ZEIT: Herr Grass, Sie haben einschlägige Erfahrung mit Literaturpreisen, die zuerkannt, aber aus politischen Gründen nicht vergeben werden. Der Schriftsteller Günter Grass fordert eine neue Konstruktion für die Vergabe des Heine-Preises und kritisiert Handkes Starrsinn BILD

Günter Grass: Das kann man wohl sagen.

ZEIT: Ihnen wurde 1960 von einer unabhängigen Jury der Bremer Literaturpreis zugesprochen, aber der Senat stellte sich dagegen. Ist der Streit um den Heine-Preis für Sie ein Déjà-vu?

Grass: Der Grund der Ablehnung ist nicht vergleichbar. Damals wurde mir vorgeworfen, die Blechtrommel sei pornografisch. Aber die Misere ist geblieben: Eine kompetente Jury spricht einen Preis zu, und ein politisches Gremium entscheidet, ob der Preis überhaupt vergeben wird. Das ist eine Konstruktion, von der man nur hoffen kann, dass sie so verändert wird, wie man das damals in Bremen getan hat: Dort wird der Preis seither von einer Stiftung vergeben. Vergleichbar ist auch die fehlende Kompetenz in den Jurys. Auch in Bremen gab es Senatoren, die zugaben, mein Buch überhaupt nicht gelesen zu haben.

ZEIT: Aber hat nicht das politische Gremium, das immerhin 50000 Euro aus Steuermitteln vergibt, auch eine Verantwortung und muss eine in seinen Augen falsche Entscheidung revidieren dürfen?

Grass: Aber wie kann ein Stadtparlament kompetent sein, ein Fehlurteil überhaupt zu erkennen? Handkes Entscheidung jetzt, den Preis nicht anzunehmen, ist völlig richtig. Ich bin mit ihm in der Einschätzung Miloševićs und Serbiens weiß Gott nicht einer Meinung. Er hat sich verrannt. Aber bei diesem Thema gibt es bis heute auch eine ganze Reihe Tabus. Zum Beispiel die Mitschuld der europäischen Staaten an dem Desaster in Jugoslawien. Niemand wagt es auf politischer Seite, die Bundesrepublik – damals unter Kohl und Genscher – mitverantwortlich zu machen. Obwohl sie ohne jeden Grund und voreilig Slowenien und Kroatien anerkannt hat. Das haben dann in einseitiger Parteinahme Frankreich und die USA für Serbien gemacht. Ohne diese Rückenstütze wäre dieser Wahnsinnige, anders kann ich Milošević mit seinem großserbischen Traum nicht nennen, nie zum Zuge gekommen. Gemessen an den Folgen dieser Fehlentscheidungen, ist Handkes Fehlurteil ein Klacks.

ZEIT: Aber war er die richtige Wahl für einen Preis, der ausdrücklich Persönlichkeiten ehren soll, »die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten«?