WM 2006 Jetzt ging's los

Von Fußballpartys im Berliner Regierungsviertel bis in den Garten von Günter Grass: ZEIT-Reporter reisen durch ein euphorisiertes Land

Am vergangenen Freitagabend, gegen 22.30 Uhr, ging in München, im Hotel Bayerischer Hof, die Fußballweltmeisterschaft zu Ende. Im Restaurant Trader Vic’s hob André Heller sein Glas auf das Wohl aller, »die an diesem energievollen Ereignis mitgewirkt haben«. Während oben im Bayerischen Hof das Establishment – Blatter, Becker, Beckenbauer – sich selbst feierte, versammelte Heller im Souterrain an einem langen Tisch seine engsten Mitarbeiter. Während er den Toast sprach, legte er diesen hellertypischen Gesichtsausdruck auf, eine Mischung aus Melancholie, Freude und Sarkasmus – jene Mischung, die je nach Stimmung dramatisch in die eine oder in die andere Richtung ausschlagen kann. Wenige Stunden zuvor hatte er seine WM zu Ende gebracht: die Eröffnungsfeier, ausgedacht von ihm selbst und vom genialisch-verschrobenen Regisseur Christian Stückl aus Oberammergau. Heller verschwieg dabei an diesem Abend, dass kurz vor der Show von der Fifa und dem Organisationskomitee der WM wesentliche Elemente eliminiert worden waren: Es hätte Blumenblüten regnen sollen, und ein Feuerwerk war geplant – gestrichen, nachdem bei der Generalprobe sich versehentlich eine Rakete gelöst hatte. Immer mehr Leute kamen, Heller orderte neun, dann zehn, schließlich zwölf Hainan Chicken, eine Spezialität des Hauses. Für ein paar Minuten hatten Freude und Melancholie den Sarkasmus in seinem Gesicht verdrängt. Im Moment ihrer Eröffnung hatte er die WM losgelassen.

Jetzt ist sie also da. Sie ist dorthin zurückgekehrt, wo sie vor 32 Jahren das Land verlassen hat, nach München. Wer die Stufen der neuen Arena am Rande der Stadt nach oben steigt und die Augen zukneift, kann das Zeltdach des alten Olympiastadions erkennen, als gleißende Erinnerung am Horizont. Als Ansporn, als Auftrag. Dort hat Gerd Müller im Sommer 1974 sein 2:1 gegen die Niederlande erzielt. Dort war der deutsche Fußball mal groß. Und dort war Deutschland mal lässig.

In der Arena wärmte die Sonne die Luft und die Farben, Bundespräsident Köhler streute ein paar Hauptsätze unters Volk, Claudia Schiffer gab die Stadionloreley, und Herbert Grönemeyer knödelte sein WM-Lied. Da flog kurz ein Gedanke vorbei: Sogar an einem Abend wie diesem ist eine Weltmeisterschaft eigentlich nur ein Ereignis in einem einzelnen Stadion. Der Rest ist Fantasie, Anteilnahme, Einbildung.

Wie ein großes Gefühl hat sich die WM übers Land gesenkt, jeder spürt sie, auch wenn die meisten Bewohner des Gastlandes – ebenso wie der Rest der Welt – die 64 Spiele nur im Fernsehen mitbekommen. Also versammelt man sich auf den Straßen und in Parks, um gemeinsam Fußball zu schauen und um Kerner und Jauch dabei zuzuschauen, wie sie die Zeit zwischen den Spielen wegmoderieren. Sogar Kerner und Jauch kriegen die WM nur im Fernsehen mit, auf den Leinwänden an den Standorten von ZDF und RTL.

Das Eröffnungsspiel wurde weltweit von 1,5 Milliarden Menschen gesehen. Der Papst hat das Spiel verpasst, er musste zu einer Audienz. Freudig aber habe er die Nachricht des deutschen Siegs vernommen, heißt es aus Rom. In Deutschland hatte die Übertragung einen Marktanteil von 75 Prozent. Auch Spiele ohne deutsche Beteiligung erreichten Einschaltquoten wie sonst nur Wetten dass. Dass die WM in Deutschland spielt, bemerkt man vor allem an einem Gefühl, das scheinbar alle erfasst hat (und die, die es nicht ereilt hat, regen sich darüber ebenso leidenschaftlich auf).

Leute, die sich nicht kennen, fragen sich, wie »das« Spiel ausgegangen ist, meistens wissen alle, von welchem gerade die Rede ist. Man hört oft den Satz: Weil es das letzte Mal sein wird, dass ich so etwas in Deutschland erleben werde. Käsebleiche Mädchen riskieren – mit kaum mehr als einer brasilianischen Flagge bekleidet – schwere Sonnenbrände. Berlin riecht nach Bratwurst, Unter den Linden nutzen Hütchenspieler ihre WM-Chance. In Prenzlauer Berg sorgt sich der Nachtwächter einer Obdachlosenunterkunft: »Seit der WM werden unsere ganzen Alkis wieder rückfällig, aber kann ihnen ja auch keiner übel nehmen.« Und ein paar Schritte weiter sagt ein kleines Mädchen auf dem Fahrrad zu seiner Freundin: »Guckst du auch We-Ämm?« Argentinier drehen sich nach blonden deutschen Frauen um, deren Männer drehen sich nach Argentinierinnen um. Und der türkische Kioskbesitzer in Kreuzberg hat sich eine Deutschlandfahne über den Eingang gehängt.

Das 2 : 1 für Costa Rica fällt im ICE von Hamburg nach Stuttgart

Die deutsche Flagge hat sich in diesen Tagen verwandelt in alles, was möglich ist: Stoffgürtel an den Hüfthosen junger Mädchen am Hauptbahnhof von Mannheim. Eine Krawatte am Hals eines Geschäftsmannes im ICE von Hamburg nach Hannover. Sombreros auf den Köpfen mexikanischer Fans. Papierfähnchen sowieso. Und natürlich auf Haut gemalt, auf unzähligen speckigen Kinderbacken und Kinderhändchen.

In einem Vorort von Hamburg rollt Justus, 4, in eine Deutschlandflagge eingewickelt auf dem Wohnzimmerboden herum. Welchen Spieler magst du am meisten? »Keinen.« – »Justus«, sagt sein Vater Nils Cremer, »man erlebt nur einmal im Leben die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Also pass gut auf.« Schon in der 6. Minute will Justus lieber Memory spielen.

Und was passiert im Rest des Landes? In einem ziemlich vollen ICE von Hamburg nach Stuttgart verspricht sich in der 20. Spielminute der Zugführer und gibt ein 2:1 für Costa Rica durch, keiner fällt ihn Ohnmacht, kein Aufschrei, nichts. Der Zugführer entschuldigt sich mehrfach für seinen Versprecher, aber keiner scheint seelischen Schaden genommen zu haben.

Im Café King in Berlin freut man sich über das gute Geschäft

In Berlin-Grunewald, da, wo die deutsche Mannschaft wohnt, ist es später am Abend ganz still. Die Nationalmannschaft ist nicht zu Hause, sie hat gerade in München ihr erstes Spiel gewonnen. Kein Licht hinter den Fenstern der Villen und Wohnungen in der Brahmsstraße. Auf den Bürgersteigen stehen rot-weiße Absperrgitter. Auf der einen Seite eine Hand voll Fans, auf der anderen Seite die Journalisten. Dazwischen Spaziergänger mit über die Schulter gelegten Pullovern. »Ach, wir sind hier nur mal gerade so vorbeigegangen.« Fan-Understatement in Grunewald.

Stippvisite im Café King, später am Abend. Der Taxifahrer weiß Bescheid: »Das ist doch da, wo die Spiele entschieden werden.« Hier haben der Schiedsrichter Robert Hoyzer und der Großzocker Ante Sapina die Ergebnisse von Amateur- und Pokalspielen manipuliert. Auftritt Milan, der älteste der Sapina-Brüder. Er setzt sich an einen der Tische, während er den halben Laden begrüßt, Drinks bestellt und ein paar seiner Jungs herbeischnipst, damit sie die kroatischen Fahnen holen. »Der Laden läuft gut, nach dem ganzen Stress vielleicht sogar noch besser«, sagt er. Während der WM hat das Café auch einen Verkaufsstand auf dem Kurfürstendamm. »King is famous«, sagt ein Gast an der Theke mit kroatischem Fußballtrikot über den berüchtigten Ort, an dem der deutsche Fußball seine Unschuld verlor.

Natürlich ist die WM in Deutschland auch ein Akt nationaler Selbstdefinition.

In diesen Wochen fährt jener Zug durch Deutschland, der am 5. Juli 1954 Herbergers Helden von Bern nach München gebracht hat, der sagenumwobene VT 08. Am 11. Juni 2006 fuhr er von Celle nach Köln, mit 147 afrikanisch beflaggten Niedersachsen, die Angola bei seinem ersten WM-Spiel gegen Portugal wie Weltmeister feiern wollten.

In Hannover steigen zwei Angolaner zu: Matens Mendonça, Bäcker aus Luanda, und Tito de Almeida, der eine Dokumentation des angolanischen Fußballwunders dreht. Denn ein Wunder ist es, dass sich die Mannschaft nach Jahrzehnten Bürgerkrieg zur WM gekickt hat.

Minden, Porta Westfalica, Hamm… Überall winken, johlen, knipsen Déjà-vu-verwirrte Menschen. In Solingen-Ohligs annonciert der Bahnhofssprecher die Reisegruppe als »Mannschaft Portugals«. Ein Mann ist schweißgebadet, Bernd Nitsche, Sportchef von Celle. Er hat Angolas Mannschaft in die Stadt geholt, erfüllt den Gästen jeden Wunsch. Er hatte selbst nur einen: Angolas Fußballverband möge aus seinem Kontingent 147 Tickets für das heutige Spiel abgeben. Schon vor Wochen sagte man ihm zu. Statt der Tickets trafen Vertröstungen ein. Jetzt steht Nitsche per Handy in Dauerverhandlungen mit Dr. Joao Mario B., der die Karten hat beziehungsweise einen Mr. X erwartet, welchen Dr. B. gut kennt oder nicht ganz so gut, wobei die Karten sich noch im Hotel befänden, aber sofort kämen, vielmehr etwas später, da Mr. X gerade essen sei.

Köln. Seit drei Stunden braten 147 lammsgeduldige Celler vor dem Stadion, mit schwindender Hoffnung auf das Spiel. Endlich gesteht Dr. B fernmündlich: keine Tickets. Mr. X habe sie meistbietend verhökert. »Ich schäme mich«, sagt, mit nassen Augen, ein Angolaner, der auch draußen bleiben muss. »Das ist Angola! Das ist Schande!« Der Schwarzmarkt blüht.

In einem Garten ein paar hundert Kilometer weiter nördlich, in Behlendorf, nahe Ratzeburg, sitzt Günter Grass unter einem Nussbaum, Mücken schwirren, eine Hornisse torkelt umher, auf dem Tisch steht Cidre, und im Haus läuft der Fernseher. Der Nobelpreisträger hält als Fußballfan meist zu den Kleinen, den Außenseitern, das ist keine große Überraschung, das tut er auch als Schriftsteller. Zuletzt selbst gespielt hat er vor fast 30 Jahren, auf Linksaußen naturgemäß, so engagiert, dass danach seine Beine anschwollen. Seitdem ist er vor allem Fernsehfußballer, und besser hätte die WM für ihn nicht liegen können. Das neue Buch ist fertig, genug Zeit also, sich an Philipp Lahm zu freuen (auch er ein Kleiner). Die Einladung einer Bank zum Eröffnungsspiel hat er zwar ausgeschlagen, »so was mache ich nie«. Aber ins Stadion wird der fast 80-Jährige auch noch kommen: Er hat nichtkorrumpierende Tickets für sich und seine Frau, Achtelfinale in Hannover, vielleicht mit deutscher Beteiligung. »Das werden wir doch erreichen, oder?«

Entspannter Patriotismus, das waren die Worte der Woche. Für Deutschland zu sein, sich ein Fähnchen zu kaufen, hat plötzlich etwas Idealistisches. Denn in seiner Mitte, in seinem politischen Zentrum, erinnert das Gastgeberland eher an eine Weltausstellung. Weithin sichtbar hat die Hauptstadt sich auf den Fußball eingelassen, recht schamlos durfte sich der Kommerz der Symbole der Kapitale bedienen. Die Telekom hat die schöne Sputnikkugel des Fernsehturmes zum Fußball umlackiert, adidas hat vor dem Reichstag das Olympiastadion nachgebaut, Platz für 10000 Menschen, die darin Tag für Tag bis Mitternacht zwei Leinwände anschreien und für die nächsten vier Wochen alle politischen Debatten übertönen. Gibt es überhaupt noch welche?

In München darf André Heller nicht zur Prominenten-Fifa-Party

Wenn sogar ein Regierungsviertel leer geräumt wird, kann das nur zweierlei bedeuten: Entweder die Weltmeisterschaft heißt völlig zu Recht nicht Weltmeisterschaft, sondern »2006 Fifa World Cup Germany TM«, wie der Weltfußballverband dies verfügt hat – dann muss der Gastgeber natürlich mitmachen und knallharte Standortpolitik betreiben, zugunsten der Trademark Germany. Oder der Fußball ist endgültig in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen, und da hat er sich nun breit gemacht, auch auf der Wiese vor dem Reichstag, auf der bis vor Wochen Kicken verboten war – bis adidas kam, Bäume fällte, ein paar Tore aufstellte und Musik aufdrehte. Wenige Tage WM haben gereicht, um zu erahnen, dass beides stimmt. Letztes Jahr war Deutschland zwar auch nicht sonderlich katholisch, aber es war Papst. Dieses Jahr ist Deutschland Weltmeisterschaft, obwohl es vor ein paar Tagen noch so WM-müde war.

Beim Eröffnungsspiel in München klingt es, als würde 2006 als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem die Deutschen wieder so ungeniert ihre Hymne sangen. Jedes einzelne Wort ist zu hören im Stadionrund, die Fans singen die Nationalhymne lauter, als die Kapelle spielt. Und unten auf dem Rasen zermalmt Torwart Jens Lehmann diesen großen Augenblick – auch seiner Karriere – auf einem Kaugummi. Auf den Rängen macht das Volk Fotos und verteilt liebkosende »Is« an Poldi, Schweini, Klinsi. Dann beginnt sie mit einem simplen Schiedsrichterpfiff, diese »2006 Fifa World Cup Germany TM«. Und die deutsche Elf spielt exakt so, wie sich das Land mittlerweile versteht: nicht mehr dröge, perfektionistisch und freudlos, sondern freudig, forsch – und fehlerhaft. Und vielleicht gerade deshalb sympathisch. Oben am Himmel sieht ein einsames Wölkchen zu, dann fallen sechs Tore, vier da, zwei dort, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch. Vielleicht liegt alles aber auch einfach nur daran, dass an diesem ersten Tag nicht nur die WM nach Deutschland kommt, sondern auch der Sommer.

Es ist fast Mitternacht, als der Bus mit der Mannschaft wieder in die Brahmsstraße in Grunewald einbiegt. Gut sichtbar Klinsmann, ganz vorne gleich neben dem Fahrer. Kleiner Applaus der Fans. Die Spieler steigen einer nach dem anderen aus, frisch geduscht. Der Klassenausflug ist vorbei, und der Gruppenleiter hat gesagt, sie sollen alle ganz schnell ins Bett gehen. Im Hoteleingang steht die Belegschaft mit Deutschlandfahnen Spalier (das Wedeln wurde vorher ausgiebig geübt). Einer nach dem anderen verschwindet durch das Tor, nur Lukas Podolski hat ein Herz und kommt zum Gitter. Dann kommt Schweini, und schließlich dreht sich auch Oliver Kahn noch mal um und zieht seinen Rollkoffer in Richtung Fans, um ein paar Autogramme auf T-Shirts zu schreiben. »Alter, nicht auf den Kragen«, sagt einer.

Bei Heller im Keller des Bayerischen Hofes wurden etwa zur selben Zeit chinesische Glückskekse gereicht. Er habe bei den »Halbprominenten« gesessen, Leuten »wie Harald Schmidt«, berichtete Heller, die wahre Prominenz sei ja weithin unbekannt, »wer erkennt schon Fifa-Funktionäre?«. Einmal wird er ihnen noch begegnen, beim Finale in Berlin. Dort gibt es noch mal ein paar Sequenzen Heller zum Abschluss des Turniers, vor dem letzten großen Match. Er will nicht, dass der Eindruck entsteht, er habe mit dieser WM bereits abgeschlossen, er hat noch einen Job zu erledigen. Dann öffnete er sein Orakelkeks: »You are a practical person with your feet on the ground.« Heller lächelte. »Ich glaube«, sagte er, »diese Keksproduktion können sie wieder einstampfen.«

Dann ging er schlafen. An der Fifa-Party vorbei, auf sein Zimmer. Die Etablierten hatten ihn zu ihrem Fest nicht eingeladen. Vielleicht hatten sie ein schlechtes Gewissen, schließlich haben sie ihm auch die kurze Schlussfeier noch zusammengestrichen. Zum Beispiel hätten eigentlich 500 Südafrikaner den Rasen stürmen sollen, den Ball von den Deutschen aufnehmen, um ihn 2010 in ihrer Heimat wieder ins Spiel zu bringen. Heller sagt: »Wir hatten viel vor.« Was von seinen Plänen übrig geblieben ist, das wollte er nicht verraten.

Christoph Dieckmann, Heike Faller, Meike Fries, Johanna Lühr, Moritz Müller-Wirth, Christof Siemes, Henning Sussebach

 
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