Nach dem 4:2-Sieg gegen Costa Rica wurde Jürgen Klinsmann auf der Pressekonferenz nach seiner Bewertung des Spiels gefragt. Auf viele verschiedene Weisen hätte der Bundestrainer in seiner Antwort belegen können, dass seine bisherige Strategie aufgegangen ist: Er hätte beispielsweise darauf verweisen können, dass seine junge Mannschaft dem Druck eines Eröffnungsspiels, noch dazu »im eigenen Land«, standgehalten hatte, dass kombiniert wurde, jedenfalls in der Hälfte des Gegners, wie es seit Jahren nicht mehr der Fall war. Er hätte betonen können, dass er an Philipp Lahm auch nach dessen Verletzung festgehalten hatte und dass genau dieser Lahm ihn mit dem wichtigen ersten Tor und einer fabelhaften Leistung bestätigt hatte. Er hätte außerdem fragen können, wer vor einigen Wochen nach dem 1:4-Debakel gegen Italien auch nur einen Cent darauf gesetzt hätte, dass eine deutsche Mannschaft ohne Michael Ballack den WM-Auftakt mit 4:2 gewinnt. Doch Jürgen Klinsmann antwortete stattdessen: »Wir haben die Menschen mit unserem Spiel begeistert. Das macht uns froh.« BILD

Die Menschen begeistern – dies ist ein Ziel, welches über Jahrzehnte im deutschen Fußball vernachlässigt wurde, mehr noch: Es stand geradezu im Widerspruch zur herrschenden Lehre der Fußballbürokraten vom fantasiefreien »Die Null muss stehen«. Klinsmann hat auch in diesem wichtigsten Spiel seiner bisherigen Trainerkarriere auf Risiko gespielt. 20 Millionen Fernsehzuschauer haben, soweit sie mit Klinsmanns Team sympathisierten, 80 Millionen Mal gejubelt.

Costa Rica, kann jetzt eingewandt werden, wer ist schon Costa Rica? Kommen stärkere Gegner, wird die in weiten Teilen desorientierte Abwehr auseinander genommen werden, könnte es heißen und: Wir wissen immer noch nicht, ob das Team auf den Punkt genau fit ist oder sich doch noch in der gleichen Verfassung befindet wie beim Confederations-Cup-Spiel gegen Australien vor einem Jahr, das 4:3 endete und einen ähnlich schwankenden Verlauf genommen hatte. Andere Kritiker werden anmerken, dass auch 2002 das Turnier mit vielen Toren begann – mit einem 8:0 gegen Saudi-Arabien. Wer ehrlich ist, bemerkt jedoch, dass die Mannschaft, die ja – wie in der vergangenen Woche an dieser Stelle erwähnt – in der Tat nominell auch der Verlierertruppe der EM von vor zwei Jahren irritierend ähnlich ist, dass diese Mannschaft einen anderen Fußball spielt: druckvoll, engagiert, emotional, temporeich. Nie war das Wort von der bedingungslosen Offensive so wahr.

Reicht das nun aus, um nach zwei Jahren verordnetem Optimismus nach dem Eröffnungsspiel eine positive Bilanz zu ziehen?

Gegenfrage: Hat jemand das Spiel der Schweden gegen Trinidad und Tobago gesehen? So kann es gehen, wenn die Null steht und sie vorne nicht treffen.

An das verloren geglaubte Gefühl, dass eine deutsche Offensivabteilung in der Lage ist, ein Tor zu erzielen, am besten eines mehr, als die Abwehr sich einfängt, an dieses Gefühl hat uns Jürgen Klinsmann herangeführt. Ein ungewohntes, aber sicher kein schlechtes Gefühl für ein Turnier – nicht unbedingt schlechter jedenfalls als jenes, dass die Abwehr als Bollwerk schon halten wird.

So könnte auch in dieser Lebenslage ein Spruch von Harald Schmidt zum Leitmotiv dieser WM werden. Gefragt nach seinem Tipp für das Spiel gegen Polen, sagte er: »Wir gewinnen, und nachher wird es heißen: Aber wir hatten große Probleme in der Abwehr.«

Wie weit das trägt? Wir sprechen uns nach dem Achtelfinale!

Das Contra von Christoph Amend »

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