als multikultureller Leuchtturm das gesamte Restdeutschland erhellen wird. Etwas mehr allerdings gehört schon noch dazu, als eine derartige Sonntagsrede. Ich wünsche ihm also von Herzen Erfolg in seiner Funktion als Minister mit Richtlinienkompetenz, dem Herrn Armin Laschet. Schau'n wir mal, wohin er seine 18 Millionen Bürger (und also auch seine 4 Millionen Migranten) leiten wird...

    • 07.06.2006 um 22:47 Uhr
    • kurtvw

    Was ist Kultur? Es dürfte allgemeiner Konsens sein, dass Kultur alles ist was über natürliche, also in der Natur ablaufende Prozesse hinausgeht.

    Nach meiner Überzeugung ist die Kultur einer Gesellschaft die gemeinsame Lebensart.
    Die gemeinsame Lebensart umfasst ALLE Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, von der gemeinsamen Sprache, die Art der Religion/en, die Prinzipien des Grundgesetzes und die Strassenverkehrsordnung und ob sich die Bürger daran halten oder nicht, das Vereinswesen, die allgemeine Wehrpflicht, usw.
    Die gemeinsame Lebensart bestimmt als Konsequenz das Wohl - oder das Nichtwohlsein - der Gemeinschaft.

    Insbesondere ist eine gute gemeinsame Lebensart die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. So haben erfolgreiche, wirtschaftliche Unternehmen eine klar definierte Unternehmenskultur, die die Maximen des Handelns für die Mitarbeiter vorgibt. Gemeinsames Handeln mit dem gleichen Ziel macht erfolgreicher!

    Daraus schliesse ich, dass jene Gesellschaften/Staaten/Unternehmen eine gute Kultur haben, in denen es den Bürgern gut geht, bzw. wo ein hohes Maß an allgemeiner Zufriedenheit vorhanden ist.

    Wenn wir eine "gute" Kultur suchen, suchen wir doch ganz einfach nach Gesellschaften, auf die das zutrifft und übernehmen deren Kultur, oder lernen zumindest davon.

    • 08.06.2006 um 1:34 Uhr
    • zorc

    Was redet Armin Laschet denn da zusammen? Da sucht er nach "Grundwerten [...], die über das Grundgesetz hinaus Identität schaffen", hängt das aber am Beispiel der Missachtung von Frauenrechten auf, die gegen die "im Namen des Grundgesetzes die Einhaltung des Rechts durchgesetzt werden" muss, und stellt fest: "Das Grundgesetz ist nicht verhandelbar." Also reicht nun das Grundgesetz, oder soll's ein bisschen mehr Wert sein?
    Und wofür sind die identitätsschaffenden Werte dann gut? Dafür, dass die Menschen in Deutschland "sich im allgemeinen Wettbewerb in einer globalisierten Welt behaupten [...] können" - beim WEttbewerb scheint die Fantasie eines modernen CDU-Politikers ihre äußerste Grenze zu finden. Und die gegenseitige Verantwortung von Kindern und Eltern füreinander interessiert ihn nur im Zusammenhang von Hartz IV - auch der Familienzusammenhalt dient offenbar in erster Linie dem Standort Deutschland.
    Ähnlich dient ihm der "große Respekt vor den religiösen Überzeugungen anderer", den er bei den Zuwanderern entdeckt (an sich schon eine alberne Verallgemeinerung), nur zu einer Spitze gegen die säkulare Moderne, die es wagt, sich über Religion lstig zu machen. Da ist der Christdemokrat auf einmal ganz eins mit dem Moslem von nebenan, gegen dessen Missachtung von Frauenrechten er zuvor noch nach dem Grundgestz rief. Meinungsfreiheit scheint in selbigem offenbar nicht so wichtig zu sein.
    Fazit: Vollgeschwätz. Und extra unangenehm ist es, weil es sich ein so aufgeklärtes Verständigungsmäntelchen umhängt, unter dem es dann aber doch nur um kleinkarierte Sticheleien geht.

  3. Das Grundgesetz, gern gelobt, oft gefeiert, zeigt über seine Grundrechte, daß es selbst nicht einfach nur "multi" Grundrechte kennt, sondern dazu in der Lage ist, auch Grundrechte bzgl. der Grundrechtsträgerschaft zu differenzieren. Da ist die Rede von "Jeder", "Menschen", "Deutschen". Ein gutes Modell für die Strukturierung auch von Kultur.
    Wie die Bezeichnung "Deutschland" bereits anzeigt, gibt es offensichtlich ein Land, das das "deutsche Land" und damit der "Deutschen Land" ist. Es bedarf m.E. keiner geistigen Verrenkungen um daraus zu schließen, daß an diesem Ort alles, was als "Deutsche Kultur" gelten könnte, zuallererst beheimatet sein muß. Das heißt nicht, daß in Deutschland kein Platz wäre für andere Kulturen, allerdings nur solange und insoweit diese anderen Kulturen nicht im Gegensatz zur "deutschen Kultur" ('ist mir klar, daß sich gute Gründe dafür finden lassen, Kultur nicht durch Nationalität näher zu bestimmen, aber diese Probleme sollen andere diskutieren- wo ausreichend Raum für solcherlei zur Verfügung steht).

    Und genau gegen dieses "Gerne mehr, aber nur, wenn es sich mit uns verträgt" steht "Multikulti", da es die allgemeine Gleichwertigkeit von Kulturen (die ich nicht bestreite) herunterbricht auf Landstriche, die Nation sind und damit neben Staatsgebiet, Staatsrecht und Staatsvolk auch eine gewisse "Staatskultur" mit sich bringen, die ex ante bestimmen, daß eben nicht jede mögliche Kultur gleichberechtigt mit dieser "ersten Kultur am Ort" "funktionieren" kann.

    • 08.06.2006 um 11:08 Uhr
    • Junius
  4. ..also das Wirkliche, das ich bisher von Ausländern in der Regel lernen konnte, war, wie man sich über Jahrzehnte Wohltaten erschleicht, um dann irgendwann als "Altfall" zu gelten: Pass wegewerfen, untertauchen, Drogenhandel, "Traumata" vorspielen,jedes Jahr ein Kind in die Welt setzen,dubioser Familiennachzug, Scheinheirat usw.
    Natürlich gibt es auch Ausländer, von denen man sich eine Scheibe abschneiden kann. Aber wenn man denen mal zuhört, wie sich der Staat gegenüber gewissen Ausländern verhalten sollte, dann würde dies sofort unter die Rubrik: "Strammster Rechtsradikalismus" fallen.

  5. das die Unbelehrbaren von Ausländern nichts zu lernen vermögen, und hier das auch noch schamlos bekunden. Soviel Stolz für die eigene Unbelehrbarkeit zeigt allzu deutlich die zwanghafte Selbstüberschätzung.

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  • Von Laschet
  • Datum 7.6.2006 - 05:19 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT 08.06.2006 Nr.24
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