Neulich fanden sie das Lust-Gen. DRD4 heißt es. Wer eine bestimmte Variante von DRD4 in sich trägt, empfindet größere Erregung, sagen israelische Wissenschaftler. Zwei Tage später: das Anti-Aids-Gen, CCR2. Und dann enthüllten britische Forscher die Veranlagung für Lungenkrebs. Gleich 64 Erbanlagen tragen zum Risiko bei. BILD Hier versteckt sich Ihr Infarktrisiko. Aber wo fängt das Gen an?

Jede Woche könnten solche Neuigkeiten aus der Genforschung eine ganze ZEIT- Ausgabe füllen. Beileibe nicht alle haben auf Dauer Bestand. Dennoch, fasziniert verfolgen die Molekulargenetiker den Strom immer neuer Befunde ihrer Zunft. Irgendwann, glauben sie, werde man aus der Datenflut jene komplexen Regeln destillieren, die das innere Zusammenspiel menschlicher Gene, von Umweltfaktoren und psychischen Prozessen steuern.

Was die Wissenschaftler so begeistert, nützt den Bürgern im Lande derzeit allerdings wenig. Schließlich weiß kein HIV-Infizierter, ob er zu jenen 20 Prozent Glückspilzen gehört, deren schützende CCR2-Genvariante den Ausbruch von Aids verzögern wird. Kein Raucher ahnt, ob seine 64 Lungenkrebsgene so beschaffen sind, dass er besser sofort die Finger vom Tabak lässt.

Das wird nicht mehr lange so bleiben. Die Genforschung steht vor einer technologischen Revolution, die sich nicht auf die Labors beschränken, sondern die ganze Gesellschaft erfassen wird. In wenigen Jahren soll jeder Bürger seinen persönlichen Code, gespeichert auf einer CD, im Schrank stehen haben. Kosten: 1000 Euro. Jeder soll über sein genetisches Schicksal lückenlos informiert sein. Die Medizin und Pharmaforschung könnte Medikamente auf das persönliche Erbgutprofil abstimmen, und paarungswillige Menschen könnten sich nach passendem Genmaterial umsehen – auf dass die beiderseitige DRD4-Lustveranlagung kompatibel sei. Wie allerdings Datensicherheit, Zugriffsrechte, Eigentumsprobleme und das Management der Informationen zu regeln sind, steht in den Sternen.

Die ersten Verfahren, mit denen die Gendaten von Frau und Herrn Jedermann gewonnen werden können, stehen vor der Marktreife. Vor allem in Großbritannien und den Vereinigten Staaten arbeiten Institute und Unternehmen an neuen Genlesetechnologien. Die Zielvorgabe: Rasant, aber billig. Ihre Laborroboter, so genannte ULCS (Ultra Low Cost Sequencer) sollen künftig ein ganzes Erbgut an einem Tag entziffern – zu vertretbaren Kosten. Noch ist es allerdings nicht ganz so weit. Bislang hat die US-Firma 454 Life Sciences als einzige einen Genom-Sequencer der neuen Generation auf dem Markt. Das rund 500000 Euro teure Gerät kann über 20 Millionen DNA-Buchstaben in einem fünfstündigen Lauf lesen. Der wichtigste Konkurrent, das britische Unternehmen Solexa, will noch in diesem Jahr ein mit ihrer Technik sequenziertes Humangenom vorstellen.

Auch das amerikanische National Human Genome Research Institute (NHGRI) in Bethesda, Maryland, unterhält seit 2004 ein Forschungsprogramm für neue Lesetechnologien. Bis 2009 soll das erste Ziel erreicht sein: Geräte, mit denen für »nur« 100000 Dollar ein Erbgut routinemäßig entziffert werden kann. Doch bis das »1000-Dollar-Genom« möglich wird, eine Vorgabe, die Craig Venter, der legendäre ehemalige Chef der amerikanischen Sequenzierfabrik Celera Genomics, vor vier Jahren ausrief, sind Leistungssteigerungen in bis vor kurzem unvorstellbaren Dimensionen nötig. In Zukunft sollen die Erbinformationen von Menschen, Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen nicht mehr biologisch ermittelt, sondern vom DNA-Molekül elektronisch abgelesen werden. Das Erbmolekül wird dabei durch eine Nanopore in einer Membran gezogen BILD

Venters Ziel war damals eine von vielen belächelte Vision, doch jetzt, ein halbes Jahrzehnt später, wird aus der spinnerten Idee Realität. Mit Nachdruck arbeiten die Forscher in Genominstituten und Labortechnikfirmen nicht nur an der Verbesserung der herkömmlichen Genlesetechnologie, inzwischen drängen neue leistungsfähige Verfahren auf den Markt, die das ultraschnelle Entziffern der Erbdaten versprechen. Die Lesegeschwindigkeit der Maschinen soll bis 2015 von derzeit 24 auf 450000 DNA-Bausteine (Basenpaare) pro Sekunde hochschnellen. »Das ist ambitioniert, aber realistisch«, sagt Jeff Schloss, der beim NHGRI das Advanced Sequencing Technology Program leitet.