Zweiter Weltkrieg Am Leben blieb niemand

Landser im Machtrausch: Der deutsche Vernichtungskrieg begann schon 1939 in Polen

Die Männer des sächsischen Infanterieregiments 101 aus Leisnig hatten in Solec an der Weichsel Quartier bezogen und zunächst routinegemäß etwa dreißig jüdische Bürger als Geiseln in einen Keller neben der Kirche gesperrt. Kampfhandlungen fanden in oder um Solec nicht mehr statt - es verbreitete sich aber am Abend das Gerücht, den polnischen Truppen auf der anderen Flussseite seien vom Kirchturm aus Lichtzeichen gegeben worden. Dafür sollten nun die Geiseln büßen. Als man den Keller aufmachte, versuchten die Juden zu fliehen, daraufhin wurden sie mit Handgranaten zurückgetrieben, vermerkte der Regimentsarzt in seinem privaten Tagebuch. Ein rauhes Zupacken! Aber es mußte Ruhe werden, so oder so. Der dortige Führer ließ den Keller vermauern, vorher dickes Feuer machen

Der Tagebucheintrag ist auf den 12. September 1939 datiert, und die Verbrennung der Juden von Solec bei lebendigem Leibe ist kein Einzelfall. Was in Polen jedes Schulkind weiß, ist dennoch westlich der Neiße weitgehend unbekannt: In den ersten Wochen des Zweiten Weltkrieges ermordeten die Soldaten der Wehrmacht auf polnischem Boden Tausende Zivilisten und Kriegsgefangene.

Die Forschung hat den Beginn des deutschen Vernichtungskrieges bisher mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 gleichgesetzt, als die verbrecherischen Befehle ausgegeben wurden, nach denen Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung nicht mehr zu verfolgen und politische Kommissare der Roten Armee sofort zu erschießen waren (Kommissarbefehl). Im Schulterschluss mit den berüchtigten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei führte die Wehrmacht dort schon in den ersten Monaten Massenexekutionen von Zivilisten und Kriegsgefangenen durch.

In vielen Dörfern und Städtchen laufen die deutschen Soldaten Amok

Von diesen Verbrechen während des Unternehmens Barbarossa sind in den vergangenen Jahren viele aufgedeckt worden. Der Krieg in Polen vom 1. September bis zum 6. Oktober 1939 indes hat bei westlichen Historikern kaum Beachtung gefunden. Dabei hegte Deutschlands militärische Elite gegen Polen nicht weniger Ressentiments als gegen die Sowjetunion. Beim polnischen Heer, so fasste Generalstabschef Franz Halder im April 1939 vor versammelten Generälen und Generalstabsoffizieren in seinen Taktische[n] und strategische[n] Erwägungen zum kommenden Krieg gegen Polen seine ganze Verachtung zusammen, handele es sich nur um große Haufen notdürftig ausgebildeter Mannschaften, die im Kriege gegen das deutsche Reichsheer gar keine Chancen haben. Hier sprechen auch Fragen der Allgemeinbildung mit der polnische Soldat ist wohl der dümmste in Europa.

Dieses Ressentiment speiste sich nicht nur aus der Verbitterung über die Niederlage im Ersten Weltkrieg und den Verlust preußisch-deutschen Territoriums an das wiedererstandene Polen. Es war vielmehr das Resultat älterer Vorurteile, die durch die NS-Propaganda noch verstärkt wurden. Der Slawe galt wie der Jude als rassisch minderwertig, als Untermensch. Zudem sollte das Land im Osten Lebensraum für das deutsche Volk werden.

Es nimmt daher nicht wunder, dass Adolf Hitlers berüchtigte Ansprache vor den Oberbefehlshabern und Armeeführern des Ostheeres auf dem Obersalzberg Ende August 1939 auf keinerlei Einwände stieß. Herz verschließen gegen Mitleid. Brutales Vorgehen, notiert das Protokoll die Worte des Führers, 80 Mill.[ionen] Menschen müssen ihr Recht bekommen. Ihre Existenz muss gesichert werden. Der Stärkere hat das Recht. Größte Härte.

Das musste der Wehrmacht nicht erst befohlen werden. In den Augen ihres Oberkommandos (OKW) existierte im Sommer 1939 in Polen nicht nur eine Judenfrage (die allerdings noch nicht zu lösen sei, da das Kapital sich völlig in jüdischen Händen befinde), sondern auch ein besonderes Polenproblem. Der polnische Mensch sei willkürlich und rücksichtslos gegen andere, von Grausamkeiten, Brutalität, Hinterlist und Lüge sowie Hassgefühlen und blindem Fanatismus geprägt. So jedenfalls steht es im Merkblatt Geheim! Polen Staatsgebiet und Bevölkerung, herausgegeben vom OKW.

Leser-Kommentare
  1. Danke, dass dies thematisiert wird. Wie Sie richtig schreiben: was jedes Kind in Polen weiss... Wir sind mit dieser Geschickte aufgewachsen und es vergeht kaum ein Tag, wo nicht an irgendein Massaker gedacht wird. Das erklärt die Verbitterung in Polen über viele Äußerungen und Taten der deutschen Politiker (Vertriebenendiskussion, Schröders Ostsee-Deal etc). Die Polen hatten nach dem Krieg kein Lobby (wie etwa die Juden) und es ging in Nachkriegsdeutschland (und Österreich) einfach unter, dass Deutsche und Österreicher in Polen 6 Millionen Zivilisten (3 Millionen Katholiken, 3 Millionen Juden) ermordet haben. Das war auch bequem, man musste sich mit einem grossen Teil des Verbrechens nicht auseinander setzen, man verfolgte die Täter kaum und kaum jemand regte sich darüber auf (s. die Karriere des Danziger Gerichtspräsidenten, der die poln. Westerplatte Soldaten erschiessen liess). Die ganze Debatte (wie etwa über den Holocaust) musste einfach nicht geführt werden. Auch nach der Wende wollte man davon nichts mehr hören und wenn man nun in Deutschland versucht, die Geschichte umzudrehen (Vertriebenenmuseum), wundert man sich über die heftigen Reaktionen aus Polen. Als ich Freunde aus Österreich durch Warschau führte, waren sie schockiert, als sie am jeden Strasseneck die Erinnerungstafeln an Hunderte Erschossene lasen, denn sie wussten einfach nichts davon. Gerade deshalb können sich deutsche Comedians unbestraft rasistische Polen-Witze erlauben, die sie sich bei Juden nie getraut hätten. Eine Aussöhnung wie mit Frankreich wird es nicht geben, wenn Polen in deutschen Medien, wie bisher bestenfalls im Wetterbericht vorkommt, oder alte Klischees vervielfältigt werden statt einer echten und offenen Diskussion. Ich möchte einige löbliche Ausnahmen herausnehmen, aber es geht mir um die Dimenssionen.
    Marcin Pietraszkiewicz, Wien

    • Auer
    • 05.04.2009 um 12:07 Uhr

    "Erstaunlich" wenig Kommentare dazu...

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    • Colón
    • 01.09.2009 um 10:30 Uhr

    da schreiben noch jene, die die Geschichte des Weltkrieges umdeuten wollen zu einer gewöhnlichen Krieg und Frieden- Story im gewalttätigen 20.Jahrhundert. Da gibt es tatsächlich wieder Leute, die glauben, die Kriege gegen Polen und gegen die Sowjetunion seien nicht aus weltanschaulichen Gründen geschehen und hätten keinen Vernichtungscharakter gehabt, sondern seien nur eine der damals üblichen Revisionen des Versailler Vertrages gewesen.

    Aber, das kann auch Marcin Pietraszkiewicz wissen, diese Minderheit mag lautstark und schreibfreudig sein, sie ist aber nicht repräsentativ für die Mehrheitsmeinung. Gerade weil die Mehrheit anders denkt, konnte ja so etwas wie die Wehrmachts-Geschichtsforschung, die den Nimbus der an Verbrechen unbeteiligten Soldaten auflöste, zur allgemeinen Lehre und zum allgemeinen Wissen werden.

    Auch in Polen gibt es lautstarke und schreibfreudige Minderheiten, die immer noch wenig zur Vertreibung der Deutschen wissen wollen und das dort an diesen geschehene Unrecht nicht anerkennen. Dass die Vertreibung eine Folge der deutschen Kriegshandlung und des deutschen Verhaltens im besetzten Polen war, das hat ja damit nichts zu tun, ob man in Gemeinsamkeit nun dazu die wahrhaftige und aufrichtige Geschichte schreibt. Mittlerweile dürfte sogar bei einem Großteil der Nachkommen und Überlebenden der Vertreibungen die Einsicht gewachsen sein, dass Hass, der Glaube an eine kulturelle oder gar eine biologische Überlegenheit, das Denken in Nationalitäten ein damals endemisches Grundübel unter Deutschen war und letztlich zu der Geschichte des zweiten Weltkrieges wesentlich beitrug, weil mit diesem "Gebräu" die Nazis ihre Gefolgschaft und dann das ganze Volk in den Weltanschauungskrieg trieben.

    Kein Schüler in Deutschland lernt noch, die Wehrmacht habe am 1.Septermber 1939 die Grenze zu Polen überschritten, weil es hauptsächlich um die Beseitigung der Übereinkünfte des Versailler Vertrages gegangen sei. - Diese Propaganda wird nicht mehr gelehrt und mehrheitlich schon lange nicht mehr geglaubt.

    In Polen dürfte sich ja auch einiges in den Geschichtsbüchern geändert haben und diese beiden Länder, EU- Mitglieder, sind heute füreinander vielleicht die wichtigsten Partner. Jedenfalls leuchtet mir ein, was Helmut Schmidt, ein Herausgeber der ZEIT dazu zu sagen weiß. In Europa geht es zum Wohle Aller vorran, wenn Deutschland mit Polen und Frankreich, seinen größten Nachbarn, eine gute und gegenseitig erfüllte Partnerschaft pflegt.

    Grüße

    Christoph Leusch

    • Colón
    • 01.09.2009 um 10:30 Uhr

    da schreiben noch jene, die die Geschichte des Weltkrieges umdeuten wollen zu einer gewöhnlichen Krieg und Frieden- Story im gewalttätigen 20.Jahrhundert. Da gibt es tatsächlich wieder Leute, die glauben, die Kriege gegen Polen und gegen die Sowjetunion seien nicht aus weltanschaulichen Gründen geschehen und hätten keinen Vernichtungscharakter gehabt, sondern seien nur eine der damals üblichen Revisionen des Versailler Vertrages gewesen.

    Aber, das kann auch Marcin Pietraszkiewicz wissen, diese Minderheit mag lautstark und schreibfreudig sein, sie ist aber nicht repräsentativ für die Mehrheitsmeinung. Gerade weil die Mehrheit anders denkt, konnte ja so etwas wie die Wehrmachts-Geschichtsforschung, die den Nimbus der an Verbrechen unbeteiligten Soldaten auflöste, zur allgemeinen Lehre und zum allgemeinen Wissen werden.

    Auch in Polen gibt es lautstarke und schreibfreudige Minderheiten, die immer noch wenig zur Vertreibung der Deutschen wissen wollen und das dort an diesen geschehene Unrecht nicht anerkennen. Dass die Vertreibung eine Folge der deutschen Kriegshandlung und des deutschen Verhaltens im besetzten Polen war, das hat ja damit nichts zu tun, ob man in Gemeinsamkeit nun dazu die wahrhaftige und aufrichtige Geschichte schreibt. Mittlerweile dürfte sogar bei einem Großteil der Nachkommen und Überlebenden der Vertreibungen die Einsicht gewachsen sein, dass Hass, der Glaube an eine kulturelle oder gar eine biologische Überlegenheit, das Denken in Nationalitäten ein damals endemisches Grundübel unter Deutschen war und letztlich zu der Geschichte des zweiten Weltkrieges wesentlich beitrug, weil mit diesem "Gebräu" die Nazis ihre Gefolgschaft und dann das ganze Volk in den Weltanschauungskrieg trieben.

    Kein Schüler in Deutschland lernt noch, die Wehrmacht habe am 1.Septermber 1939 die Grenze zu Polen überschritten, weil es hauptsächlich um die Beseitigung der Übereinkünfte des Versailler Vertrages gegangen sei. - Diese Propaganda wird nicht mehr gelehrt und mehrheitlich schon lange nicht mehr geglaubt.

    In Polen dürfte sich ja auch einiges in den Geschichtsbüchern geändert haben und diese beiden Länder, EU- Mitglieder, sind heute füreinander vielleicht die wichtigsten Partner. Jedenfalls leuchtet mir ein, was Helmut Schmidt, ein Herausgeber der ZEIT dazu zu sagen weiß. In Europa geht es zum Wohle Aller vorran, wenn Deutschland mit Polen und Frankreich, seinen größten Nachbarn, eine gute und gegenseitig erfüllte Partnerschaft pflegt.

    Grüße

    Christoph Leusch

    • Colón
    • 01.09.2009 um 10:30 Uhr

    da schreiben noch jene, die die Geschichte des Weltkrieges umdeuten wollen zu einer gewöhnlichen Krieg und Frieden- Story im gewalttätigen 20.Jahrhundert. Da gibt es tatsächlich wieder Leute, die glauben, die Kriege gegen Polen und gegen die Sowjetunion seien nicht aus weltanschaulichen Gründen geschehen und hätten keinen Vernichtungscharakter gehabt, sondern seien nur eine der damals üblichen Revisionen des Versailler Vertrages gewesen.

    Aber, das kann auch Marcin Pietraszkiewicz wissen, diese Minderheit mag lautstark und schreibfreudig sein, sie ist aber nicht repräsentativ für die Mehrheitsmeinung. Gerade weil die Mehrheit anders denkt, konnte ja so etwas wie die Wehrmachts-Geschichtsforschung, die den Nimbus der an Verbrechen unbeteiligten Soldaten auflöste, zur allgemeinen Lehre und zum allgemeinen Wissen werden.

    Auch in Polen gibt es lautstarke und schreibfreudige Minderheiten, die immer noch wenig zur Vertreibung der Deutschen wissen wollen und das dort an diesen geschehene Unrecht nicht anerkennen. Dass die Vertreibung eine Folge der deutschen Kriegshandlung und des deutschen Verhaltens im besetzten Polen war, das hat ja damit nichts zu tun, ob man in Gemeinsamkeit nun dazu die wahrhaftige und aufrichtige Geschichte schreibt. Mittlerweile dürfte sogar bei einem Großteil der Nachkommen und Überlebenden der Vertreibungen die Einsicht gewachsen sein, dass Hass, der Glaube an eine kulturelle oder gar eine biologische Überlegenheit, das Denken in Nationalitäten ein damals endemisches Grundübel unter Deutschen war und letztlich zu der Geschichte des zweiten Weltkrieges wesentlich beitrug, weil mit diesem "Gebräu" die Nazis ihre Gefolgschaft und dann das ganze Volk in den Weltanschauungskrieg trieben.

    Kein Schüler in Deutschland lernt noch, die Wehrmacht habe am 1.Septermber 1939 die Grenze zu Polen überschritten, weil es hauptsächlich um die Beseitigung der Übereinkünfte des Versailler Vertrages gegangen sei. - Diese Propaganda wird nicht mehr gelehrt und mehrheitlich schon lange nicht mehr geglaubt.

    In Polen dürfte sich ja auch einiges in den Geschichtsbüchern geändert haben und diese beiden Länder, EU- Mitglieder, sind heute füreinander vielleicht die wichtigsten Partner. Jedenfalls leuchtet mir ein, was Helmut Schmidt, ein Herausgeber der ZEIT dazu zu sagen weiß. In Europa geht es zum Wohle Aller vorran, wenn Deutschland mit Polen und Frankreich, seinen größten Nachbarn, eine gute und gegenseitig erfüllte Partnerschaft pflegt.

    Grüße

    Christoph Leusch

    Antwort auf ""Erstaunlich" wenig"

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