Barock Johann Sebastian SuperstarSeite 6/6
Schon bald darauf gerät das Werk Bachs in Vergessenheit. Neue Musikstile sind gefragt, Opern, Tanzmusik, Symphonien. Auch die Thomaner wären im 19. Jahrhundert wohl verschwunden, hätte es nicht die Bach-Renaissance gegeben, ausgelöst durch den 19-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy, der 1829 in der Berliner Singakademie die Matthäus-Passion aufführte. Er holt Bach ans Licht zurück und setzt dem hoch verehrten Komponisten ein Denkmal. Das zweite Leben des Johann Sebastian Bach beginnt, 80 Jahre nach seinem Tod.
Vieles ist verschollen, authentische Lebenszeugnisse gibt es kaum, niemand spinnt Legenden um den gepuderten Koloss von Leipzig. Die Wahrheit liegt in der Mitte, und die ist sein Werk. Wer hofft, mehr über ihn zu erfahren, muss tief graben, ohne zu fragen, ob es sich am Ende lohnt.
Bei allem Respekt, manches aus seiner Zeit ist wirklich mühsam zu lesen. Die mehr als achthundert Glückwünsche, Huldigungen und Lobgedichte an den Weimarer Herzog Wilhelm Ernst zum Beispiel, die der Restaurator der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in seiner Werkstatt lagerte. Der Herzog liebte schöne Papiere, er ließ die geschraubten Lobreden seiner Untertanen in Kartons mit Schmuckpapier binden. Für die Wissenschaft sind diese Huldigungen wenig interessant, für Literatur- und Sprachwissenschaftler ohne Reiz, Historiker können damit wenig anfangen. Aber einer will es wissen, Michael Maul, 27 Jahre alter Doktorand im Bach-Archiv Leipzig, arbeitet sich durch den Wust. Immerhin entstanden diese Ergüsse, als Bach Hofmusicus in Weimar war, vielleicht findet sich ein Hinweis auf den Komponisten?
Eine dieser Huldigungen, dem »durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, aus untertänigster Schuldigkeit erwogen und unter herzbrünstigem Anwunsche« zum 53. Geburtstag überreicht, enthält den Text einer Arie in zwölf Strophen, Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn, und im Anhang zwei Blätter mit handgeschriebenen Noten, eine anonyme Komposition. Maul stutzt: Die Schrift kennt er. Das ist doch Bach!
Im Bach-Archiv wird gefeiert. Es ist der erste Fund einer Originalhandschrift seit 1935. Das Werk wird unter der Nummer 1127 ins Bach-Werkverzeichnis aufgenommen. Bärenreiter druckt ein Faksimile, die Arie wird aufgeführt, auf Tonträger gespeichert. Ein doppelter Glücksfall. Das Werk wäre mit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek verbrannt, hätte der Restaurator die Kisten nicht in seine Werkstatt geholt.
Michael Maul ist wieder auf der Pirsch. Er hat nicht die Ausstrahlung eines Archivars, eher wirkt er wie ein geistiger Leistungssportler, ein Spielmacher, der andere mitreißt. Die Suche geht weiter.
»Scannen, wegschließen und niemanden heranlassen!«
»Es gibt nur zwei oder drei private Briefe von Bach. Wir müssen quer denken, überlegen: Wo können die Leute noch nicht geguckt haben, wo sind Schüler von ihm gewesen, ehemalige Thomaner, die vielleicht über ihn niedergeschrieben haben, was es möglich macht, Rückschlüsse auf ihn zu ziehen?«
Neunzig Prozent aller bekannten Quellen befinden sich in Berlin oder Leipzig, zehn Prozent in Frankreich, Großbritannien, den USA und Japan. Jetzt beginnt der Vorstoß ins Unbekannte. Seit 2002 durchforstet das Bach-Archiv alle mitteldeutschen Archive, um eine Inventarliste aller Organisten, Kantoren und Hofmusiker von der Reformation bis 1800 zu erstellen.
»Das kann kein Einzelner schaffen. Die Aufgabe ist viel zu groß«, sagt Christoph Wolff. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Die wenigen erhaltenen Originalhandschriften lösen sich auf. Die von Bach verwendete Eisengallus-Tinte, ein Gemisch aus dem Saft von Galläpfeln und Eisensulfat, setzt mit den Jahren aggressive Schwefelsäure frei, die das Papier allmählich zerstört. Vereinfacht ausgedrückt: Die schönen schwarzen Notenköpfe rosten durch und fallen heraus. Bachs Werk zerstört sich selbst. Restauratoren betten die Blätter in hauchzartes Seidenpapier, um die kostbaren Töne für die Nachwelt festzuhalten, aber auch feinstes Chiffon kann den Tintenfraß nicht bremsen. Was tun?
Inzwischen setzen die Retter auf das radikale und wirkungsvolle Papierspaltverfahren. Die Notenblätter werden in der Mitte aufgespalten, in einem Wasserbad entsäuert, mit einem säurefreien Kern versehen und passgenau wieder zusammengefügt, eine aufwändige Metho de, die auch chemische Reaktionen bei Skeptikern hervorruft. »Danach sieht manches Original aus wie ein Faksimile«, findet Bach-Forscher Michael Maul.
Er zieht die konservativste aller Varianten vor: »Scannen, wegschließen und niemanden heranlassen. Die Wissenschaft kann sehr gut mit Reproduktionen arbeiten.«
Der Königsweg führt ins Virtuelle, in die größte Bibliothek des Universums, das Internet. Die Staatsbibliothek zu Berlin, das Bach-Archiv Leipzig und die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden entwickeln mit dem Rechenzentrum der Universität Leipzig das Projekt »Bach digital« . Längst hat das Johann-Sebastian-Bach-Institut in Göttingen eine Suchmaschine ins Netz gestellt. Google in Excelsis Deo.
Der Zugang wird leichter. Das Rätsel bleibt.
- Datum 26.04.2007 - 08:41 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 22.06.2006
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Sie schreiben:
Hamburg gilt mit rund 130 hauptamtlichen Kirchenmusikern als Hauptstadt der Kirchenmusik
Dabei sind es oft die Kirchenmusiker, die ein volles Haus bringen. Ohne Musik geht die Predigt ins Leere
Ich darf als Gegenpol die Hamburger Bischöfin Jepsen zitieren (Musik & Kirche, Heft 3/06, S. 198):
Mir sind Musik und Verkündigung nicht ebenbürtig, Verkündigung ist an Worte, an Wörter, an das Aussprechen der Heiligen Schrift gebunden, Musik per se nicht. Bedenkenswert ist dass Jesus anscheinend selber nicht musizierte Religionen werden nicht mit Melodien, sondern mit Sätzen begründet und vorangetrieben Musik kann nicht Glauben wecken.
Ich glaube Die ZEIT hat mehr von der Theologie der Musik begriffen, als die geistlich leitende Bischöfin in der selben Stadt. Bach hat bewiesen und Sie haben begriffen, dass das von Frau Jepsen reklamierte Aussprechen der Heiligen Schrift sehr wohl mit Tönen und durch die Singstimme geschehen und wirklich vorangetrieben werden kann. Danke!
Prof. Karl Rathgeber
Bayreuth
Sie schreiben:
Hamburg gilt mit rund 130 hauptamtlichen Kirchenmusikern als Hauptstadt der Kirchenmusik
Dabei sind es oft die Kirchenmusiker, die ein volles Haus bringen. Ohne Musik geht die Predigt ins Leere
Ich darf als Gegenpol die Hamburger Bischöfin Jepsen zitieren (Musik & Kirche, Heft 3/06, S. 198):
Mir sind Musik und Verkündigung nicht ebenbürtig, Verkündigung ist an Worte, an Wörter, an das Aussprechen der Heiligen Schrift gebunden, Musik per se nicht. Bedenkenswert ist dass Jesus anscheinend selber nicht musizierte Religionen werden nicht mit Melodien, sondern mit Sätzen begründet und vorangetrieben Musik kann nicht Glauben wecken.
Ich glaube Die ZEIT hat mehr von der Theologie der Musik begriffen, als die geistlich leitende Bischöfin in der selben Stadt. Bach hat bewiesen und Sie haben begriffen, dass das von Frau Jepsen reklamierte Aussprechen der Heiligen Schrift sehr wohl mit Tönen und durch die Singstimme geschehen und wirklich vorangetrieben werden kann. Danke!
Prof. Karl Rathgeber, Bayreuth
Die Basilika San Marco befindet sich in Venedig - gibt es neuerdings ein Double in Mailand???
Was wollte ich noch sagen? Weg - Ich höre mir jetzt etwas von ihm an.
Es war um diese Zeit, es war heiss, wir befanden uns im Urlaub. Meine Familie schenkte mir ein Konzert mit Musik von Bach, aufgeführt im malerischen Staufen. Meine Familie weiss, dass mit mir nicht zu reden ist, wenn ich Bach höre.
Doch fast wäre ich verloren gegangen.
Nach dem Konzert war ich wohl so mit der Musik verbunden, dass ich dem Impetus eines Werkes, in die schöne Welt Gottes zu wandern, unüberlegt folgte.
Ich hatte kein Handy, kein Geld und eigentlich keine Orientierung. Och, dachte ich, die vier Kilometer schaffe ich vor der Dunkelheit bequem zu Fuss.
Von wegen, zum Schluss befand ich mich längs der einzig mir bekannten Strasse, einer Schnellstrasse, und da gänzlich schwarz gekleidet, mit Tempotaschentüchern bespickt, damit die Autofahrer, die mich zurecht hupend ermahnten, eine Art Vorstellung von mir hatten.
Die Dunkelheit war ganz schnell gekommen, schweissgebadet erreichte ich ein Gasthaus und hatte gerade das Geld, meine Familie zu verständigen, die mich dann einsammelte.
Diese Gegend, durch die ich bestimmt schon hunderte Male mit dem Auto gefahren worden war, sie war mir so ganz fremd und eigen vorgekommen, richtig verwunschen. Ich hatte die ganze Zeit die Musik von Bach im Ohr und es war mir eben ein Bedürfnis gewesen, auf diese Art die Musik umzusetzen.
Bach, der Fussgänger! Vielen Dank für diesen schönen Artikel. Höre gerade Keith Jarret und Michala Petri.
Wunderschön. Allen einen schönen Urlaub mit einigen Spaziergängen, vielleicht auch der besonderen Art.
Zu diesem Artikel zwei Gedanken:
1. Die Erfolge der Musikwissenschaft und der historischen Aufführungspraxis haben vielschichtige Konsequenzen. Die fortschreitende Professionalisierung bei der Aufführung geistlicher Vokalmusik des 18. Jahrhunderts hat nicht nur zu einem Qualitätsschub geführt, sondern auch die Distanz zwischen Aufführenden und Hörern vergrößert. Kamen vor einigen Jahrzehnten auch in den führenden Ensembles die Chorsänger in bester bürgerlicher Tradition sozusagen noch aus der Mitte des Publikums, so stehen diesem bei den Konzerten heute zunehmend Angehörige einer hochspezialisierten internationalen "Szene" gegenüber. Für die traditionellen, nichtprofessionellen Oratorienchöre all die Liedertafeln, Singakademien, Cäcilienvereine und ambitionierten Kantoreie wir die Luft immer dünner. Sie haben es nach meinem Eindruck zunehmend schwer, ihr Publikum zu finden. Dadurch wird natürlich viel Mittelmaß aus den Konzertsälen verbannt, aber gleichzeitig ist die Aufführung von Bachs Musik eine zunehmend elitäre Angelegenheit.
2. Die Kirche, vor allem die evangelische, hat anscheinend ein gespaltenes Verhältnis zu Bach. Ich bin davon überzeugt, dass viele Menschen durch das Hören und Musizieren der Oratorien, Passionen und Kantaten überhaupt erst an Glaubensfragen herangeführt oder dazu motiviert worden sind, sich mit Religion zu beschäftigen. Bachs Musik ist hundert Mal mehr Verkündigung als eine akademische Predigt. Wenn in einem Gottesdienst eine Bachkantate erklingt, ist der Besuch wesentlich besser als ohne sie. Verständlich, dass es vielen Theologen nicht geheuer ist, wenn Bach ihnen in Sachen Verkündigung den Rang abläuft. Sie haben daher kein allzu großes Interesse daran, Aufführungen von Bachs Musik in Kirchen oder gar in Gottesdiensten noch weiter zu fördern. Lieber unterstützt die Kirche eine Gospel-Mode, weil diese Musik vermeintlich einfacher zu singen und nicht so anspruchsvoll ist, so dass "alle mitmachen können" und bei der der Erlebnis- und Spassfaktor stimmt. Die Kirche lässt damit nicht nur ihr eigenes muiskalisches Erbe vergammeln, sondern missbraucht auch eine Musikgattung mit einer ganz eigenen Geschichte und Ästhetik, die einer mindestens ebenso intensiven Beschäftigung bedarf wie die Musik Bachs, wenn man sie überzeugend aufführen will.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren