Ein Abend in Mailand. Vor der Basilika San Marco hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Menschen warten geduldig fast eine Stunde lang. Als endlich das Kirchenportal geöffnet wird, geraten sie in heftige Bewegung. Fast panikartig füllt sich das Gotteshaus, wenig später ist auch der letzte Platz besetzt. Gespannte Erwartung. Dann öffnet sich die Tür der Sakristei und heraus strömen – Japaner. Junge Musiker, die sich an ihre Pulte setzen, ein Chor, der seine Plätze einnimmt, und schließlich ein Mann mit langen weißen Haaren, der freundlich den Applaus entgegennimmt, ehe er sich mit erhobenen Armen dem Altar zuwendet. Masaaki Suzuki gibt den Einsatz. 

»Kyrie«, singen die Japaner, und Mailand hält den Atem an. Ein Heiligtum aus Tönen erfüllt die Kathedrale, in der schon Wolfgang Amadeus Mozart gespielt hat – ein idealer Klangraum, in dem nichts verschwimmt, nichts verkommt. Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe erklingt als Ahnung der Besten aller Welten. Töne funkeln, Akkorde strahlen, das Kyrie eleison leuchtet weit hinaus in die Anfänge gregorianischen Gesangs. Die Zeit steht still. Eines dieser Wunder, die sich immer wieder dort ereignen, wo die Musik Johann Sebastian Bachs erklingt.

Die Tournee der Japaner begann in Zaragoza, führte nach Valencia, Madrid, Bilbao und Almer. Jubelstürme. Begeisterte Kritiken. Ovación! An einem Morgen unter andalusischer Sonne haben wir die Terrasse des Hotels für uns allein. Masaaki Suzuki erscheint in Sandalen und schwarzem TShirt mit Miró-Motiven, entspannt und konzentriert zugleich. Sein Deutsch ist nahezu akzentfrei. Bach ist sein Leben. »Wenn man einmal damit anfängt, ist es wie ein Fluss, es reißt einen mit.«

Der Organist, Cembalist und Dirigent, 1954 im japanischen Kobe geboren, spielte schon als Zwölfjähriger beim Gottesdienst der kleinen christlichen Gemeinde auf dem Harmonium. 1990 hat er das Bach Collegium Japan gegründet, als Chor und Orchester für Barockmusik auf historischen Instrumenten. Aufsehen erregten seine mehr als dreißig Einspielungen der Bach-Kantaten auf dem schwedischen Label BIS. Er hat einen Lehrstuhl in der neu eingerichteten Abteilung für Alte Musik an der Tokyo National University of Fine Arts and Music, ein Weltbürger und gläubiger Christ.

»Ich kann nicht beurteilen, wie es möglich ist, ohne Glauben zu musizieren«, sagt er an diesem andalusischen Morgen, »der Glaube ist der Grund für das ganze Leben. Es muss nicht der Glaube an die Kirche sein. Calvin sagt: Niemand lebt ohne Glauben. Viele Musici glauben an das, was sie tun. Das ist der Wert der Musik an sich.«

In Ostasien genießt abendländische Musikkultur hohes Ansehen. »Die Matthäus-Passion wurde schon vor dem Zweiten Weltkrieg von dem Dirigenten und Komponisten Klaus Pringsheim, dem Zwillingsbruder von Katia Mann, in Tokyo aufgeführt«, erzählt Suzuki, »mit einem hundertköpfigen Chor in Kimonos vor und zweihundert Kindern hinter dem Orchester.

Bach-Noten aus Deutschland – krisenfest und wertbeständig

Wie muss das geklungen haben! Jetzt entdeckt Japan den Originalklang, junge Ensembles spielen Barockmusik auf Instrumenten des 18. Jahrhunderts. Pioniere, Außenseiter, die noch viel vor sich haben. Der Bus zum Flughafen fährt vor. Koffer werden eingeladen, Pauken, der Kontrabass. Vierzig Musiker, Sänger und Helfer reisen weiter durch Europa, nach Amsterdam, Leipzig, Nürnberg und London, um dort vor ausverkauften Häusern zu spielen. Bach boomt. Als letztes Großereignis vor der Fußballweltmeisterschaft sorgte das Bachfest Leipzig mit 72 Konzerten und Veranstaltungen für Hochstimmung. Und die 60. Bachwoche Greifswald klingt gerade aus. Im Juli folgt die Bachwoche in Ansbach, dem Bayreuth der Bach-Liebhaber. Als AnsBACH hat es den Komponisten in den eigenen Namen gestochen – ein hochkulturelles Tattoo. Auch Sulzbach, Amorbach und vielleicht sogar Miesbach steht es frei, es zu tragen. Es ist kein deutsches, es ist ein Weltphänomen. Bach lieben alle. Im vergangenen Jahr erlebte die Ile de France das erste Europa-Bachfestival mit rund zweihundert Veranstaltungen in Paris und Umgebung, angeregt von der Neuen Bachgesellschaft mit Sitz in Leipzig, die seit bald hundert Jahren wandernde Bach-Feste ausrichtet. Dieses Jahr ist mit Aschaffenburg wieder eine deutsche Stadt an der Reihe. In Amerika sind Bach-Festivals längst etabliert, ob in Winter Park in Florida, Carmel-by-the-Sea in Kalifornien oder North Conway, New Hampshire, ob in Oregon, Philadelphia oder im kanadischen Toronto. Aus Korea wird das erste Internationale Bach-Festival gemeldet, und unter bach-concert meldet sich im Internet die Universität von Auckland, Neuseeland.

Bach im Konzertsaal, Bach im Kuhstall, Bach on the beach, Bach on air. WBachradio versorgt die Ostküste der USA mit Klassik auf vier Kanälen. Die BBC bescherte ihren Hörern zur Weihnachtszeit zehn Tage lang Bach rund um die Uhr, das Gesamtwerk aller Kantaten und Motetten, Orgelwerke und Konzerte, Partiten und Passionen ohne Pause, ein Fest. Manchen ging es auch auf den Sender (Sublime Folter, ZEIT Nr. 1/06).

Das Bach-Business als höchste Form deutscher Wertarbeit: weit über tausend Erzeugnisse aus einer Hand, Qualitätsprodukte ohne die geringsten Schwankungen, ein Longseller, krisenfest und wertbeständig – Bach-Noten. Noten sind das Geschäft des Bärenreiter-Verlages. »Unser Auslandsgeschäft beträgt über 50 Prozent. Bei Noten ist es leicht, international zu operieren. Man braucht keinen Übersetzer.« Von ihrem Büro in Kassel-Wilhelmshöhe aus hat Barbara Scheuch-Vötterle, Tochter des Gründers und Geschäftsführerin, die Welt im Blick. »Wir haben Zuwächse in Südostasien, Japan und Korea, Hongkong und Taiwan. In Japan gehört es zum guten Ton, ein Klavier im Haus zu haben. China blüht auf. In Nanjing wird eine Bach-Gesellschaft gegründet. Dort wurde vor anderthalb Jahren zum ersten Mal die Matthäus-Passion aufgeführt. Und jetzt beginnt das Geschäft in der Russischen Föderation. Ein interessanter Zukunftsmarkt.«

Seit 1954 gibt Bärenreiter die Neue Ausgabe sämtlicher Werke heraus. Bisher sind 110 Bände erschienen. Weil die Edition sich möglichst nahe am Urtext orientieren soll, sind das Johann-Sebastian-Bach-Institut in Göttingen und das Bach-Archiv in Leipzig für den Inhalt verantwortlich. Erst wenn die Wissenschaft ihr Einverständnis gegeben hat, werden die Noten zum Stechen gegeben, wie es immer noch heißt. Aber die Wissenschaft nimmt sich Zeit. Bach-Forschung ist ein Geduldsspiel, über vielen Funden liegen Zweifel, weil es keine Autografen sind; in Abschriften können sich Fehler eingeschlichen haben. Die Herkunft vieler Werke ist nicht gesichert. Die berühmte d-Moll-Orgel-Toccata, die jeder im Ohr hat, und sei es als Klingelton im Handy, ist möglicherweise gar nicht von Bach. Andererseits hat Bach vermutlich sehr viel mehr komponiert als die 1127 Werke, die im Bach-Werke-Verzeichnis registriert sind.

Bach ist ein Universum. Und ein Rätsel. Seit 255 Jahren tot, ist er lebendig wie nie. Sein Lebenswerk ist ohne Vergleich. »Er schuf die gelehrteste und zugleich am tiefsten durchseelte Musik«, erkannte Ernst Bloch. Für Pablo Casals war Bach die Quintessenz, für Max Reger Anfang und Ende aller Musik. Dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler erschien der Unsterbliche wie der waltende Weltgeist, der Weltenbaumeister selbst. »Er steht für etwas Größeres in uns«, spürte Yehudi Menuhin, und Hermann Hesse schrieb: »Diese Musik ist Tao.«

Sein Werk türmt sich himmelwärts. Kaum fassbar die zeitlose Frische des Weihnachtsoratoriums in der Aufnahme – sagen wir, mit dem Münchner Bach-Chor unter Karl Richter von 1965. Ungezählt die Einspielungen der Goldberg-Variationen. Kein Ensemble der historischen Aufführungspraxis, das Bach nicht in die Mitte der Welt gestellt hätte, allen voran Sir John Eliot Gardiner, der im Bach-Jahr 2000 mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists eine spektakuläre Pilgerfahrt in 14 Länder unternahm, um das Gesamtwerk der Kantaten jeweils an ihrem Platz im Kirchenkalender aufzuführen.

 

Bach nährt alle und wird nicht müde dabei, ein ewig sprudelnder Quell der Improvisation. Popgruppen lassen ihn grooven, Jazzer nehmen ihn auseinander und setzen ihn neu zusammen, wie Jacques Loussier (Play Bach) oder George Gruntz (Jazz Goes Baroque). Uri Caine trägt die Goldberg-Variationen nach Dixieland, Bobby McFerrin verwandelt Bach in Lautmalerei, Ornette Coleman lässt ihn im Kosmos des Free Jazz schweben. Und das Seltsame ist, das alles nutzt ihn nicht ab. Es kann ihm nichts anhaben. Er leuchtet für und für.

Der erste uns bekannte Bach war ein Asylbewerber, Veit Bach, um 1555 in Ungarn geboren, wegen seines lutherischen Glaubens verfolgt. Er kam als Weißbäcker ins thüringische Wechmar und spielte bisweilen nebenher auf der Zither. 1619 ist er gestorben, Ahnvater der Bache, wie sie genannt wurden, ein Musik-Clan, der Arnstadt, Erfurt und Ohrdruf, Eisenach und Gehren, Meiningen, Themar und Schweinfurt zum Klingen brachte. Musiker gesucht? Ein Bach fand sich immer.

In Eisenach saßen die Bache über 132 Jahre lang an der Orgel der Georgenkirche. Dieser Genpool musste einfach irgendwann ein Genie hervorbringen. Am 21. März 1685 in Eisenach geboren, wächst Johann Sebastian Bach als jüngstes von acht Kindern in den Unterrichtsräumen des Vaters heran, der als Stadtmusicus tätig ist. Mit neun Jahren erlebt er den Tod beider Eltern innerhalb eines Jahres. Johann Christoph, der ältere Bruder, der als Organist in Ohrdruf lebt, nimmt den kleinen Johann Sebastian und den zwölfjährigen Johann Jacob in seine Familie auf. Dort wächst er heran. Mit 15 zieht er hinaus, wandert den weiten Weg nach Lüneburg, wird Schüler am Michaelis-Gymnasium.

Die meisten Wege legt der junge Bach zu Fuß zurück, seine Welt ist klein, er kommt nie über Hamburg, Lübeck und Berlin, Karlsbad und Kassel hinaus. In Hamburg wäre er beinahe geblieben. 1720 bewirbt er sich um die Organistenstelle an St. Jacobi. Er begeistert die Pfeffersäcke durch sein großartiges Spiel. Aber den Job kriegt ein minder begabter Kandidat namens Heitmann. Er hat 4000 Mark auf den Tisch gelegt. 

Eine Herausforderung für Tenöre, die nach Höherem streben

Hamburg im April 2006 – der zu Lebzeiten Abgewiesene ist gewärtiger denn je. Ob im kernigen Ottensen, im wohnlichen Niendorf oder in der Blankeneser Kirche am Markt. Ob nach langen Arbeitstagen im Büro, im Laden oder im Amt, die Hamburger atmen durch und singen dem Herrn. Monatelang geht das so, sie treffen sich an Chorwochenenden und proben die scheinbar so einfachen, in Wahrheit hochkomplexen Choräle dieser Musik. Eine Herausforderung, bei Gott, besonders für Tenöre, die nach Höherem streben.

Hamburg gilt mit rund 130 hauptamtlichen Kirchenmusikern als Hauptstadt der Kirchenmusik, nirgendwo auf dieser Welt wird so viel Bach gesungen und gespielt wie in der Hansestadt, in deren Mitte die Hauptkirchen dichter stehen als die Kaufhäuser, feste Burgen im Shopping-Gewoge – lauter Klangräume für Bach. Wer es darauf anlegt, kann in einer einzigen Saison in Hamburg über 30-mal das Weihnachtsoratorium hören und 15mal die Johannes-Passion. Nur bei der Matthäus-Passion wird es eng.

»Die Matthäus-Passion kann sich kaum noch einer leisten«, stellt Ingo Müller, Kantor in St. Georg, bedauernd fest, »sie dauert länger, und sie muss doppelchörig und mit zwei Orchestern besetzt werden.« Weil die Kirche bei ihren Musikern spart, geht Kirchenmusik den Bach runter. Der Stellenabbau trifft vor allem Kantoren und Organisten. Das Musik-Informationszentrum des Deutschen Musikrates registiert bei der katholischen Kirche einen Stellenabbau von 150 hauptamtlichen Musikern pro Jahr. Wenn der Trend anhält, ist in zehn Jahren Schluss, wird Kirchenmusik ein Randphänomen mit ehrenamtlicher Hilfe, so Gott will.

Bei den Protestanten verläuft der Stellenabbau milder, 38 pro Jahr, da ist erst nach gut fünfzig Jahren das Einsparpotenzial ausgeschöpft. Dabei sind es oft die Kirchenmusiker, die ein volles Haus bringen. Ohne Musik geht die Predigt ins Leere. Ein Pfarrer, der ein neues Gesicht sehen möchte, wartet ansonsten auf die nächste Beerdigung. Nur zu oft scheitern die Versuche der Pastoren, den Laden Sister-Act-mäßig aufzumischen und mit Gospel-Groove und Frömmelfunk die Jugend in die Kirche zu locken, in den Untiefen des Gutgemeinten.

Die Jugendszene von Arnstadt in Thüringen im Jahre 1703 muss man sich durchaus gewaltbereit denken, vor allem gegen Lehrer. In Arnstadt wurden 17 Bache geboren, acht getraut, 25 begraben. Eine kleine Stadt bei Erfurt, in der damals rund 3800 Einwohner lebten, fromme Christen, so viele, dass eine dritte Kirche gebaut werden musste. Ein Prachtbau wurde es nicht, es war kein Geld da, nicht für den Turm, nicht für Glocken, auch an eine Ausmalung der Holzkonstruktion aus Eichenstämmen war nicht zu denken. Wenn Glocken gebraucht wurden, läutete man die in der Liebfrauenkirche nebenan. Aber eine Orgel sollte sie bekommen. Erbaut hat sie Johann Friedrich Wender, 21 Register, zwei Manuale.

Zur deren Prüfung entsendet der Bach-Clan einen 18-Jährigen, damals noch Lakai und Hofviolinist in Weimar, aber auch ein Virtuose der Orgel, der mit Händen und Füßen unglaublich schnell spielen kann: Johann Sebastian Bach. Der junge Mann bekommt einen Vertrag als Organist und bald ziemlich viel Ärger. Zu den kargen Lebenszeugnissen des Komponisten gehört das Protokoll einer wohl sehr unfreundlich verlaufenen Untersuchung des Stadtrates, der ihm übertriebenes Improvisieren am Instrument vorwirft und ihn zur Rede stellt, weil er, statt vier Wochen Urlaub zu nehmen, vier Monate vom Dienst fern geblieben sei.

Er war nach Lübeck gewandert. Lübeck ist weit, zu Fuß hin und zurück fast tausend Kilometer, wie soll man das schaffen in vier Wochen! Seine Begründung, er habe in Lübeck den bewunderten Kollegen Dietrich Buxtehude »behorchen« wollen, wird die Stadtväter nicht begeistert haben. Sie sind noch nicht fertig mit ihm. Sie werfen ihm vor, einen seiner Schüler einen »Zippelfagottisten« genannt und ihn mit dem Degen angegriffen zu haben. Außerdem habe eine fremde Jungfer auf der Empore gesungen. Ein Skandal. Bach verteidigt sich. Jener Schüler, immerhin ein Jahr älter als er selbst, habe ihm im Dunkeln mit seinen Kumpanen aufgelauert und sei mit einem Knüppel auf ihn losgegangen, deshalb habe er den Degen gezogen. Und wegen der Anwesenheit der fremden Jungfrau auf der Empore habe er den Superintendenten vorher um Erlaubnis gefragt.

Wie fremd war sie wirklich? Die Wissenschaft vermutet, dass es sich um Maria Barbara handelte, Cousine zweiten Grades, Tochter des Johann Michael Bach aus Arnstadt. Sie heiraten 1707 in der kleinen Kirche St. Bartholomäi im Dörfchen Dornheim. Da hat er Arnstadt längst den Rücken gekehrt und einem Cousin Platz gemacht.

 

Organistenhände bringen einen Dom zum Wackeln

Die Arkaden, unter denen der junge Bach den Degen gezogen hat, stehen noch. Und er selbst lehnt auf dem Marktplatz, lässig hingegossen in Bronze. Aus der Bach-Kirche nebenan ist Orgelmusik zu hören. Kirchenmusikdirektor Gottfried Preller sitzt hoch oben auf der Orgelempore am Nachbau des bescheidenen Spieltisches, an dem der junge Bach improvisiert hat, und spielt Präludium und Fuge, für die er bewusst ganz weiche Register zieht, acht Fuß, »Principal«, »Grob gedakt«, »Viol di Gamb« und »Quinta dena«. Preller strahlt.

»Ich spiele mit seinen Pfeifen! Dieser Klang. Meine Orgel begeistert mich absolut.« Er hat um Bachs Orgel gekämpft wie ein Löwe. Viel war nämlich nicht von ihr übrig geblieben; sie war durch Reparaturen heruntergewirtschaftet. 1913 wurde eine romantische Orgel eingebaut, die berühmte Steinmeyer-Orgel, für die Franz Liszt und Max Reger komponierten. Aber 1981, als Preller kam, litt sie an einer schweren Erkrankung der Atemwege. Er fühlte sich wie der Vater eines sehr kranken Kindes. Nicht nur die beiden Orgeln, auch die Kirche, die seit 1935 Johann-Sebastian-Bach-Kirche heißt, waren in einem beklagenswerten Zustand. Preller suchte nach Verbündeten für seine Idee, die Steinmeyer-Orgel und vor allem die Wender-Orgel unter Verwendung aller historischen Teile originalgetreu zu restaurieren.

»Ich bekam internationalen Zuspruch. Die Stadt begriff, das war nicht die Spinnerei eines einzelnen Organisten. Sie sagten: Aber du musst das Geld beschaffen. Ich war einverstanden, wenn sie die Renovierung der Kirche übernahmen.« Am Ende kamen 4,7 Millionen Euro zusammen, davon 1,7 Millionen für die Orgel. »Die Schwierigkeit war, Orgelbauer zu finden, die bereit waren, sich auf die historische Handwerkspraxis einzulassen, ohne Hobelmaschinen zu arbeiten, ohne elektrisches Gerät und nach historischen Maßstäben.«

Das Familienunternehmen Otto Hoffmann aus Ostheim in der Rhön nahm die Herausforderung an. Die Orgelbauer legten ihre Zentimetermaße weg und arbeiteten nur noch mit Zollstöcken, die sie angefertigt hatten. Eine verblüffende Erfahrung. Auf einmal stimmte alles. Die vielen krummen Maße offenbarten ihre innere Logik. 27,8 Zentimeter waren zehn Zoll.

Stolz präsentiert Arnstadt sein Kulturerbe, auch wenn nur die Hälfte zu sehen ist. Die restaurierte Steinmeyer-Orgel auf der ersten Empore spielt unsichtbar hinter Gittern. Dafür wird die rekonstruierte Barock-Orgel angestrahlt. Sie ist auf 465 Hz gestimmt, in der historischen Originalfrequenz, die höher liegt als der heute übliche Kammerton.

So waren seine Pfeifen gestimmt, so hörte, so spielte, so komponierte Bach, und wenn er spielte, dann selbstverständlich mit getretenen Winden. Dahinter verbirgt sich das selten gewordene Berufsbild des Calcanten, des Bälgetreters, der das historische Instrument überhaupt erst zum Klingen bringt. Manchmal tritt Prellers Frau, manchmal der Sohn oder der Hausmeister.

Preller ist glücklich. »Es klingt viel natürlicher.« Der 58-jährige Kirchenmusikdirektor und Konzertorganist ist viel auf Reisen. Manchmal, wenn er mit einer Orgel allein ist, lässt er sie strahlen. »Ich habe schon als kleiner Junge gespielt, und natürlich gibt es die geheime Versuchung, einmal alle Register zu ziehen. Das hört nie auf. Sie glauben gar nicht, was für ein tolles Gefühl es ist, wenn man mit seinen Händen einen Dom zum Wackeln bringt.«

In Leipzig herrscht Frühlingslaune. Auf der Wiese an der Thomaskirche lagern Studenten, Liebespaare. Sonnenlicht flutet ins ehrwürdige Bach-Archiv. Es geht lebhaft zu in den Fluren, aber Christoph Wolff strahlt Gelassenheit aus. »Ich sehe es als ein Glück, dass ich die Krönung der abendländischen Musik zum Thema habe. Wir wissen nicht viel über Bach«, sagt der Mann, der so viel über Bach weiß wie kaum ein anderer. Prof. Dr. Dr. h. c. Christoph Wolff, soeben einflogen aus New York, lehrt in Harvard Musikgeschichte und ist Direktor des Bach-Archivs in Leipzig. 

Die Frage nach Bachs Universalität beschäftigt ihn. »Man kann sie kaum auf den Punkt bringen. Vielleicht haben die Menschen ein Gespür für die Grundlagen einer Kunst, auf der alles andere beruht. Bach ist die Basis, wie das Zahlenwerk in der Mathematik. Er ist fundamental, er ist die Schaltstelle alles dessen, was im Mittelalter und in der Zeit danach an Musik entstanden ist, er hat es zusammengefasst und auf eine neue Ebene gestellt, auf der alles aufbaut.«

Wenn das so ist, warum hat er es dann nie, wie sein Kollege Mozart, zum Popstar gebracht?

»Die Zeugnisse sind spärlich. Was wir wissen, reicht nicht zur Mythenbildung. Wir wissen nicht einmal, wie er aussah. Es gibt ja nur dieses eine Bild des älteren Mannes mit Perücke. Das taugt nicht zur Ikone, das ist nicht der Typ, der junge Menschen beeindruckt. Man hat das Gefühl, einem unnahbaren Mann gegenüberzustehen. Unnahbar ist auch seine Musik. Sie erschließt sich nicht dem Anfänger, man muss schon das Instrument beherrschen, auf dem man Bach spielen will. Der Zugang ist nicht leicht.«

Doch gerade dieses Unnahbare zieht Tausende in seinen Bann. Der Zustrom reißt nicht ab. »Unsere kleine Abteilung in Harvard zählt 2000 Studenten. Wir erleben es auch bei den Bach-Festen – die internationale Resonanz ist enorm, die Neugier groß. Ob Niederländer, Amerikaner, Japaner, sie kommen, weil sie wissen wollen, wo das herkommt. Wir haben das Glück, an der Quelle zu sitzen. In der Thomaskirche, in der Nikolaikirche oder in der Bach-Kirche in Arnstadt wird musiziert wie zu Zeiten Bachs. Hier war eine der bevölkerungsreichsten Zonen in Europa, mit günstigen Sozialstrukturen für kulturelle Entwicklungen. Insofern ist dieser Kulturraum durchaus mit der Toskana der Renaissance zu vergleichen. Es gab viele Städte. Auch wenn es kleine Orte waren, sie hatten alle Stadtrecht, waren Zentren der schönen Künste und der Musik.«

 

Die wetteifernden Fürsten, Städte und Kleinstaaten schufen eine Kulturlandschaft voller Orchester, Musiktheater und Staatsschauspiele, um die uns heute die Welt beneidet. Heinrich Schütz kam aus Thüringen, Georg Friedrich Händel aus Halle, Johann Pachelbel diente als Organist in Eisenach und Erfurt. Georg Philipp Telemann, Konzertmeister in Eisenach, war mit Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel befreundet.

Politisch waren die Grenzen eng gezogen, ein grotesker Flickenteppich selbstgefälliger Kleinstaaterei, und auf jedem Misthaufen krähte ein Hahn. Reisen von Leipzig nach Naumburg oder von Arnstadt nach Lübeck waren Auslandsfahrten mit Schlagbäumen und Grenzkontrollen. Reisefreiheit gab es nicht. Als Bach in Weimar seine Demission einreicht, wird er wegen seines ungebührlichen, nicht standesgemäßen Verhaltens mit einem Monat Haft bestraft. 1717 führt ihn der Weg aus Thüringen hinaus. Er wird Hofkapellmeister in Köthen (Anhalt), schreibt seine Brandenburgischen Konzerte und einen Teil des Wohltemperierten Klaviers, eine glückliche Zeit.

Bachs Musik hat nicht nur Zollgrenzen überwunden. Die tiefe Kluft der Glaubensspaltung, die Europas Mitte in verheerenden Kriegen verwüstete, ficht ihn nicht an. Der gläubige Protestant komponiert, wenn es gewünscht wird, auch katholisch. Sein lateinisch gesungenes Magnificat gehört zu seinen ergreifendsten Werken. Er führt Palästrina auf, immerhin Hofkompositeur des Papstes, und hat auch kein Problem, Huldigungen an den sächsischen Landesfürsten in seinem Weihnachtsoratorium der nächsthöheren Instanz zu widmen. »Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören, lasst uns den Namen des Herrschers verehren«.

Kantaten morgens um sieben, mit einem unausgeschlafenen Chor

»SDG« schreibt er aufs Notenblatt, den Zugangscode zu seinem Werk: »Soli Deo Gloria«. Nur der Ehre Gottes solle sie dienen, die Musik, und, fügt er hinzu, der Rekreation des Gemüts, alles andere sei »teuflisch Geplärr und Geleier«.

»Zu Bachs Zeit war das Ineinandergreifen von weltlicher und geistlicher Musik kein Problem«, sagt Christoph Wolff. »Man ging sehr pragmatisch damit um. Die Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Musik entstand erst im 19. Jahrhundert. Eine künstliche Interpretation. Die Menschen hatten sich nach den napoleonischen Kriegen und der Säkularisierung von der Kirche entfremdet.«

Bleiben die Sprachbarrieren. »Verdoppelt euch demnach, ihr heißen Andachtsflammen, und schlagt in Demut brünstiglich zusammen!« Man staunt. Derlei Wortwahl ist nicht mehr von dieser Welt. Dass diese Texte in Japan, Korea und auch China mit zunehmender Andacht gesungen werden, ist eines der großen Welträtsel. Wie kommt es, dass die Sprache den Zugang zu Bach kaum versperrt? Der Professor lächelt. »Wir Deutschen haben eine Abneigung gegen die blumenreiche Sprache des Barock. Chinesen, Amerikaner und Italiener haben damit kein Problem. Sie hören nicht das Altmodische heraus. In England gibt es nicht diesen immensen Unterschied zwischen der Sprache Shakespeares und Tony Blairs, das Englische ist eine gewachsene Sprache, Hochdeutsch dagegen ein Kunstgebilde, das während der Reformation geschaffen wurde, entstanden aus der obersächsischen Mundart.«

Also ein Bach der zwei Geschwindigkeiten – die Musik bleibt frisch, die Sprache altert? »Es kommt nicht so sehr auf die Texte an. Die Musik hat die Kraft, den Inhalt zu vermitteln. Liebe, Hass, Schmerz, Trauer, Wankelmut, alles, was die Worte sagen, ist in Bachs Musik zu hören. Zum Verständnis und zum Empfinden der Musik sind Texte nicht notwendig.«

Bachs Welt. Was ist von ihr geblieben? Mitten auf dem Leipziger Thomaskirchhof steht sein Denkmal, überlebensgroß, 1908 enthüllt, ein strenger Herr im offenen Staatsmantel, in Bronze gegossen. Die Thomasschule, in der er mit seiner Familie ein Stockwerk bewohnte, wurde 1902 abgerissen. Hier hat er 27 Jahre gelebt. Aber wie?

Sein Vater musste noch in den Türmen Eisenachs die Uhren aufziehen und den Chorknaben Lateinunterricht geben, davon ließ sich der Sohn befreien. Man kennt seinen Arbeitsvertrag. Jeden Sonntag hat er Orgel zu spielen, eine Kantate einzustudieren und unter unsäglichen Bedingungen aufzuführen, morgens um sieben, mit einem unausgeschlafenen Chor. Beim Leichensingen tragen die Thomaner Dreispitz und Schalaune, den schwarzen Chorumhang; der Kantor soll, so verlangt es der Arbeitsvertrag, neben den Knaben hergehen. An Hinrichtungstagen begleiten sie den Delinquenten unter Absingen von Chorälen zum Richtplatz. Der Kantor wird auch dabei mitgehen müssen.

Es bleibt ein Rätsel, wie dieses Lebenswerk entstehen konnte, wie dieser Mann die Zeit zum Komponieren findet. Liest man seinen Arbeitsertrag, war es weit mehr als Dienst nach Vorschrift. Die schränkt ihn eher ein, verpflichtet ihn, die Musik so einzurichten, »dass sie nicht zu lang währe und nicht opernhaftig herauskomme, sondern die Zuhörer zur Andacht aufmuntere«.

Wenn sich die Familie trifft, geht es hoch her. Sie singen zuerst einen Choral, berichtet ein Zeitzeuge, dann musizieren sie, singen, feiern. Oft überschattet Trauer die Familientreffen. Bach ist 23 Jahre alt, als er Christ lag in Todesbanden komponiert. Drei Geschwister sind gestorben, die Eltern, sein genialer Onkel Johann Christoph. Wie geht er damit um? Wo Bach lebt, wuseln Kinder. Beim Bruder in Ohrdruf, später in den eigenen vier Wänden. Mit Maria Barbara hat er sieben Kinder, drei sterben im ersten Jahr. Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen. Der Tod macht seine häufigen Hausbesuche. Maria Barbara stirbt, während ihr Mann auf einer Dienstreise ist. Als er zurückkehrt, ist sie schon begraben.

Zum ersten Mal nach 1935 wird eine Originalhandschrift gefunden

Er bleibt nicht lange allein, am 3. Dezember 1721 heiratet er Anna Magdalena Wilke, die 13 Kinder zur Welt bringt. Nach der Geburt eines geistig zurückgebliebenen Sohnes sterben nacheinander sieben Kinder. Man meint, ihre Stimmen in seiner Musik zu hören. 

 

»Mich berührt sein Umgang mit dem Tod«, bekennt Thomas Quasthoff, Bariton und Professor an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. »Bach ist für mich ein Beispiel, wie viel Kraft man aus einem wahrhaftigen Glauben ziehen kann. In Zeiten Bachs hatte der Tod viel mehr Raum im täglichen Leben. Erst die Industriegesellschaft hat ihn in die Außenbezirke, in Krankenhäuser und Altersheime verbannt. Früher wurde in den Familien gestorben.«

Der Glaube ist Quasthoff abhanden gekommen, aber Bach wühlt ihn auf. Er ist ihm lange vertraut. »Ich singe seit 1973 die Johannes-Passion, alle Stimmen darin, vom Sopran über den Alt bis Tenor und Bariton.« Gerade hat er mit Sängern des Rias-Kammerchores, den Berliner Barock-Solisten und Rainer Kussmaul drei Bach-Kantaten herausgebracht.

»Ich habe genug«, singt er, »ich freue mich auf meinen Tod, ach hätt er sich schon eingefunden.« Ein tröstliches, befreiendes, fast heiteres Finale. Als könnte alles nur besser werden.

»Emotion. Darum geht’s. Nicht um Schönheit. Die menschliche Stimme ist das farbenreichste, melodischste, interessanteste Instrument auf diesem Planeten. Ich bin dankbar, dass ich eine Stimme habe.« Wenn es um Bach geht, spricht er mit seinen Schülern über Demut, »die Demut gegenüber dem, was man leben, was man als Künstler tun darf. Künstlertum ist auch der niemals endende Versuch, ein guter, ein anständiger Mensch zu werden. Das spricht aus der Bachschen Musik. Deshalb kann sie so viel Trost spenden.«

Bach sei vielleicht der universellste Musiker, resümiert der Sänger, in seiner Phantasie, in seinem Wissen, wie man komponiere. »Aber er ist auch ein Musiker, der die Herzen so unmittelbar berührt wie kein anderer. Über alledem ist er wohltuend fürs Ohr, deshalb wird er überall in der Welt verstanden.« Wie Mozart? Der Professor stöhnt. »Das Mozart-Jahr. Ich kann’s nicht mehr hören. Wenn in Deutschland ein Jubiläum gefeiert wird, passiert einfach zu viel. Als ob man von einer 300Kilo-Frau umarmt wird. Man erstickt fast.«

Von Bach zu Mozart ist der Titel einer Ausstellung im Renaissancebau des Bach-Archivs an der Thomaskirche. Keine Erstickungsgefahr. Gezeigt werden kostbare Autografe beider Komponisten. Die Vernissage lockt kein schickes Volk. Dafür erscheinen die Weisen des Bach-Universums, die ABS, die American Bach Society, in der sich die Crème der internationalen Bach-Forscher versammelt. Die Gesellschaft trifft sich alle zwei Jahre, um über den Stand der Forschungen zu diskutieren; nun, zum ersten Mal, in Leipzig unter dem Motto »Bach crossing Borders«.

Die Damen und Herren der ABS sitzen im Sommersaal unter blauem Himmel. Leise hebt sich die schmucke, ovale Sperrholzdecke mit dem aufgemalten Wölkchen, wie sie es schon zu Bachs Zeiten tat, eine barocke Zauberei mit verborgenem Seilzug, und öffnet die Galerie für die Musikanten. Musik als Geschenk des Himmels, das war die Idee, und so kommt es auch an.

Am Nachmittag reisen die Koryphäen der Bach-Forschung im Bus nach Naumburg an der Saale, zur Hildebrandt-Orgel in der Wenzelskirche. Für Ernest May, Professor an der University of Massachusetts, ist es ein Wiedersehen, auf das er sich freut. »Es ist die einzige Orgel auf der Welt, die Bach selbst entworfen hat. Zacharias Hildebrandt, sein Schüler, baute sie nach seinen Anweisungen, 1746 war sie fertig, ein Reifeprodukt seines Lebens. Bis dahin hatte er nie eine eigene Orgel unter den Händen gehabt.«

Vor 36 Jahren kam May zum ersten Mal nach Naumburg, um auf dieser Orgel zu spielen, damals noch als Student in Ost-Berlin. Er kam immer wieder, übte, spielte. Bachs Orgel ist ihm vertraut wie kein anderes Instrument. »Sie ist von der Firma Eule in Bautzen perfekt restauriert worden, mit einer unglaublichen Freude am kleinsten Detail. Die Deutschen machen so etwas phantastisch.« Es folgen Weinprobe und Abendessen im Ratskeller von Naumburg, der ältesten Trinkhalle der Stadt. Die Forscher probieren Grünen Silvaner von Saale und Unstrut und debattieren in angemessener Heiterkeit über das Scheitern des barocken Originalklangs. Schuld ist das Publikum! Die Kirchen klangen anders zu Zeiten Bachs – weil die Menschen viel voluminösere Kleidung trugen. Und die Männer waren nicht kahl, sondern trugen mit Mehl bestäubte Perücken. Der Klang hatte eine ganz andere Frisur.

Anders als bei Mozart gibt es um das Ende Bachs kein großes Geheimnis. Die Sehkraft lässt nach. Im Frühjahr 1750 wird er von dem englischen Oculisten John Taylor am Grauen Star operiert. Er erholt sich nicht, ein Schlaganfall wirft ihn nieder, eine Lungenentzündung kommt hinzu. Neuere Diagnosen vermuten auch eine Diabetes als Folge seiner barocken Lebensweise. Er stirbt am 28. Juli 1750 im Alter von 65 Jahren.

Die Familie übernimmt das musikalische Erbe. Bach & Söhne expandieren, der Aktionsraum der Bache weitet sich aus, das Familienunternehmen überwindet die Grenzen Deutschlands. Mit der Internationalisierung hat auch der soziale Aufstieg seinen Höhepunkt erreicht. Aus dem Spielmann am Fuß der sozialen Leiter wurde der Kunstpfeifer, aus dem privilegierten Stadtmusikanten der Musicus mit Hochschulreife. Für die Generation der Bach-Söhne ist ein Universitätsstudium schon die Regel.

Am weitesten bringt es Johann Christian, der Jüngste, Katholik und Kammerkomponist der englischen Königin, Lehrer des Knaben Wolfgang Amadeus Mozart, der ihn bewundert und dem er rät, doch einmal nach Leipzig zu reisen. Dort könne er die Musik seines Vaters hören.

 

Schon bald darauf gerät das Werk Bachs in Vergessenheit. Neue Musikstile sind gefragt, Opern, Tanzmusik, Symphonien. Auch die Thomaner wären im 19. Jahrhundert wohl verschwunden, hätte es nicht die Bach-Renaissance gegeben, ausgelöst durch den 19-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy, der 1829 in der Berliner Singakademie die Matthäus-Passion aufführte. Er holt Bach ans Licht zurück und setzt dem hoch verehrten Komponisten ein Denkmal. Das zweite Leben des Johann Sebastian Bach beginnt, 80 Jahre nach seinem Tod.

Vieles ist verschollen, authentische Lebenszeugnisse gibt es kaum, niemand spinnt Legenden um den gepuderten Koloss von Leipzig. Die Wahrheit liegt in der Mitte, und die ist sein Werk. Wer hofft, mehr über ihn zu erfahren, muss tief graben, ohne zu fragen, ob es sich am Ende lohnt.

Bei allem Respekt, manches aus seiner Zeit ist wirklich mühsam zu lesen. Die mehr als achthundert Glückwünsche, Huldigungen und Lobgedichte an den Weimarer Herzog Wilhelm Ernst zum Beispiel, die der Restaurator der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in seiner Werkstatt lagerte. Der Herzog liebte schöne Papiere, er ließ die geschraubten Lobreden seiner Untertanen in Kartons mit Schmuckpapier binden. Für die Wissenschaft sind diese Huldigungen wenig interessant, für Literatur- und Sprachwissenschaftler ohne Reiz, Historiker können damit wenig anfangen. Aber einer will es wissen, Michael Maul, 27 Jahre alter Doktorand im Bach-Archiv Leipzig, arbeitet sich durch den Wust. Immerhin entstanden diese Ergüsse, als Bach Hofmusicus in Weimar war, vielleicht findet sich ein Hinweis auf den Komponisten?

Eine dieser Huldigungen, dem »durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, aus untertänigster Schuldigkeit erwogen und unter herzbrünstigem Anwunsche« zum 53. Geburtstag überreicht, enthält den Text einer Arie in zwölf Strophen, Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn, und im Anhang zwei Blätter mit handgeschriebenen Noten, eine anonyme Komposition. Maul stutzt: Die Schrift kennt er. Das ist doch Bach! 

Im Bach-Archiv wird gefeiert. Es ist der erste Fund einer Originalhandschrift seit 1935. Das Werk wird unter der Nummer 1127 ins Bach-Werkverzeichnis aufgenommen. Bärenreiter druckt ein Faksimile, die Arie wird aufgeführt, auf Tonträger gespeichert. Ein doppelter Glücksfall. Das Werk wäre mit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek verbrannt, hätte der Restaurator die Kisten nicht in seine Werkstatt geholt.

Michael Maul ist wieder auf der Pirsch. Er hat nicht die Ausstrahlung eines Archivars, eher wirkt er wie ein geistiger Leistungssportler, ein Spielmacher, der andere mitreißt. Die Suche geht weiter.

»Scannen, wegschließen und niemanden heranlassen!«

»Es gibt nur zwei oder drei private Briefe von Bach. Wir müssen quer denken, überlegen: Wo können die Leute noch nicht geguckt haben, wo sind Schüler von ihm gewesen, ehemalige Thomaner, die vielleicht über ihn niedergeschrieben haben, was es möglich macht, Rückschlüsse auf ihn zu ziehen?« 

Neunzig Prozent aller bekannten Quellen befinden sich in Berlin oder Leipzig, zehn Prozent in Frankreich, Großbritannien, den USA und Japan. Jetzt beginnt der Vorstoß ins Unbekannte. Seit 2002 durchforstet das Bach-Archiv alle mitteldeutschen Archive, um eine Inventarliste aller Organisten, Kantoren und Hofmusiker von der Reformation bis 1800 zu erstellen.

»Das kann kein Einzelner schaffen. Die Aufgabe ist viel zu groß«, sagt Christoph Wolff. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Die wenigen erhaltenen Originalhandschriften lösen sich auf. Die von Bach verwendete Eisengallus-Tinte, ein Gemisch aus dem Saft von Galläpfeln und Eisensulfat, setzt mit den Jahren aggressive Schwefelsäure frei, die das Papier allmählich zerstört. Vereinfacht ausgedrückt: Die schönen schwarzen Notenköpfe rosten durch und fallen heraus. Bachs Werk zerstört sich selbst. Restauratoren betten die Blätter in hauchzartes Seidenpapier, um die kostbaren Töne für die Nachwelt festzuhalten, aber auch feinstes Chiffon kann den Tintenfraß nicht bremsen. Was tun?

Inzwischen setzen die Retter auf das radikale und wirkungsvolle Papierspaltverfahren. Die Notenblätter werden in der Mitte aufgespalten, in einem Wasserbad entsäuert, mit einem säurefreien Kern versehen und passgenau wieder zusammengefügt, eine aufwändige Metho de, die auch chemische Reaktionen bei Skeptikern hervorruft. »Danach sieht manches Original aus wie ein Faksimile«, findet Bach-Forscher Michael Maul.

Er zieht die konservativste aller Varianten vor: »Scannen, wegschließen und niemanden heranlassen. Die Wissenschaft kann sehr gut mit Reproduktionen arbeiten.«

Der Königsweg führt ins Virtuelle, in die größte Bibliothek des Universums, das Internet. Die Staatsbibliothek zu Berlin, das Bach-Archiv Leipzig und die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden entwickeln mit dem Rechenzentrum der Universität Leipzig das Projekt »Bach digital« . Längst hat das Johann-Sebastian-Bach-Institut in Göttingen eine Suchmaschine ins Netz gestellt. Google in Excelsis Deo.

Der Zugang wird leichter. Das Rätsel bleibt.