Was ist männlich? Wir Gewinner!

Die Männer sind freier denn je. Sie mussten viel aufgeben – und sind dadurch stärker geworden. Eine Ehrenrettung

Wären Sie gerne Mann? Nicht wirklich? Es ist Ihnen nicht zu verdenken. Seit 15 Jahren lässt kaum mehr ein Buch oder Artikel über Männer diesen Zustand als erstrebenswert erscheinen: Männer erscheinen in der öffentlichen Fantasie vor allem als Verlierer.

Sind wir trotzdem Gewinner? Natürlich. Aber wir sind Heroen in einem postheroischen Zeitalter. Den ungebrochenen Helden nimmt uns keiner mehr ab (wir selbst ja auch nicht), doch Sieger wollen wir bleiben. Warum? So sind wir eben.

Dabei ist das gar nicht so leicht. Mehr noch als für Frauen gilt für Männer: Die Moderne hat unser Selbstbild zertrümmert und uns den Selbstzweifel beschert. Um das männliche Aufbäumen dagegen zu besichtigen, reicht der Besuch in einer durchschnittlich sortierten Buchhandlung: Es boomen die Ich-will-wieder-Mann-sein-dürfen-Traktate, und sie gereichen unserer Gattung nicht zum Ruhme. Der Gestus schwankt zwischen depressiv und aggressiv, zwei Gemütszustände, die beim Mann oft nahe beieinander liegen. Hier bricht sich die Weinerlichkeit Bahn über eine verlorene Vormachtstellung, obwohl diese moralisch korrumpiert war – da der Dummerle-Triumphalismus, der jeden Selbstzweifel verbannen will.

Im wirklichen Leben sind viele Männer schon weiter. Sie sind Mann, ohne darüber zum Schwein oder Schwächling zu werden. Das ist eine Erfolgsstory.

Gegen die Prognose von unserem Untergang spricht: Die Wirklichkeit

Wir lauschen der Prognose unsres Untergangs besorgt, auch etwas irritiert – aber in erster Linie in der Gewissheit: Irgend etwas stimmt daran nicht. Gegen den Mann als Loser der Moderne spricht zunächst mal ein sehr einfaches Argument: die Wirklichkeit. Ja, die Mehrzahl der Kriminellen ist männlich, doch 96 Prozent der Männer sind nicht kriminell. Ja, viele Jungs würden in der Schule besser abschneiden, wenn sie stärker gefördert würden, aber dann muss man sie eben fördern. Und die Experten, die die Männerdämmerung beschwören, scheinen in einer anderen Welt zu leben als ihre Kollegen, die die anhaltende Dominanz von Männern in der Gesellschaft beklagen.

Der tiefgreifendste Umbruch, den der Mann der Gegenwart gemeistert hat, ist der Aufstieg der Frau. Wenn sich in der Geschichte der Emanzipation jemand als flexibel und veränderungsbereit gezeigt hat, dann sind es die Männer. Was die Frauen an biografischem wie gesellschaftlichem Umbruch erlebten, war stets ein Aufbruch – ein Schritt zu mehr Freiheit, mehr Optionen, mehr Selbstbestimmung. Die Männer erfuhren parallel dazu eine so profunde Erschütterung der Gewissheiten, die ihre Welt ausmachten, dass man eher staunen muss, wie friedliebend sie geblieben sind. Wäre die Männerwelt ein Staat – und dieser Staat so unter Druck, wie es die Männer gewesen sind–, er hätte womöglich einen mittleren Krieg angezettelt. Stattdessen kam die Mehrheit der deutschen Männer beeindruckend gut zurecht mit dem Verlust ihrer unhinterfragten Vormachtstellung, dem Ende des »Männer, Männer über alles«.

So gesehen, ist der deutsche Mann ein Spiegelbild der Bundesrepublik. Wie Deutschland nach 1945 musste er Absturz und tiefen Bedeutungsverlust verkraften, wie sein Land rang er lange mit der Frage, ob dieses Schicksal Niederlage oder Befreiung bedeutete. Denn wie seine Heimat wurde der Mann von außen befreit – was den Deutschen die Amis, das waren den Männern die Frauen.

Doch den Weg in die neue Freiheit, den konnten und mussten die Deutschen allein gehen. Ähnlich verhält es sich mit den Männern. Alle Versuche der Umerziehung des Mannes in den vergangenen Jahrzehnten sind grandios gescheitert, und das zu Recht. Männer sind resistent, diese anthropologische Grundkonstante zieht sich vom Kindergarten bis zum Altenheim, gegen alle Ansätze, sie zu beschwatzen. Männer lassen sich nicht verändern, es sei denn, sie tun es von selbst.

Das dauert manchmal ein wenig. So wähnte sich der befreite Mann zunächst als Opfer von Alice Schwarzer und ihren Alliierten. Doch je mehr er sich mit seiner neuen Lage anfreundete, umso deutlicher erkannte er: Es liegen Chancen in der geschenkten Freiheit. Der Umgang mit den Gegnern von einst, zum Beispiel, hat sich entspannt.

Ein Blick auf die aktuelle Literatur von der Geschlechterfront belegt den Eindruck: Zu verzeichnen ist die Rückkehr zu einer Art freundlichem Biologismus. Der Glaube, dass Männer und Frauen gleich im Sinne von identisch seien (so diese Überzeugung wirklich je Anhänger hatte), kann als überwunden gelten. Überholt ist freilich auch die Vorstellung, Männer und Frauen stünden sich qua Genpool unversöhnlich gegenüber. Vielmehr gilt, Männer sind anders. Frauen auch, wie es ein Titel sorgsam gleichberechtigt formuliert. Gemeinsam ist den Werken, dass sie nicht auf Rückzug aus sind, sondern auf Brückenschlag. Ja, Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus, doch mit dem Sprachführer Männerdeutsch/Frauendeutsch kann man zum interplanetaren Dialog kommen. Resignative Tendenzen sind eher selten (Wenn Männer reden könnten), der Trend geht hin zur Einsicht in die schwierige Notwendigkeit, sich zu verstehen. Völkerverständigung beginnt bei der eigenen Frau.

Die Männer haben also nicht den Krieg gewonnen, aber den Frieden. Seit Frauen ihre Rollen freier wählen können, nehmen sich auch Männer Freiheiten, die ihre Väter nie hatten. 600 Millionen Euro geben sie jährlich in Deutschland für Kosmetika aus. Selbst das ist ein Erfolg, nicht bloß ästhetisch. Seit Männer nicht mehr Helden sein müssen, können sie Männer sein, wie sie wollen.

Damit löst freilich auch der Mann die Frau ab als härtester Kritiker des Mannes. Es ist die periodische Verzweiflung am eigenen Ungenügen, die den deutschen Mann in seine Krisen treibt: Er ringt mit dem Widerspruch, ein Mann zu sein.

Stets gibt es einen Typen, der tougher ist oder einfühlsamer, erfolgreicher oder gelassener, schicker angezogen oder lässiger. Egal wie Mann sein Leben lebt, immer hat er Grund, sich daneben vorzukommen. Wer das ein paar Jahre durchgemacht hat, ist darüber zum Würstchen geworden – oder hat eine Haltung gefunden, die ihn durchs Leben trägt. Und so wenig Haltung gegen Niederlagen feit, so zuverlässig schützt sie vor Selbstaufgabe. Ein Gewinner ist heute keiner, der nie verliert, sondern einer, der sich nicht selbst verloren gibt.

Wie es den Männern geht mit diesem Selbstbewusstsein der schütteren Art? Ach, so wie den Deutschen mit ihren Patriotismus-Debatten: Alle paar Jahre wieder fragt man sich, wie stolz wir jetzt eigentlich sein dürfen.

Männer brauchen Ruhezonen, etwa die Filialen des Elektronikfachhandels

Ohnehin ist der Mann ein Puzzlewesen. Er spielt nicht nur gerne mit Gedanken oder Gegenständen, die sich aus Einzelteilen zusammenfügen lassen (wobei die Welt der Computer aus Hard- und Software schon lange die Eisenbahn abgelöst hat). Der moderne Mann ist ein Wesen, das nur noch in der Verschraubung seiner Einzelteile zu verstehen ist. Das meinen Sozialforscher, wenn sie sagen, Männlichkeit sei heutzutage lediglich gebrochen zu haben. Natürlich ist das anstrengend. Doch damit ist der Mann, der postmoderne Mensch, gut gerüstet fürs Überleben im 21. Jahrhundert. Stets auseinander genommen durch Selbstzweifel und Fremdzweifel, hat er Erfahrung damit, sich täglich neu zusammensetzen, um leidlich erfolgreich durchs Leben zu kommen.

Zu diesem Zweck braucht es heute mehr denn je weiträumige Zonen ungestörter Männlichkeit. Conrad Elektronik ist so ein Ort. Hier erfährt der Begriff Männergruppe eine ganz eigene Bedeutung: Männer stehen in Gruppen vor Regalen mit Leuchtdioden und sind versunken in ihre Welt. Man muss also etwas nachsichtig sein mit den Ansprüchen an gewandelte Männlichkeit. Es ist durchaus ein Gewinn, wenn Männer sich Schutzräume suchen, in denen sie ihre Identität in aller Stille zusammenpuzzeln: Wer den Samstagmorgen im Baumarkt verbringt oder mittwochnachmittags den Elektronikfachhandel frequentiert, kehrt mit aller Wahrscheinlichkeit als umgänglicheres Wesen in den Familienverband zurück.

Als Gewinner ist der Mann heute notwendigerweise Melancholiker. Er weiß um sein Ungenügen, aber er gibt darum nicht auf. Das wiederum verbindet ihn mit den klassischen Helden der Männlichkeit. Auch John Wayne kam ohne Triumphgeheul aus. Anders als dieser braucht der Held von heute für seine Siege keinen Colt – was wiederum an den Frauen liegt. Sie sind inzwischen eher durch Gedanken als durch ein Schießeisen zu beeindrucken. Axel Hacke, der Autor und Kolumnist, ist ein gutes Beispiel für den John Wayne der Neuzeit. Er ringt mit den Widrigkeiten in seinem Leben, seiner Familie und in sich selbst, aber er gibt sich dabei nicht auf. Weil er seine Leser an diesem Ringen teilhaben lässt, lieben sie ihn. Und wenn er wirklich nicht mehr weiterweiß, gibt es immer noch einen letzten Tröster und Gesprächspartner, Bosch, seinen alten Kühlschrank.

Auch Männerberater entdecken zunehmend die Poesie der Männlichkeit. Weder auftrumpfende Selbstbehauptung noch die kampflose Selbstaufgabe steht im Mittelpunkt, sondern die behutsame Ermunterung, Mann selbst zu sein. »Ich würde keinem Mann seinen Porsche ausreden wollen«, sagt der Männerforscher Eberhard Schäfer, »solange das Geld noch für die Familie reicht und er nicht zu schnell damit fährt.« Die Einschränkungen sind wichtig. Die Lizenz zum Mannsein ist kein Freifahrtschein mehr, es geht inzwischen ums Mannsein mit Airbag und ABS – aus Freude am Fahren, aber mit Rücksicht auf Frauen und Kinder.

Eine Gruppe hat den Wandel in den vergangenen Jahren anscheinend besonders gut hinbekommen: die jungen Väter. Kaum eine Bevölkerungsgruppe hat eine derart gute Presse, kaum jemand zieht so große politische wie gesellschaftliche Anerkennung auf sich. Viel von dem Wandel, dem sich Männer vorgeblich stur verweigern, passiert ganz von allein, wenn der Mann zum Vater wird. Eberhard Schäfer vom Berliner Männerzentrum beobachtet die Verwandlung bei den Teilnehmern von Vätergruppen, die er regelmäßig anbietet. Väter geben plötzlich Schutz und Stärke. Sie entdecken eine Fürsorge in sich, die viele nicht für möglich gehalten hätten. Sie übernehmen Verantwortung. »Und als Vater bekommt man einen direkten Bezug zur Schöpfung«, sagt Schäfer. Die guten Männer, es gibt sie längst.

Nun sind nicht alle Männer Väter, viele wollen nicht, und manche werden’s nicht, aus den unterschiedlichsten Gründen. Und beileibe nicht alle Väter entsprechen dem Idealbild, das die Gesellschaft sich derzeit von ihnen macht. (Kennen Sie den? »Wahnsinn, nur 2,5Prozent aller Väter nehmen Erziehungszeit. – Ich weiß. Aber 98Prozent von denen schreiben ein Buch drüber.«) Trotzdem bleiben Väter das alltäglichste Beispiel für Männer, die sich zum Guten wandeln.

Nur, was folgt daraus? Erst wenn ein Mann zum Vater wird, ist er ein Mensch? Nein, erst wenn Männer wie Väter werden, haben sie sich wirklich gewandelt.

Väter sind Männer, die neue Seiten an sich entdecken, aber nicht nur die sanften, die ihnen so gerne anempfohlen werden. Sie sind auch, aber nicht nur weiblicher geworden. Und sie sind nicht nur, aber auch männlicher geworden. Väter bleiben Männer und werden doch mehr.

Klingt fast zu gut, um wahr zu sein.

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Leser-Kommentare
    • Saki
    • 14.06.2006 um 14:26 Uhr

    Die Taktik der Frau, dem Manne irgendwelche Unzuänglichkeiten vorzuhalten, um ihren Willen durchzusetzen oder einfach nur um etwas Spaß zu haben, sind ja nun nichts wirklich atemberaubend Überraschendes, kann aber bei guter Bearbeitung dieses klassischen Stoffes durchaus unterhaltsam sein (z.B. Albees
    i Wer hat Angst vor Virginia Wolfe
    ). Susanne Gaschkes uninspirierte Interpretation der Xanthippe ließ dann allerdings schon befürchten, dass auch die Reaktion wenig herzerfrischendes bieten würde.

    Dabei will ich gar nicht bestreiten, dass im Richtigen Leben das wortreiche Überhören solch zickiger Laberattacken mit J.B. Kerner-haftem, konziliant gewundenem Gesülze eine erfolgsoptimierte Reaktion darstellt, allerdings bereitet das dem Zuschauer wenig Freude.

  1. Ja, zum Beitrag "Ihr Verlierer" gab es viel mehr Kommentare.

    Während Fr. Gaschke hauptsächlich Altbekanntes und sowieso Widerlegtes vorzubringen hatte, gibt der der Artikel von Patrik Schwarz ein etwas einfühlsameres, differenziertes und moderneres Bild ab.

    Eigentlich sind aber beide Artikel darauf aus, Veränderungen FÜR den Mann auszulösen.

    Das gefällt mir eigentlich an beiden Herangehensweisen.

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  • Quelle DIE ZEIT 14.06.2006 Nr.25
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  • Schlagworte Alice Schwarzer | John Wayne | Porsche | Airbag
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