Väter auf neuen Wegen Der Alleinerziehende
Die Nachbarn halfen Gregor Gysi oft bei der Betreuung seines Sohnes
Ohne seinen Sohn George wäre er verlottert, sagt Gregor Gysi. Einkaufen, waschen, aufräumen, den Alltag strukturieren – all das hat er erst so richtig als alleinerziehender Vater gelernt. »Ein Kind will jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit Frühstück, allein das bringt schon eine gewisse Ordnung ins Leben«, sagt er.
George wurde 1970 geboren, zwei Jahre nach der Geburt trennten sich die Eltern, der Sohn blieb beim Vater. Gysi war also vor allem zu DDR-Zeiten alleinerziehend – dort aber mit dieser Rolle genauso ein Exot wie alleinstehende Väter in Westdeutschland. »Als Mann mit Kind hat man im Vergleich zu Frauen in der gleichen Situation große Vorteile und große Nachteile«, sagt er. Ein Vorteil sei, dass viel mehr Hilfe angeboten werde. Oft hätten ihm etwa Nachbarn vorgeschlagen, sich um den kleinen Jungen zu kümmern, wenn es für Gysi, der damals als Anwalt arbeitete, mal eng mit den Terminen gewesen sei. »Im gleichen Haus wohnte eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, bei der keiner auf die Idee kam, dass sie Hilfe braucht, und die von der gleichen Unterstützung nur träumen konnte«, erinnert sich Gysi, der sich heute mit Oskar Lafontaine den Fraktionsvorsitz der Linkspartei im Bundestag teilt.
Zu den Nachteilen zählt Gysi, »dass man bei einem Mann die Verpflichtungen als Vater einfach nicht ernst nahm«. Einmal erklärte er einem Richter in einem Verfahren, dass er um 16 Uhr den Saal verlassen müsse, um seinen Sohn von der Kita abzuholen. Der Richter ignorierte das und wollte die Verhandlung einfach fortsetzen – bis Gysi seine Aktentasche packte und ging. Mehrfach hat er vor Gericht Väter vertreten, die um das Erziehungsrecht für Kinder stritten, jedes Mal hat er dabei ein knappes Dutzend Zeugen aufbieten müssen, viel mehr als bei vergleichbaren Klagen von Müttern.
Und heute? Sohn George ist längst erwachsen. Gysi, 58, ist vor elf Jahren nochmals Vater geworden und erzählt, wie viele Väter in seinem Alter, dass er die Kindheit seiner Tocher Anna teilweise bewusster erlebe. Helfen die Vätermonate im neuen Elterngeld-Gesetz also den Familien, weil sie mehr Männern diese Chance bieten?
Gysi hält die Väter-Regel für eine gute Sache. Er findet es sogar richtig, dass das Elterngeld vom Einkommen abhängt und damit insbesondere Gutverdienenden nützt: »Auch für die Ärztin soll es leichter werden, nach der Geburt zu Hause zu bleiben.« Die Linkspartei ist allerdings dagegen, das Elterngeld teilweise durch Kürzungen beim Erziehungsgeld für Geringverdiener zu finanzieren, das nun statt maximal drei nur noch ein Jahr lang gezahlt wird. Nur die Grundidee des ganzen Gesetzes hält er für falsch: »Es ist völlig illusorisch, zu glauben, dass der Staat mit Geld mehr Geburten hervorbringen kann. (nia)
- Datum 13.06.2006 - 08:25 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.06.2006
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