Manchmal, bei der morgendlichen Wanderschaft durch die Spalten der großen Feuilletons und die Bestseller-Listen, reibt sich unsereiner plötzlich die Augen, schrickt zusammen, deutet auf einen schweren Schatten, der im Hintergrund geistert, und fragt mit beengter Stimme: Ist dies nicht Sieburg? Friedrich, einst der Regent der Kritik, dem die jungen Herren der Gruppe 47 mit ihrem subtilen Humor Gartenzwerge ins Haus schickten? Weiß man denn noch, wer das war? Nein, nicht der Reich-Ranicki der Nachkriegsjahrzehnte. Kein überstrenger Richter. Wohl aber der eleganteste Stilist, den die Presse deutscher Sprache im vergangenen Jahrhundert vorzuweisen hatte: ein melancholischer Bürger, der seine Trauer in Sätzen von zärtlichster Ironie zu zähmen vermochte, der sensitivste Seismograf des Zeitgeistes, dem er selber in schwachen Augenblicken erlegen war (er wusste es wohl), dennoch der genaueste Beobachter seiner mörderischen Verirrungen, seiner exzentrischen Launen, vor allem aber seiner Lächerlichkeiten, die er mit seinem eher landesfremden schwermütigen Spott aus der deutschen Wohnküche zu scheuchen versuchte – vergebens. Ein kleiner Junge sitzt im Museum der bildenden Künste in Leipzig vor Max Klingers "Beethoven". BILD

Ach, wäre es nicht nur sein Schatten, der gelegentlich verloren durch die Feuilletons irrt! Zornig und lachend zugleich, wie es seine Art war, würde er den aufgeregten Erben, die uns von einer Katastrophenangst in die nächste treiben, die Leviten lesen, wie er’s in Wahrheit schon vor mehr als vier Jahrzehnten vorausschauend getan hat: »Die Weltuntergangsstimmung durch scharfsinnige Analysen ins allgemeine Bewusstsein zu heben und sie gleichzeitig doch auch zu genießen, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Menschen von heute …« Zumal seiner Landsleute, deren »Lust am Untergang« er in seinen brillanten Glossen beschrieb: »Der Alltag der Demokratie mit seinen tristen Problemen« sei »langweilig«, konstatierte er damals, »aber die bevorstehenden Katastrophen sind hochinteressant«. Zweifellos hätte er die große Klage über den Zeugungs- und Gebärstreik unserer Landsleute, der die Deutschen, gestern noch (angeblich) ein »Volk ohne Raum«, in ichsüchtige Einsiedler eines »Raums ohne Volk« zu verwandeln droht, wie es Erich Kästner, auch er ein ahnungsvoller Spötter, in den späten zwanziger Jahren vorausgereimt hat: »Komm, lass uns den Geburtenrückgang pflegen / Und lösch die Lampe aus, des Landtags wegen / Damit er es nicht sieht …« Nicht jeder Kinderreichtum, hatte der beischlafende Herr frivol in die Kissen geseufzt, sei auch ein Kindersegen. Kästner, der Zersetzer.

Sieburg aber hätte sich vermutlich die Lachtränen aus den Augen gewischt, wäre der hysterische Klagegesang über die aussterbenden Deutschen schon zu seinen Zeiten intoniert worden – obschon er den Anspruch unserer Medienregenten auf ihre Apokalypse natürlich keinen Augenblick lang bestritten hätte: »Niemand soll uns um unsere Krise bringen«, rief er: »Wir haben ein Recht auf sie.« Und er setzte mahnend hinzu: »Dass mir ja niemand zum Jüngsten Gericht zu spät kommt!« – »Ich glaubte nicht recht zu hören«, sagte er amüsiert, »als einmal das Wort ›Geworfenheit‹ an mein Ohr drang«. Vermutlich hätte er Heideggers düsteres Geraune den »Politics of Cultural Despair« zugerechnet, die der große amerikanische Historiker Fritz Stern (aus Breslau gebürtig) einige Jahre später in seinem hellsichtigen Essay als eine der Ursachen des deutschen Absturzes in die Barbarei beschrieben hat. Die Untergangsfantasien eroberten nicht erst mit Oswald Spenglers Monsterwerk das Gemüt der deutschen Intellektuellen, aber durch ihn und mit ihm feierten sie wahre Triumphe. Der gelernte Schulmeister, den man einen pedantischen Scharlatan nennen könnte, schmeichelte mit seiner fragwürdigen Lehre von den Zyklen der Kulturen – vom Aufgang über die Blüte zum Untergang – mit genialischer Intuition der deutschen Todes- und Untergangssucht, die angst- und lustvoll zugleich zum Abgrund drängte: siehe das Grauen von Verdun, das beim Erscheinen seines Buches Hunderttausende braver Soldaten vom Erdboden vertilgte.

Keine Weltzivilisation verschloss sich dem Fremden ganz und gar

Spengler, der das Heroische liebte, kümmerte sich nicht weiter darum. Sein bürgerlich gebildetes Publikum schien sich dennoch an der gelehrten Schaumschlägerei seiner Weltschau auf die Epochen besoffen zu lesen. Selbst kritische Geister wie Thomas Mann ließen sich von seiner Weissagung des Niedergangs der »Kultur« in die flache »Zivilisation« zunächst verführen: ein willkommenes Argument im lärmenden Streit mit Bruder Heinrich, dem »Zivilisationsliteraten«, der sich (mitsamt dem Gesindel der westlichen Demokraten) so hochmütig der beseelten Kultur (deutscher Prägung) verweigerte. »Kultur ist Religion. Zivilisation Irreligion« – punktum.

Spenglers kapitaler Irrtum: Er sah die Kulturen als gleichsam »fensterlose Monaden«, die miteinander nichts (oder fast nichts) zu schaffen hatten, wie ein kritischer Kopf beobachtete. In Wahrheit – das haben wir inzwischen begriffen – vollzog sich der Wandel von Epoche zu Epoche immer in Übergängen und stets in tausendfacher Berührung mit anderen Kulturen – selbst in den fernen Zeitaltern, die ihren Kindern höchstens den einen oder anderen Kreuzzug zu erlauben schienen, ehe die Europäer zu ihrer »Entdeckung« der Kontinente aufbrachen: jede »Weltreise« ein Abenteuer, dem zwei oder drei oder vier Lebensjahre (wenn nicht das Leben selbst) zu opfern waren.

Auch in der Antike und im Mittelalter existierte keine der großen Kulturen in völliger Isolation (nicht einmal die präkolumbianischen Kulturen Amerikas, die eher kriegerisch als friedlich miteinander kommunizierten). Keine der Weltzivilisationen verschloss sich dem »Fremden« ganz und gar, nicht einmal Japan in den Jahrhunderten seiner Abgeschlossenheit. Alle Kulturen waren in Wirklichkeit Mischkulturen – und sie sind es mehr denn je. Selbst die Invasion der Muslime in Europa ist eine eher alte Erfahrung. Sie hielten sich lange genug in Spanien auf und hinterließen die eindrucksvollsten Spuren, sie stießen immer wieder an die französischen Küsten vor, sie durchdrangen Sizilien und Kalabrien, sie beherrschten Griechenland, sie setzten sich auf dem Balkan fest. Überall trugen sie das Ihre zur Mixtur der Völker bei, in denen sich Romanen, Kelten, Slawen, Germanen und Semiten vermengten.