Handke-StreitKonsequenz ist keine Kunst

Peter Handke will den Heine-Preis nicht mehr haben. Aber die Fragen bleiben: Dürfen große Dichter groß irren? Gibt es eine Diktatur der political correctness? Und was wird aus dem Preis? Ein Gespräch mit Günter Grass von Christoph Siemes

ZEIT: Herr Grass, Sie haben einschlägige Erfahrung mit Literaturpreisen, die zuerkannt, aber aus politischen Gründen nicht vergeben werden.

Günter Grass: Das kann man wohl sagen.

ZEIT: Ihnen wurde 1960 von einer unabhängigen Jury der Bremer Literaturpreis zugesprochen, aber der Senat stellte sich dagegen. Ist der Streit um den Heine-Preis für Sie ein Déjà-vu?

Grass: Der Grund der Ablehnung ist nicht vergleichbar. Damals wurde mir vorgeworfen, die Blechtrommel sei pornografisch. Aber die Misere ist geblieben: Eine kompetente Jury spricht einen Preis zu, und ein politisches Gremium entscheidet, ob der Preis überhaupt vergeben wird. Das ist eine Konstruktion, von der man nur hoffen kann, dass sie so verändert wird, wie man das damals in Bremen getan hat: Dort wird der Preis seither von einer Stiftung vergeben. Vergleichbar ist auch die fehlende Kompetenz in den Jurys. Auch in Bremen gab es Senatoren, die zugaben, mein Buch überhaupt nicht gelesen zu haben.

ZEIT: Aber hat nicht das politische Gremium, das immerhin 50000 Euro aus Steuermitteln vergibt, auch eine Verantwortung und muss eine in seinen Augen falsche Entscheidung revidieren dürfen?

Grass: Aber wie kann ein Stadtparlament kompetent sein, ein Fehlurteil überhaupt zu erkennen? Handkes Entscheidung jetzt, den Preis nicht anzunehmen, ist völlig richtig. Ich bin mit ihm in der Einschätzung Miloševićs und Serbiens weiß Gott nicht einer Meinung. Er hat sich verrannt. Aber bei diesem Thema gibt es bis heute auch eine ganze Reihe Tabus. Zum Beispiel die Mitschuld der europäischen Staaten an dem Desaster in Jugoslawien. Niemand wagt es auf politischer Seite, die Bundesrepublik – damals unter Kohl und Genscher – mitverantwortlich zu machen. Obwohl sie ohne jeden Grund und voreilig Slowenien und Kroatien anerkannt hat. Das haben dann in einseitiger Parteinahme Frankreich und die USA für Serbien gemacht. Ohne diese Rückenstütze wäre dieser Wahnsinnige, anders kann ich Milošević mit seinem großserbischen Traum nicht nennen, nie zum Zuge gekommen. Gemessen an den Folgen dieser Fehlentscheidungen, ist Handkes Fehlurteil ein Klacks.

ZEIT: Aber war er die richtige Wahl für einen Preis, der ausdrücklich Persönlichkeiten ehren soll, »die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten«?

Grass: Heine ist – wie Goethe übrigens auch – bis zu seinem Tod ein Anhänger Napoleons gewesen. Der Schrecken und der Terror, die Napoleon verbreitet hat, wie er die Armeen auf dem Weg nach Russland verheizt hat – das zählte bei seinen Bewunderern alles nicht. Nach heutigen Gesichtspunkten, unter denen man Handke wegen seiner unsinnigen, einseitigen Parteinahme für Serbien verurteilt, könnte man auch Heine verurteilen.

ZEIT: Dann wäre Handke also in jeder Hinsicht ein würdiger Heine-Preisträger gewesen.

Grass: Handke hat immer die Neigung gehabt, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen. Was ich an der gegenwärtigen Diskussion ablehne, ist diese Relativierung. Als könne man Schriftstellern das Recht auf Irrtum als eine besondere Gnade zugestehen. Botho Strauß hat etwas in dieser Richtung gesagt. Das halte ich für eine einseitige Zählweise. Es ist eine Sache, den Stab zu brechen über Autoren, die in ihrem Urteil über Diktaturen danebenlagen oder gar mitgemacht haben. Heidegger, Benn, Brecht und andere. Aber es hat auch genug Autoren gegeben, die nicht mitgemacht haben, die ein genaues Urteil hatten. Und zwar nicht nur, was den Faschismus, sondern auch, was den Kommunismus betraf. Denken Sie an Orwells Buch Mein Katalonien über den spanischen Bürgerkrieg: Er wurde später als linker Autor in England isoliert, weil er die Kommunisten innerhalb der republikanischen Front kritisiert hat wegen ihres Terrors hinter den eigenen Linien. Ich lebe ungern damit, dass man Schriftstellern eine Art Geniebonus zuspricht, der ihnen dann erlaubt, den größten und gemeingefährlichsten Unsinn mitzumachen.

ZEIT: Botho Strauß hat zur Verteidigung Handkes geschrieben, Schuld und Irrtum seien »Stigmata, mitunter sogar Stimulanzien der Größe«.

Grass: Das kann ich nur als aufgewärmten Geniekult bezeichnen. Natürlich sind Schuld und Versagen, egal in welchem Alter man sie auf sich geladen hat, im Nachhinein eine Stimulanz, ganz gewiss. Ich war bei Kriegsende 17 Jahre alt, und obwohl ich ein heller Junge war, habe ich bis zum Schluss an den Endsieg geglaubt. Eine Sache, die bis heute an mir nagt. Ohne dass ich mir daraus einen Strick drehe oder anderen erlauben würde, mir daraus einen zu drehen. Ich will nicht ausschließen, dass das permanente Nagen dieser Frage an mir eine Stimulanz für meine literarische Arbeit gewesen ist, bis in diese Tage hinein. Aber sie zur Voraussetzung zu machen oder es als eine höhere Gnade anzusehen, das lehne ich ab.

ZEIT: Handke und auch Strauß nehmen für sich in Anspruch, mit ihrem poetischen Blick die Welt klarer sehen zu können.

Grass: Handke ist ja weiß Gott ein Gegenbeweis für das Klarsehen. Er hat ja nun, obwohl alle Fakten gegen ihn sprachen, über Jahre hinweg mit einem, wenn man so will, bewundernswerten Starrsinn diese einseitige Position eingenommen. Unbelehrbar. Was ist daran klarsichtig? Dass man bestimmte Dinge im Nachhinein anders beurteilt, das betrifft auch mich. Ich bin für den Militärschlag gegen den serbischen Terror im Kosovo gewesen. Aber dann kam es unter Oberhoheit der Vereinigten Staaten jeden Tag zu den so genannten Kollateralschäden.

ZEIT: Was prädestiniert Schriftsteller zu einem Urteil über politische Vorgänge, die sie mitunter kaum genauer kennen als andere Bürger?

Grass: Ihr besonderer Blick auf die Verlierer von gesellschaftlichen Prozessen. Er kann ergänzende Einsichten zum Politischen beitragen. Weiter würde ich gar nicht gehen.

ZEIT: Sie betonen immer wieder, der Schriftsteller stehe aufseiten der Schutzlosen, der Opfer. Für Handke ist auch Milošević ein Opfer. Auch Ihr Kollege Martin Mosebach hat in der ZEIT geschrieben, die Position des Schriftstellers sei an der Seite des Verfemten. Es gibt aber auch zu Recht Verfemte. Sonst wäre ja der Roman, der unbedingt geschrieben werden müsste, einer, der Empathie für Hitler aufbringt.

Grass: Mosebach sagt aber auch, dass der rein Böse im Roman keine gute Figur macht. Auch im Umgang mit den führenden Personen des Nationalsozialismus hat es diese Tendenz gegeben, sie als das Böse an sich, als Karikaturen ihrer selbst darzustellen, bis zur Unglaubwürdigkeit. Aber um auf Milošević zurückzukommen: Ihn zähle ich nun nicht zu den anonymen, unbekannten Opfern von politischen Fehlentscheidungen. Die wahren Opfer liegen an verschiedenen Stellen verscharrt, in Srebrenica und anderswo.

ZEIT: Ist Milošević eine Figur, die Sie literarisch interessieren könnte?

Grass: Nein, nein, überhaupt nicht. Jemand, der eine der schlimmsten Niederlagen der Serben, die Schlacht auf dem Amselfeld, derartig politisiert…

ZEIT: Wie beurteilen Sie Handkes Besuch an seinem Grab?

Grass: Aus seiner Haltung heraus ist das konsequent. Aber das macht die Sache nicht klüger. Konsequenz allein ist auch noch keine poetische Qualität. Handke wollte ja auf der Preisverleihung über den Unterschied von poetischer und journalistischer Sprache reden. Ich halte diese Trennlinie für unfruchtbar. Das eine ist dem anderen gegenüber kein Qualitätsbeweis. Es gibt eine verquaste poetische Sprache, und es gibt eine verlogene journalistische Sprache.

ZEIT: Ist der Schriftsteller überhaupt der Gesellschaft Rechenschaft schuldig?

Grass: Handke wird ja Rechenschaft nicht für sein literarisches Werk abverlangt, sondern für seine politischen Ansichten. Das sind nichts anderes als Meinungen, die man nachweislich als falsch bezeichnen kann. Dieser Kritik muss er sich stellen.

ZEIT: Wieder ist die Rede davon, dass es in Deutschland eine Art moralischen Mainstream gibt, von dem man nicht abweichen darf. Gibt es eine solche Diktatur der Political Correctness?

Grass: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es gibt keinen Meinungsterror, aber Tabuisierungen, und da ist es schwer, eine Gegenmeinung zu formulieren, ohne gleich unter einen argumentfreien Verdacht gestellt zu werden. Als ich 1989/90 vorschlug, es zunächst mit einer Konföderation zu versuchen, war das ein Tabu. Es ging nur um Deutschland, einig Vaterland.

ZEIT: Sie konnten Ihre Position nicht äußern?

Grass: Äußern schon, aber es hat niemand mehr zugehört. Wenn man infrage stellte, was beschlossen wurde, galt man als Feind der deutschen Einheit. So wie auch jede Kritik an Amerika gleich als Antiamerikanismus diffamiert wird. Ein Totschlaginstrument.

ZEIT: Botho Strauß spricht in seiner Handke-Verteidigung vom »Gezücht der konsensitiv geschlossenen Öffentlichkeit«.

Grass: Die Debatte um diese Preisvergabe ist genau der Gegenbeweis dafür. Es ist von Anfang an sehr kontrovers diskutiert worden, und die Diskussion wird sicher weitergehen.

ZEIT: Ist es nicht nur natürlich, wenn eine Gesellschaft in heiklen Fragen einen Konsens sucht?

Grass: Ach Gott, Rülpsen ist auch natürlich.

ZEIT: Aber hat nicht Konsens in bestimmten Fragen auch sein Gutes, etwa in der Ablehnung und Verurteilung rechtsextremer Gedanken und Taten?

Grass: Ja, aber eine Diskussion darüber, wer dieses rechtsradikale Klima anheizt, ist nach wie vor tabuisiert. Für mich sind für das, was in Brandenburg, aber auch in Westdeutschland passiert, in erster Linie Leute wie Stoiber und andere verantwortlich. Sie haben mit ihren populistischen Maßnahmen die latente Fremdenfeindlichkeit stubenrein gemacht.

ZEIT: Wieso gibt es überhaupt den Wunsch nach der Einmischung der Dichter? Diese Sehnsucht nach Orientierung, die Sie und Ihre Kollegen liefern sollen?

Grass: Sie behaupten, dass es diese Sehnsucht gibt. Ich kann das nicht abschließend beurteilen. Viele drücken das in etwa so aus: Sie haben etwas gesagt, was ich annähernd auch denke, aber ich könnte es nicht so formulieren. Vielleicht verhelfen wir Schriftsteller verbreiteten Meinungen zur Artikulation. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Schriftsteller, wenn sie wirtschaftlich unabhängig sind – und das bin ich –, einen Grad von Autarkie besitzen, den Politiker heute nicht mehr haben. Ich wünschte eigentlich, dass mehr von diesen gut gestellten Bürgern von ihrer Unabhängigkeit Gebrauch machten.

ZEIT: Haben Sie an Ihrer Position und deren Wirksamkeit je gezweifelt?

Grass: Sicher hat es Momente des Zweifels gegeben, weil es auch viel Kraft und Zeit kostet und Enttäuschungen mit sich bringt. Aber es gab immer wieder Anlässe, die mir die Notwendigkeit der öffentlichen Stellungnahme deutlich gemacht haben. Es fing damit an, als ich 1960 aus Paris zurückkam und ein Jahr später die Mauer gebaut wurde. Das war nicht hinzunehmen. Da habe ich einen offenen Brief an Anna Seghers geschrieben, an den ostdeutschen Schriftstellerverband. Parallel zum Mauerbau tobte der Wahlkampf, und Adenauer hielt diese berühmt-berüchtigte Rede über Frahm, über Willy Brandt als uneheliches Kind und Emigrant. Das wurde in der deutschen Presse wie ein Kavaliersdelikt behandelt – für mich ein Grund, mich zu engagieren. Eine Position zwischen den Stühlen, aber sie muss eingenommen werden.

Das Gespräch führte Christof Siemes

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Leserkommentare
  1. Grass hat grosse Verdienst und ist ein grosser Literat. Sein Buch "Ein weites Feld" war voll von dem, was man durchaus "politischen Unsinn" nennen könnte - es ist dennoch ein veritables Kunstwerk, obwohl (weil?) er dort das Schreckgespenst eines neuen deutschen Nationalismus entwirft, welches bereits seinerzeit nur ein Zerrbild altlinker Gesinnung war.

    Was er nun sich anmasst Handke zu unterstellen, ist fast bösartig. Natürlich hat er recht, dass der Dichter nicht per se die Weisheit gepachtet hat und durchaus irren kann, aber die Frage, worin denn Handke irrt, beantwortet Grass erst gar nicht. Er macht bei Handke eine Sympathie für Milosevic aus, die dieser niemals derart geäussert hat (wer den Daimiel-Text genau liest, wird, nein muss, Handkes Distanz sehr genau erkennen). Hat der Alte da tatsächlich alles gelesen oder verlässt er sich allzu sehr auf die Feuilletons?

    Nebenbei heisst es, Handke habe "immer die Neigung gehabt, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen". Leider blieb die Gegenfrage aus: Was bedeutet denn immer? Worin zeigt sich denn der "Unsinn"? Und: Wer definiert das?

    Ausgerechnet Grass, der sehr schnell zu Verallgemeinerungen neigt, wenn es um so etwas wie Mainstream in politischen / feuilletonistischen Diskursen geht, sieht keinen "Meinungsterror" (fürwahr ein grosses Wort). Auf die Diskreditierungsversuche Handkes in Frankreich, was sein Stück "Das Spiel vom Fragen" angeht, äussert sich der Vielunterzeichner Grass nicht.

    All zu rasch postuliert Grass sein (immer schon gebügeltes) Urteil: Die Jury hat eine Fehlentscheidung getroffen. Wie heisst es aber in seiner neulich so emphatisch begrüssten Rede:

    Zitat
    Als seine [Harold Pinters] bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen. Jemand, ein Schriftsteller, einer von uns, hatte in friedloser Welt vom Recht der Anklage Gebrauch gemacht.
    Zitat Ende

    Pinter, der übrigens im wesentlichen eine ähnliche Sicht auf die jugoslawischen Kriege hat wie Handke, wird "in den Himmel" gehoben - Handke verteufelt. Abermals: Wer hat denn da seine Schulaufgaben nicht gemacht? Oder: Wo ist die Konsequenz? Ach ja: "Konsequenz allein ist keine Kunst".

    Manchmal doch, Herr Grass. Manchmal ist es eine sehr grosse Kunst.

  2. 2. \N

    "Niemand wagt es auf politischer Seite, die Bundesrepublik – damals unter Kohl und Genscher – mitverantwortlich zu machen. Obwohl sie ohne jeden Grund und voreilig Slowenien und Kroatien anerkannt hat."

    Als die Bundesrepublik im Dezember 1991 Kroatien anerkannte, tobte auf kroatischem Gebiet schon seit einem halben Jahr Krieg, das Parlamentsgebäude war mit Raketen beschossen worden. Aber das haben sicher auch alles Kohl und Genscher zu verantworten, Herr Grass.

  3. Warum erregen sich unsere Politiker so über Handke’s Position zu Serbien und zu auch seinen ehemaligen Präsident Milosevic?

    Sicher ist für mich, das da noch ein Grossteil des letzten Jugoslawienkrieges seiner Vorgeschichte und dem Anteil auch unserer Politiker (Kinkel, Genscher, Kohl u.a.) überhaupt noch nicht aufgearbeitet worden ist.
    Nicht umsonst ist damals unser Minister Christian Schwarz-Schilling unter Protest aus der Regierung Kohl ausgeschieden und hat sich in Bosnien als Friedensaktivist eingesetzt. Auch wenn wir wieder in den Urlaub fahren nach Rest-Jugoslawien, so ist auch heute noch längst nicht alles ausgeheilt. Wer sich jetzt immer noch über die Greuel / Vergewaltigungen / Ermordungen mancher Serben an vielen Koaten u.a. erregt, ist schlicht nicht informiert über das Unheil der (kroatischen) Faschisten im 2. Weltkrieg (oder hält fest ein Auge zu).

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    Kurzer Hinweis:
    Nach dem Überfall Deutschlands auf das Königreich Jugoslawien am 6. April 1941 marschierte am 10. April 1941 die Deutsche Wehrmacht in Zagreb ein. Mit deutscher Unterstützung rief die Ustaša den Unabhängigen Staat Kroatien (Nezavisna drzava Hrvatska/NDH) aus und errichtete eine faschistische Diktatur unter Ante Pavelic, die Serben (hunderttausende!!), Juden, Roma und kroatische Antifaschisten systematisch verfolgte und ermordete. Demokratische Wahlen, die das Ustaša-Regime vor dem kroatischen Volk legitimiert hätten, wurden nicht abgehalten.

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    Mir liegen 2 Bücher vor, vom Russel-Tribunal (hoch angesehene internationale Friedensaktivisten) über die Vorgänge im Jugoslawien der 40er Jahre mit Hunderten detaillierten Dokumenten/Bildern/Zeitzeugen aus Quellen, die Tito bis zu seinem Tod unter Verschluss gehalten hatte, um das Land zusammenzuhalten.

    Die Bücher beschreiben akribisch die Verbrechen und Zusammenhänge, die an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Und die enge Mitarbeit der röm-kath. Kirche. Gemessen daran sind die bisher bekannten Verbrechen unter Milosevic verständlich, als späte (fast kleine) Rache der früher Verfolgten.

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    Warum schreibe ich dieses?

    Ich möchte das wirklich Frieden in die Situation einkehrt. Und das kann am besten geschehen, durch Aufklärung und nicht durch unter den Teppich kehren (oder nur total einseitige Sicht). Leider wiederholt sich Geschichte (auch mit großer Verzögerung) bis wirklich alles gesühnt ist. Auch wenn der „Sieger“ das neue Geschichtsbuch definiert (Angenehmes hinzufügt, Unangenehmes entfernt). Und auch die Gleichschaltung der Medien machen es nicht immer einfach.

    Ohne den Konflikt um die Vormachtstellung zwischen den Kirchen röm.-kath. (Kroatien), orhodox/Ost-K. (Serbien) und Muslimen (Bosnien-Herzegowina) zu betrachten, kann man die Situation kaum verstehen / befrieden.

    Ich möchte nicht Partei ergreifen, nur für eine Volkgruppe, sondern für das Menschsein an sich. Die (oft schmerzhafte) Aufarbeitung unser eigenen jungen dt. Geschichte zeigt mit wie wertvoll Aufklärung zur Friedenssicherung / Versöhnung ist.

    Insofern möchte ich Handke danken, das er hartnäckig eine Gegenposition zu unserer Geschichtsklitterung bezogen hat.

    .

  4. Bitte liebe Freunde lasst uns doch endlich Abschied nehmen von all diesem Kulturzirkus.
    Meine Generation kann mit all dem nichts mehr anfangen. Wer das Neue will muss erst einmal vom alten Abschied nehmen.
    Was ist das Alte ... Es sind auf der einen Seite die unter dem Late Night Wahn Abgestumpften, die agieren als wissen sie seit ihrer Geburt das alles nur aus Clichés und Hype besteht und für die alles deswegen leer und absurd ist und gerade deswegen soviel Fun. (Dazu gehört auch ein großer Teil der angeblichen Kulturschaffenden in diesem Land.)
    Auf der anderen Seite sind da die Hüter eines falschen Grals, eines Geniekultes oder einer Selbstgefälligkeit, kurz die Etablierten im Kulturzirkus, die trotzdem die Rolle des Aussenseiters spielen, dadurch aber, ohne das sie das offensichtlich merken, gerade diesen ganzen Zirkus bestätigen.

    Mit all dem ist bald Schluss : Es gilt eine Sache zu erkennen: Wenn wir Menschen jetzt nicht gerecht teilen auf diesem Planeten haben wir keine Zukunft. Lasst diese Selbstverliebten Positionierungen und sprecht das Wesentliche aus: Teilt untereinander und rettet die Welt.

  5. 5. \N

    \N

  6. Sehnsucht? Es ist vermutlich eher die Gewohnheit, aus der heraus die Menschen Schriftsteller wieder und wieder nach ihren politischen Ansichten befragen - und wegen der sie ihnen anschließend die gegebenen Antworten um die geröteten Ohren hauen.

    Mir scheint, viele Leute haben das Gefühl, sie bräuchten das, was man so treffend den Mainstream nennt, für ihr alltägliches Wohlbefinden. Täglich neu sind Flüsse nötig, denn nur der Fluss erlaubt es einem, sich an seinem rechten bzw. linken Ufer einzuordnen. Es lebe die Linie! Und nachdem die übrigen Autoritäten (Parteisekretäre, Lehrer, Pastoren, Fürsten etc.) weitgehend abgeschafft sind, lässt man sich seine Meinung heute gern schon mal von einem Schriftsteller bilden. Wenn man etwas auf sich hält. Wenn nicht, tut es auch ein Bild-Journalist.

    Wieso das so ist? Tja, vielleicht, weil der Schriftsteller (ebenso, wie der Journalist) "schön" reden bzw. schreiben kann. Es muss noch so ein ganz kleiner Rest von "In einem gesunden Körper wohnt..." in den Köpfen der Leute stecken. Jedenfalls scheinen viele von ihnen zu glauben, was treffend formuliert ist, was die Dinge nur recht plastisch oder doch wenigstens drastisch auf den Punkt zu bringen vermag, muss automatisch auch wahr und richtig sein. Oder zumindest doch das genaue Gegenteil davon (man nennt es dann Sarkasmus). In sofern ist der geborene Schriftsteller vermutlich auch der geborene Linienzieher. Die Frage ist nach wie vor, ob und wenn ja unter welcher Voraussetzung sich die Profession des Literaten mit der des Linienziehers verträgt.

    Ja, natürlich, Schriftsteller dürfen irren. Und nein, sie sind selbstverständlich nicht verpflichtet, Rechenschaft abzulegen. Sie tun es dennoch. Mehrheitlich und meistens sogar vollkommen freiwillig. Sie sind ja schließlich nicht nur Schriftsteller unter Schriftstellern, sondern manchmal auch Mensch unter Menschen. Und als solche haben sie ein ganz natürliches Bedürfnis nach Meinungsaustausch, nach Zustimmung und Reibung. (Der Konsens ist übrigens für eine Demokratie ein ganz wichtiges politisches Instrument. Er führt nämlich dazu, dass in Ländern wie unserem Gesetze in aller Regel mehrheitlich getragen werden. Für die Literatur mag er also unnötig sein, für die Politik ist er mehr, als ein Rülpser.)

    Wie dem auch sei. Leider hat das Gehört-Werden für den Schriftsteller nicht nur positive Seiten. Es streichelt zwar unzweifelhaft das Ego, führt aber gleichzeitig nicht selten dazu, dass ein Außenstehender irgendwann nicht mehr zu unterscheiden vermag zwischen dem Werk des Künstlers (das ihm oft geradezu heilig ist) und dem profanen (in diesem Fall politischen) Alltag des Menschen.

    Vermutlich war genau das die Schwierigkeit für die Damen und Herren Stadträte, die auf den Spuren Heines im Eifer des Gefechts so gewaltig vom Wege abgekommen sind. Und genau deswegen sollte der Heine-Preis auch ein Heine-Preis bleiben und keine Ehrung für besonders korrektes Verhalten in der Öffentlichkeit werden: Es ist wichtig, die Grenzen nich ganz zum Verschwinden zu bringen. Soll die Politik doch einen eigenen Preis Stiften, wenn sie öffentliche Auftritte prämieren will!

    Ganz nebenbei: Ein wenig mehr Genauigkeit im Umgang mit dem einzelnen Wort hätte ich von Schriftsteller Günter Grass dann doch erwartet. Denn für Substantive gibt es keine Steigerungsform. Es ist also unzulässig, zu steigern: Mainstream - Diktatur - Terror.

    Und: Ach ja, was ich noch sagen wollte: Botho Strauß ist sicher Geschmacksache. Eine Vokabel wie "Gezücht" aber passt heute zweifelsohne viel besser in ein schwülstiges Poem oder einen dicken Roman, als in das politische Tagesgeschäft. Dort nämlich leistet sie nur einen weiteren, höchst unerfreulichen Beitrag zur allgemeinen Begriffsverwirrung.

  7. Handke wird vorgeworfen den Serben zu Nah zu sein, bzw. Milosevitch zu Nahe gewesen zu sein. Es ist nicht seltsam, dass in diesem Zusammenhang die Vorwürfe an Handke wenig konkreter Natur sind, da man sich dann natürlich auch mit dem konkreten Standpunkten Handkes auseinandersetzen müsste. Da ist von einer Grabesrede ständig die Rede, welche sich kaum finden lässt, wenn man sie sucht. Aus dieser Grabesrede [Link gelöscht, gez. Die Redaktion.] ist nur zu entnehmen, dass Handke für das an den Serben begangene Unrecht solidarisch zeigen möchte. Das den Serben Unrecht geschehen ist, weiß jeder, der die schon damals festgestellten Lügen aus Presse und Politik nicht ignoriert, in dem den Serben Verbrechen unterstellt wurden, die niemals stattgefunden haben. Klar ist damals die Serbische Führung um Milosevitch kein Bund Heiliger gewesen, und durchaus als Verbrecher einzuschätzen, jedoch waren die anderen nationalistischen Provokateure UCK gewiss auch nicht besser. Eine seriöse Aufarbeitung der Zusammenhänge und der Beteiligung Deutschlands wird man aber noch lange vermissen, zumal sich weite Teile der Gesellschaft dann zu ihren systematischen Lügen um angebliche serbische Greueltaten bekennen müssten. So weit ist Deutschland noch Lange nicht.

    Handke kann man aber durchaus Vorwerfen, seine Unterstützung für die durch Lügenropaganda stigmatisierten Serben in der Nähe von Milosevitch zu leben, der Oppositionelle reihenweise umbringen lassen hat.

    Wie sehr man Handke das moralisch legitimiert Vorwerfen kann, kann man an seiner Haltung zu Sharon feststellen. Wenn man Handke die Nähe zu einem durchaus insgesamt Massenmörder Milosevitch vorwirft, und die ganzen Politiker und Menschen nicht gleichermaßen verurteilt, die den Massenmörder Sharon, verantwortlich für Sabra und Shatila, unterstützt haben, so geht es einem nicht um die Moral, sondern nur um eine eigene sehr selbstgefällige Gerechtigkeit. Auch wenn es viele sind, die sich dann mit ihrer verquerten Sicht auf Fakten täuschen, macht es die Haltung moralisch nicht Wertvoller. Wer den einen Massenmörder verurteilt, und den anderen nicht, ebenso ihre Sympathisanten, der braucht sich auf seine Moral nichts einzubilden. Sharon hat(te) viele Freunde in der Welt.

  8. Der deutsche Nobelpreisträger Günter Grass erklärt: „Aber wie kann ein Stadtparlament kompentent sein, ein Fehlurteil überhaupt zu erkennen“, und wird wohl trotzdem den Anspruch aufrechterhalten, für einen Demokraten par exellence gehalten zu werden.

    Lieber Herr Grass, damit haben Sie wohl diesen Anspruch für alle Zeiten verspielt! Wer soll denn sonst kompetent sein, etwa ein unfehlbarer Führer wie einst Adolf Hitler, der berüchtigte gröfaz? Es sei an die Worte eines anderen etwas größeren Nobelpreisträgers erinnert: „Zum Bußprediger fehlt mir alles und alles zum Propheten, der sich im Besitz der Wahrheit weiß, die Zukunft kennt, dem Leben predigend den Weg vorschreibt“.

    Günter Grass jedoch scheint zu glauben, dass ihm nichts zum Bußprediger und Propheten fehlt, er die Zukunft kennt und dem Leben predigend den Weg vorschreibt. So erklärt er mit einer bemerkenswerten Arroganz das von seinen Bürgern gewählte Stadtparlament für inkompetent.

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