Deutschland ohne Kinder? Eine Serie in vier Folgen. Alle Analysen, Videoreportagen und -interviews sowie zahlreiche Infografiken finden Sie hier.

Die Demografiedebatte ist eine Schlacht mit Zahlen. Geburtenrate, Anteil der Kinderlosen, Bevölkerungsprognosen: Jeder neue Wert, den die Statistiker liefern, wird begierig absorbiert und zitiert. Je dramatischer, desto besser. Doch viele der Daten taugen weder für eine sachliche Diskussion noch für eine solide Politikberatung. Daran ist nicht nur die laienhafte Interpretation der Zahlen schuld. Schon die Daten selbst sind mit Vorsicht zu genießen.

Kaum eine Ziffer hat wohl so sehr nationale Empörung ausgelöst wie die Geburtenrate in den vergangenen Jahren. Die Durchschnittszahl der Kinder pro Frau, im Fachbegriff die »zusammengefasste Geburtenziffer«, lag in Deutschland im Jahr 2004 bei 1,36 (West: 1,37, Ost: 1,31). Im Westen pendelt die Rate seit 1975 um etwa 1,4. Seit in den neuen Bundesländern die Geburtenrate nach der Wiedervereinigung auf 0,77 im Jahr 1992 fiel, ist von einer »Geburtenkrise« im Osten die Rede. Für Michaela Kreyenfeld, Datenexpertin am Max-Planck-Institut (MPI) für demografische Forschung in Rostock, ist das Unsinn: »Im Osten gibt es kein Anzeichen für eine Krise. Bis heute hat dort jeder Frauenjahrgang sogar mehr Kinder bekommen als der entsprechende Jahrgang im Westen.«

Wie kann das sein? Die wahre Zahl der Kinder einer Frau kennt man erst, wenn sie ihre Geburtenphase beendet hat, für die Statistik ist das mit 45 Jahren der Fall. Diese endgültige Geburtenrate, die sich dann für jeden Frauengeburtsjahrgang berechnen lässt, ist eine weitaus verlässlichere Information als die »zusammengefasste Geburtenziffer«. Die aktuellsten Werte der endgültigen Rate gibt es für die Kinder des Mütterjahrgangs 1960. Sie liegen im Westen bei 1,6 und im Osten bei 1,8 Kindern pro Frau. Doch diese endgültigen Geburtenraten will keiner hören, denn für politisches oder gesellschaftliches Handeln kommen sie immer zu spät. BILD

Um »neuere« Zahlen zu haben, wurde in den fünfziger Jahren die erwähnte »zusammengefasste Geburtenziffer« eingeführt, als aktueller Schätzwert der echten Geburtenrate. »Diese Zahl spielt zwar in der Politik eine große Rolle, ist aber irreführend«, sagt MPI-Demografin Kreyenfeld. Verschieben die Frauen ihre Geburten auf später, tendiert die Geburtenziffer dazu, zu niedrig auszufallen. Dieser so genannte Tempo-Effekt erklärt auch, warum im Osten mit der Mauer die Geburtenrate fiel: Bekamen die Frauen dort ihr erstes Kind vor der Wende noch mit schätzungsweise 22 Jahren, so wurden sie nur zwei Jahre später mit ebenso geschätzten 28 Jahren Mutter. Seit 30 Jahren steigt auch im Westen das Erstgebäralter der Frauen: von knapp über 24 Anfang der Siebziger bis auf heute 29 Jahre (geschätzte Werte). Wegen des Tempo-Effekts heißt das: Der tatsächliche Wert der Geburtenrate liegt wahrscheinlich höher als die geschätzten 1,4. BILD

Zwar ließe sich der Tempo-Effekt aus der Geburtenrate herausrechnen, aber dafür fehlen hierzulande die Daten. So weiß man nicht, wann die Frauen ihr erstes, zweites oder weitere Kinder bekommen. Die Standesämter erfassen zwar für jede Frau die Reihenfolge ihrer Kinder, aber nur innerhalb ein und derselben Ehe. Eine absurde Zählweise: Heiratet eine einfache Mutter nach der Scheidung erneut und bekommt mit ihrem zweiten Mann ein Kind, so wird dieses wieder als erstes gezählt. Für außereheliche Kinder wird gar keine Reihenfolge erfasst. Was die Standesämter den Statistikern liefern, ist darum kaum zu gebrauchen.

Wie es scheint, halten sich seit 30 Jahren zwei gegenläufige Geburtentrends die Waage: Immer weniger Menschen bekommen in jüngeren Jahren Kinder, immer mehr indes entscheiden sich in späteren Jahren doch noch für Nachwuchs. Noch lässt diese Bewegung Schätzungen und endgültige Geburtenraten auseinanderklaffen. Erst wenn das durchschnittliche Gebäralter aus biologischen Gründen nicht mehr steigen kann, stimmen Wirklichkeit und Schätzungen besser überein und ein verlässlicher Trend wird sichtbar. Doch in welche Richtung geht er? Steigt die Geburtenrate, weil der mathematische Tempo-Effekt abflaut? Sinkt sie, weil die Frauen es schließlich nicht mehr schaffen, die aufgeschobenen Geburten nachzuholen? Oder gibt es zumindest bei den nichtehelich Gebärenden vielleicht bereits eine bisher unsichtbare Rückkehr zur früheren Erstgeburt? Es wäre nicht der erste Retrotrend, den unsere Gesellschaft erlebt.

Die Kinderlosigkeit in Deutschland lässt sich allenfalls grob schätzen