Der Mann ist wütend, und das aus gutem Grund. Von Kopf bis Fuß rot gepunktet, steht der Radfahrer zornbebend vor dem Direktor der Junkers Flugzeugwerke in Dessau und verlangt eine Erklärung. Da sei ein Flugzeug in der Luft gewesen, stößt er wütend hervor, und dieses Flugzeug habe eine rötliche Wolke versprüht, die vom Wind zur Landstraße getrieben worden sei, direkt auf ihn zu. Und da sei er auch schon knallrot gewesen. Die Junkers F 13 wurde oft für Test-Abwürfe eingesetzt BILD

Der ahnungslose Direktor hat Mühe, den Mann zu beruhigen. Später fällt ihm ein, dass es da einen Ingenieur Marquard gibt, der auf dem Flugplatz Mosigkau mit roter Flüssigkeit hantiert und stets geheimnisvoll getan hat. Nach und nach kommt heraus: Der Ingenieur erprobt im Auftrag der Reichswehr und des Firmeneigentümers Hugo Junkers die Verwendung von Giftgas. Der Mann auf dem Rad ist Opfer eines simulierten Einsatzes geworden.

Man schrieb das Jahr 1925. Die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische Truppen im Januar 1923 hatte aller Welt vor Augen geführt, wie machtlos der Weimarer Staat war, dessen 100.000-Mann-Heer gemäß dem Versailler Friedensvertrag keine schweren Waffen besitzen durfte, also auf Jagd- und Bombenflugzeuge, U-Boote, Artillerie, Panzerkampfwagen und chemische Kampfstoffe verzichten musste. Noch 1923 hatten sich Regierung und Reichswehr darauf verständigt, insgeheim aufzurüsten. Bei Anthony Fokker in Holland, einem der besten Flugzeugkonstrukteure der Welt, orderte das deutsche Militär per Geheimauftrag 100 Jagdflugzeuge.

Bald schon stellte das Truppenamt in Berlin beunruhigt fest, dass der Vorrat an Artilleriemunition ganze 170 Schuss zählte. Konnte Sowjetrussland nicht in deutschem Auftrag Munition herstellen? Wozu hatte man denn Ostern 1922 in Rapallo zum Entsetzen der Entente-Mächte mit Russland einen Vertrag geschlossen? Der enthielt zwar keine militärischen Geheimklauseln, aber derartige Absprachen ließen sich im Nachhinein regeln.

Und Kampfstoffe? Die Experten waren sich einig: In einem künftigen Krieg würde die Chemie neben einer starken Luftflotte die entscheidende Rolle spielen. Warum nicht beide Waffen kombinieren? Chemische Kampfstoffe ließen sich ausgezeichnet aus Flugzeugen in Bomben abwerfen oder als Lösung »abregnen«. Doch das war Neuland, damit hatte keine Militärmacht der Welt bisher Erfahrungen gesammelt. An der Interalliierten Militärischen Kontrollkommission vorbei machte sich die Reichswehr daran, die neuen Möglichkeiten zu erforschen.

»Scharfe Abregnungen« bei Moskau

Die Deutschen beschränkten sich zunächst auf Lost, den wirksamsten der damals bekannten Kampfstoffe, wegen seines Geruchs auch »Senfgas« genannt oder »Gelbkreuz«, denn mit einem gelben Kreuz hatte man im Ersten Weltkrieg Lostgranaten markiert. Beim »Abregnen« war nun die Frage, welche Menge des Kampfstoffes auf dem Boden ankam. Sie musste ausreichen, um ein Gelände für den Durchmarsch des Gegners zu sperren. Die ersten Tests im April 1925 waren denkbar primitiv. Für seine Versuche bei Junkers beschaffte sich Ingenieur Ernst Marquard Glykol, dessen physikalische Eigenschaften denen von Lost entsprechen, und einen Gießbehälter, der sich unter einer Junkers F13 anbringen ließ. In den Dessauer Apotheken kaufte er sämtliche Bestände des Farbstoffs Eosin auf. Derart ausgestattet, breitete er auf dem Flugplatz Mosigkau Dutzende Meter Nessel aus und ließ den Piloten die rote Lösung in verschiedenen Höhen abregnen.