Heine-Preis Vorläufiges Endergebnis
Gerechtigkeit für die Jury.
Der diesjährige Heine-Preisträger Peter Handke wird den diesjährigen Heine-Preis nicht annehmen. Dies ist das vorläufige Endergebnis der großen Heine-Preis-Debatte der vergangenen Wochen. In der hitzig geführten Diskussion hat es folgende Positionen gegeben: 1. Peter Handke hat den Heine-Preis verdient, weil er ein großer Schriftsteller und einer »offenen Wahrheit« auf der Spur ist. 2. Peter Handke hat den Heine-Preis nicht verdient, obwohl er ein großer Schriftsteller ist, weil er sich politisch geirrt hat. 3. Peter Handke hat den Heine-Preis verdient, weil er ein großer Schriftsteller ist und große Schriftsteller groß irren dürfen, auch politisch. 4. Peter Handke hat den Heine-Preis verdient, obwohl er ihn nicht verdient hat, weil eine große Jury groß irren darf.
Das in etwa war Phase eins der Auseinandersetzung. In Phase zwei waren folgende Positionen zu verzeichnen. Der Düsseldorfer Stadtrat, der Peter Handke den Heine-Preis womöglich nicht zusprechen wollte, hat sich blamiert, weil er in Punkt 1, 3 und 4 seine völlige Ahnungslosigkeit unter Beweis gestellt hat. Seltener zu hören war: Der Düsseldorfer Stadtrat hat nur seine Pflicht getan, weil er auf Punkt 2 engagiert reagiert hat.
Rückblickend kann man feststellen: Punkt 2 hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung des Falles durchgesetzt. Niemand hat ernsthaft gefordert, Peter Handke einen Preis für Völkerverständigung zu überreichen. Selbst die Jury hat erstaunlicherweise eingeräumt, bei der Preisvergabe die Statuten des Preises nicht berücksichtigt zu haben.
Dennoch gab es weit und breit nichts als Hohn für den Düsseldorfer Stadtrat, der sich dieser Jury zu erwehren suchte. Er wurde verspottet als dreiste, illiterate Spießertruppe mit unaussprechlichen Doppelnamen, der ein Urteil über das entfesselte Denken großer Männer nicht zustünde. Der große Dichter Botho Strauß ging sogar so weit, die kleine Meinung solcher Leute mit den abschreckendsten, hier nicht weiter zu verbreitenden Vokabeln aus dem Wörterbuch des Herrenmenschen niederzumachen. Und fand damit Beifall. Nicht nur beim Preisträger, sondern auch beim Oberbürgermeister der Heine-Stadt, der seinen Stadträten androhte, für ihre in Punkt 2 beschriebene Auffassung werde es »kein Pardon« und »Schelte« geben.
Eine verrückte Welt ist das, in der man Kritik unter Hinweis auf die Tiefen einer poetischen Weltsicht der Lächerlichkeit preisgeben, unterbinden, gar bestrafen will. In der ein demokratisch eingesetztes Entscheidungsorgan seines Amtes nicht walten soll wegen der nur Eingeweihten zugänglichen Dunkelheit eines dichterischen Werks. In welchem Jahrhundert leben wir, wenn derartiger Unsinn sich breit macht?
Zugegeben: Über den nächsten Heine-Preisträger sollte man nicht gleich im Stadtrat abstimmen lassen. Aber in die Verlegenheit wird man in Düsseldorf nicht kommen. Der Preis hat nach diesem Debakel keine Zukunft mehr.
- Datum 15.06.2006 - 11:42 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.06.2006
- Kommentare 9
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Die Jury hat die Statuten des Preises nicht beachtet? Das ist doch wohl unglaublich. Da würde ich als Stadt Düsseldorf sofort die Unkosten von der Jury zurückfordern und umgehend an serbische, bosnische und sonstige Waisen spenden.
Vielleicht sollte man mal einen Blick auf die NZZ werfen, um dem Phänomen Handke etwas näher zu kommen:
Link gelöscht, die Redaktion
Es findet sich darin eine Stelle, die die ganze Fragwürdigkeit der Position Handkes zusammenfasst:
"Wenn Mladic und Karadzic nach Den Haag ausgeliefert würden, würden Sie das unterstützen?"
Handke:"Ich fände es nicht unbedenklich, weil sie dermassen vorverurteilt sind. Man müsste ihre Schuld beweisen. Ich selbst würde gerne wissen, worin die Anklage gegen Mladic genau besteht. Auch, warum er nach dem Fall Srebrenicas Frauen und Kinder in die Busse hat steigen lassen und dann verschwunden ist für ein paar Tage. Aber natürlich: Der Prozess muss stattfinden. Und wenn Mladic das getan hat, dessen er beschuldigt wird, muss er verurteilt werden.
"Die Beweislage in Sachen Srebrenica scheint uns ziemlich klar zu sein."
Handke: "Es gab dreissig bis vierzig serbische Dörfer um Srebrenica, in denen die muslimische Miliz bei ihren Ausfällen aus dem Kessel gewütet hat. Was nicht heisst, dass das, was nach der Einnahme Srebrenicas im Juli 1995 passierte, zu rechtfertigen ist. Es ist eine grausige Geschichte, was die Serben da gemacht haben, serbische Paramilitärs, die von jenseits der Drina kamen. Es ist fürchterlich, eine ewige Schande."
Erschreckend, nicht??
Und wo leben wir, sodass stets demokratisch abgestimmt werden müsse, vor allem in Bereich der Kultur?
Und wer sagt, dass das Entscheidungsorgan der Stadtrat sei? Die Satzung hierzu schwammig:
"Der Heine-Preis wird vom Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf aufgrund einer Entscheidung des Preisgerichts verliehen."
[ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]
Das Preisgericht scheint mir hier das entscheidende Organ, aber vielleicht ist das auch nur meine Lesart...
Wie hat sich Handke intellektuell entschieden? Gab es auf dieser Ebene eine Verbindungslinie mit Milosevic?
Die einfachen Menschen, hätten sie widerstanden, dem Gefühl, ungerechtfertigt behandelt worden zu sein?
Jedenfalls habe ich den Serben diesbezüglich mehr zugetraut als den Albanern - meine ganz persönliche Beurteilung, die nicht den Anspruch erhebt, fachlich oder anders irgenwie völlig angemessen zu sein -, habe gehofft, dass dieser Krieg letztlich von den Serben als ein von den Kriegführenden widerwillig geführter Krieg (?) angesehen und damit ganz schnell beendet wird.
Hatte das Gefühl, dass eine Verständigung mit den Albanern von Europa aus schwieriger sein würde und dachte, dass jegliches Massaker an Muslimen, welches wir von Europa aus nur sehr schwer hätten verhindern können, die Kriegsbereitschaft der muslimischen Völker Arabiens - die, wenn ich mich noch richtig entsinne, damals gegen ihre eigenen Glaubensgenossen geschossen haben, um des lieben Friedens willen - gegenüber Europa und den USA absolut in die Höhe geschossen wäre.
Ich war aber nicht sicher, ob die muslimischen Völker erkannt hätten, dass die europäische Position nicht unbedingt deckungsgleich war und ist mit der der USA.- ändert sich da gerade etwas?
Es war also meines Erachten nicht unbedingt ratsam, völlig offen von Seiten Deutschlands innerhalb dieser Konfrontationen zu agieren. Ich hatte gehofft, dass wir unter rot-grün die Möglichkeit noch haben würden, offen über den Kosovo-Krieg zu debattieren. - jetzt ist aber Joschka Fischer in Princeton, bitte lasst uns mithören.
Gerecht wäre wohl keine Option gewesen. Werft Euch aber bitte nicht so in die Brust ihr Kriegsgegner. Denke ich zurück, stehe ich, wie viele andere, fast Zeit meines Lebens unter extremer psychischer Anspannung - vielleicht erinnert sich der eine oder andere - ich wurde als Tochter eines"geschädigten" Intellektuellen und einer emotional vergewaltigten Mutter - durch den Krieg und die Grauen - geboren.
Dass ich krank bin ist für mich eine kleine freudige Beschädigung angesichts der Tatsache, dass ich dachte und dass da so ging einer mit dem Hackebeil - Heines Angstträume - und führte aus. Nun dachte ich nicht alleine - trotzdem fühle ich mich schuldig und auch nicht. Wenn ich etwas geschrieben hätte, würde ich sagen, Leute gebt mir den Heine-Preis, nu habe ich aber nichts Entsprechendes geschrieben, aus der Preisverleihung würde auch nichts, denn ich löse mich leider immer in Tränen auf; in das Kommitee kann ich auch nicht ...
Entspannung auf der ganzen Linie: Ich kann doch hier meine Meinung sagen.
Sollte DIE ZEIT etwa in der Lage sein, mich etwas mehr zu entspannen?
Frau Radisch, lieben Dank und an dieser Stelle gleich einen Gruß an Frau Niehjahr, die mich sonst leicht in den Wahnsinn trieb und jetzt mal eine richtig gute Figur machte - ich weiß es gehört nicht hierher, beim Presseclub und zwar im doppelten Sinne - wo ich gerade dabei bin, Sommerloch ist doch auch, liebe Grüße an alle, die von mir schon mal einen drauf gekriegt haben. Verzeiht und lasst mich weiter gesunden. Dazu müßt ihr aber auch an euch arbeiten. Schreibt nicht so steif, nicht so tot und merkt euch, was meine Mutter sagt: tut recht und scheut n i e m a n d en.
Und der Streit geht weiter, schöne Grüße, auch an alle Mitdiskutierende
Liebe Frau Radisch, Peter Handke hat also den Preis nicht verdient, weil er sich politisch geirrt hat. Was ist denn das für eine abstruse Feststellung? Worin besteht denn sein politischer Irrtum, hat sich jemand überhaupt mit dem auseinandergesetzt, was Handke wirklich gesagt und gemeint hat. Nein. Bringen wir es doch einfach auf den Punkt:
Handke war und ist nicht genehm weil er auf Begebenheiten hingewiesen hat, die man einfach nicht für wahr anerkennen konnte. Er hat die Leiden des Serbischen Volkes als wirklich erster ohne Rücksicht auf seine eigene Reputation frei vertreten. Dabei hat er nicht die Leiden anderer verharmlost, was man ihm gerne unterstellt. Er hat nur für jene Partei ergriffen von denen niemand etwas wissen wollte. Wie viele serbische Opfer an der Zivilbevölkerung sind zu beklagen. Wie viele Gräuel wurden an Serben verübt, ohne dass sich jemand interessiert hätte. Diese Leute waren wohl Vieh in den Augen der Mainstream-Meinungsmacher, einmal von der Lüge aufgefressen als Täter für alle Zeiten, zum Schlachten freigegeben.
Alle wussten davon. Doch wie erbärmlich ist eine Gesellschaft die nur Opfer auf einer Seite sieht. Gehen sie doch mal nach Jasenovac, wäre sicherlich eine Erfahrung für Sie. Ueber die Ungerechtigkeit die diesen serbischen Menschen widerfahren ist, darüber hat Handke berichtet. Das er sich damit von Anfang an zum Advocatus Diaboli gemacht hatte, war Ihm sicherlich klar. Und trotzdem wollte er seinen Teil dazu beitragen, das verfälschte Bild zu korrigieren.
Ich kenne die Begebenheiten des Balkans sehr gut und ich habe mich in den letzten 15 Jahren der schreibenden Zunft und ihrer absichtlichen und fahrlässigen Unwissenheit immer wieder geschämt. Wie schön ist doch der Mainstreamgedanke, wie bequem auf der Seite der "Wahrhaftigen" zu sein, wie einfach das Beil über den Nacken einer Ganzen Nation fallen zu lassen.
Wenn Handke in dieser Situation keinen Mut bewiesen hat, was dann? Das Gegenteil zu behaupten wäre wissentlich falsch und ein erbärmliches Zeugnis der Unzulänglichkeit, die eigenen fatalen Einschätzungen einzugestehen. Wie arm ist eine Gesellschaft ohne Selbstreflektion? Wie durchtrieben sind jene, die wider besseres Wissen vorverurteilen und aus der Wut des Unterlegenen, vom eigenen Gewissen geplagten selbsternannten "Gutmenschen", jemanden bewusst schaden wollen? Es ist einfach erbärmlich, abartig und widerwärtig.
Handke war mutiger als alle zusammen. Er hat sich nicht der politischen Konformität um ihrer Willen untergeordnet, vor allem nicht, da sie falsch war. Hat er sich zum Diener irgendeiner Politik gemacht? Nein. Er ist und wollte Helfer für die einfachen Menschen sein, deren Wahrheit und Leiden von der Hybris des Zensus ausradiert wurden. Er wollte nicht Helfer einer Bewegung sein, die sich schon längst von den Grundsätzen der Wahrheit verabschiedet hatte. Handke hatte keine Wahl, er musste reden, er musste darüber schreiben. Dass man dabei zwischen die Fronten gerät, ist jedem klar.
Handkes Tat ist im Geiste eines Heine zu werten. Gerade deswegen steht es den Preisvergebenden nicht zu, diesem Preis für sich zu beanspruchen noch im Namen Heines einen Preis zu vergeben. Sie sind nicht in seinem Geiste und sie haben Heine nicht verstanden, sie haben nur seinen Namen zum eigenen Ruhm verbraucht. Es geht Ihnen weder um Heine noch Handke ... noch um Courage, Menschlichkeit, Anstand und Wahrheit.
Peter Handke, Du brauchst Dich nicht zu grämen, Du hast nicht den Preis Heines abgelehnt. Es war der Preis von Bürokraten, eigennützig veranlagt. Vielleicht wird irgendwann ein Preis mit dem Namen Heines verliehen, der wirklich in seinem Sinne und seiner würdig war. Dieser Preis ist nur eine Farce. Du hast gut getan, ihn abzulehnen. Er ist ein Politikum und du wurdest wegen deiner politischen Ansichten abgelehnt. Sind wir schon an dem Punkt angekommen, wo wir der politischen Verfolgung zustimmen? Darüber nachzudenken lohnt sich.
Der Zuspruch der Menschen ist mehr Preis als alle formalisierten Auszeichnungen.
Ich bleibe dabei: Heine für Handke, aber ein richtiger Heine.
Der Rest der Missmutigen sollte einmal tief in sich gehen und zusehen, dass er noch einen Funken Anstand bewahren kann.
Handke hat nach dem Gezanke den Preis ausgeschlagen.
Eigentlich greife ich jetzt noch lieber zu seinen Büchern.
@Vertigo Echos
Ich frage mich, ob die Rücksicht auf den Anstand die Missmutigen nicht zahnlos macht.
Ja, wo sind wir denn, Frau Radisch? Ein gezapftes Pils dauert immer noch 7 Minuten! Das wollen wir doch mal festhalten! Wo kommen wir hin, wenn wir die Durchschnittlichen durchschnittlich nennen? Schließlich sind sie demokratisch legitimiert! Und in der Mehrheit! Was nehmen sich manche
Menschen bloß heraus, auf ihrem hohen Ross, aus ihrem Elfenbeinturm heraus? Von außen zu schauen und zu sagen, das, was sie sehen, sieht nicht immer gut aus. Und dann mit solchen Worten! Das geht nun wirklich nicht! Was wird aus dem Betrieb, in dem Sie sich so
wohl fühlen?
Noch nie was von Betriebsblindheit gehört?
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