Droht die Stagflation? Angst vor Gespenstern

Seit fünf Wochen fallen die Aktienkurse weltweit. Doch zur Panik gibt es keinen Grund

Seit fünf Wochen fallen die Kurse an den internationalen Börsen. Ein Ende der Turbulenzen ist nicht in Sicht – und allmählich wird die Korrektur schmerzhaft. Seit seinem Sechsjahreshoch am 9. Mai dieses Jahres hat der Weltaktienindex von MSCI um rund neun Prozent nachgegeben, knapp 2 Billionen Euro haben sich bereits in Luft aufgelöst. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland belief sich im vergangenen Jahr auf etwa 2,3 Billionen Euro. Der Weltaktienindex umfasst die wichtigsten Titel von 23 Industrieländern. Schlimmer hat es die Aktien der Schwellenländer getroffen, die mit 20 Prozent gut doppelt so stark verloren haben. Aber auch innerhalb der Industrieländer gibt es Unterschiede. So haben amerikanische Standardaktien mit 5 Prozent – gemessen am Jahreshoch – relativ wenig verloren, deutsche mit 13 Prozent oder japanische mit 18 Prozent relativ viel.

Begleitet wird der weltweite Kursrutsch von einem hässlichen Wort: Stagflation. Ganz der Retro-Mode folgend, werden die Gespenster der siebziger Jahre wiederentdeckt. Hohe Inflation bei gleichzeitiger Stagnation der Wirtschaft. Stagflation ist aus zwei Gründen schlimm: Erstens verlieren die Anleger, ganz gleich, ob sie Anleihen oder Aktien besitzen. Inflation ist negativ für Anleihen, Stagnation negativ für die Gewinne der Unternehmen. Zweitens hat die Notenbank in diesem Szenario keine Wahl. Sie muss die Zinsen so lange erhöhen, bis die Inflation bekämpft ist, und sei es unter Inkaufnahme einer Rezession.

Doch bei genauerem Hinsehen sind weder die Sorgen vor Inflation noch vor Stagnation berechtigt. Das Modethema Stagflation ist, wenn überhaupt, ein amerikanisches Problem. Wahrscheinlich ist es sogar nur der Versuch, die Ratlosigkeit der professionellen Händler zu kaschieren. Kaum jemand hatte mit den plötzlichen Verlusten gerechnet. Dabei führen die Finanzmärkte eigentlich genau das Spektakel auf, das sie immer aufführen, wenn die Notenbanken von laxer auf neutrale Geldpolitik umschalten. Die dank billigen Geldes wuchernde Spekulation wird rückgängig gemacht. Deshalb kracht es an den Rändern des kapitalistischen Systems auch heftiger als in seinem Zentrum. Hoch riskante Titel erwischt es am stärksten. Überall dort, wo spekulative Hedge-Fonds mittels günstiger Kredite gezockt haben, sind die Verluste besonders hoch. Das gilt für die Schwellenländer genauso wie für japanische und deutsche Aktien, die im vergangenen Jahr international zum letzten Schrei avanciert sind.

Auslöser der Turbulenzen waren amerikanische Inflationsdaten, die etwas höher ausgefallen sind als erwartet. Plötzlich schwand die Hoffnung der Investoren, die amerikanische Notenbank würde eine Pause in ihrem Zinserhöhungszyklus einlegen oder, noch besser, diesen ganz beenden. In den Monaten zuvor war bereits klar geworden, dass auch die Notenbanken Eurolands und Japans in Richtung höherer Zinsen marschieren. Erschwerend kommt hinzu, dass seit Februar nicht mehr Alan Greenspan die Geschicke der amerikanischen Notenbank leitet, sondern Ben Bernanke. Dem Professor für Geldtheorie eilt wahrscheinlich zu Unrecht der Ruf des laxen Geldpolitikers voraus. Jetzt muss er gegen sein Image ankämpfen und die Zinsen weiter erhöhen, ob er will oder nicht. Dabei lässt sich eine leichte Konjunkturschwäche in Amerika nicht mehr leugnen.

Doch das absehbare Ende der global lockeren Geldpolitik ist nichts anderes als die Rückkehr zur Normalität – nach der großen Baisse zwischen den Jahren 2000 und 2003 und der sich daran anschließenden Angst vor Deflation. An diese Normalität müssen sich die Anleger gewöhnen. Sie geht einher mit höheren Zinsen, sie geht einher mit höheren Kursschwankungen. Aber Normalität bedeutet nicht automatisch weiter fallende Aktienkurse. Der große Unterschied zwischen heute und den siebziger Jahren, als tatsächlich Stagflation herrschte, ist die Entwicklung der Löhne. Damals konnten die Gewerkschaften als Kompensation für den Ölpreisschock zweistellige Lohnerhöhungen durchsetzten, was mit Verzögerung auch die Inflation zweistellig wachsen ließ. Heute verharren die Arbeitskosten oder fallen sogar – und das in Amerika, Japan und Europa. Solange sich das nicht ändert, braucht sich niemand um Inflation zu sorgen. Damals schoss der Ölpreis in die Höhe, weil die Opec das Angebot künstlich verknappte und so das Wachstum der Weltwirtschaft bremste. Heute steigt der Ölpreis, weil die Weltwirtschaft brummt und die Nachfrage nach Öl hoch ist.

Und noch etwas: Die in den vergangenen Jahren starke Abhängigkeit der Weltwirtschaft von der Entwicklung in Amerika schwächt sich ab. Die japanische Wirtschaft, die Nummer zwei der Welt, wuchs im ersten Quartal, aufs Jahr hochgerechnet, um mehr als drei Prozent. Deutschland, die Nummer drei, wäre im ersten Quartal um knapp drei Prozent gewachsen, wenn nicht der Bausektor unter dem kalten Märzwetter gelitten hätte. Auch die Analysen von Goldman Sachs sagen nur wenig Erschütterungen für Euroland voraus, sollte sich die amerikanische Wirtschaft im Laufe des Jahres von rund 4 Prozent Wachstum auf nur noch 2,5 Prozent abschwächen. Da es sich vor allem um rückläufige Konsumausgaben handeln dürfte, beziffern die Analysten den Einfluss auf das Wachstum Eurolands im Hauptszenario auf kaum nennenswerte 0,1 bis 0,2 Prozent.

Das heißt nicht, dass europäische Aktien Schnäppchen sind und es keine Risiken gäbe. Doch für mehr als eine ausgeprägte Korrektur an den Aktienmärkten spricht derzeit wenig. Natürlich gibt es das Dauerrisiko eines Dollar-Crashs sowie die berechtigten Sorgen, dass ein großer Hedge-Fonds oder eine Bank in eine Schieflage geraten und damit das ganze System gefährden könnte. Aber die Bewertung europäischer Titel ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 13 nach wie vor vergleichsweise niedrig. Im Schnitt der vergangenen Jahre lag es bei 18.

Bis die Anleger überzeugt sind, dass Stagflation tatsächlich kein Thema ist, dürfte es Herbst werden. So lange gilt: Zum kaufen ist es noch zu früh, zum Verkaufen wohl schon zu spät.

 
Leser-Kommentare
  1. Droht uns keine Stagflation, wie der Arktikel suggeriert?

    Vielleicht doch, da einige Kriterien nicht genug beleuchtet wurden.

    Als Grundprinzip der Stagflation wurden steigende Löhne, hohe Inflation, hohe Rohstoffpreise und zurückgehende Gewinne gewertet.

    Meiner Meinung nach gibt es eine schwache Tendenz, die durchaus in die Richtung geht. Die Rekordgewinne der Unternehmen werden nur schwer zu halten sein, insbesondere im Hinblick auf eine Abwärtung des Dollar.

    Die Rohstoffpreise, insbesondere der Ölpreis wird in Zukunft meiner Ansicht nach weiter gegen Norden streben, da Öl zunehmend knapp wird und die Peak Oil Thematik weiter an Gewicht gewinnen wird.

    Bleiben die Löhne. Richtig haben Sie erwähnt, dass Löhne mit das entscheidende Kriterium sind und weiter behaupten Sie, dass diese kaum steigen.

    Dem ist nicht so. Die Löhne in Deutschland steigen zwar schwach, aber kontinuierlich, insbesondere die Löhne der Spezialisten, die für die hohen Unternehmensgewinne verantwortlich sind. Weltweit herrscht im Moment ein Wettbewerb um die besten Ingenieure. (siehe auch Rekordauswanderung von Hochqualifizierten)

    Die ungelernten Arbeitnehmer können in Deutschland wirklich kaum Lohnsteigerungen rausholen, doch wer kauft schon Textilien, Schuhe und Spielzeug Made in Germany. Diese produkte kommen zu einem wesentlichen Teil aus China, und dort steigen die Löhne für qualifizierte Fabrikarbeiter jährlich um 10%. Neben China steigen in fast allen asiatischen Ländern, aber auch in den Angelsächsischen Ländern die Löhne. In einer globalisierten Welt kann sich Deutschland allerdings der Stagflation nicht völlig entziehen.

    • MacT
    • 15.06.2006 um 8:57 Uhr

    Es sit vollkommen klar, dass die Aktienindizes unterschiedlich stark fallen. Selbst wenn man die Aktienindizes für die gleichen Aktien berechnen würde, würden sie unterschiedlich stark fallen, da alle unterschiedlich berechnet werden. Dieser Unterschied in der Berechnung führt auch bei gleichem Verhalten der zugrundeliegenden Aktien zu unterschiedlichen Verhalten.
    Der Vergleich der Aktienindizes sagt leider nichts über die Rentabilität eines Investments in deutsche oder japanische Aktien aus.

  2. Ja, ich auch, aber das interessiert die Leute im Moment nicht. Erst dann, wenn's kracht. Siehe 9/11. Ist nur wichtig beim Oelpreis, wetten dass der wieder über 75 Dollar geht sobald wir wieder was von Herrn Ahmadinedschad hören?

    • Anonym
    • 14.06.2006 um 11:04 Uhr

    Ich vermisse in der Analyse der Finanzmärkte den Einbezug der politischen Geschehnisse.

    Was wird mit den Märkten passieren, wenn die USA sich aufgrund von welchen Vorwänden auch immer, entschließt den Iran anzugreifen?

    Es wird schlicht und einfach der Auftakt zu WW3 sein, diese Konsequenz wird nur leider überall ausgeblendet. Da hilft dann auch kein KGV von 13.

    Die angeblichen Zins-, Inflationsängste hätten schon viel eher da sein müssen. Es war seit Herbst bekannt, dass im Frühjahr die FED M3 nicht mehr veröffentlicht.

    Der Ausverkauf an den Aktienmärkten könnte schlicht und einfach einer der größten Insidertrades der Geschichte sein. Unter dem Cover von Zinsängsten wird geshortet, da einige offenbar wissen, dass der Auftakt zum Weltenbrand bevorsteht. Nachdem im Frühjahr noch der letzte Kleinanleger in Aktien hereingejagt wurde, kann die Reise nun nach unten gehen.

    Der Zurückkommen von Öl scheint hier nur Tageshandel zu sein, abhängig gemacht von Konjunktursorgen, nicht miteinbezogen die Lage im Nahen Osten.

    Warum Gold zurückgeht lässt sich mit der vorherrschenden Meinung Stagflationsangst wohl gar nicht begründen, dagegen spricht auch die Sicherheitslage. Es wäre aber auch nicht das erste Mal, dass einige grosse Hedge Fund-Jungs evtl. einfach ihre Trades in Gold glattstellen mussten...

    Es ist traurig sich im Angesicht eines möglichen WW3 Gedanken zum Finanzmarkt machen zu müssen, aber es ist leider auch notwendig, da hier die Indikatoren bereits anzuschlagen zu scheinen.

  3. Natürlich nur Gespenster. Vielleicht ist hierzu auch das ZEIT Interview mit Martin Feldstein von Thomas Fischermann (11.Mai 2006) interessant. Ist es wirklich ein Wunder, wenn die Aktienkurse, besonders der Deutschen und Japanischer (Exporteure) nach dem 9. Mai stärker fallen?

    ----

    Zitat (Ausschnitt) vom 11.Mai 2006

    ZEIT: Warum folgen die Märkte nicht der ökonomischen Logik? Haben sie versagt?

    FELDSTEIN: Die Händler, die Leute in diesen Märkten, orientieren sich fast ausschließlich an kurzfristigen Differenzen in den Zinsraten. Alle Experten sind sich einig, dass der Dollarkurs erheblich nach unten korrigiert werden muss. Das wird auch passieren. Doch ein Händler erzielt kurzfristig größere Gewinne, wenn er (wegen der höheren Zinsraten, Anm. der Redaktion) trotzdem auf den Dollar setzt und ihn im Fall einer Anpassung schleunigst wieder abstößt. Das ist die Mentalität dieser Händler.

    Quelle:
    http://www.zeit.de/2006/2...

    (leider sind inzwischen die Leserbriefe dazu entfernt worden)

    Man sollte bedenken, das Professor Martin Stuart Feldmann schon unter Reagan wichtigster Wirtschaftsberater war und auch später unter G.W.Bush. Neben seiner Mitgliedschaft in zahlreichen Gesellschaften und Positionen in mehreren Aufsichtsräten ist Feldstein Mitglied der Trilateralen Kommission und des amerikanischen Council on Foreign Relations (CFR).

    ----

    Bin kein "Wirtschaftsexperte", doch wenn der Dollar billiger wird lockt man sicher mit höheren Zinsen(schließlich muss jemand den Irak-Krieg und das Riesen- Handelsdefizit der USA gegenüber VR-China bezahlen). Dann werden es besonders die Exportländer schwerer haben. Nicht umsonst drohen gerade unsere Autobauer wieder mit Massenentlassungen. (Schlauerweise hat unsere Regierung gleichzeitig die Mehrwertsteuer erhöht, was die Binnennachfrage zusätzlich dämpft.)

    .

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service