Ein Abend in Mailand. Vor der Basilika San Marco hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Menschen warten geduldig fast eine Stunde lang. Als endlich das Kirchenportal geöffnet wird, geraten sie in heftige Bewegung. Fast panikartig füllt sich das Gotteshaus, wenig später ist auch der letzte Platz besetzt. Gespannte Erwartung. Dann öffnet sich die Tür der Sakristei und heraus strömen – Japaner. Junge Musiker, die sich an ihre Pulte setzen, ein Chor, der seine Plätze einnimmt, und schließlich ein Mann mit langen weißen Haaren, der freundlich den Applaus entgegennimmt, ehe er sich mit erhobenen Armen dem Altar zuwendet. Masaaki Suzuki gibt den Einsatz. 

»Kyrie«, singen die Japaner, und Mailand hält den Atem an. Ein Heiligtum aus Tönen erfüllt die Kathedrale, in der schon Wolfgang Amadeus Mozart gespielt hat – ein idealer Klangraum, in dem nichts verschwimmt, nichts verkommt. Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe erklingt als Ahnung der Besten aller Welten. Töne funkeln, Akkorde strahlen, das Kyrie eleison leuchtet weit hinaus in die Anfänge gregorianischen Gesangs. Die Zeit steht still. Eines dieser Wunder, die sich immer wieder dort ereignen, wo die Musik Johann Sebastian Bachs erklingt.

Die Tournee der Japaner begann in Zaragoza, führte nach Valencia, Madrid, Bilbao und Almer. Jubelstürme. Begeisterte Kritiken. Ovación! An einem Morgen unter andalusischer Sonne haben wir die Terrasse des Hotels für uns allein. Masaaki Suzuki erscheint in Sandalen und schwarzem TShirt mit Miró-Motiven, entspannt und konzentriert zugleich. Sein Deutsch ist nahezu akzentfrei. Bach ist sein Leben. »Wenn man einmal damit anfängt, ist es wie ein Fluss, es reißt einen mit.«

Der Organist, Cembalist und Dirigent, 1954 im japanischen Kobe geboren, spielte schon als Zwölfjähriger beim Gottesdienst der kleinen christlichen Gemeinde auf dem Harmonium. 1990 hat er das Bach Collegium Japan gegründet, als Chor und Orchester für Barockmusik auf historischen Instrumenten. Aufsehen erregten seine mehr als dreißig Einspielungen der Bach-Kantaten auf dem schwedischen Label BIS. Er hat einen Lehrstuhl in der neu eingerichteten Abteilung für Alte Musik an der Tokyo National University of Fine Arts and Music, ein Weltbürger und gläubiger Christ.

»Ich kann nicht beurteilen, wie es möglich ist, ohne Glauben zu musizieren«, sagt er an diesem andalusischen Morgen, »der Glaube ist der Grund für das ganze Leben. Es muss nicht der Glaube an die Kirche sein. Calvin sagt: Niemand lebt ohne Glauben. Viele Musici glauben an das, was sie tun. Das ist der Wert der Musik an sich.«

In Ostasien genießt abendländische Musikkultur hohes Ansehen. »Die Matthäus-Passion wurde schon vor dem Zweiten Weltkrieg von dem Dirigenten und Komponisten Klaus Pringsheim, dem Zwillingsbruder von Katia Mann, in Tokyo aufgeführt«, erzählt Suzuki, »mit einem hundertköpfigen Chor in Kimonos vor und zweihundert Kindern hinter dem Orchester.

Bach-Noten aus Deutschland – krisenfest und wertbeständig

Wie muss das geklungen haben! Jetzt entdeckt Japan den Originalklang, junge Ensembles spielen Barockmusik auf Instrumenten des 18. Jahrhunderts. Pioniere, Außenseiter, die noch viel vor sich haben. Der Bus zum Flughafen fährt vor. Koffer werden eingeladen, Pauken, der Kontrabass. Vierzig Musiker, Sänger und Helfer reisen weiter durch Europa, nach Amsterdam, Leipzig, Nürnberg und London, um dort vor ausverkauften Häusern zu spielen. Bach boomt. Als letztes Großereignis vor der Fußballweltmeisterschaft sorgte das Bachfest Leipzig mit 72 Konzerten und Veranstaltungen für Hochstimmung. Und die 60. Bachwoche Greifswald klingt gerade aus. Im Juli folgt die Bachwoche in Ansbach, dem Bayreuth der Bach-Liebhaber. Als AnsBACH hat es den Komponisten in den eigenen Namen gestochen – ein hochkulturelles Tattoo. Auch Sulzbach, Amorbach und vielleicht sogar Miesbach steht es frei, es zu tragen. Es ist kein deutsches, es ist ein Weltphänomen. Bach lieben alle. Im vergangenen Jahr erlebte die Ile de France das erste Europa-Bachfestival mit rund zweihundert Veranstaltungen in Paris und Umgebung, angeregt von der Neuen Bachgesellschaft mit Sitz in Leipzig, die seit bald hundert Jahren wandernde Bach-Feste ausrichtet. Dieses Jahr ist mit Aschaffenburg wieder eine deutsche Stadt an der Reihe. In Amerika sind Bach-Festivals längst etabliert, ob in Winter Park in Florida, Carmel-by-the-Sea in Kalifornien oder North Conway, New Hampshire, ob in Oregon, Philadelphia oder im kanadischen Toronto. Aus Korea wird das erste Internationale Bach-Festival gemeldet, und unter bach-concert meldet sich im Internet die Universität von Auckland, Neuseeland.

Bach im Konzertsaal, Bach im Kuhstall, Bach on the beach, Bach on air. WBachradio versorgt die Ostküste der USA mit Klassik auf vier Kanälen. Die BBC bescherte ihren Hörern zur Weihnachtszeit zehn Tage lang Bach rund um die Uhr, das Gesamtwerk aller Kantaten und Motetten, Orgelwerke und Konzerte, Partiten und Passionen ohne Pause, ein Fest. Manchen ging es auch auf den Sender (Sublime Folter, ZEIT Nr. 1/06).

Das Bach-Business als höchste Form deutscher Wertarbeit: weit über tausend Erzeugnisse aus einer Hand, Qualitätsprodukte ohne die geringsten Schwankungen, ein Longseller, krisenfest und wertbeständig – Bach-Noten. Noten sind das Geschäft des Bärenreiter-Verlages. »Unser Auslandsgeschäft beträgt über 50 Prozent. Bei Noten ist es leicht, international zu operieren. Man braucht keinen Übersetzer.« Von ihrem Büro in Kassel-Wilhelmshöhe aus hat Barbara Scheuch-Vötterle, Tochter des Gründers und Geschäftsführerin, die Welt im Blick. »Wir haben Zuwächse in Südostasien, Japan und Korea, Hongkong und Taiwan. In Japan gehört es zum guten Ton, ein Klavier im Haus zu haben. China blüht auf. In Nanjing wird eine Bach-Gesellschaft gegründet. Dort wurde vor anderthalb Jahren zum ersten Mal die Matthäus-Passion aufgeführt. Und jetzt beginnt das Geschäft in der Russischen Föderation. Ein interessanter Zukunftsmarkt.«

Seit 1954 gibt Bärenreiter die Neue Ausgabe sämtlicher Werke heraus. Bisher sind 110 Bände erschienen. Weil die Edition sich möglichst nahe am Urtext orientieren soll, sind das Johann-Sebastian-Bach-Institut in Göttingen und das Bach-Archiv in Leipzig für den Inhalt verantwortlich. Erst wenn die Wissenschaft ihr Einverständnis gegeben hat, werden die Noten zum Stechen gegeben, wie es immer noch heißt. Aber die Wissenschaft nimmt sich Zeit. Bach-Forschung ist ein Geduldsspiel, über vielen Funden liegen Zweifel, weil es keine Autografen sind; in Abschriften können sich Fehler eingeschlichen haben. Die Herkunft vieler Werke ist nicht gesichert. Die berühmte d-Moll-Orgel-Toccata, die jeder im Ohr hat, und sei es als Klingelton im Handy, ist möglicherweise gar nicht von Bach. Andererseits hat Bach vermutlich sehr viel mehr komponiert als die 1127 Werke, die im Bach-Werke-Verzeichnis registriert sind.

Bach ist ein Universum. Und ein Rätsel. Seit 255 Jahren tot, ist er lebendig wie nie. Sein Lebenswerk ist ohne Vergleich. »Er schuf die gelehrteste und zugleich am tiefsten durchseelte Musik«, erkannte Ernst Bloch. Für Pablo Casals war Bach die Quintessenz, für Max Reger Anfang und Ende aller Musik. Dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler erschien der Unsterbliche wie der waltende Weltgeist, der Weltenbaumeister selbst. »Er steht für etwas Größeres in uns«, spürte Yehudi Menuhin, und Hermann Hesse schrieb: »Diese Musik ist Tao.«

Sein Werk türmt sich himmelwärts. Kaum fassbar die zeitlose Frische des Weihnachtsoratoriums in der Aufnahme – sagen wir, mit dem Münchner Bach-Chor unter Karl Richter von 1965. Ungezählt die Einspielungen der Goldberg-Variationen. Kein Ensemble der historischen Aufführungspraxis, das Bach nicht in die Mitte der Welt gestellt hätte, allen voran Sir John Eliot Gardiner, der im Bach-Jahr 2000 mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists eine spektakuläre Pilgerfahrt in 14 Länder unternahm, um das Gesamtwerk der Kantaten jeweils an ihrem Platz im Kirchenkalender aufzuführen.