Wissen Sie, wie ich die Aufregung um Sigmund Freuds 150. Geburtstag finde?, fragt Sophie Freud. Und die 82Jährige liefert sogleich die Antwort: Einfach lächerlich.

Die Tochter von Freuds ältestem Sohn Martin, die in den USA Karriere als Soziologin und Psychologin machte, ist eine zierliche Frau. Unter ihrem neugierigen Blick fühlt man sich, wenn auch wohlwollend, sogleich begutachtet. Warum sucht man jetzt krampfhaft nach der Aktualität seiner völlig veralteten Psychopraktiken?, fragt sie amüsiert. Sie spricht Wienerisch, obgleich Sophie Freud seit der Flucht aus Österreich 1938 fast ihr ganzes Leben in den USA verbracht hat.

Die Wiener Kindheit und die berühmte Familie beschreibt die 82-Jährige in ihrem neuen Buch. Im Schatten der Familie Freud heißt es und erschien prompt zum Freud-Jubliläum im April. Mit ihren Erinnerungen tourt Sophie Freud in diesen Wochen durch Deutschland. Die 82Jährige scheint also selbst von dem Freud-Boom profitieren zu wollen, den sie so heftig kritisiert. Acht Jahre lang habe sie an ihrem neuen Buch gearbeitet, hält sie dagegen. Das Verlagsangebot sei gerade zur rechten Zeit gekommen. Schließlich, so Sophie Freud, müsse ja irgendjemand die Familie Freud von dem hohen Sockel herunterholen: Diese Vergötterung ist völlig unangemessen.

Auf die traditionelle Psychoanalyse habe sie in ihrer eigenen Arbeit als Soziologin und Psychologin immer verzichtet. Narzisstischer Luxus nennt sie die Freudschen Arbeitsmethoden. Solche Kritik allerdings sei zu Freuds Lebzeiten undenkbar gewesen. Niemand in der Familie hat es gewagt, meinen Großvater infrage zu stellen, erzählt sie. Sein Wort war Gesetz.

Das Leben in der Wiener Berggasse hatte sich an Freuds Arbeitsplan zu orientieren. Sogar die zwischenmenschlichen Beziehungen waren streng organisiert. Für seine Enkelkinder etwa nahm sich Freud jeden Sonntag um Punkt Viertel vor eins Zeit. Von unseren Träumen mussten wir zum Glück nichts erzählen, sagt Sophie Freud. Der Großvater habe sich vielmehr sehr kühl und distanziert nach den schulischen Leistungen seiner Enkel erkundigt. Großvater fragte: Wie geht es dir? Ich sagte: Gut, erinnert sich die Enkelin. Eine Umarmung oder einen Kuss gab es nicht. Nahe waren dem Großvater nur die Berufskollegen.

Sophie Freud klingt nicht verbittert. Wie ein junges Mädchen zupft sie ihr dunkelblaues Kleid mit den weißen Punkten zurecht. In ihrem Leben gebe es Leichen verfehlter Beziehungen, sagt sie. Doch nichts liegt ihr ferner als Melancholie. Dass sie zugibt, das berühmte rote Sofa ohnehin nie gemocht zu haben, verwundert nicht. Schließlich hat es sich Sophie Freud zur Aufgabe gemacht, ihren eigenen Familienmythos zu demontieren.