Deutschland ohne Kinder? Eine Serie in vier Folgen. Alle Analysen, Videoreportagen und -interviews sowie zahlreiche Infografiken finden Sie hier.

Die Deutschen kriegen zu wenig Kinder. Kaum ist dieser Satz ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, lässt die Schuldfrage nicht lange auf sich warten. War es die Erfindung der Pille? Die Emanzipation der Frau? Gibt es eine neue »Kultur der Kinderlosigkeit«, in der der Mensch sich das Kinderkriegen abgewöhnt? Haben junge Leute zu viel Angst vor der Zukunft, um ein Kind zu riskieren? Die Antwort ist unbefriedigend: Niemand weiß es genau. Theorien zum Geburtenrückgang gibt es in der Wissenschaft fast so viele wie Bevölkerungsforscher. Aber keinen Konsens.

Unter den Forschern besteht nicht einmal Einigkeit darüber, was man überhaupt erklären will. Für die einen ist der »zweite demografische Übergang« entscheidend: das rapide Absinken der Geburtenrate von mehr als zwei Kindern pro Frau während des Baby-Booms in den Sechzigern auf etwa 1,4 Kinder Mitte der siebziger Jahre in Westdeutschland. Andere Forscher – vor allem Ökonomen -, halten dagegen den »ersten demografischen Übergang« für den entscheidenden: In Deutschland sinkt die Zahl der Neugeborenen schon seit hundert Jahren. Um 1860 lag die Geburtenrate im Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches noch bei 4,7. Bereits in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fiel sie auf 1,8 und damit unter die Marke von 2,1, bei der sich die Elterngeneration selbst reproduziert. Dieser Jahrhunderttrend ist ein weltweites Phänomen. Während ihn die Industrienationen bereits hinter sich haben, ist der Geburtenrückgang in den weniger entwickelten Weltregionen entweder in vollem Gang oder hat gerade begonnen. Wirtschaftswissenschaftler glauben fest daran, dass es der stetig steigende Reichtum ist, der seit hundert Jahren zu immer weniger Kindern führt – obwohl eigentlich Geld für mehr da wäre. Denkt man dieses »ökonomisch-demografische Paradoxon« zu Ende, heißt das: Die reichen Nationen sterben aus.

Das theoretische Vehikel für die Argumentation der Ökonomen sind die so genannten Opportunitätskosten der Familiengründung. Wer sich für oder gegen ein Kind entscheidet, wägt ab: den »Nutzen«, wie etwa die Freude am Kind, gegen die »Kosten«. Das sind neben den direkten Unterhaltskosten die Opportunitätskosten. Dazu zählt vor allem das Geld, das die Mutter nicht verdienen kann, solange sie nur für ihr Kind da ist. Steigen die Löhne, dann wird dieser Einkommensverlust höher und für die Frauen schmerzlicher. Die Folge: Die Frauen entscheiden sich für das Geld und gegen das Kind. Kinder in Deutschland 2006: Kleine Kunstwerke oder schlichte Belastung? Eine Videoreportage BILD

Es gibt optimistischere Wissenschaftler. Sie betrachten den weltweiten Rückgang der Geburten als Übergang von einem Gleichgewichtszustand der Bevölkerung zum nächsten. Während früher nicht nur die Geburten-, sondern auch die Sterberaten hoch waren, sind sie heute beide niedrig. Das Bild des Gleichgewichts passt allerdings nicht ganz: Früher starben pro Jahr weniger Menschen, als geboren wurden, heute liegen die Geburtenraten oft unter der Reproduktionsrate von 2,1. Aber eben nicht immer. Beispiele wie Skandinavien zeigen, dass ein Gleichgewicht auch für moderne Staaten möglich ist. Wie der Weg ins Gleichgewicht zu beschreiten ist, sagt diese Theorie indessen nicht.

Anders als der ökonomische Erklärungsversuch führt die soziologische »Theorie des zweiten demografischen Übergangs« den neueren Geburtenrückgang vor allem auf einen Wertewandel in der Gesellschaft zurück. Ein gesteigerter Individualismus, das höhere Konsumbedürfnis oder der steigende Wert der Freizeit werden als Ursachen gesehen.