Belletristik »Ich bin ein Mythos«

In seinen Briefen betrieb der große Literaturwissenschaftler Hans Mayer vor allem eines: Selbstreklame

Ein wundersames Buch der Überraschungen; mal bitter, mal sinister, mal hochgemut und mal banal. Dokument eines Lebens und der DDR-Kulturpolitik allemal. Die erste Verblüffung (für den Uneingeweihten) bietet bereits der allererste Brief: Einer der bedeutendsten Literaturwissenschaftler war kein Literaturwissenschaftler. Hans Mayer, Dr. jur. und nie habilitiert (sein 1946 im Limes Verlag, Wiesbaden, erschienenes Büchner-Buch wurde post festum zur Habilitationsschrift erklärt; ein damals gänzlich ungewöhnliches Verfahren), wurde 1948 von der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig berufen auf den Lehrstuhl »für Kulturphilosophie an der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät« und als »Professor mit Lehrauftrag für Geschichte und Soziologie der ausländischen Gegenwartsphilosophie«.

Es sollte Jahre dauern, und viele Intrigen kosten, bis er jenen literaturwissenschaftlichen Lehrstuhl erhielt, der schließlich Basis seiner legendären Vorlesungen und anderen Lehrveranstaltungen – »in meinem Hörsaal« – wurde, die bis heute ihren Widerhall in Erinnerungen von Christoph Hein, Christa Wolf oder Uwe Johnson finden. Anfang 1948 übersiedelte Hans Mayer, der nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil bei Radio Frankfurt gearbeitet hatte, nach Leipzig, wo er bis zu seiner Flucht aus der DDR 1963 zur Untermiete bei einer verwitweten Rentnerin wohnte. Die Edition des vorliegenden Bandes lässt offen, wie lange er eine zweite Wohnung in Frankfurt am Main behielt und welchen Pass er besaß; das Gerücht, er habe jahrelang westdeutsche Papiere besessen, hielt sich in der DDR hartnäckig – die aus den Briefen hervorgehenden Visa- und Ausreisekomplikationen sprechen dagegen.

Ein Magier auf dem Katheder – eher staunen als lernen konnte man

Ob er je Mitglied der SED war, bleibt ebenfalls offen – meines Wissens war er das (ähnlich Brecht) nie; aber gelegentlich redet er die Frau von Friedrich Wolf mit »Genossin« an; wie er sich auch sonderbarerweise darin gefällt, Stephan Hermlin, der eigentlich Rolf Leder hieß, mit »Lieber Rolf« anzureden oder Alexander Abusch mit »Lieber Ernst«, da der im Exil den Decknamen Ernst Reinhardt führte. Gegen dieses etwas peinliche Augenzwinkern »ich weiß Bescheid« lesen sich die Anreden »Sehr verehrter Herr Doktor« oder »Verehrter Herr Professor« in seinen (großartigen) Briefen an Thomas Mann eher putzig. Die Ankunft in Leipzig verlief unspektakulär per Bahn über Helmstedt, durchaus nicht – wie er in seinen reichlich ausgeschmückten Lebenserinnerungen angibt – »mit einer amerikanischen Militärmaschine in Tempelhof«.

Bereits die ganz frühen Briefe zeigen ein Charakteristikum, wenn man es nicht gleich einen Widerspruch nennen mag, der Existenz dieses Menschen. Wer ihn je hat öffentlich sprechen hören – und ich habe nicht nur seine Berliner Gastvorlesungen, sondern auch sehr viele seiner Vorträge besucht –, war geradezu hingerissen von der oratorischen Brillanz, die ihn mit Hilfe seines Lieblingsworts »gleichsam« mühelos von Rose Bernd zu Beckett führte, deren bildungssatte Eleganz – ein anderes Lieblingswort war »bekanntlich«, es wurde eingesetzt für gänzlich unbekannte Zusammenhänge – ganz nebenbei aufdecken konnte, dass Rodin »bekanntlich« nie einen Marmor berührt hat.

Da er gerne zu verstehen gab, auf wie gutem Fuße er mit den Großen dieser Welt stehe, wusste er zum Stichwort Stefan Zweig nicht nur die Anekdote zu kolportieren, Robert Musil habe die Emigration nach Lateinamerika – ein ganzer Kontinent also unbewohnbar – mit dem Satz »Da ist schon Stefan Zweig« abgelehnt, sondern auch hinzuzufügen, dass es »in einem höheren Sinne kein Zufall sei«, wenn der italienische Komponist Luigi Dallapiccola seine Vertonung von Maria Stuarts Abschiedsgebet der Lektüre von Stefan Zweigs Biographie romancée verdanke. Bekanntlich. Er war ein Magier auf dem Katheder, eher staunen als lernen konnte man.

Und zugleich ein allzu wendiger Papierraschler, ein Mann, der sich mit Plänen (und Querelen) unentwegt selber in den Arm fällt, der sich auch nicht zu schade ist, um Rezensionen seiner Bücher zu bitten, um Akademiemitgliedschaften oder Zuwahl in allerlei kulturpolitische Gremien; also jene Selbstreklame emsig betreibt, die gemeinhin in der literarischen Welt verpönt ist. Das geht einher mit unaufhörlich wechselnden Projekten, die er vorschlägt, anpreist, anbietet; schon der dritte Brief des gesamten Bandes muss mit Anmerkungen »wurde nie vollendet«, »Nicht erschienen«, »keine Rezension in Sinn und Form« korrigierend ergänzt werden. Ein Aufsatz für die Zeitschrift Aufbau (inklusive Krach mit der Redaktion) »Nicht aufzufinden«; eine Thomas-Mann-Stiftung – »realisiert wurde die Stiftung jedenfalls nicht«; eine Broschüre – »ist nicht erschienen«; ein Brief an eine Frau Ministerialdirektor: »Ich möchte die Leitung eines Instituts für Theorie der Künste und Literatur im Rahmen der Akademie [deren Mitglied er zu dem Zeitpunkt nicht war; F.J.R.] übernehmen« – »in den Akten der Akademie ist zu diesen Vorgängen kein Material auffindbar«.

Schon nach der ersten Lektürestunde schwirrt dem Leser der Kopf: Buchpläne, Vorworte, Nachworte, Aufsätze, Rezensionen – und unentwegt die Anmerkung »Einen Erfolg hatte Hans Mayers Schreiben nicht«, »Dies ist offenbar nicht geschehen«. Die Lektüre des voluminösen Bandes hat auch deshalb etwas Atemberaubendes. Je bekannter Hans Mayer nämlich wurde, desto mehr nimmt die Drehgeschwindigkeit zu.

Wieso bekannter? Weil mit dieser Mischung aus Beharrlichkeit, manchmal sogar Aufdringlichkeit, immer aber Fleiß – »seines Fleißes darf man sich wohl rühmen«, rühmt er sich ständig – und einer stupenden Bildung (das Schneekapitel aus dem Zauberberg konnte er auswendig) schließlich doch Beachtliches entstand: einige Bücher, zahlreiche Vor- und Nachworte, dazwischen eine Aragon-Übersetzung, Rundfunkreden, Essays. Oft bietet er unter dem Motto »Ich schreibe keine Rezensionen« Rezensionen an, widmet eine Broschüre »den Freunden der FDJ« oder schreibt im stalinistisch verkrusteten Zentralorgan der SED Neues Deutschland, dessen schlimmen Chef Wilhelm Girnus er listigerweise in Leipzig promoviert (der hat es Mayer übel gelohnt und nach dessen Verbleiben im Westen den infamsten »Nachruf« geschrieben). Kaum hat er sich »endgültig« mit dem Aufbau-Verlag überworfen, entwickelt er Buch- und Editionspläne für – den Aufbau-Verlag; man darf sagen: zum Glück der Leser in der DDR, allein die prachtvolle 12-bändige Thomas-Mann-Ausgabe, die nur er, Hans Mayer, allein konzipiert hat (in enger Zusammenarbeit mit dem Autor), war eine Glanzleistung.

Es gibt, wie man weiß, dumme und intelligente Eitelkeit; die (oft nicht mehr erträgliche) des Hans Mayer war hoch intelligent. Und unbedingt hinzuzufügen ist: Er war ein Mensch von integrem Anstand. Was dieses Buch ein weiteres Mal belegt: Er hat versucht, sich für seinen ärgsten Gegner Wolfgang Harich – der das Thomas-Mann-Buch, wie man so sagt, »vernichtend verrissen« hatte – nach dessen Verhaftung 1956 einzusetzen. Ich kann das bezeugen, denn ich habe Hans Mayer am Tage nach der Verhaftung ausführlich gesprochen. Er hat mit einer Art »Gratulation« zum Hinauswurf aus SED und Schriftstellerverband Heiner Müller moralisch beigestanden. Er hat Uwe Johnson früh und ziemlich lange finanziell unterstützt.

Gut, man könnte das abtun mit dem Hinweis auf seine extrem hohen Einkünfte – schließlich 5000 Mark Ost monatlich als Professor, für eine einzige Übersetzung, plus Nachwort, fast 20000 Mark Ost, zusätzlich hohe Honorare für die Fließbandproduktion (ein Verlagsleiter, zum Vergleich, verdiente da circa 700 Mark Ost im Monat); so konnte er auch problemlos per Taxi zwischen Leipzig und Berlin hin und her fahren. Dennoch: Es gab auch andere Vielverdiener in der DDR, allen voran Brecht, aber auch Anna Seghers; Vergleichbares ist von ihnen nicht bekannt.

Das ohrenbetäubende Rattern einer Einmannbuchstabenfabrik

Warum also gibt dieses authentische Lebenszeugnis dennoch nachdenkliche Bedenken auf? Mir scheint, weil es drei ein Leben geradezu zersetzende Elemente preisgibt.

Erstens: Wir hören das ohrenbetäubende Rattern einer Einmannbuchstabenfabrik, begleitet von tönendem Selbstlob. Kaum ein Aufsatz, Artikel, Nachwort, das nicht im Begleitbrief mit einem »Ich glaube, das ist ein sehr guter Text, das ist mir sehr gelungen« versehen und ausgesandt wird; oft mit dem Hinweis auf italienische, französische oder russische Ausgaben, die es zumeist nie gab. Dafür jenes betäubende »Ich komme gerade von Max Frisch und bin morgen bei Grass, ich bin dringend gebeten zu Vorträgen in Düsseldorf, Paris, Budapest«. Da alle Briefe diktiert sind, drängt sich die ewige Wiederholung dieses Selbstbetäubungsparfums auf; wie die ernüchternde Erkenntnis: Ein großer Briefschreiber – wie Tucholsky, wie Gottfried Benn, wie Rilke – war Hans Mayer nicht. Dies ist die Geschäftskorrespondenz aus einem versierten Handelskontor. Ein Schriftsteller spricht hier nicht.

Zweitens: Nirgendwo zeigt sich ein politischer Kopf. Gewiss, Hans Mayer hat zunehmend Ärger mit der DDR-Kulturbürokratie gehabt, wurde auch angegriffen, hat sich – gelegentlich – zur Wehr gesetzt oder gedroht: »Leider steht es so, dass die pausenlose Polemisiererei mich nach reiflicher Überlegung veranlasst hat, meine Professur aufzugeben und zum 1. September 1958 aus dem akademischen Lehramt auszuscheiden. Ich bleibe dann weiter als Privatmann in Leipzig und bin ein Mythos.«

Doch nicht einmal die Drohungen hat er wahr gemacht (er blieb noch fünf Jahre Professor in Leipzig), eine tiefgehende politische Debatte – Ausnahme: ein ausführlicher Brief an den vorher umschmeichelten, nun per Sie weggestoßenen Johannes R. Becher und ein anderer an Stefan Heym – hat er mit keinem einzigen Brief geführt. Er war mit der DDR beleidigt; mal war sein Name auf einem Plakat zu klein gedruckt, mal sein Platz in der Oper schlechter als der von »Sekretärinnen«. In eine fundamentale Kritik an einem falschen Gesellschaftssystem wird man das nicht uminterpretieren können. Ich erinnere mich meines ratlos-stummen Verwunderns, wie er seinen – in diesem Band letzten – Brief an die DDR-Behörden in meinem Rowohlt-Büro diktierte, dass er nun im Westen bliebe: kein grundsätzliches Wort, nur gekränkt über Attacken »gegen mich und mein Buch« und einen gewiss schmählichen Artikel, der seine Position als Eine Lehrmeinung zuviel denunzierte. Aber ob etwas tief in der Sache Liegendes am Marxismus, am Sozialismus falsch sei: kein Hauch einer Silbe.

Drittens: Am befremdlichsten vielleicht, daher auch mein eher trauriges Wort »kein Schriftsteller«: Es gibt keine Silbe einer menschlichen Regung, ob Trauer (selbst bei Brechts Tod kein eisiges Erschrecken, nur Terminnot für einen Artikel), ob Freude, ob Verzagen. Natur existiert nicht, kein See, kein Wald, kein Meer, kein beschneiter Tannenzweig, kein blühender Krokus (daher er auch ein leicht aufzuschlüsselndes Naturbild in einem Huchel-Gedicht nicht versteht). Es wirkt, als habe der Mann nie je geliebt oder gelitten, gestreichelt oder geweint; ein Mensch mit Haut und Haar, Schründen im Gesicht oder Bäuchlein taucht nicht auf; hat er nie sinnend am Rand einer Wiese gesessen oder herzerschrocken vor einem Vermeer-Bild? Wenn ich recht gezählt habe, kommt das Wort »Museum« nicht ein einziges Mal vor, von Tizian bis Picasso: nichts. Am Ende klappt man das Buch zu, als habe man einem Erstickungstod beigewohnt, Letternasche im Mund. Man hat in ein Gesicht geblickt, das keine Spur von Leben zeigt, das frei nach Arcimboldo nicht aus Früchten, sondern aus Buchstaben sich zusammensetzt.

So ist es verdienstvoll, dass ein kleiner Verlag den Mut zu dieser Ausgabe fand. Doch Mut allein genügt nicht. Abgesehen von allerlei Unsorgsamkeiten bleiben doch ärgerliche Ungereimtheiten. Die naheliegende Frage, wer eigentlich das Urheberrecht an Hans Mayers Texten besitzt, wird nicht beantwortet; dem Testamentsvollstrecker RA Kurt Groenewold wird gedankt – aber nur in sehr seltenen Fällen ist ein Testamentsvollstrecker auch Erbe. Leider fehlt auch der wichtige Brief, mit dem Hans Mayer den jungen unbekannten Autor Uwe Johnson an Peter Suhrkamp empfahl; er hätte noch einmal Noblesse, Literaturverständnis und Hilfsbereitschaft dieses widersprüchlichen Mannes illuminiert.

 
Leser-Kommentare
  1. Hans Mayers Eitelkeiten und Schwaechen sind auch in Jerusalem bekannt, wo er 1978/79 Gastprofessor an der neugeguendeten deutschen Abteilung der Hebrew University war, 1983 an der Tagung "Juden in der deutschen Literatur" teilnahm, die im gleichnamigen, von St. Moses& A.Schoene edierten Band (Suhrkamp 1986} dokumentiert ist, und auch spaeter noch zweimal zu Besuch war. Aber wozu das genuessliche Aufmischen dieser Schwaechen in der Rezension von Herrn Raddatz, aufgrund der soeben erschienene Briefe, nach dem, im Jiddischen treffend benannten, Prinzip " a Patsch un a Glett" (eine Ohrfeige und eine Streicheleinheit)? Und noch bedenklicher: was sollen diese Formulierungen von den im Handelskontor geschriebenen Geschaeftsbriefen und vom naturfremden Hans Mayer? Die Assoziation mit alten antisemitischen Cliches laesst sich da kaum vermeiden.

    Prof. Dr. Itta Shedletzky, Jerusalem

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