Geografie
Wenn Katrina kommt
Spätestens seit den verheerenden Hurrikans braucht alle Welt die Geografen. Ihr Fach hat Konjunktur
Die Bedeutung der Geografie? Elmar Kulke kann sie mit einem Wort erklären: »Katrina!« Im August vergangenen Jahres verwüstete der Hurrikan die amerikanische Südstaatenmetropole New Orleans. »Bei größerem geografischem Sachverstand wäre die Katastrophe zu verhindern gewesen«, sagt Kulke, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geographie. Sein Fach beantworte wie kein anderes die großen Fragen unserer Zeit.
Und tatsächlich: Im Zeichen der Globalisierung von Wirtschaft, Kultur und Terror wächst das Interesse der Öffentlichkeit an Geografie. Ob Klimaerwärmung, Überbevölkerung oder Armut in der Dritten Welt, Geografen sind gefragte Gesprächspartner. »Das Stadt-Land-Fluss-Image haben wir abgelegt«, sagt Beate Ratter, Geografieprofessorin an der Universität Mainz. Geografen hätten lange Zeit versäumt, etwas für ihren Ruf zu tun, sagt Ratter. Dadurch sei in der Öffentlichkeit das Bild eines Geografen entstanden, der wie im Erdkunde-Unterricht Hauptstädte afrikanischer Kleinstaaten pauke.
In der Praxis aber ist Geografie ein feines Amalgam aus Natur- und Geisteswissenschaft. Geografen betrachten Probleme ganzheitlich. Im Kern geht es ihnen um die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt, Technik und Natur. Ihre zentrale Größe ist der Raum: wie der Mensch ihn formt und durch ihn geformt wird. Wenn die Elbe in Ostdeutschland Dörfer und Städte überschwemmt, fragen Geografen nicht nur nach den ökologischen Gründen. Sie beschäftigen sich ebenso mit den Folgen: Leidet die Wirtschaft? Wandern Menschen ab? Bleiben Touristen aus? »Geografen denken interdisziplinär. Das ist ihre Stärke«, sagt Ratter.
Die Uni Bonn bekommt Bestnoten
Zwei Zweige bestimmen das Fach: die Physische Geografie und die Humangeografie. Die Physische Geografie beschreibt und erklärt die Natur: Warum verändert sich das Klima? Wie entsteht ein Tsunami? Die Humangeografie richtet den Blick auf den Menschen und die Gesellschaft: Wie leben junge Türken in Deutschland? Welchen Einfluss hat China auf die Welt? Das Grundstudium vermittelt Kenntnisse aus beiden Gebieten. Erst im Hauptstudium spezialisieren sich die Studenten.
»Humangeografen und Physische Geografen haben zu lange im eigenen Saft geschmort«, kritisiert Werner Gamerith, Geografieprofessor an der Universität Passau und zweiter Vorsitzender des Verbandes der Geographen an deutschen Hochschulen. »Damit war niemandem geholfen.« Angesichts der globalen Umweltveränderungen sei es wichtig, die Wechselwirkung zwischen Natur und Gesellschaft zu begreifen.
Elmar Kulke hofft, die Umstellung auf Bachelor und Master werde diesen Ansatz fördern. Noch haben längst nicht alle Universitäten die neuen Abschlüsse eingeführt, aber spätestens 2010 soll es einen deutschlandweit einheitlichen Geografie-Bachelor geben. Gleiche Standards für Geografiestudenten in ganz Deutschland, das wäre ein Novum. »Der Bachelor sichert den Studenten ein solides Grundwissen«, sagt Kulke. Der Masterstudiengang dient der Vertiefung. Schon jetzt lockt die Universität Tübingen mit dem Schwerpunkt »Geografie der Entwicklungsländer«, während Bremen auf Stadt- und Regionalentwicklung setzt. Matthias Winiger, Geografieprofessor und Rektor der Universität Bonn, wünscht sich Absolventen, die in der Breite und in der Tiefe gebildet sind. »Interdisziplinarität ist wichtig. Aber nicht minder wichtig ist, auf einem Gebiet Experte zu sein. Ob Klimatologie, Stadtgeografie oder Geomorphologie – Fachwissen zählt.«
Im Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) und der ZEIT erhält Winigers Universität durchweg Bestnoten. Als einzige Hochschule überzeugt Bonn Studenten wie Professoren gleichermaßen. Bei Studenten beliebt sind zudem die Universitäten in Bayreuth, Eichstätt, Freiburg, Greifswald, Kiel, Mainz, Marburg, Münster, Osnabrück, Würzburg und Zürich. Von Professoren überdurchschnittlich oft empfohlen wird neben Bonn die Universität Bern.
Olivia Haggenmüller, 25, studiert im zehnten Semester Geografie in Mainz und ist begeistert. »Das Fach bietet alles«, sagt sie. »Naturwissenschaft, Politik, Kultur, engagierte Professoren und jede Menge Praxis.« Dreizehn Semester brauchen Geografiestudenten im Durchschnitt bis zum Examen, die neuen Abschlüsse könnten das Studium beschleunigen. Exkursionen sind an vielen Universitäten bereits jetzt Alltag. Haggenmüller und ihre Kommilitonen reisten für mehrere Tage nach Straßburg, Berlin und Frankfurt. In der Eifel untersuchten sie vulkanisches Gestein, und in Bad Tölz prüften sie, welche Auswirkungen die Fernsehserie Der Bulle von Tölz auf den örtlichen Tourismus hat.
Exkursionen an exotische Orte gehören zum Studium
Die obligatorische Große Exkursion führte Olivia Haggenmüller in die Karibik. Im März forschte sie mit 18 Kommilitonen, einer Doktorandin und ihrer Professorin drei Wochen lang in Guyana. Die Gruppe besuchte Dörfer der guyanischen Ureinwohner, sprach mit Reisbauern und traf den guyanischen Tourismusminister. »Drei Wochen Karibik klingt nach Urlaub, war aber harte Arbeit.« Guyana ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. »Von 200 Akademikern verlassen 180 das Land – das ist Wahnsinn«, sagt Haggenmüller. Ihre Diplomarbeit will sie nun über guyanische Emigranten schreiben, später als Entwicklungshelferin arbeiten. Praktika im Hamburger Übersee-Institut und in einem Wirtschaftsbüro in China hat sie bereits absolviert.
»Geografen, die schon während des Studiums Berufserfahrung sammeln, haben später gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt«, sagt Beate Raabe vom Arbeitsmarkt-Informationsservice der Bundesagentur für Arbeit (AMS). Zwar sind Stellenanzeigen, die sich ausdrücklich an Geografen richten, weiter rar, aber Personalchefs großer Konzerne schätzen den ganzheitlichen Blick der Geografie-Absolventen. Für Berufseinsteiger bedeutet das: Ingenieurbüros, Städteplaner und Umweltverbände sind immer noch wichtige Arbeitgeber, aber Möglichkeiten tun sich zunehmend auch in Unternehmensberatungen, Versicherungen oder internationalen Organisationen auf. Gute Aussichten hat derjenige, der sich im Studium intensiv mit geografischen Informationssystemen beschäftigt hat. Die digitale Verarbeitung raumbezogener Daten ist ein wachsender Markt. Gefragt sind Geoinformatiker nicht nur bei Software-Firmen, sondern auch bei Unternehmen, die mit diesen Systemen arbeiten. Geografiestudenten könnten folglich optimistischer in die Zukunft blicken als in der Vergangenheit, sagt Raabe: »Geografen sind begehrt wie nie zuvor.«
- Datum 19.10.2006 - 05:33 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.06.2006
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