Mit weichem Zungenschlag sagt Norbert Zipf harte Sätze. Der Schwabe ist ein durchaus bodenständiger Mann, als Betriebsrat vertritt er die zehntausend Beschäftigen der Landesbank Baden-Württemberg. Wenn so einer sagt: »Des Problem isch, mir läbet halt doch im Patriarchat« – dann klingt das lustig. Doch Zipf ist es ernst. Der 43-Jährige glaubt nicht, dass das neue Elterngeld die Geburtenzahl und die Erwerbstätigkeit der Frauen in die Höhe treibt. Jeden Monat bekomme er 50 »Mutterschutzfälle« auf den Tisch. Er beschwöre die Kolleginnen, nicht zu lange auszusetzen. Wenn sie den gesetzlichen Erziehungsurlaub von drei Jahren in Anspruch nehmen, »dann finden die bei ihrer Rückkehr ein ganz anderes Unternehmen vor«, sagt der Banker. Andere Computer, andere Geldanlagen – für die Karriere ist das ein Killer. Doch die Frauen und ihre Männer, sagt Zipf, wollten es meist nicht anders.

Wer in Unternehmen nach der Wirkung des künftigen Elterngeldes fragt, bekommt viel Skepsis zu hören. Grundsätzlich sei das eine gute Sache, heißt es oft. Aber Kindergartenplätze fehlten. Und nötig seien vor allem Veränderungen in den Köpfen, weniger in den Portemonnaies.

Dabei zielt das Elterngeld auf dem Umweg über die Portemonnaies sehr wohl auf die Köpfe. Ökonomische Anreize sollen zu einem Mentalitätswandel führen; wie neu das ist, wird weithin unterschätzt. Bislang ging es in der Familienpolitik ums Soziale, staatliche Transferzahlungen waren ein Mittel des Ausgleichs zwischen Reichen und Armen sowie zwischen Kinderlosen und Erziehenden. Das Elterngeld folgt einer anderen Logik: Es soll das Kinderkriegen für Berufstätige lohnender machen, indem der Einkommensausfall im ersten Lebensjahr des Kindes verringert wird. Der Staat zahlt zwei Drittel des Gehalts weiter, bis zu 1800 Euro im Monat. »Mehr Mut zu mehr Kindern« solle dies bewirken, heißt es im Referentenentwurf des Gesetzes.

Es geht nicht mehr um Gerechtigkeit. Es geht um Ergebnisse.

Am Rostocker Max-Planck-Institut für Demografie beschäftigt sich Michaela Kreyenfeld mit den möglichen Auswirkungen des Elterngeldes. Zwar gebe es »wenig harte Beweise, dass Familienpolitik überhaupt etwas bringt« – gegen die Überalterung der Deutschen und gegen die geringe Berufstätigkeitsquote der Frauen, die in einer schrumpfenden Gesellschaft auf Dauer fatal ist. »Aber wo ein Elterngeld eingeführt wurde, so wie in Schweden, da hat sich tatsächlich etwas verändert.« Wie die ökonomischen Anreize jedoch konkret wirken, das ist weniger eindeutig. Auch die Rahmenbedingungen könnten das neue Elterngeld konterkarieren.

Die meisten Ökonomen erwarten Veränderungen vor allem bei gut ausgebildeten, gut verdienenden Frauen. »Die niedrige Geburtenquote bei diesen Frauen ist ökonomisch vernünftig, weil für sie die Gehaltseinbußen in der Babypause am höchsten sind«, sagt der Wirtschaftsforscher Martin Werding vom Münchner ifo Institut. Allerdings schieben Akademikerinnen die Entscheidung für Kinder oft bedenklich weit nach hinten, weil sie erst im Beruf Fuß fassen wollen. Das Elterngeld wird daran wenig ändern.

Im Gegenteil: Das Elterngeld setze zusätzliche Anreize, »sich vor der Familiengründung im Arbeitsmarkt zu etablieren«, sagt die Demografie-Expertin Kreyenfeld. Akademikerinnen tun das bereits. Bei schlechter ausgebildeten Frauen aber hat die Arbeitslosigkeit bislang sogar einen positiven Effekt auf die Familiengründung, wie Untersuchungen des Max-Planck-Instituts zeigen. Damit verschlechtern sich ihre beruflichen Chancen weiter. In Schweden hingegen, wo es das Elterngeld bereits gibt, schieben Frauen ohne Job laut Kreyenfeld das Kinderkriegen zunächst auf.