Meine Freundin interessiert sich eigentlich nicht für Fußball, aber seit ein paar Tagen schauen wir gemeinsam WM. Und schon nach wenigen Minuten des Spiels Argentinien gegen Elfenbeinküste brachte sie das Dilemma der Mannschaft von Jürgen Klinsmann auf den Punkt: »Die anderen spielen ja viel schneller als die Deutschen.« Es lag ein Staunen in ihrem Satz, so, als ob sie ihrem Urteil selbst nicht traute, denn schließlich hörte auch sie seit Tagen, dass endlich, endlich eine deutsche Nationalmannschaft gefunden sei, die wieder Fußball spielen könne, die stürme und dränge und die Schönheit des Spiels für sich neu entdeckt habe. BILD

Es gehört zu den großen Tricks von Jürgen Klinsmann, dass es ihm gelungen ist, diese Mär zu verbreiten: Seine Mannschaft, erzählt er seit Wochen, spiele eben schön und offensiv, und das bedeute zwar einerseits, dass sie auch mehr Tore bekomme, andererseits aber eben immer ein Tor mehr schieße. Aber wann genau hat sein Team gegen Costa Rica eigentlich schön gespielt? Wo waren die direkten Kombinationen, die den modernen Fußball ausmachen? Man sah Einzelaktionen (Lahm) und Glückstreffer (Frings), aber von einem überzeugendem Mannschaftsspiel konnte keine Rede sein. Klose ist in Form, und das tröstet wirklich, aber sonst?

Das Schlimmste aber kam erst nach dem Schlusspfiff des Eröffnungsspiels. Je mehr Matches man in den folgenden Tagen sah, desto öfter begegnete dem Zuschauer jenes schöne Spiel, von dem Klinsmann so gern redet. Argentinien zauberte, Holland kombinierte, und es wurde einem angst und bange beim Gedanken, was dieser schöne Kombinationsfußball mit der deutschen Defensive anstellen könnte. Denn das konnte man gegen Costa Rica gut beobachten: Klinsmann hat offenbar so erfolgreich seine Hurra-Fußball-Predigt gehalten, dass auch die Mannschaft nicht mehr daran dachte, dass zu einem erfolgreichen Fußball nicht nur stürmen, sondern auch verteidigen gehört. Besonders Torsten Frings vergaß, dass er nicht wie am Anfang seiner Karriere als Stürmer aufgestellt war, sondern im defensiven Mittelfeld. Man wünscht sich in solchen Momenten Guido Buchwald (WM-Titel 1990) herbei oder Dieter Eilts (EM-Titel 1996), die im Mittelfeld verteidigten, dort, wo entscheidende Pässe geschlagen werden.

Es wird sehr fachlich gerade, und jetzt kommen auch noch Statistiken. Auf dem Papier liest sich die Auswertung des deutschen Spiels gegen Costa Rica wie ein niemals gefährdeter Sieg. Deutschland schoss 25-mal auf das gegnerische Tor, Costa Rica viermal. Deutschland schlug 23 Flanken, Costa Rica zwei. Deutschland gewann 57 Prozent der Zweikämpfe und war zu 63 Prozent im Ballbesitz. Und doch wurde selbst bei diesen Zahlen die Mannschaft nach dem Anschlusstreffer von Costa Rica nervös. Man zitterte bei jedem noch so harmlosen Angriff aufs deutsche Tor. Was wird erst passieren, wenn sich die Zahlen bei dem ersten stärkeren Gegner verschieben? »Wir sind gut unterhalten worden«, sagte Michael Ballack nach dem Match, und in dieser diplomatischen Formulierung steckt die gesamte Kritik des Offensivspielers B. an der mangelnden Defensivtaktik des Bundestrainers K.

Was passiert mit der WM-Euphorie, sollte Deutschland früh ausscheiden? Wenn Jürgen Klinsmann Recht hätte und erst der Hurra-Fußball seines Teams diese Stimmung erzeugt hätte, müsste das Land nach einem Ausscheiden depressiv werden. Jede Wette aber, dass dies nicht geschieht. Die Deutschen werden dieses Turnier wie ein kollektives Sommerfest genießen. Sie werden sich erfreuen an Spielern wie Drogba, Robben und Riquelme. Sie werden zittern, sie werden jubeln, und nur manchmal werden sie sich mit Michael Ballack fragen, ob es im Fußball nicht nur darum geht, gut unterhalten zu werden, sondern auch darum zu gewinnen.

Das Pro von Moritz Müller-Wirth »

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