Zweiter Weltkrieg Am Leben blieb niemand

Landser im Machtrausch: Der deutsche Vernichtungskrieg begann schon 1939 in Polen

Die Männer des sächsischen Infanterieregiments 101 aus Leisnig hatten in Solec an der Weichsel Quartier bezogen und zunächst routinegemäß etwa dreißig jüdische Bürger als Geiseln in einen Keller neben der Kirche gesperrt. Kampfhandlungen fanden in oder um Solec nicht mehr statt - es verbreitete sich aber am Abend das Gerücht, den polnischen Truppen auf der anderen Flussseite seien vom Kirchturm aus Lichtzeichen gegeben worden. Dafür sollten nun die Geiseln büßen. Als man den Keller aufmachte, versuchten die Juden zu fliehen, daraufhin wurden sie mit Handgranaten zurückgetrieben, vermerkte der Regimentsarzt in seinem privaten Tagebuch. Ein rauhes Zupacken! Aber es mußte Ruhe werden, so oder so. Der dortige Führer ließ den Keller vermauern, vorher dickes Feuer machen

Der Tagebucheintrag ist auf den 12. September 1939 datiert, und die Verbrennung der Juden von Solec bei lebendigem Leibe ist kein Einzelfall. Was in Polen jedes Schulkind weiß, ist dennoch westlich der Neiße weitgehend unbekannt: In den ersten Wochen des Zweiten Weltkrieges ermordeten die Soldaten der Wehrmacht auf polnischem Boden Tausende Zivilisten und Kriegsgefangene.

Die Forschung hat den Beginn des deutschen Vernichtungskrieges bisher mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 gleichgesetzt, als die verbrecherischen Befehle ausgegeben wurden, nach denen Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung nicht mehr zu verfolgen und politische Kommissare der Roten Armee sofort zu erschießen waren (Kommissarbefehl). Im Schulterschluss mit den berüchtigten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei führte die Wehrmacht dort schon in den ersten Monaten Massenexekutionen von Zivilisten und Kriegsgefangenen durch.

In vielen Dörfern und Städtchen laufen die deutschen Soldaten Amok

Von diesen Verbrechen während des Unternehmens Barbarossa sind in den vergangenen Jahren viele aufgedeckt worden. Der Krieg in Polen vom 1. September bis zum 6. Oktober 1939 indes hat bei westlichen Historikern kaum Beachtung gefunden. Dabei hegte Deutschlands militärische Elite gegen Polen nicht weniger Ressentiments als gegen die Sowjetunion. Beim polnischen Heer, so fasste Generalstabschef Franz Halder im April 1939 vor versammelten Generälen und Generalstabsoffizieren in seinen Taktische[n] und strategische[n] Erwägungen zum kommenden Krieg gegen Polen seine ganze Verachtung zusammen, handele es sich nur um große Haufen notdürftig ausgebildeter Mannschaften, die im Kriege gegen das deutsche Reichsheer gar keine Chancen haben. Hier sprechen auch Fragen der Allgemeinbildung mit der polnische Soldat ist wohl der dümmste in Europa.

Dieses Ressentiment speiste sich nicht nur aus der Verbitterung über die Niederlage im Ersten Weltkrieg und den Verlust preußisch-deutschen Territoriums an das wiedererstandene Polen. Es war vielmehr das Resultat älterer Vorurteile, die durch die NS-Propaganda noch verstärkt wurden. Der Slawe galt wie der Jude als rassisch minderwertig, als Untermensch. Zudem sollte das Land im Osten Lebensraum für das deutsche Volk werden.

Es nimmt daher nicht wunder, dass Adolf Hitlers berüchtigte Ansprache vor den Oberbefehlshabern und Armeeführern des Ostheeres auf dem Obersalzberg Ende August 1939 auf keinerlei Einwände stieß. Herz verschließen gegen Mitleid. Brutales Vorgehen, notiert das Protokoll die Worte des Führers, 80 Mill.[ionen] Menschen müssen ihr Recht bekommen. Ihre Existenz muss gesichert werden. Der Stärkere hat das Recht. Größte Härte.

Das musste der Wehrmacht nicht erst befohlen werden. In den Augen ihres Oberkommandos (OKW) existierte im Sommer 1939 in Polen nicht nur eine Judenfrage (die allerdings noch nicht zu lösen sei, da das Kapital sich völlig in jüdischen Händen befinde), sondern auch ein besonderes Polenproblem. Der polnische Mensch sei willkürlich und rücksichtslos gegen andere, von Grausamkeiten, Brutalität, Hinterlist und Lüge sowie Hassgefühlen und blindem Fanatismus geprägt. So jedenfalls steht es im Merkblatt Geheim! Polen Staatsgebiet und Bevölkerung, herausgegeben vom OKW.

Solcherart Warnungen schlugen sich in gnadenlosen Direktiven nieder, die auf allen hierarchischen Ebenen erlassen wurden und so jeden Soldaten des Ostheeres erreichten. Dem hinterhältigen Charakter des Slawen ent[spre]chend wird der Pole versuchen, dem Feind durch [] Sabotageakte Abbruch zu tun. Träger des Franktireurkrieges [Partisanenkampfes] werden in vielen [Fällen] die Geistlichen sein, die als fanatische Deut[schen]hasser bekannt sind. [] Auch von Seiten der wei[teren] Bevölkerung muss hetzerische Tätigkeit erwart[et werden]. Behandlung der Bevölkerung streng [], gegebenenfalls rücksichtsloses Durchgreifen, vermerkte man etwa am 26. August 1939 bei der 208. Infanteriedivision.

Im deutschen Ostheer herrschte in jenen Tagen eine nervenzerreißende Spannung. Die offen antipolnische Haltung der vorgesetzten Stellen, die scharfmacherischen Direktiven, verbunden mit althergebrachten Vorurteilen, taten ein Übriges: Die deutschen Soldaten begannen unmittelbar nach Überschreiten der Grenze, in jedem Zivilisten einen heimtückischen Gegner zu sehen, und es wuchs ihre Bereitschaft zur Anwendung hemmungsloser Gewalt.

Im Kriegstagebuch des Infanterieregiments 41 hielt man bereits am Morgen des 1. September fest: Der Widerstand [] wird am raschesten durch rücksichtsloses Vorgehen und brutales Niederknüppeln der sich am Kampf beteiligenden Landeseinwohner gebrochen. Nachdem es in der Nacht vom 1. auf den 2. September in der kleinen Ortschaft Torzeniec zu einer nächtlichen Schießerei gekommen war, deren Ursache im Dunkeln blieb, ließ der Regimentskommandeur sämtliche männlichen Einwohner zum Tode verurteilen und das Urteil sofort an jedem zweiten Mann vollstrecken.

Direkt nach ihrem Abzug aus Torzeniec legte die Einheit die Nachbarortschaft Wglewice in Schutt und Asche. Ein Regimentsangehöriger notierte zu einer weiteren Säuberungsaktion in der Umgebung von Pudwiny am 13. September: Überall werden polnische Zivilisten und Soldaten herausgezogen. Als die Aktion beendet ist, brennt das ganze Dorf. Am Leben blieb niemand, haben auch alle Hunde erschossen. F. braucht für einen Mann sechs Schuss Pistolenmunition.

Die Partisanengefahr, der sich die Deutschen allerorten ausgesetzt fühlten, existierte allerdings nur in ihrer Fantasie. Sie erwuchs aus einer Psychose, die sich der Soldaten bemächtigt hatte, wie man bei der 10. Infanteriedivision bereits am 2. September feststellte.

Eine Partisanenbewegung hat es in Polen in jenen Tagen nachweislich nicht gegeben. Vielerorts kam es in den ersten Tagen des Überfalls vielmehr zu unkontrollierten Schusswechseln. Nach Abklingen der Kampfhandlungen resümierte man etwa bei der 30. Infanteriedivision, dass die meisten Zwischenfälle in ihrem Einsatzgebiet auf eigenes Feuer zurückzuführen gewesen seien, ob Landeseinwohner geschossen hatten, konnte nirgends mit Sicherheit festgestellt werden.

In Tschenstochau waren im Verlauf einer Schießerei mit ungeklärter Ursache am 4. September, einen Tag nach dem Einmarsch des Infanterieregiments 42, acht deutsche Soldaten gefallen. Dafür übte die Wehrmacht an über 200 Zivilisten Männer, Frauen und Kinder Vergeltung. So wie in Torzeniec und Tschenstochau liefen deutsche Soldaten 1939 in Hunderten polnischen Dörfern und Städtchen Amok.

Die Massaker wurden dabei bisweilen durch Anordnungen von oben flankiert. Es war Befehl gegeben worden, dass sich alle Zivilisten auf die Straße mit dem Gesicht nach unten zu legen hatten, erinnerte sich Fritz S., ehemaliger Angehöriger des Infanterieregiments 42, im Jahr 1985 bei einer polizeilichen Untersuchung zu den Vorgängen in Tschenstochau. Außerdem hatten wir Befehl, auf alles, was sich bewegt, zu schießen. Dieser Befehl ist durchgesagt worden.

Der Befehlshaber der Heeresgruppe Nord, General Fedor von Bock, verfügte am 10. September 1939: Wird hinter der Front aus einem Haus geschossen, so wird das Haus niedergebrannt. [] Wird aus einem Dorf hinter der Front geschossen und ist das Haus, aus dem das Feuer kam, nicht festzustellen, so wird das ganze Dorf niedergebrannt, sofern es zur Unterbringung der Truppe nicht gebraucht wird. Am selben Tag berichtete ein Soldat der 2. motorisierten Infanteriedivision in die Heimat: Der reguläre Kampf mit der polnischen Armee ist ja bald vorbei, aber der Krieg gegen die Banden, der nicht weniger blutig und vor allen Dingen abscheulich ist, weil es hier oft Frauen und Kinder trifft, kann noch etwas dauern.

Doch nicht nur Zivilisten, auch gefangene polnische Soldaten wurden von den Deutschen kurzerhand zu Partisanen gemacht. So ließ der Kommandeur des 15.Regiments der 29. motorisierten Infanteriedivision am 8. September 1939 in einem Wald bei dem Städtchen Ciepielów südlich von Warschau gefangene Soldaten erschießen, weil sie seiner Meinung nach nicht ehrlich gekämpft hatten. Er stellt fest, dass es sich um Partisanen handelt, obwohl jeder der 300 gefangenen Polen eine Uniform trägt. Sie müssen die Röcke ausziehen. So, nun sieht das schon eher nach Partisanen aus. [] Fünf Minuten später höre ich ein Dutzend deutsche Maschinenpistolen bellen. Ich eile in die Richtung, sehe [] die 300 polnischen Gefangenen erschossen im Straßengraben liegen, notierte ein deutscher Soldat damals in seinem Kriegstagebuch.

In einem Lager bei Serock eröffnete man in der Nacht vom 4. auf den 5. September wahllos das Feuer auf eine Gruppe Kriegsgefangener. Am nächsten Morgen wurden die Leichen von von fast hundert Erschossenen geborgen und in einem Massengrab beigesetzt.

Vergewaltigungen werden allenfalls als Rassenschande geahndet

Ciepielów und Serock sind beileibe keine Einzelfälle. Den Ermittlungen der ehemaligen polnischen Hauptkommission zur Untersuchung der NS-Verbrechen in Polen zufolge fielen im September 1939 landesweit Tausende Kriegsgefangene solchen Morden zum Opfer. Auch hier förderte die Wehrmachtführung das blutige Treiben mit entsprechenden Direktiven. In seiner Verordnung über den Waffenbesitz vom 12.

September 1939 erklärte der damalige Oberst im Generalstab und spätere Generalquartiermeister Eduard Wagner alle sich noch westlich der deutschen Frontlinie befindlichen bewaffneten polnischen Soldaten kurzerhand zu Partisanen. Damit standen große Teile des polnischen Heeres, die aufgrund der Wucht des deutschen Vorstoßes automatisch im Hinterland der Wehrmacht verblieben waren und den Kampf dort wohlgemerkt in Übereinstimmung mit geltendem Kriegsrecht weiter fortführten, im Falle ihrer Gefangennahme mit einem Schlag nicht mehr unter dem Schutz der Zweiten Genfer Konvention von 1929, die sowohl von Deutschland als auch von Polen unterzeichnet worden war. Nicht in ihrer Zielrichtung, aber sehr wohl in ihrer Auswirkung auf das Verhalten der deutschen Soldaten kann diese Verordnung durchaus als Vorgängerin des Kommissarbefehls angesehen werden.

Unnötig zu sagen, dass zu den Opfern der ersten Wochen viele jüdische Polen gehörten. Der Hass auf sie entsprang ganz offenbar einem virulenten Antisemitismus auf allen Ebenen der militärischen Hierarchie. Die von einfachen Soldaten überlieferten Schilderungen sprechen hier Bände. Von widerlichen Judengestalten ist dort allerorten die Rede, von Saujuden, mit Kaftan und Paikeles, so wie man es nicht mal im Stürmer zu sehen bekommt. In Raci, wo die jüdische Bevölkerung bei der Besetzung der Stadt am 10. September in die Wohnungen floh, kommentierte der Kriegstagebuchschreiber des Nachrichtenzuges vom Infanterieregiment 94: Wie die Affen weicht das Judenpack aus und klettert an seinen käfigartigen Behausungen hoch.

Die Lektüre solcher und ähnlicher Passagen ist selbst heute mit dem Abstand von über sechzig Jahren und der professionellen Distanz des Historikers nur schwer zu ertragen. Die Aggression, die aus ihnen spricht, entlud sich im Herbst 1939 überall gegen die Juden. Sie wurden von deutschen Soldaten gedemütigt, beraubt, misshandelt, vergewaltigt, ermordet.

Die Vorgesetzten ließen dem grausigen Treiben zunächst seinen Lauf, was dazu führte, dass mancher Landser in einen regelrechten Machtrausch verfiel. Davon berichtet in seinen Memoiren auch der Frankfurter Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der in Warschau den Einmarsch der Wehrmacht erlebt hat: Diese Soldaten, die immer wieder Wohnungen von Juden überfielen, wollten sich bereichern. Doch sollte man ein ganz anderes Motiv nicht unterschätzen: Sie taten etwas, was ihnen augenscheinlich Freude bereitete. Zu dieser Vergnügungssucht kam oft jene Neigung zum Sadismus hinzu, die sie in der Heimat verbergen mussten und die sie im feindlichen Polen, davon waren unzählige Deutsche in Uniform überzeugt, nicht zu unterdrücken brauchten: Hier hatten sie auf nichts und niemand Rücksicht zu nehmen, hier unterlagen sie keiner Aufsicht und keiner Kontrolle.

In den seltenen Fällen, in denen Kriegsgerichtsverfahren wegen antisemitischer Ausschreitungen eingeleitet wurden, sprachen die Urteile für sich: Im Falle der Vergewaltigung einer jüdischen Frau durch drei Wehrmachtsoldaten vor den Augen ihrer Familie interessierte das Kriegsgericht allein die Frage, ob der Geschlechtsakt tatsächlich vollzogen worden war und somit ein Verstoß gegen die Nürnberger Rassegesetze vorlag. Ein Leutnant der Reserve, der unprovoziert auf eine Gruppe Juden geschossen und dadurch ein Massaker ausgelöst hatte, das 22 von ihnen das Leben kostete, kam mit einem Jahr Gefängnis davon. Ein SS-Mann und ein Gendarm der Feldpolizei, die mit Maschinengewehren in einer Synagoge an die 50jüdische Menschen ermordet hatten, erhielten je drei Jahre. Die Rechtsauffassung deutscher Kriegsgerichte widersprach bereits im September 1939 so sehr internationalen Normen, dass es einer faktischen Aussetzung der Strafverfolgung von Übergriffen deutscher Soldaten wie sie eineinhalb Jahre später durch den Gerichtsbarkeitserlass vorbereitet wurde nicht bedurfte.

Unterdessen begannen die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei mit ihren systematischen Massakern, Auftakt des Holocaust. Die Wehrmacht zeigte sich kooperationsbereit. Schon im Sommer 1939 war mit der Berliner Polizeizentrale die Verwendung der Einsatzgruppen auf dem polnischen Kriegsschauplatz vereinbart worden, deren eigentlicher Auftrag die Verfolgung und Ermordung von reichs- und deutschfeindlichen Elementen den führenden Militärs entgegen ihren späteren Beteuerungen vor dem Nürnberger Gericht zumindest in Grundzügen bekannt war. Der deutschen Truppe, die entlang ihres Vormarschstreifens wahllos christliche wie jüdische Polen tötete, folgten nun dichtauf diese polizeilichen Mordkommandos. Die Wehrmachtführung sah hierbei freundlich zu und lobte bisweilen sogar die gute Zusammenarbeit.

Jagdbomber nehmen Flüchtlingstrecks unter Beschuss

In Südostpolen verübte die Einsatzgruppe von Woyrsch am 18. September 1939 die größte Massenerschießung des Polenkrieges, der über 600 jüdische Menschen zum Opfer fielen. Der Oberbefehlshaber der 14. Armee, Generaloberst Wilhelm List, erklärte damals dennoch wider besseres Wissen, daß die in enger Zusammenarbeit mit den Armeekorps arbeitenden Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei an [] etwaigen Übergriffen völlig unbeteiligt gewesen seien. Ihr Auftrag habe ausschließlich in der Säuberung des besetzten Gebietes von Banden, Freischärlern und Plünderern bestanden.

Tatsächlich hatte die Wehrmachtführung selbst bereits am 12. September die Vertreibung der polnischen Juden über die Flüsse Narew, Weichsel und San angeordnet, die durch den Terror der Einsatzgruppen in Südpolen wesentlich befördert wurde. Ein Angehöriger des Einsatzkommandos Hasselberg berichtete im Dezember 1939: [Ende September 1939] bekam ich erneut ein Kommando, die Sansicherung von Jaroslau [Jarosaw] bis Sandomierz. Diese Strecke habe ich dann judenfrei gemacht und etwa 18.000 Juden über den San abgeschoben. Das Gebiet war vor allem mit der Wehrmacht gesäubert worden.

Dem Schrecken, den die Bodentruppen bei ihrem Einmarsch verbreiteten, entsprach der Terror aus der Luft. Auch die Verbände der Luftwaffe unterschieden ganz bewusst nicht zwischen militärischen und zivilen Zielen. Insgesamt wurden im Verlauf des Krieges über 150 Städte und Ortschaften bombardiert. Bekannt ist das Städtchen Wielu, das schon in der Nacht auf den 1. September in drei Angriffswellen schwer getroffen worden war (ZEIT 7/03). Wie Wielu, so hatte ein großer Teil der attackierten Orte keinerlei militärische Bedeutung und war zum Zeitpunkt der Angriffe ohne Militär. Überlebende berichteten in der Nachkriegszeit des Weiteren, dass Flüchtlingstrecks gezielt von Jagdfliegern aus Bordwaffen beschossen wurden.

Die Angriffe forderten weit über 10000 zivile Opfer. Von bedauerlichen Irrtümern kann keine Rede sein: Hinter dem Terror aus der Luft steckte offenbar System. Letzte Zweifel daran, dass die Luftwaffe Vernichtungsangriffe auf polnische Städte gezielt vorbereitete, beseitigt eine Notiz im Kriegstagebuch des Generalstabschefs Franz Halder vom 30. August 1939: Auf Warschau nicht Terrorangriff (nur militärischer). In anderen Worten: Die Hauptstadt sollte von just den Terrorangriffen ausgenommen werden, die für etliche Ortschaften im September 1939 bereits angeordnet waren.

Die deutschen Kriegsverbrechen in Polen sind ohne Ahndung geblieben. Die wenigen von der Wehrmachtjustiz verurteilten soldatischen Straftäter kamen bereits nach einer Generalamnestie am 4. Oktober 1939 wieder auf freien Fuß. Dadurch segnete die Wehrmachtführung die Übergriffe nachträglich ab und sandte ihren Soldaten ein klares Signal: Im Krieg gegen minderwertige Rassen war jedes Mittel erlaubt.

Das Buch des Autors ist unter dem Titel Auftakt zum Vernichtungskrieg die Wehrmacht in Polen 1939 im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, erschienen (ft 16307 - 278 S., 12,95 ). Mehr zum Thema auch in der Ausstellung Größte Härte Verbrechen der Wehrmacht in Polen, die noch bis zum 8. Juli in der Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden zu sehen ist (George-Bähr-Str. 7 - Tel. 0351/46331990 - Katalog 24, , ISBN 3-938400-07-2)

 
Leser-Kommentare
  1. Danke, dass dies thematisiert wird. Wie Sie richtig schreiben: was jedes Kind in Polen weiss... Wir sind mit dieser Geschickte aufgewachsen und es vergeht kaum ein Tag, wo nicht an irgendein Massaker gedacht wird. Das erklärt die Verbitterung in Polen über viele Äußerungen und Taten der deutschen Politiker (Vertriebenendiskussion, Schröders Ostsee-Deal etc). Die Polen hatten nach dem Krieg kein Lobby (wie etwa die Juden) und es ging in Nachkriegsdeutschland (und Österreich) einfach unter, dass Deutsche und Österreicher in Polen 6 Millionen Zivilisten (3 Millionen Katholiken, 3 Millionen Juden) ermordet haben. Das war auch bequem, man musste sich mit einem grossen Teil des Verbrechens nicht auseinander setzen, man verfolgte die Täter kaum und kaum jemand regte sich darüber auf (s. die Karriere des Danziger Gerichtspräsidenten, der die poln. Westerplatte Soldaten erschiessen liess). Die ganze Debatte (wie etwa über den Holocaust) musste einfach nicht geführt werden. Auch nach der Wende wollte man davon nichts mehr hören und wenn man nun in Deutschland versucht, die Geschichte umzudrehen (Vertriebenenmuseum), wundert man sich über die heftigen Reaktionen aus Polen. Als ich Freunde aus Österreich durch Warschau führte, waren sie schockiert, als sie am jeden Strasseneck die Erinnerungstafeln an Hunderte Erschossene lasen, denn sie wussten einfach nichts davon. Gerade deshalb können sich deutsche Comedians unbestraft rasistische Polen-Witze erlauben, die sie sich bei Juden nie getraut hätten. Eine Aussöhnung wie mit Frankreich wird es nicht geben, wenn Polen in deutschen Medien, wie bisher bestenfalls im Wetterbericht vorkommt, oder alte Klischees vervielfältigt werden statt einer echten und offenen Diskussion. Ich möchte einige löbliche Ausnahmen herausnehmen, aber es geht mir um die Dimenssionen.
    Marcin Pietraszkiewicz, Wien

    • Auer
    • 05.04.2009 um 12:07 Uhr

    "Erstaunlich" wenig Kommentare dazu...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Colón
    • 01.09.2009 um 10:30 Uhr

    da schreiben noch jene, die die Geschichte des Weltkrieges umdeuten wollen zu einer gewöhnlichen Krieg und Frieden- Story im gewalttätigen 20.Jahrhundert. Da gibt es tatsächlich wieder Leute, die glauben, die Kriege gegen Polen und gegen die Sowjetunion seien nicht aus weltanschaulichen Gründen geschehen und hätten keinen Vernichtungscharakter gehabt, sondern seien nur eine der damals üblichen Revisionen des Versailler Vertrages gewesen.

    Aber, das kann auch Marcin Pietraszkiewicz wissen, diese Minderheit mag lautstark und schreibfreudig sein, sie ist aber nicht repräsentativ für die Mehrheitsmeinung. Gerade weil die Mehrheit anders denkt, konnte ja so etwas wie die Wehrmachts-Geschichtsforschung, die den Nimbus der an Verbrechen unbeteiligten Soldaten auflöste, zur allgemeinen Lehre und zum allgemeinen Wissen werden.

    Auch in Polen gibt es lautstarke und schreibfreudige Minderheiten, die immer noch wenig zur Vertreibung der Deutschen wissen wollen und das dort an diesen geschehene Unrecht nicht anerkennen. Dass die Vertreibung eine Folge der deutschen Kriegshandlung und des deutschen Verhaltens im besetzten Polen war, das hat ja damit nichts zu tun, ob man in Gemeinsamkeit nun dazu die wahrhaftige und aufrichtige Geschichte schreibt. Mittlerweile dürfte sogar bei einem Großteil der Nachkommen und Überlebenden der Vertreibungen die Einsicht gewachsen sein, dass Hass, der Glaube an eine kulturelle oder gar eine biologische Überlegenheit, das Denken in Nationalitäten ein damals endemisches Grundübel unter Deutschen war und letztlich zu der Geschichte des zweiten Weltkrieges wesentlich beitrug, weil mit diesem "Gebräu" die Nazis ihre Gefolgschaft und dann das ganze Volk in den Weltanschauungskrieg trieben.

    Kein Schüler in Deutschland lernt noch, die Wehrmacht habe am 1.Septermber 1939 die Grenze zu Polen überschritten, weil es hauptsächlich um die Beseitigung der Übereinkünfte des Versailler Vertrages gegangen sei. - Diese Propaganda wird nicht mehr gelehrt und mehrheitlich schon lange nicht mehr geglaubt.

    In Polen dürfte sich ja auch einiges in den Geschichtsbüchern geändert haben und diese beiden Länder, EU- Mitglieder, sind heute füreinander vielleicht die wichtigsten Partner. Jedenfalls leuchtet mir ein, was Helmut Schmidt, ein Herausgeber der ZEIT dazu zu sagen weiß. In Europa geht es zum Wohle Aller vorran, wenn Deutschland mit Polen und Frankreich, seinen größten Nachbarn, eine gute und gegenseitig erfüllte Partnerschaft pflegt.

    Grüße

    Christoph Leusch

    • Colón
    • 01.09.2009 um 10:30 Uhr

    da schreiben noch jene, die die Geschichte des Weltkrieges umdeuten wollen zu einer gewöhnlichen Krieg und Frieden- Story im gewalttätigen 20.Jahrhundert. Da gibt es tatsächlich wieder Leute, die glauben, die Kriege gegen Polen und gegen die Sowjetunion seien nicht aus weltanschaulichen Gründen geschehen und hätten keinen Vernichtungscharakter gehabt, sondern seien nur eine der damals üblichen Revisionen des Versailler Vertrages gewesen.

    Aber, das kann auch Marcin Pietraszkiewicz wissen, diese Minderheit mag lautstark und schreibfreudig sein, sie ist aber nicht repräsentativ für die Mehrheitsmeinung. Gerade weil die Mehrheit anders denkt, konnte ja so etwas wie die Wehrmachts-Geschichtsforschung, die den Nimbus der an Verbrechen unbeteiligten Soldaten auflöste, zur allgemeinen Lehre und zum allgemeinen Wissen werden.

    Auch in Polen gibt es lautstarke und schreibfreudige Minderheiten, die immer noch wenig zur Vertreibung der Deutschen wissen wollen und das dort an diesen geschehene Unrecht nicht anerkennen. Dass die Vertreibung eine Folge der deutschen Kriegshandlung und des deutschen Verhaltens im besetzten Polen war, das hat ja damit nichts zu tun, ob man in Gemeinsamkeit nun dazu die wahrhaftige und aufrichtige Geschichte schreibt. Mittlerweile dürfte sogar bei einem Großteil der Nachkommen und Überlebenden der Vertreibungen die Einsicht gewachsen sein, dass Hass, der Glaube an eine kulturelle oder gar eine biologische Überlegenheit, das Denken in Nationalitäten ein damals endemisches Grundübel unter Deutschen war und letztlich zu der Geschichte des zweiten Weltkrieges wesentlich beitrug, weil mit diesem "Gebräu" die Nazis ihre Gefolgschaft und dann das ganze Volk in den Weltanschauungskrieg trieben.

    Kein Schüler in Deutschland lernt noch, die Wehrmacht habe am 1.Septermber 1939 die Grenze zu Polen überschritten, weil es hauptsächlich um die Beseitigung der Übereinkünfte des Versailler Vertrages gegangen sei. - Diese Propaganda wird nicht mehr gelehrt und mehrheitlich schon lange nicht mehr geglaubt.

    In Polen dürfte sich ja auch einiges in den Geschichtsbüchern geändert haben und diese beiden Länder, EU- Mitglieder, sind heute füreinander vielleicht die wichtigsten Partner. Jedenfalls leuchtet mir ein, was Helmut Schmidt, ein Herausgeber der ZEIT dazu zu sagen weiß. In Europa geht es zum Wohle Aller vorran, wenn Deutschland mit Polen und Frankreich, seinen größten Nachbarn, eine gute und gegenseitig erfüllte Partnerschaft pflegt.

    Grüße

    Christoph Leusch

    • Colón
    • 01.09.2009 um 10:30 Uhr

    da schreiben noch jene, die die Geschichte des Weltkrieges umdeuten wollen zu einer gewöhnlichen Krieg und Frieden- Story im gewalttätigen 20.Jahrhundert. Da gibt es tatsächlich wieder Leute, die glauben, die Kriege gegen Polen und gegen die Sowjetunion seien nicht aus weltanschaulichen Gründen geschehen und hätten keinen Vernichtungscharakter gehabt, sondern seien nur eine der damals üblichen Revisionen des Versailler Vertrages gewesen.

    Aber, das kann auch Marcin Pietraszkiewicz wissen, diese Minderheit mag lautstark und schreibfreudig sein, sie ist aber nicht repräsentativ für die Mehrheitsmeinung. Gerade weil die Mehrheit anders denkt, konnte ja so etwas wie die Wehrmachts-Geschichtsforschung, die den Nimbus der an Verbrechen unbeteiligten Soldaten auflöste, zur allgemeinen Lehre und zum allgemeinen Wissen werden.

    Auch in Polen gibt es lautstarke und schreibfreudige Minderheiten, die immer noch wenig zur Vertreibung der Deutschen wissen wollen und das dort an diesen geschehene Unrecht nicht anerkennen. Dass die Vertreibung eine Folge der deutschen Kriegshandlung und des deutschen Verhaltens im besetzten Polen war, das hat ja damit nichts zu tun, ob man in Gemeinsamkeit nun dazu die wahrhaftige und aufrichtige Geschichte schreibt. Mittlerweile dürfte sogar bei einem Großteil der Nachkommen und Überlebenden der Vertreibungen die Einsicht gewachsen sein, dass Hass, der Glaube an eine kulturelle oder gar eine biologische Überlegenheit, das Denken in Nationalitäten ein damals endemisches Grundübel unter Deutschen war und letztlich zu der Geschichte des zweiten Weltkrieges wesentlich beitrug, weil mit diesem "Gebräu" die Nazis ihre Gefolgschaft und dann das ganze Volk in den Weltanschauungskrieg trieben.

    Kein Schüler in Deutschland lernt noch, die Wehrmacht habe am 1.Septermber 1939 die Grenze zu Polen überschritten, weil es hauptsächlich um die Beseitigung der Übereinkünfte des Versailler Vertrages gegangen sei. - Diese Propaganda wird nicht mehr gelehrt und mehrheitlich schon lange nicht mehr geglaubt.

    In Polen dürfte sich ja auch einiges in den Geschichtsbüchern geändert haben und diese beiden Länder, EU- Mitglieder, sind heute füreinander vielleicht die wichtigsten Partner. Jedenfalls leuchtet mir ein, was Helmut Schmidt, ein Herausgeber der ZEIT dazu zu sagen weiß. In Europa geht es zum Wohle Aller vorran, wenn Deutschland mit Polen und Frankreich, seinen größten Nachbarn, eine gute und gegenseitig erfüllte Partnerschaft pflegt.

    Grüße

    Christoph Leusch

    Antwort auf ""Erstaunlich" wenig"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service