Was ist männlich? Weinen Sie?
Wie hat sich das Selbstbild der deutschen Männer verändert? Ein Gespräch mit Großvater, Vater und Sohn Korb aus Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen
DIE ZEIT: Herr Walter Korb, Sie stammen aus der Kriegsgeneration, Ihr Sohn Hartwig gehört zur 68er-Generation und Ihr Enkel Hendrik zur Spaßgeneration. Hat jemand von Ihnen schon einmal Windeln gewechselt?
Vater: Ja, aber in unzureichender Stückzahl. Meine Frau hat daneben gestanden und beobachtet. Ich habe zur Zeit der sexuellen Revolution 1968 studiert.
Hendrik: Wenn ich Kinder hätte, würde ich schon Windeln wechseln. Das gehört heute dazu.
ZEIT: Haben die Söhne gegen ihre Väter aufbegehrt?
Großvater: Rebellion gegen den Vater, das habe ich mich nicht getraut. Ich komme aus einem Dorf in Schlesien. Dort gehorchte man. Wenn nicht, gab es schon mal eine Watsche.
ZEIT: Hat Ihr Sohn Ihnen dann auch gehorcht?
Großvater: Die Erziehung war Aufgabe der Mutter. Wir Männer waren ja immer arbeiten und wussten gar nicht richtig, was zu Hause vor sich ging. Wenn es Streit gab, musste sich die Mutter damit abplagen. Richtig rebelliert hat der Hartwig aber nicht.
Sohn: Das hast du vielleicht nicht mitbekommen?
Vater: Nein, aufbegehrt habe ich nicht. Einmal habe ich einen Schlüssel vom Holzplatz geklaut, bin Gabelstapler gefahren und in einen Holzstapel geknallt. Das war’s. Meine Mutter war auch immer zu Hause. Wenn heute jemand »nur« Hausfrau ist, dann gilt das – zu Unrecht – oftmals als ein bisschen mager.
ZEIT: In Ihrer Jugend, Walter Korb, war das Männerbild klar definiert: »flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl«.
Vater: Das war die Fassade.
ZEIT: Sie werden von Ihrem Sohn verteidigt?
Großvater: Der Kruppstahl war manchmal ganz schön zerbrechlich. Ich war im Krieg in Frankreich stationiert. Dort habe ich die vielen Kreuze auf den Friedhöfen vom Ersten Weltkrieg gesehen. Ich dachte, die hatten alle Vater und Mutter und Frau und Kinder. Da habe ich gemerkt, das mit dem Krieg ist alles Blödsinn. Später bei der Invasion in der Normandie wurde ich verwundet. Der Schuss ging in den Oberarm. Ich kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Für mich war das, als käme ich ins Paradies. Wir hatten zu essen, kein Sirenengeheul mehr. Und als wir dann aus der Gefangenschaft kamen, herrschte das Elend. Meine Eltern waren aus Schlesien verjagt worden, meine Mutter war auf der Flucht gestorben. Ich habe sie nicht mehr wiedergesehen.
Sohn: Ich war 2001 sechs Monate im Bundeswehreinsatz. Heute sind das eher Friedenssicherungs- und keine Kampfeinsätze. Um bestimmte Werte, für die mein Land steht, in der Not zu verteidigen, würde ich aber wieder die Uniform anziehen.
ZEIT: Ist Krieg Männersache?
Sohn: Jetzt sind ja auch Frauen bei Kampfeinheiten in der Armee. Ich kann mich noch an eine der ersten Panzerfahrerinnen erinnern, die brauchte zwei Kissen, damit sie überhaupt hinausgucken konnte. Aber auch das war schließlich kein Problem.
ZEIT: Walter Korb, Sie sind 58 Jahre mit Ihrer Frau verheiratet, wie haben Sie sie kennen gelernt?
Großvater: Wir haben in derselben Straße gewohnt. Wenn wir auf der Wiese gespielt haben, habe ich so zu ihr hinübergeschaut und hatte Sympathie für sie. Später arbeitete sie bei ihrem Onkel in einer Kneipe, und da blieb ich abends immer etwas länger. Am Anfang hatte sie noch nicht so viel übrig für mich. Ich war zu aufdringlich. Die jungen Mädchen hoffen ja immer auf Prinzen. Aber so viele Prinzen gibt’s gar nicht in Deutschland. Einmal müssen sie doch zupacken. Nach dem Krieg hat sie dann nach mir geforscht und ich nach ihr. So haben wir uns wiedergefunden.
ZEIT: Und dann wurde sofort geheiratet?
Vater: Als ich schon unterwegs war.
ZEIT: Hartwig, mussten Sie Ihre Frau erobern?
Vater: Ja. Ich wohnte mit einem Bekannten zusammen in einer Studentenbude und konnte durch mein Fenster in den benachbarten Garten schauen und wer dort in der Sonne lag. Tja, mein Studienkollege hatte einen VW Käfer, den habe ich mir geliehen, und dann habe ich meine spätere Frau auf dem Weg zu ihrer Arbeit abgepasst und gefragt, ob ich sie mitnehmen kann. Das hat geklappt. Ich musste mir den Käfer dann öfter ausleihen. So nahm die Sache ihren Lauf.
ZEIT: Und was machen Sie heute, um die Frauen zu beeindrucken?
Sohn: (lacht) Also, ich leih mir einen Porsche. Nein. Ich bin noch solo. Ich kann nicht irgendwo gezielt hingehen und schnipps klappt das. Aber ich versuche, mich halbwegs wie ein Gentleman zu benehmen: halte die Tür auf, helfe in den Mantel…
Vater: …da musst du aber aufpassen, das gefällt nicht allen Frauen.
ZEIT: Die Männer sind verunsichert: Sollen sie lieber Macho oder Softie sein?
Vater: Gelegentlich denke ich, Frauen sind besser dran. Meine Frau, zum Beispiel, hat im Moment die besseren Karten. Die Kinder sind aus dem Haus. Sie kann auf jeden Fall mehr Freiräume nutzen. Als Hendrik geboren wurde, hat meine Frau ihren Job gekündigt, danach hat sie vorübergehend mal in einer Boutique gearbeitet, das war wirtschaftlich aber nicht sehr ertragreich. Eigentlich müsste die Zufriedenheit jetzt überhand nehmen. Das ist aber hin und wieder nicht so.
ZEIT: Was glauben Sie, was schätzt Ihre Frau an Ihnen am meisten?
Vater: Das wüsste ich im Moment nicht. Das ist eine Fangfrage, oder? Ich könnte eher sagen, was sie nicht schätzt: meine Unstetigkeit, dass ich nicht genug im Haushalt mithelfe und manche Dinge nicht ausreichend ausdiskutiere.
Sohn: Ich rede eher zu viel.
Vater: Ich ziehe mich bei Streit öfter mal zurück und sage: Jetzt mal Ruhe. Ich diskutiere nicht drei bis vier Stunden hintereinander. Meist geht es auch um Nichtigkeiten: um zu wenig oder zu viel Haushaltsgeld, wir müssen dahin in Urlaub fahren und nicht dorthin. Dann wollen wir doch mal sehen, wer hier gewinnt. Und so geht das weiter.
Großvater: Da gibt der Schlaue nach. Ich gehe ins andere Zimmer. Meine Frau spricht weiter. Sie sagt immer: »Dir kann man sagen, was man will, das machst du doch nicht.« Oder: »Immer lässt du den Wasserhahn tropfen.« Das Wort immer kommt immer vor. Aber Heiraten muss man trotzdem, damit man nicht gleich wieder auseinander laufen kann. Jeder hat mal eine andere Meinung, das findet sich aber wieder zurecht.
ZEIT: Das Klischee sagt: Männern fällt es schwer, Gefühle zu zeigen. Wann haben Sie zuletzt geweint?
Großvater: Als ich damals nach dem Krieg die Nachricht bekam, dass meine Mutter auf der Flucht gestorben ist. Da bekam ich feuchte Augen.
Vater: Bei mir dürfte das Jahrzehnte her sein. Wahrscheinlich hatte ich ein Fußballspiel verloren. Da darf man weinen und bleibt trotzdem Mann.
Sohn: Das ist bei mir ähnlich. Als Kind habe ich vielleicht mal geweint.
ZEIT: Wie wichtig ist es heute noch für Männer, eine Familie allein versorgen zu können?
Vater: Ich bin der Ernährer, würde mir aber wünschen, dass meine Frau mittäte. Neben dem wirtschaftlichen Aspekt fände ich es gut, wenn sie sich auch mit anderen auseinander setzen müsste. Allerdings bliebe die Entspannung bei mir dann auf der Strecke.
ZEIT: Das hieße: Sie kämen nach Hause, und da stünde kein Essen mehr auf dem Tisch?
Vater: Oder die Wäsche wäre nicht fertig. Da müsste ich mich auch erst mit anfreunden.
ZEIT: Können Sie kochen?
Vater: Eier vielleicht.
Sohn: Da hat sich das Männerbild schon geändert. Ich lebe in Hamburg in einer WG, und es ist kein Problem, für meine Freunde zu kochen. Danach spülen wir auch gemeinsam.
ZEIT: Was bedeutet heute Männlichkeit für Sie?
Vater: Ich weiß nicht, ob es das noch gibt. Das vermischt sich im Beruf, im Verhalten. In zehn Jahren gibt es außer dem biologischen vielleicht gar keinen Unterschied mehr.
Sohn: Ein paar Unterschiede bleiben schon. Klar gibt’s auch Frauen, die sich für Autos interessieren, trotzdem, diese Technikvernarrtheit würde ich als typisch männlich einstufen. Oder das Grillfest: Wer steht denn immer vorm Grill und isst Fleisch? Männer. Ein guter Hunger, das ist männlich.
ZEIT: Der Begriff Männlichkeit wird immer diffuser: Fußballer wie David Beckham wechseln ständig ihre Frisur, tragen Schmuck. Die Kosmetikindustrie für Männer rechnet bis 2008 mit einem Umsatzwachstum von 20 Prozent. Haben Sie je eine Gesichtscreme benutzt?
Vater: Creme nach dem Rasieren: ja. Um Falten zu beseitigen, nein.
Sohn: Ich muss nicht herumlaufen wie ein Model von Calvin Klein. Gepflegt sein – das ist wichtig.
Großvater: Von Creme habe ich noch nie viel gehalten. Das ist herausgeschmissenes Geld. Tosca, das Parfum, habe ich früher immer genommen, aber meine Frau hat das nicht so gemocht. Sie fand das angeberhaft.
ZEIT: Auch in der Politik ändert sich das Männerbild: In Deutschland soll eine Babypause für Väter festgeschrieben werden. Würden Sie mit Kindern zu Hause bleiben?
Sohn: Ich plane Kinder erst mit Anfang, Mitte 30. Zwei bis drei Monate Erziehungsurlaub sind im Rahmen des Machbaren. Wenn die Frau ähnlich ausgebildet ist wie man selbst und auch die Jobs ähnlich sind, ist die Frage, wie man das geregelt kriegt: Ich passe heute auf, du morgen, und den Rest der Woche holen wir uns ein Kindermädchen.
Die Frau von Hartwig Korb betritt den Raum. Sie fragt: Wollen Sie jetzt einen Kaffee? Sie deckt den Tisch. Es gibt Erdbeertorte.
Das Gespräch führten
Jana Simon
und
Adam Soboczynski
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- Datum 13.06.2006 - 13:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 14.06.2006 Nr. 25
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