PATRIOTISMUS Magie der Heiterkeit
Deutschland feiert sich und all seine WM-Gäste: Patriotismus muss man gar nicht verordnen
In Bad Kissingen heißt die Grabengasse nun »Avenida Amazonas«, und die Bevölkerung liegt zwischen Grill und Großleinwand dem Fußballteam aus Ecuador zu Füßen. Das Städtchen Celle spendiert dem Nationalteam aus Angola 50.000 Autogrammkarten und sieht die Mannschaft schon im Endspiel, gegen Brasilien. Und wer in deutschen Landen beim ersten Ballkontakt nicht weiterweiß, den belehrt das »Schulungshandbuch« der Deutschen Zentrale für Touristik. Wie begrüßt man unsere Gäste aus Paraguay? Mit »Mbáe Sopa«. Wie denn sonst?
Deutschland hüllt sich in Fahnen – und feiert. Historisch gesehen, gehört die Gastfreundschaft nicht zu jenen Tugenden, mit denen das Land sich seinen Nachbarn bekannt gemacht hat. Doch nun ist plötzlich viel Platz am Tisch, ganz selbstverständlich, als sei es immer so gewesen. Die Fußballweltmeisterschaft ist fröhlich und ansteckend, als gäbe es eine Magie der Heiterkeit. Auch die flächendeckenden Deutschlandfahnen und Ganzkörperabzeichen schrecken niemanden mehr. Schwarz-Rot-Gold hat nichts Bedrohliches, nichts von dumpfdeutscher Militanz oder aggressiver Selbstbehauptung. Die Fahnen sind Erkennungszeichen; sie grenzen nicht aus, sondern heißen willkommen.
Kurzum, wenn nicht alles täuscht, dann führt die unsterbliche Popkultur bei der WM Regie und gibt den Rhythmus vor. Warum sonst ist der Umgang mit nationalen Identitäten so augenzwinkernd, so spielerisch und ironisch? Viele Fans hängen sich die Fahnen mehrerer Nationen um, wie vielfarbige Identitäten, denn man könnte ja auch Italiener sein. Das Land leuchtet. Vergessen sind die sieben mageren Jahre, der Krampf präsidialer Ruck-Reden, die nationale Standort-Panik und wirtschaftliche Mobilmachung. Ein Land feiert – und öffnet sich den Fremden. Patriotismus ist Party.
Mancher wird sich nun die Augen reiben. Vor allem englische Postillen beschrieben Deutschland bislang als Europas größte No-go-Area, wo gestiefelte Horden aus der ostdeutschen Steppe die Reichshauptstadt stürmen. Nun sehen sie ein anderes, ebenso reales Gesicht von Deutschland, und für einen Moment lang lässt das große Fest die Fratze des Rechtsradikalismus vergessen, der tatsächlich ganze Dörfer und halbe Landstriche tyrannisiert. Natürlich löst die Macht der Bilder die rechten Fußtruppen nicht in Luft auf, aber sie macht sie für einen Augenblick lang unsichtbar, während die Ursachen und Ängste, die ihn gedeihen lassen, fortbestehen. Und dennoch: Macht der Party-Patriotismus das schwüle Blut-und-Boden-Pathos der Deutschnationalen nicht schlichtweg – lächerlich?
Wenn es so bliebe, dann gäbe das entspannte Spiel mit nationalen Symbolen und patriotischen Gefühlen sogar Anlass zur Zuversicht. Weil keine Nation der Welt ihre Probleme im Alleingang lösen kann und weil sich alle Länder in Zuwanderungsgesellschaften verwandeln, ist die Mischung aus Ironie und Selbstbewusstsein der Königsweg, um nationalen Hochmut zu entgiften und ihm politisch die Stacheln zu ziehen.
Im Abseits stehen nun jene Spiegelfechter und Kampagnen-Ritter, die Deutschland die schlimmste aller Krankheiten andichten: die fehlende nationale Begeisterung, die gähnende Leere in der Tiefe des republikanischen Herzens. Das war schon zu Zeiten der alten Bundesrepublik grober Unfug, und heute gilt dies noch mehr.
Gemessen an der neuen Heiterkeit, haben die Deutschfühlappelle, die derzeit die Büchertische überschwemmen, etwas Verklemmtes. Salbungsvoll beschwören die Autoren darin die Vaterlandsliebe als Kitt in der Krise. Sie beschwören Bach und Beethoven – und haben oft nur einen kruden Wertschöpfungspatriotismus im Sinn, damit die Nation im globalen Konkurrenzkampf die Nase vorn behält. Armes Deutschland.
Und was ist, wenn die deutsche WM-Mannschaft schon vor der Zeit den Ball verliert und vor dem Finale vom Platz geht? Dann zeigt sich, ob die nationale Entspannungsübung gewirkt hat. Wenn ja, wird die Republik weiterfeiern wie nach einem verlorenen Freundschaftsspiel und lachend dem Sieger aufs Treppchen helfen, als sei er einer von uns. Denn Fußball ist das Allerwichtigste. Aber so wichtig nun auch wieder nicht.
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- Datum 19.06.2006 - 05:43 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 14.06.2006 Nr.25
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Zitat:
Im Abseits stehen nun jene Spiegelfechter und Kampagnen-Ritter, die Deutschland die schlimmste aller Krankheiten andichten: die fehlende nationale Begeisterung, die gähnende Leere in der Tiefe des republikanischen Herzens.
Als ob das wirklich eine Krankheit ist, jenseits von jeder Berechtigung, und jeder der freiwillig solche Haltung aufweist, nicht der Rede wert ist, sondern nur die Kritiker, wenn auch "Kampagnen-Ritter" genannt.
Zitat:
Und was ist, wenn die deutsche WM-Mannschaft schon vor der Zeit den Ball verliert und vor dem Finale vom Platz geht? Dann zeigt sich, ob die nationale Entspannungsübung gewirkt hat.
Na, dann wird sich ja wohl zeigen. Es wäre trotzdem wenigstens ein Präzedenzbeispiel fällig, wann sich die Deutschen für eine andere Nation/Manschaft begeistert haben. Überhaupt das erste Zitat hätte seine Daseisnberechtigung, wenn das Zweite Wirklichkeit wäre/würde. Solche Reihenfolge ist tragbar.
Fazit: solche Artikel sind nur bei anschließender Lektüre von Jungle World zu ertragen!
P.
diesen artikel, er beschreibt tatsächlich das was ich auch wahrnehme..
freut mich das ganze :) Endlich entkrampfung, mein Wunsch ist erfüllt.
Jaja, es ist schon schlimm im Osten. Da sprengen sich fanatisierte Zuwanderer in der U-Bahn der Hauptstadt in die Luft, Bauen islamistische Gruppen an schmutzigen Bomben und die Polizei erschießt einstweilig erstmal alles was verdächtig aussieht. Und dann gibt es noch Massenschlägereien zwischen Asiaten und Afrikanern, bei denen dutzende Autos in Flammen aufgehen. Soldaten bauen Folterlager im Irak, dumpfe Hooliganhorden prügeln sich regelmäßig vor den Stadien.
Schon schlimm, in der Ex-DDR - oder fand das Geschilderte etwas ganz woanders statt? Gar nicht in Deutschland vielleicht?
Dem typisch ungebildeten Engländer kann man solche Geschichten natürlich gerne vorsetzen, er wird sie in seinem dumpfen Alkoholismus gerne glauben und sich weiter fröhlich im Irrglauben suhlen das "UK" sein ein Weltreich ;-)
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