Elite Auf nach Paris
Deutsche Spitzenstudenten zieht es nach Frankreich. Dort sind sie, was sie daheim nicht sein sollen: Eine Elite
Das Exil von Annabell Wolf hat 15 Quadratmeter und ist möbliert. Ein Tisch steht darin, ein Schrank, ein Bett und ein Regal, alle Möbel sind aus hellem Holz. Ein paar Mal die Woche kommt die Putzfrau, sie wischt den Linoleumboden, staubt ab, putzt das Waschbecken und wechselt alle zwei Wochen die Bettwäsche. Annabell lebt in einem Studentenwohnheim, in dem die Flure nach Zitrone riechen und die Türgriffe nicht an der Hand kleben bleiben. Hier wohnen ausschließlich Elitestudenten.
Annabell ist eine von ihnen. Sie ist eine, die mehr tut als andere, die schnell studiert, die ins Ausland geht, die Kontakte knüpft und Leistung bringt. Wer hier im Heinrich-Heine-Haus in der Cité Universitaire in Paris lebt, der hat sich in einer Auswahlkommission gegen viele hundert Mitbewerber durchgesetzt. Auch hat dessen Unilaufbahn nicht mit einem einfachen Immatrikulationsformular begonnen, sondern mit Motivationsschreiben, Auswahlgesprächen und Tests. In Frankreich ist Elite ein normaler Begriff, hierzulande löst das Wort immer noch Ablehnung und Misstrauen aus. Gerade Spitzenstudenten in Deutschland leiden darunter, darum zieht es viele von ihnen ins Nachbarland.
Als Elite wollen die Studenten aber auch in der Cité Universitaire nicht bezeichnet werden. »Das wäre mir irgendwie peinlich«, sagt die 26 Jahre alte Annabell, sie lacht und kneift dabei die Augen zusammen, so als sei der Gedanke nicht nur peinlich, sondern absurd. Annabell ist eine der Ältesten hier. Ein Wirtschaftsstudium hat sie abgeschlossen, und auch zwei Arbeitsjahre in einer kanadischen Bank hat sie bereits hinter sich. Ihr Aufbaustudiengang Management in Edinburgh sieht einen dreimonatigen Studienaufenthalt in einem anderen europäischen Land vor, sie ist momentan in Paris. Sie sitzt auf ihrem Bett, gegenüber steht der Schreibtisch; links liegt ein Stapel Blätter und Mappen, daneben steht ein aufgeklappter Laptop. Annabell schreibt gerade ein Dossier, vier Stunden vor dem Rechner hat sie hinter sich, fünf sollen noch folgen.
Jede Nation hat ihr eigenes Wohnheim auf dem Campus
Sie schaut auf das flache silberne Zifferblatt ihrer Uhr der Marke Skagen und nickt noch einmal. Neun Stunden Lernen pro Tag – kein ungewöhnlich hohes Pensum, findet die schmale, blonde Frau mit der braun geränderten Brille, nicht für ihre Verhältnisse.
Auch ihre Flurnachbarn Martin, Sonja und Matthias im Maison Heinrich Heine, der deutschen Vertretung auf dem Campus der Cité Universitaire, auf dem 38 Länder der Welt mit ihrem eigenen Wohnheim vertreten sind, studieren an prestigeträchtigen Universitäten oder Grandes Écoles, an deren Spitze die École Nationale d’Administration (ENA) steht, an der auch Staatspräsident Jacques Chirac und Premierminister Dominique de Villepin waren.
Trotz ihrer Eliteausbildung möchten die jungen deutschen Studenten von dem Begriff nichts hören. »Das klingt so kalt, so als interessiere man sich nur für sich selbst«, sagt eine Bewohnerin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, aus Angst, ihre Dozenten an der Heimatuni könnten sie für arrogant halten. Diese Reaktion kennt sie aus Deutschland, ihrer Heimat, in der man sich mit dem Begriff so unheimlich schwer tut.
In Deutschland wird die Elitendebatte seit Jahren immer mal wieder geführt – auf zwei Ebenen, mindestens. Die politische und wirtschaftliche Elite von heute wird gescholten, ob nun aus Misstrauen oder Enttäuschung. Über 70 Prozent der Deutschen halten ihre Führungskräfte in Politik und Wirtschaft für »unredlich«, hieß es in einer repräsentativen Umfrage des Gallup-Instituts im vergangenen Jahr. In keiner anderen westlichen Industrienation schnitt die gesellschaftliche Elite so schlecht ab. Die »gesellschaftliche Elite«, die man in Deutschland gern als »funktionale Elite« deklariert. Als Teil eines Funktionssystems in Wirtschaft oder Wissenschaft kann der Träger sein Amt leichter rechtfertigen. »Funktionale Elite« klingt eher nach »Repräsentant«. Demokratischer halt.
Die Diskussion über Eliteuniversitäten, die in Deutschland natürlich nicht Eliteuniversitäten, sondern Spitzenuniversitäten heißen, und die Förderung von Spitzenkräften leiden unter diesem Image. Den Rest macht die Geschichte: Der Zweite Weltkrieg, Hitlers Führerkult und die Eliteschulen der Nazis haben den Begriff negativ geprägt. Und vor allem für die 68er-Bewegung war er belastet und bleibt es bis heute. Eine schillernde Tradition wie in England mit Cambridge oder Oxford und den USA mit Yale oder Harvard gab es nie. Es fehlt das Selbstverständnis für solche Kaderschmieden.
»In Deutschland habe ich zu fremden Kommilitonen immer gesagt, ich studiere Politik«, sagt die junge Studentin, die unerkannt bleiben möchte, weiter. Die Wahrheit hat immer nur blöde Kommentare und Neid hervorgerufen, und sie hat sofort als überheblich gegolten. Sie nimmt an einem deutsch-französischen Studienprogramm teil und ist momentan am Institut d’Études Politiques in Paris eingeschrieben, besser bekannt als Sciences Po, einer Kaderschmiede für Führungskräfte in Politik und Wirtschaft. Den Aufenthalt hier finanziert ihr ein Stipendium. »Wenn man mehr will als all die 08/15-Studenten, dann muss man das echt gut für sich behalten«, fügt die junge Studentin mit dem rosafarbenen Pullover noch hinzu. Dass sie vom ehemaligen französischen Wirtschaftsminister Dominique Strauss-Kahn unterrichtet wird, wäre nichts, was sie verbreiten würde.
Überhaupt müsse man in Deutschland aufpassen, nicht als so karriereversessen zu erscheinen – »als Frau sowieso«. In Frankreich sei das anders, hier könne man auch mal stolz auf sich sein.
Elite ist hier eben ein positiv besetzter Begriff. »In Frankreich haben Eliten eine historisch gewachsene Berechtigung«, sagt der Elitenforscher Michael Hartmann von der Technischen Universität Darmstadt. Zwar gibt es immer mal wieder hitzige politische Debatten darüber, ob die Maschen der Eliteunis nicht ein bisschen zu eng gewebt sind, niemand stellt aber ihre Existenz wirklich infrage. Im Gegenteil, wer die französischen Abiturienten nach ihren Zielen fragt, hört immer wieder dasselbe: Grandes Écoles. Dabei schaffen es nur etwa fünf Prozent auf eine solche Institution. Die restlichen zwei Millionen studieren an staatlichen Unis.
Die beiden deutschen Jurastudenten Sonja Murariu und Martin Metz erinnern sich, wie sie am ersten Tag an der Uni vom Rektor mit den Worten begrüßt wurden: »Ihr seid die zukünftige Elite Europas.« Martin fühlte sich unwohl. »Mir war das total unangenehm, aber die Franzosen konnte das nicht schocken, die hören das einfach viel öfter«, sagt er. Martin ist 22, nächstes Jahr macht er seinen binationalen Abschluss. Danach möchte er aufs College of Europe in Brügge, wer das absolviert, so sagt man, dem ist ein Job in der Verwaltung der europäischen Institutionen sicher. Aber, schränkt er ein, er wisse sehr wohl, dass dort viele hinwollten und dass es nicht einfach sei, einen der wenigen Plätze für einen Aufbaustudiengang zu bekommen, und dass es sich immer so blöd anhöre, wenn jemand sage, er wolle später im Europaparlament arbeiten, weil das ja alle wollten und überhaupt. Angesichts der vielen strengen Auswahlverfahren, die er schon überstanden hat, klingen seine Zweifel wie Koketterie. Aber irgendwie passt das gar nicht zu dem jungen Mann, der mit rostfarbener Jeans und Birkenstock-Sandalen vor seinem hölzernen Schreibtisch steht. Er trägt, trotz seines schmalen Gesichts, einen Vollbart. An der Wand hängt ein Foto, das ihn und seine drei Geschwister als Kinder beim Toben im Wohnzimmer zeigt. »Ich lerne einfach gern«, sagt er und schaut, als habe er sich gerade zu weit vorgewagt. Als berge dieser kurze Satz eine Gefahr. Die Gefahr, als ein Streber zu erscheinen, zum Beispiel. Oder als Teil einer Elite, die es offiziell gar nicht gibt.
Wer es durchs Studium schafft, den kann im Beruf nichts mehr schocken
Ein Versäumnis, finden die Deutschen im Elite-Exil. Nicht weil sie die Bezeichnung auch gern in ihrer Heimat ohne schlechtes Gewissen für sich reklamieren wollen, sondern weil das Leben in einem engagierten Umfeld wieder Engagement erzeugt. Und die exklusiven Bedingungen im Heine-Haus den Studenten viele Vorteile bieten: Internet, Telefon, Waschservice, Bibliothek, Diskussionsrunden mit Heide Simonis oder Jürgen Rüttgers im kleinen Kreis, dazu noch die Putzfrau, all das kostet gerade mal 350 Euro im Monat. »Es ist einfach superpraktisch hier, es gibt alles, und alles ist sauber und funktioniert«, sagt der 21 Jahre alte Matthias Merkel. Der Service spart Zeit, die er ins Studium investiert. Er ist Physikstudent im sechsten Semester an der École Normale Supérieure (ENS). »Wir arbeiten dort unter positivem Druck. Die Leute da wollen halt alle was schaffen« – und nicht ein bisschen studieren und hin und wieder mal einen Schein machen. Auch die Jurastudentin Sonja Murariu empfindet diese engagierte Atmosphäre an der Uni als anregend. »Man kriegt immer mit, bei was für Institutionen die anderen gerade schon wieder ein Praktikum machen. In einer großen Anwaltskanzlei oder in Straßburg. Daran misst man sich.« So steigen die Anforderungen. Wenn zum Beispiel jemand einen Praktikumsplatz bei Pierre Moscovici, dem Vizepräsidenten des Europaparlaments – übrigens auch ein ENA-Absolvent –, bekommt, denken sich die anderen: Das muss ich doch auch hinkriegen.
Selbst der Experte Hartmann, der Eliteausbildungsstädten gegenüber gerade wegen ihrer Exklusivität negativ eingestellt ist, sieht hier einen Vorteil. Das Studium in Frankreich sei nicht anspruchsvoller, aber umfangreicher. »Wer da durchkommt und nicht daran zerbricht, der ist nachher im Beruf außerordentlich belastbar.« Viel Arbeit für einen Abschluss mit dem nötigen Prestige.
An Martins Tür hängt das Plakat einer großen deutschen Buchhandlung. »Schock deine Eltern, lies ein Buch«, steht darauf. Irgendwie scheint es so, als funktioniere dieser Slogan nur in Deutschland.
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- Datum 30.10.2006 - 10:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.06.2006
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Leider wird komplett vergessen zu erwähnen, welche Haken die französische Eliteauffassung hat.
Man schaue sich zum Beispiel die Studentenstreiks vom Frühjahr an: Eine protestierende Masse ohne intellektuellen Kopf. Einerseits eine Unzufriedenheit, die in einer demokratischen Gesellschaft irgendwie artikuliert und beantwortet werden muss - andererseits aber nur dumpfe Streiks ohne inhaltliche Diskussion. In Deutschland werden solche Bewegungen oft von denjenigen aufgenommen, die in Frankreich nicht an den "normalen" Universitäten sind - dadurch laufen Konflikte diskursiver ab, gleichzeitig werden Exzesse wie planlose Streiks meistens verhindert. Die französische Elite ist zu weit entfernt, als dass sie eine solche Funktion übernehmen könnte, und gilt überdies als angepasst - vor allem bei denjenigen, die trotz ihrer guten Schul- und Studienleistungen bewusst auf eine Elitelaufbahn verzichtet haben. Diese Spaltung setzt sich natürlich vom Bildungssystem in die gesamte Gesellschaft fort und bildet den Nährboden für viele Formen von Protest, es seien nur die Stichworte Le Pen und EU-Verfassungsreferendum genannt.
Ebenso leiden unter dem französischen System der Elitefindung und -bildung die Naturwissenschaften, die keinen angemessenen Platz dort haben und sich an den Universitäten durchschlagen müssen, wo ihnen aber das Studentenpotenzial fehlt. Das zu organisieren, gelingt den Nordamerikanern wiederum deutlich besser.
Natürlich soll auch Deutschland seine Spitzenförderung betreiben. Aber nach einem eigenen Modell, dass aus den Nachteilen der anderen lernt. Zumal sich die besten Studenten ohnehin in bestimmten Fächern und an bestimmten Universitäten akkumulieren - ganz aus eigenem Antrieb.
Ohne Zweifel ist es zutreffend, dass Deutschland ein gestörtes Verhältnis zum Elitenbegriff hat. Jeder weiss, dass es Eliten gibt. Jeder ist sich des Umstandes bewusst, dass es sie zum erfolgreichen Betriebs moderner, demokratischer Staatswesen braucht. Jeder könnte sich mit dem Elitenbegriff anfreunden, würde er nur selbst zu diesem Kreis gehören. Was aber macht Elite aus? Das Studium an einer der französischen Grandes Ecoles? Bei Sciences Po gar, das im Grunde gar nicht zu den Grandes Ecoles gehört? Das Privileg, ein Zimmer in der Cité Universitaire zu bewohnen? Nein, sicher nicht. Was aber dann?
Wer zur Elite gehört, braucht natürlich zunächst eine fundierte Ausbildung, womöglich bei Sciences Po. Eine Vorlesung ist aber nicht allein deswegen gut, weil sie von Dominique Strauss- Kahn gehalten wird (Excusez-moi, Monsieur!).
Wer zur Elite gehört, braucht aber auch einen Bezug zur Gesellschaft, zu denen also, die nicht zu den oberen Zehntausend gehören. Hierfür ist Sciences Po indes kaum der rechte Ort, rekrutieren sich die Studierenden dort doch aus weitgehend homogenen, hohen und höchsten gesellschaftlichen Kreisen. Zwar öffnet sich Sciences Po auch für minder privilegierte Schichten (aus den so genannten zones déducation prioritaire, kurz: ZEP). Aber in aller Regel führt der Weg zu Sciences Po und dann von dort weiter zur Ecole Nationale dAdministration über eines der renommierten Pariser lycées und die obligatorischen classes préparatoires.
Wer zur Elite gehört, braucht aber zuletzt auch grundlegende Kenntnisse dessen, was man das tägliche Leben nennt: Zimmer reinigen, Wäsche wasche, Einkäufe erledigen etc. Was nützt schließlich der beste Kopfarbeiter, der mit den ordinären Anforderungen des Lebens überfordert ist?
Um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: die Studierenden, die im genannten Artikel porträtiert worden, leisten viel und sind in ihrem Metier spitze- andernfalls wären sie nicht dorthin gekommen, wo sie jetzt sind. Es ist aber verkürzt, die Zugehörigkeit zu einer Elite an einem Wohnheimplatz in der Cité Universitaire und einen Studienplatz bei Sciences Po festzumachen. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Elite braucht neben fundierter Ausbildung genauso zwingend gesellschaftliche Verankerung und Verantwortung gegenüber weniger begüterten.
Jochen Moos, Z.Zt selbst Sciences Po, Paris
Was zeichnet eigentlich einen deutschen Elitestudenten aus? Gibt es eine gewisse Uni, an der er eingeschrieben sein muss? Oder kann man diesen Status nur erreichen, wenn man an einer ausländischen Elite-Uni ist beziehungsweise war?
Ich studiere auch Science Po in Paris. Eliteschulen sind in Frankreich immer wieder Thema. Wenn es ein Ausländer in die Ecoles schafft, dann geht das rum in den verschiedenen Jahrgängen, das ist ein Thema. Klar, ist das kritisch, wenn das so ist. Aber das ist ein französisches Problem. Für mich als Deutsche ist es einfach angenehem hier zu lernen. Die Bedingungen sind gut, das wird im Artikel ja beschrieben. Es ist ausgezeichnet, dazu zu gehören. Ich hatte nie gedacht, dass ich als Person mal so ernst genommen und gefördert würde. Das ist mir erst hier passiert, nicht während der ersten zwei Jahre in Deutschland. Das muss man auch so einfach mal sagen können.
Die essentielle Frage ist doch nicht, ob ein Deutscher lieber zu Sciences Po studieren geht, sondern wohin er damit kommt.
Als erstes sollte man jedoch etwas relativisieren: bei Sciences Po ist es seit einigen Jahren an der Tagesordnung, gewisse Ausländerquoten zu haben, sprich, die Aufnahmebedingungen sind wesentlich lockerer als die des normalen Prüfungsverfahrens. Eine Art positiver Diskriminierung, die nach meiner Erfahrung zum ernüchternden Resultat hat, dass das Leistungsniveau in den Seminaren sinkt.
Viel wichtiger ist es jedoch, sich anzuschauen, wo diese deutschen Studenten letztendlich einmal arbeiten werden. DIe Abschlüsse von ScPo sind alles andere als ein automatischer Karrierefahrschein, da haben es deutsche oder andere ausländische Bewerber nicht unbedingt leicht.
Andererseits ist die Rückkehr nach Deutschland auch nicht unproblematisch: Einerseits wenig bekannt, andererseits wegen seines Studien- und Fächeraufbaus nicht verstanden, ist das Sciences Po Diplom vielleicht alles andere als das Etikett einer "Elite"
Es gibt keine Eliten. Es gibt nur Menschen, die in der richtigen Familie aufgewachsen sind, ein bisschen was geleistet haben und vielleicht noch etwas Glück hatten.
Elite-Unis sind toll. Nur muss es genug davon geben, um jedem, der dort mit Elan und Erfolg studieren möchte, einen Platz anbieten zu können. Wenn es soweit ist, wird es jedoch keine Elite-Unis mehr geben. Sie werden sich zu normalen Hochschulen gewandelt haben. Hochschulen, die einfach versuchen, ihre Studenten intelligent und gut auszubilden.
Gewiss, die mittellosen überfüllten deutschen Unis können nicht als Maßstab dienen. Aber es gibt schon genügend staatliche Hochschulen, die ihre Studenten in kleinen Kursen hervorragend betreuen. Es muss nur noch sehr viel mehr in die Bildung investiert werden. Länder, wie Südkorea oder Spanien (das uns wirtschaftlich in ein paar Jahren überholen wird) haben das bereits begriffen. Es rentiert sich.
Ein Staat, der nur wenige gut ausbildet, züchtet Eliten heran. Ein Staat, der viele gut ausbildet, züchtet eine motivierte Gesellschaft heran. Und obendrein leistet diese auch mehr als Eliten, die nur durch ihren Stand zu Posten und Ansehen kommen. Elitenbildung ist also ein Begriff für Regression.
Was der Artikel stillschweigend unter den Teppich kehrt ist die Tatsache, dass gerade in Frankreich, in dem die Elitekultur zur Tradition gehört, eigentlich nur dem Nachwuchs der Elite der Weg dorthin offen steht. Um die für den Zugang zu den Elitehochschulen notwendigen guten Noten der Classes préparatoires zu erhalten, sollte man bereits im Vorfeld die "richtigen" Gymnasien besucht haben, und das ist weitestgehend nur den gutbürgerlichen Schülern möglich. Ach wenn hier in Frankreich mittlerweile etwa 80 % aller Schüler das Abitur bestehen, heißt das noch lange nicht, dass sie auch nur einen Funken von Chance hätten, eine der Elitehochschulen zu besuchen. Daher stammt auch der Frust, aus dem sich die Unruhen im letzten Herbst nährten. Kein Job trotz Diplom. Natürlich hat man auch in Deutschland eine deutlich bessere Startposition, wenn man aus dem passenden Elternhaus stammt, aber die Möglichkeiten, die Barrieren zu durchbrechen sind doch besser als in Frankreich, weil man eben auch mit einem Diplom der Uni Osnabrück Karriere machen kann. In Frankreich ist so dies viel stärker eingeschränkt. Natürlich bin ich der Ansicht, dass für das wirtschaftliche und kulturelle Wohlergehen eines Landes eine entsprechende "Elite" gehört und diese entsprechend gefördert werden muß. Mit Chancengleichheit hat das noch lange nichts zu tun, und das ist vielleicht eines der Kernprobleme der Diskussion in Deutschland.
Meine Eltern schickten mir die Papier-Vesion dieses Artikels, denn auch ich bin dieses Jahr in Paris. Ein Jahr an der Sciences Po. Allerdings habe ich eine andere Sichtweise auf die Situation der Elite in Deutschland und Frankreich. Ja, in Deutschland haben wir wohl zuviel Scheu diesen Begriff zu benutzen und die Eliten entsprechend zu fördern. Andererseits werden die Franzosen von klein auf darauf gedrillt in den "Concours", den Auswahlverfahren für alle Grandes Ecoles usw, bloß gut abzuschneiden. Und auch in Paris erwähne ich auf einer Party lieber nicht gleich, dass ich an der Sciences Po bin, denn sonst erntet man auch hier gehobene Augenbrauen.
Zudem, wie der im Artikel zitierte Student auch sagt, hört die französische Elite dann auch oft, dass sie eine Elite sind. Das ist für sie selbstverständlich, das ist eben so. Andererseits geht so aber auch vielen die Bodenhaftung verloren.
Deswegen denke ich, dass uns Deutschen Elitestudenten der Austausch nach Paris oder anderswohin gut tut und den französischen Studenten der Austausch nach Deutschland oder anderswohin.
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