Was ist männlich? »Ich kann zu Frauen nicht nein sagen«

Die ersten Männergruppen gab es in den 70er Jahren. Auch heute werden noch welche gegründet – um Beispiel in Berlin-Pankow. Ein Herrenbesuch

Die Männer, die Harald* helfen, er selbst zu sein, sitzen im Kreis um ein Holztischchen. Er wirft einen unsicheren Blick in die Runde. Heute sind sie zu sechst. Haralds Augen sind vergrößert hinter den Brillengläsern, vielleicht sind sie auch geweitet vor Erwartung. Er ist groß und dünn, ein Mann um die 40 mit dem Blick eines Jungen, der nach Hause kommt. Wer ihn kennt, weiß, dass er etwas auf dem Herzen hat.

»Wer fängt an?«, fragt einer. Harald schweigt. Ein paar Stühle, ein Sofa, schummriges Licht aus Papierlampen. Der Mann neben ihm meldet sich, beginnt leise zu reden. Der Hund seiner Freundin sei gestorben, sagt er, das nehme ihn mit; sonst sei vorige Woche wenig passiert. Nun geht es reihum. Der zweite erzählt von einem Autounfall, Freunde wurden schwer verletzt. Der dritte sagt, er fühle sich von seiner Freundin unter Druck gesetzt, sie wolle mit ihm zusammenziehen, das mache ihm Angst. Er traue sich aber nicht, mit ihr darüber zu sprechen. Der vierte erzählt von einer Reise nach Thüringen, der fünfte von einer Kollegin, die ihn wütend macht. Jeder redet, solange er will, niemand unterbricht. Mancher gibt das Wort gleich weiter, andere stoßen lange Diskussionen an. Harald sitzt unruhig auf einem Freischwinger aus Holz. Er hat noch fast nichts gesagt.

Seit eineinhalb Jahren treffen sie sich jeden Montagabend in den Räumen einer Berliner Familienberatung, sonst sind sie zu acht. Die meisten kommen seit fünf Jahren hierher, um über sich selbst zu reden. Sie nennen sich »Männergruppe«, ein Begriff aus den siebziger Jahren. Damals versuchten Männer, sich ihren weichen Seiten zu öffnen, eine Reaktion auf den Druck emanzipierter Frauen. Heute wird Männlichkeit längst wieder positiv gesehen, mit Männergruppen verbindet man Althippies und Strickpulliträger. Der Berliner Psychologe Andreas Goosses schätzt, dass es in Deutschland trotzdem 200 organisierte Gruppen gibt. Welche Männer treffen sich da? Worüber reden sie? Vor Harald sitzen ein Kinderarzt, ein Familienberater, ein Therapeut, ein Architekt, ein Pädagoge, Männer in Jeans, Turnschuhen, die meisten um die 50. Keiner hat lange Haare, keiner wirkt weich. Harald blickt scheu in die Runde. Die anderen sind gewohnt, beruflich viel zu reden, Harald nicht. Er ist Gas-Wasser-Installateur. »Ich hatte ein schreckliches Wochenende«, sagt er.

Der Satz fällt in ein freundliches Schweigen, alle Augen sind auf Harald gerichtet. »Ich hab am Samstag bei einer Party geholfen. Hab die Anlage mitgebracht, Getränke gekauft, viel Geld ausgelegt, alles nur, weil mich eine Frau drum gebeten hat. Hab dann die Anlage aufgebaut, die Getränke verkauft. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, ich bin der totale Depp.« – »Das nächste Mal sagst du einfach, du machst das nicht«, schlägt einer vor. Harald schüttelt den Kopf. »Ich kann zu Frauen nicht nein sagen, ich hab das schon oft erlebt. Erst hinterher bin ich wütend. Ich krieg nie, was ich will.« – »Was willst du denn?« Harald gibt keine Antwort. »Du kannst der Frau doch auch jetzt noch die Meinung sagen. Das ist deine Chance zur Veränderung.« – »Die Leute sind so unsensibel«, sagt Harald.

Hinterher hocken drei der Männer in einer Kneipe. Die anderen wollten ins Bett, es ist schon elf Uhr. Die Sitzung hat fast drei Stunden gedauert. Einige finden es nicht gut, wenn die anderen anschließend noch etwas unternehmen, das spalte die Gruppe, doch Harald will ein Bier. Neben ihm sitzt Friedrich, der Familienberater. Manche halten ihn für verschlossen, aber beim Bier erzählt er Harald, was er der Gruppe verschweigt. »Ich hab gerade einer Männerzeitschrift ein Interview gegeben«, sagt er, »als Experte zum Thema ›Angst vor zu schönen Frauen?‹.« Auch Rüdiger lacht, sonst wirkt er oft melancholisch. Der Architekt kommt erst seit einem halben Jahr zu den Treffen. Harald wirkt ganz mit sich selbst beschäftigt. Er hat sich vorhin sehr aufgehoben gefühlt, als er gesprochen hat. Aber die Wut auf jene Frau ist noch da.

Drei Tage später sitzt er in seiner Küche. Er ist einverstanden gewesen, sich zu Hause zu treffen. Vor einem Jahr hat er eine renovierungsbedürftige Wohnung gekauft. Neben dem Boiler klafft ein Loch in der Wand, im Bad ist der Boden aufgerissen. Harald hat aus seinem Leben eine Baustelle gemacht, das ist ein Fortschritt, findet er. »Früher war ich ein absoluter Steifling, mein Leben war genauso. Ich hatte Angst vor Veränderungen.« 20 Jahre lang arbeitete er beim selben Arbeitgeber im öffentlichen Dienst, er dachte, er würde da in Rente gehen. Als sich seine Freundin von ihm trennte, glaubte er, er würde nie wieder eine finden. Vor drei Wochen hat er endlich den Job gewechselt, darf sogar ausbilden, davon hat er geträumt. Er hat nach der Trennung auch wieder eine Freundin gefunden, im Moment ist er Single, 42 Jahre alt.

Von Frauen fühlte sich Harald nie wirklich verstanden

Harald ist in Ostdeutschland aufgewachsen, mit drei Geschwistern. Seine Kindheit beschreibt er als »angenehm, vom Staat umsorgt«. Männer waren für ihn Wesen, die Emotionen nur dann zeigen, wenn es nicht mehr anders geht, in der Familie ebenso wie in der Firma. Kummer vertraute er nur Frauen an, fühlte sich aber nie richtig verstanden. Über westliche Männergruppen, die in den siebziger Jahren versuchten, aus alten Rollen auszubrechen, erfuhr er in der DDR nichts.

Wie landet einer wie Harald in einer Männergruppe? Eine Bekannte lud ihn zu einer Tanzveranstaltung ein, »ich ging nur hin, weil ich gerade Single war«. Harald entdeckte Biodanza, einen Tanz ohne Schrittfolgen, bei dem es darum geht, Gefühle zu entdecken; ein Argentinier hat ihn erfunden. Harald mochte das, kam immer wieder zu den wöchentlichen Treffen. Er lernte Sozialpädagogen kennen, Leute mit Therapieerfahrung; einer nahm ihn zu den Männern mit. Das Tanzen und die Gruppe haben ihn verändert. »Ich bin sicherer im Umgang, offener.« Die Gruppe hilft Harald, sich selbst klarer zu sehen, Probleme zu sortieren. Endlich fühlt er sich verstanden. Besonders Matthias, der Kinderarzt, ist wichtig für ihn, »eine Vaterfigur«.

Am Sonntag vor dem nächsten Treffen sitzt Matthias in seiner Wohnung im Berliner Umland. Es gibt zwei gleiche Sofas, im rechten Winkel über Eck gestellt, man guckt aneinander vorbei. Der Kinderarzt ist 48, ergraut. Er ist derjenige, der sich von dem Wunsch seiner Freundin eingeengt fühlt, mit ihm zusammenzuziehen. Am Montag sei ihm klar geworden: »Du bist normal, du brauchst eben Abstand.« Er hat noch nicht mit seiner Freundin geredet, obwohl ihm einige dazu geraten haben.

Matthias hat die Gruppe übers Internet gesucht, »auch wegen vieler negativer Erfahrungen mit Frauen«. Für ihn sind Männer ein verunsichertes Geschlecht. »Unsere Rollen sind zerbrechlich, als Partner, als Vater. Halt finden viele nur noch im Beruf.« Wie er fühlten sich alle durch die Gruppe gestärkt. Das Einzige, was ihn störe, sei das Esoterische, Spirituelle, das einige mitbringen. Manchmal streitet er sich. Andere behaupten, er konkurriere mit Friedrich, dem Familienberater, um den Status des Anführers. Laut wurde es in der Gruppe trotzdem nie.

Thorsten wollte Gefühle zeigen, die Freundin machte sich lustig

Am Montag darauf sind alle acht Männer da. Der Unternehmensberater Thorsten redet am längsten. Er ist 37, der Jüngste, er wirkt sportlich, sitzt breitbeinig da. Er hat seiner Freundin ein Lied von Rosenstolz vorgespielt, Ich bin ich, es handelt von Selbstfindung und berührt ihn sehr. Seine Freundin machte sich lustig. Er schloss sich in einem Zimmer ein, hätte am liebsten geweint, »der ganze Tag war im Arsch«. Nun stellen die anderen viele Fragen: Wie sieht er seine Reaktion heute? War ihm sein Verhalten peinlich? Hat die Freundin mitbekommen, wie es ihm ging? Dann sagt Matthias: »Frauen machen es uns zum Vorwurf, dass wir keine Gefühle zeigen, aber wollen sie sie wirklich sehen?« – »Ich kann nur im Kino heulen«, sagt Karl, er ist Führungskraft bei einer großen Elektronikfirma. Das erstaunt Rüdiger: »Es muss dir doch wichtig sein, dich zu entwickeln.« Haralds Augen sind ganz unruhig hinter der Brille.

Endlich ist er an der Reihe, diesmal ist er nicht der Letzte. Er hat mit der Frau gesprochen, von der er sich ausgenützt fühlte. Er hat jedoch nur über das Geld geredet, das ihm fehlt, weil er so viel Bier gekauft hat und mehrere Kästen übrig geblieben sind. »Sie hat mir zugehört. Das hat mich total ruhig gemacht.« Alle nicken. »Aber es ist schon wieder was passiert, was mich aufregt. Ich will mein Auto verkaufen und habe es einer Bekannten angeboten, total billig. Sie fragte mich, ob ich es für sie zur Werkstatt bringen kann. Ich hab es schon wieder nicht geschafft, nein zu sagen. Ich bin auf ewig verdammt dazu, der gute Junge zu sein.« Es ist der Moment, in dem einer der anderen aufstöhnen könnte. Keiner tut es. Wieder geben sie Ratschläge, stellen Fragen. Sie sind völlig ideologiefrei hier und pragmatisch. Sie leisten ganz nüchtern Coaching, Lebensberatung.

Als Letzter spricht Friedrich, den viele für verschlossen halten. »Ich stand gestern auf der Autobahn im Stau und habe zwei schwere Unfälle gesehen«, sagt er. »Diesmal kein Hund gestorben?«, fragt Rüdiger. Alle grinsen. Der Abschied ist kurz, plötzlich wollen alle fort. Harald umarmt alle, auch Matthias, den er herzlich drückt. Dann läuft er weg. Er will ein Bier.

* Alle Namen geändert

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