Klassiker der Moderne Enigma Ellington

Was ist JAZZ? Duke Ellington, 1899 geboren vor der Geburt dieser Musik und gestorben 1974, als sie nach Meinung vieler ihrer Verehrer vermeintlich in den letzten Zügen lag, ist der Inbegriff dieses Unbegriffs in Person. Er selbst hielt ihn für ein Four-Letter-Word.

Ellington wurde in den zwanziger Jahren berühmt, im Jazz Age, in den Tanz-Clubs von Harlem, und schon damals hielt er seinen Jungle-Style, ein unvergleichliches Amalgam von Populärmusik, »afrikanischer« Intonation und komplexen Arrangements, für seinen Beitrag zur Emanzipation der Afroamerikaner. Ihr widmete er später ganze Suiten. Er litt an dem paradoxen Komplex vieler Jazzer. Er war ein Meister der kleinen Form, aber sein Ehrgeiz drängte ihn zur großen: den Sacred Concerts, Suiten, Theatermusiken. Der vielseitigste, schillerndste, in mancher Hinsicht erfolgreichste aller Jazzmusiker, ein Pianist, der gern »das Orchester« als sein Instrument bezeichnete, Autor zahlloser populärer Songs und Standards wie Mood Indigo, Cotton Tail, In A Sentimental Mood oder Satin Doll, wollte im Grunde partout kein Jazzer sein. Dabei war er ein Showman par excellence, liebte den Erfolg und die Frauen. Das Enigma Ellington lösten weder die noch seine Musiker – vielleicht am ehesten noch der feinsinnige, liebenswürdige homosexuelle Arrangeur Billy Strayhorn, der 1939 zu ihm stieß und bald so sehr Dukes Alter Ego war, dass in der Musik sein Beitrag von dem des Chefs nicht mehr zu unterscheiden war. Ihn liebten noch die krudesten Machos und Schwulenhasser in der Band, und deren gabs genug.

Er schrieb nicht für Instrumente, sondern für Klangqualitäten. Und oft skizzierte er nur, was die Band, ohne zu wissen, wie, zu Ende erfand. Ellingtons Gesamtwerk ist riesig. Einigkeit herrscht darüber, dass die Band zwischen 1940 und 1942 seine beste war: die Blanton-Webster-Band. Jimmy Blanton, 1942 keine 24 Jahre alt an Tuberkulose verstorben, hatte den Jazz-Bass recht eigentlich erfunden, den Pizzicato-Kontrabass. Er stellte die Ellington-Organisation auf ein neues Fundament. Und Ben Webster war der erste Tenorsaxofonist von Format, den sich Ellington, ein Liebhaber mächtiger Blechsätze und raffiniert gestaffelter Klarinettenklänge, engagierte: ein Balladier und Meister des saxofonistischen Soufflés, dessen rauchiger Ton großartig mit den verschliffenen Alt-Rhapsodien von Johnny Hodges kontrastierte. Strayhorn, Blanton, Webster – dieses Trio machte die Differenz. Zwischen 1940 und 1942 trieb die Band die Kunst der brillanten Miniatur auf die Spitze, mit Stücken wie Harlem Airshaft, Sepia Panorama oder Warm Valley. Pop oder Kunstmusik? Zu der Zeit gelang Ellington beides zugleich. Bei One-Night-Tanzabenden (The Duke at Fargo 1940) stand ein so komplexes Gebilde wie Ko-Ko ebenso auf dem Programm wie die raffinierten Klangmalereien von Warm Valley oder Sophisticated Lady.

 
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