Nichts ist vorbei, auch wenn die Bayer AG in dieser Woche die größte Übernahme ihrer Geschichte perfekt machen und Schering übernehmen sollte. Anfang Juni hatten Manager, Börsenhändler, Journalisten die Luft angehalten, als das Pharmaunternehmen Merck auf einmal massenweise Aktien von Schering kaufte. Die Übernahme durch Bayer drohte zu scheitern. Doch kurz vor Ende der Angebotsfrist am vergangenen Mittwoch verkaufte Merck seinen Anteil von mehr als 21 Prozent zu einem erhöhten Preis an Bayer. Voraussichtlich diesen Donnerstag verkündet der Chemieriese, wie viel an Schering er jetzt hält. Die nötigen 75 Prozent werden wohl erreicht, doch am Ende kostet der Kauf wahrscheinlich mehr als 17 Milliarden Euro – einige hundert Millionen mehr als geplant. BILD

Zurück zur Tagesordnung? Wohl kaum. Zu spektakulär war Mercks Vorgehen. Dass sich die Zeit der Deutschland AG, in der ein komplexes Netz gegenseitiger Beteiligungen und persönlicher Beziehungen vor Angriffen aus dem Ausland schützte, dem Ende zuneigt, ist nicht neu. Dass aber ein einheimischer Akteur wie Merck – laut Eigenwerbung »das älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt« – einem deutschen Konkurrenten in diesem Stadium einer Übernahme in die Parade fährt und es kühl kalkulierend unter Druck setzt, schien bis vor kurzem undenkbar.

Der Kampf um Schering ist ein Präzedenzfall wie 2005 der Kampf um die Deutsche Börse. Mit dem Unterschied, dass es damals ausländische Hedge Fonds waren, die aggressiv die Grenzen des am Kapitalmarkt Erlaubten austesteten. Mercks Vorgehen, so legal wie rabiat, wird zu einer neuen Diskussion über Transparenz und Kontrolle in Deutschland führen. Dieser Fall wird die Topmanager argwöhnischer machen und das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen verändern. Er wird die deutsche Wirtschaft prägen.

Mercks Motive für die Investoren lagen zu lange im Dunkeln, weil deutsche Gesetze weniger streng sind als etwa in den USA. So kam es zu der unglücklichen Situation, dass bei einem Kampf deutscher Unternehmen um ein deutsches Unternehmen zentrale Informationen nur bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC zu erhalten waren. Schering ist auch in den USA notiert, weswegen Merck – den rigideren US-Richtlinien unterliegend – schneller und umfangreicher über Dimensionen und Hintergründe der Aktienkäufe informieren musste, als es in Deutschland erforderlich gewesen wäre. Und Bayer, das auch die Informationen, die Merck herausrückte, als unzureichend erachtete, reichte eine (später zurückgezogene) Schadensersatzklage gegen Merck in New York ein – nicht in Deutschland.

Merck habe die Schwachstellen der deutschen Gesetze offenbart, kritisierte denn auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Tatsächlich sind neue Meldeschwellen bei Aktienkäufen notwendig, zusätzlich zu den aktuellen von 5, 10 und 25 Prozent. Eine neue Schwelle bei 3 Prozent ist zwar geplant, aber weitere, etwa bei 15 und 20 Prozent, müsste es schon geben. Gerade in Situationen, in denen eine Aktie unter dem Einfluss eines Übernahmeangebots steht, brauchen die Anteilseigner jede Information, wenn sie eine Kaufofferte bewerten sollen.

Der Fall Merck zwingt Deutschlands Unternehmen dazu, sich zu entscheiden. Wollen sie in Deutschland auf Dauer die Freiheiten nutzen, wie sie etwa an den Kapitalmärkten in den USA gelten? Merck hat es getan. Dann müssen die Unternehmen aber auch eine Transparenz akzeptieren, die der amerikanischen vergleichbar ist – und zwar nicht erst unter Androhung einer Klage.

Die Konzerne selbst sollten ein Interesse an schärferen Transparenz- und Kontrollvorschriften haben. Und fordern sie es nicht geradezu heraus, dass andere über die begrenzten Wirkungen freiwilliger Regelungen wie etwa des Deutschen Corporate Governance Kodex nachzudenken beginnen? »Das Verhalten vieler deutscher Unternehmen ist inkonsequent«, sagt Florian Schilling von der Personalberatung Board Consultants International. »Auf der einen Seite wenden sie sich gegen weitergehende Regulierungen, mit der Begründung, dass man sich auch an Spielregeln halte, wenn sie nicht gesetzlich fixiert sind. Auf der anderen Seite nutzt man dann doch Chancen, die die fehlende Regulierung bietet.«