Handke-Streit : Konsequenz ist keine Kunst

Peter Handke will den Heine-Preis nicht mehr haben. Aber die Fragen bleiben: Dürfen große Dichter groß irren? Gibt es eine Diktatur der political correctness? Und was wird aus dem Preis? Ein Gespräch mit Günter Grass

ZEIT: Herr Grass, Sie haben einschlägige Erfahrung mit Literaturpreisen, die zuerkannt, aber aus politischen Gründen nicht vergeben werden. Der Schriftsteller Günter Grass fordert eine neue Konstruktion für die Vergabe des Heine-Preises und kritisiert Handkes Starrsinn BILD

Günter Grass: Das kann man wohl sagen.

ZEIT: Ihnen wurde 1960 von einer unabhängigen Jury der Bremer Literaturpreis zugesprochen, aber der Senat stellte sich dagegen. Ist der Streit um den Heine-Preis für Sie ein Déjà-vu?

Grass: Der Grund der Ablehnung ist nicht vergleichbar. Damals wurde mir vorgeworfen, die Blechtrommel sei pornografisch. Aber die Misere ist geblieben: Eine kompetente Jury spricht einen Preis zu, und ein politisches Gremium entscheidet, ob der Preis überhaupt vergeben wird. Das ist eine Konstruktion, von der man nur hoffen kann, dass sie so verändert wird, wie man das damals in Bremen getan hat: Dort wird der Preis seither von einer Stiftung vergeben. Vergleichbar ist auch die fehlende Kompetenz in den Jurys. Auch in Bremen gab es Senatoren, die zugaben, mein Buch überhaupt nicht gelesen zu haben.

ZEIT: Aber hat nicht das politische Gremium, das immerhin 50000 Euro aus Steuermitteln vergibt, auch eine Verantwortung und muss eine in seinen Augen falsche Entscheidung revidieren dürfen?

Grass: Aber wie kann ein Stadtparlament kompetent sein, ein Fehlurteil überhaupt zu erkennen? Handkes Entscheidung jetzt, den Preis nicht anzunehmen, ist völlig richtig. Ich bin mit ihm in der Einschätzung Miloševićs und Serbiens weiß Gott nicht einer Meinung. Er hat sich verrannt. Aber bei diesem Thema gibt es bis heute auch eine ganze Reihe Tabus. Zum Beispiel die Mitschuld der europäischen Staaten an dem Desaster in Jugoslawien. Niemand wagt es auf politischer Seite, die Bundesrepublik – damals unter Kohl und Genscher – mitverantwortlich zu machen. Obwohl sie ohne jeden Grund und voreilig Slowenien und Kroatien anerkannt hat. Das haben dann in einseitiger Parteinahme Frankreich und die USA für Serbien gemacht. Ohne diese Rückenstütze wäre dieser Wahnsinnige, anders kann ich Milošević mit seinem großserbischen Traum nicht nennen, nie zum Zuge gekommen. Gemessen an den Folgen dieser Fehlentscheidungen, ist Handkes Fehlurteil ein Klacks.

ZEIT: Aber war er die richtige Wahl für einen Preis, der ausdrücklich Persönlichkeiten ehren soll, »die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten«?

Kommentare

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Manchmal ist Konsequenz eine grosse Kunst, Herr Grass

Grass hat grosse Verdienst und ist ein grosser Literat. Sein Buch "Ein weites Feld" war voll von dem, was man durchaus "politischen Unsinn" nennen könnte - es ist dennoch ein veritables Kunstwerk, obwohl (weil?) er dort das Schreckgespenst eines neuen deutschen Nationalismus entwirft, welches bereits seinerzeit nur ein Zerrbild altlinker Gesinnung war.

Was er nun sich anmasst Handke zu unterstellen, ist fast bösartig. Natürlich hat er recht, dass der Dichter nicht per se die Weisheit gepachtet hat und durchaus irren kann, aber die Frage, worin denn Handke irrt, beantwortet Grass erst gar nicht. Er macht bei Handke eine Sympathie für Milosevic aus, die dieser niemals derart geäussert hat (wer den Daimiel-Text genau liest, wird, nein muss, Handkes Distanz sehr genau erkennen). Hat der Alte da tatsächlich alles gelesen oder verlässt er sich allzu sehr auf die Feuilletons?

Nebenbei heisst es, Handke habe "immer die Neigung gehabt, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen". Leider blieb die Gegenfrage aus: Was bedeutet denn immer? Worin zeigt sich denn der "Unsinn"? Und: Wer definiert das?

Ausgerechnet Grass, der sehr schnell zu Verallgemeinerungen neigt, wenn es um so etwas wie Mainstream in politischen / feuilletonistischen Diskursen geht, sieht keinen "Meinungsterror" (fürwahr ein grosses Wort). Auf die Diskreditierungsversuche Handkes in Frankreich, was sein Stück "Das Spiel vom Fragen" angeht, äussert sich der Vielunterzeichner Grass nicht.

All zu rasch postuliert Grass sein (immer schon gebügeltes) Urteil: Die Jury hat eine Fehlentscheidung getroffen. Wie heisst es aber in seiner neulich so emphatisch begrüssten Rede:

Zitat
Als seine [Harold Pinters] bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen. Jemand, ein Schriftsteller, einer von uns, hatte in friedloser Welt vom Recht der Anklage Gebrauch gemacht.
Zitat Ende

Pinter, der übrigens im wesentlichen eine ähnliche Sicht auf die jugoslawischen Kriege hat wie Handke, wird "in den Himmel" gehoben - Handke verteufelt. Abermals: Wer hat denn da seine Schulaufgaben nicht gemacht? Oder: Wo ist die Konsequenz? Ach ja: "Konsequenz allein ist keine Kunst".

Manchmal doch, Herr Grass. Manchmal ist es eine sehr grosse Kunst.

\N

"Niemand wagt es auf politischer Seite, die Bundesrepublik – damals unter Kohl und Genscher – mitverantwortlich zu machen. Obwohl sie ohne jeden Grund und voreilig Slowenien und Kroatien anerkannt hat."

Als die Bundesrepublik im Dezember 1991 Kroatien anerkannte, tobte auf kroatischem Gebiet schon seit einem halben Jahr Krieg, das Parlamentsgebäude war mit Raketen beschossen worden. Aber das haben sicher auch alles Kohl und Genscher zu verantworten, Herr Grass.

Handke zeigt Charakter

Warum erregen sich unsere Politiker so über Handke’s Position zu Serbien und zu auch seinen ehemaligen Präsident Milosevic?

Sicher ist für mich, das da noch ein Grossteil des letzten Jugoslawienkrieges seiner Vorgeschichte und dem Anteil auch unserer Politiker (Kinkel, Genscher, Kohl u.a.) überhaupt noch nicht aufgearbeitet worden ist.
Nicht umsonst ist damals unser Minister Christian Schwarz-Schilling unter Protest aus der Regierung Kohl ausgeschieden und hat sich in Bosnien als Friedensaktivist eingesetzt. Auch wenn wir wieder in den Urlaub fahren nach Rest-Jugoslawien, so ist auch heute noch längst nicht alles ausgeheilt. Wer sich jetzt immer noch über die Greuel / Vergewaltigungen / Ermordungen mancher Serben an vielen Koaten u.a. erregt, ist schlicht nicht informiert über das Unheil der (kroatischen) Faschisten im 2. Weltkrieg (oder hält fest ein Auge zu).

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Kurzer Hinweis:
Nach dem Überfall Deutschlands auf das Königreich Jugoslawien am 6. April 1941 marschierte am 10. April 1941 die Deutsche Wehrmacht in Zagreb ein. Mit deutscher Unterstützung rief die Ustaša den Unabhängigen Staat Kroatien (Nezavisna drzava Hrvatska/NDH) aus und errichtete eine faschistische Diktatur unter Ante Pavelic, die Serben (hunderttausende!!), Juden, Roma und kroatische Antifaschisten systematisch verfolgte und ermordete. Demokratische Wahlen, die das Ustaša-Regime vor dem kroatischen Volk legitimiert hätten, wurden nicht abgehalten.

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Mir liegen 2 Bücher vor, vom Russel-Tribunal (hoch angesehene internationale Friedensaktivisten) über die Vorgänge im Jugoslawien der 40er Jahre mit Hunderten detaillierten Dokumenten/Bildern/Zeitzeugen aus Quellen, die Tito bis zu seinem Tod unter Verschluss gehalten hatte, um das Land zusammenzuhalten.

Die Bücher beschreiben akribisch die Verbrechen und Zusammenhänge, die an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Und die enge Mitarbeit der röm-kath. Kirche. Gemessen daran sind die bisher bekannten Verbrechen unter Milosevic verständlich, als späte (fast kleine) Rache der früher Verfolgten.

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Warum schreibe ich dieses?

Ich möchte das wirklich Frieden in die Situation einkehrt. Und das kann am besten geschehen, durch Aufklärung und nicht durch unter den Teppich kehren (oder nur total einseitige Sicht). Leider wiederholt sich Geschichte (auch mit großer Verzögerung) bis wirklich alles gesühnt ist. Auch wenn der „Sieger“ das neue Geschichtsbuch definiert (Angenehmes hinzufügt, Unangenehmes entfernt). Und auch die Gleichschaltung der Medien machen es nicht immer einfach.

Ohne den Konflikt um die Vormachtstellung zwischen den Kirchen röm.-kath. (Kroatien), orhodox/Ost-K. (Serbien) und Muslimen (Bosnien-Herzegowina) zu betrachten, kann man die Situation kaum verstehen / befrieden.

Ich möchte nicht Partei ergreifen, nur für eine Volkgruppe, sondern für das Menschsein an sich. Die (oft schmerzhafte) Aufarbeitung unser eigenen jungen dt. Geschichte zeigt mit wie wertvoll Aufklärung zur Friedenssicherung / Versöhnung ist.

Insofern möchte ich Handke danken, das er hartnäckig eine Gegenposition zu unserer Geschichtsklitterung bezogen hat.

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Abschied von all dem

Bitte liebe Freunde lasst uns doch endlich Abschied nehmen von all diesem Kulturzirkus.
Meine Generation kann mit all dem nichts mehr anfangen. Wer das Neue will muss erst einmal vom alten Abschied nehmen.
Was ist das Alte ... Es sind auf der einen Seite die unter dem Late Night Wahn Abgestumpften, die agieren als wissen sie seit ihrer Geburt das alles nur aus Clichés und Hype besteht und für die alles deswegen leer und absurd ist und gerade deswegen soviel Fun. (Dazu gehört auch ein großer Teil der angeblichen Kulturschaffenden in diesem Land.)
Auf der anderen Seite sind da die Hüter eines falschen Grals, eines Geniekultes oder einer Selbstgefälligkeit, kurz die Etablierten im Kulturzirkus, die trotzdem die Rolle des Aussenseiters spielen, dadurch aber, ohne das sie das offensichtlich merken, gerade diesen ganzen Zirkus bestätigen.

Mit all dem ist bald Schluss : Es gilt eine Sache zu erkennen: Wenn wir Menschen jetzt nicht gerecht teilen auf diesem Planeten haben wir keine Zukunft. Lasst diese Selbstverliebten Positionierungen und sprecht das Wesentliche aus: Teilt untereinander und rettet die Welt.

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