Demografie-Spezial Jede hat einen guten Grund
Ökonomen und Soziologen untersuchen, warum sich Frauen in Deutschland nicht öfter fürs Kinderkriegen entscheiden

© www.jochenklein.co.uk
Deutschland ohne Kinder?
Eine Serie in vier Folgen. Alle Analysen, Videoreportagen und -interviews sowie zahlreiche Infografiken finden Sie hier.
Die Deutschen kriegen zu wenig Kinder. Kaum ist dieser Satz ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, lässt die Schuldfrage nicht lange auf sich warten. War es die Erfindung der Pille? Die Emanzipation der Frau? Gibt es eine neue »Kultur der Kinderlosigkeit«, in der der Mensch sich das Kinderkriegen abgewöhnt? Haben junge Leute zu viel Angst vor der Zukunft, um ein Kind zu riskieren? Die Antwort ist unbefriedigend: Niemand weiß es genau. Theorien zum Geburtenrückgang gibt es in der Wissenschaft fast so viele wie Bevölkerungsforscher. Aber keinen Konsens.
Unter den Forschern besteht nicht einmal Einigkeit darüber, was man überhaupt erklären will. Für die einen ist der »zweite demografische Übergang« entscheidend: das rapide Absinken der Geburtenrate von mehr als zwei Kindern pro Frau während des Baby-Booms in den Sechzigern auf etwa 1,4 Kinder Mitte der siebziger Jahre in Westdeutschland. Andere Forscher – vor allem Ökonomen -, halten dagegen den »ersten demografischen Übergang« für den entscheidenden: In Deutschland sinkt die Zahl der Neugeborenen schon seit hundert Jahren. Um 1860 lag die Geburtenrate im Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches noch bei 4,7. Bereits in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fiel sie auf 1,8 und damit unter die Marke von 2,1, bei der sich die Elterngeneration selbst reproduziert. Dieser Jahrhunderttrend ist ein weltweites Phänomen. Während ihn die Industrienationen bereits hinter sich haben, ist der Geburtenrückgang in den weniger entwickelten Weltregionen entweder in vollem Gang oder hat gerade begonnen. Wirtschaftswissenschaftler glauben fest daran, dass es der stetig steigende Reichtum ist, der seit hundert Jahren zu immer weniger Kindern führt – obwohl eigentlich Geld für mehr da wäre. Denkt man dieses »ökonomisch-demografische Paradoxon« zu Ende, heißt das: Die reichen Nationen sterben aus.
Das theoretische Vehikel für die Argumentation der Ökonomen sind die so genannten Opportunitätskosten der Familiengründung. Wer sich für oder gegen ein Kind entscheidet, wägt ab: den »Nutzen«, wie etwa die Freude am Kind, gegen die »Kosten«. Das sind neben den direkten Unterhaltskosten die Opportunitätskosten. Dazu zählt vor allem das Geld, das die Mutter nicht verdienen kann, solange sie nur für ihr Kind da ist. Steigen die Löhne, dann wird dieser Einkommensverlust höher und für die Frauen schmerzlicher. Die Folge: Die Frauen entscheiden sich für das Geld und gegen das Kind.
Es gibt optimistischere Wissenschaftler. Sie betrachten den weltweiten Rückgang der Geburten als Übergang von einem Gleichgewichtszustand der Bevölkerung zum nächsten. Während früher nicht nur die Geburten-, sondern auch die Sterberaten hoch waren, sind sie heute beide niedrig. Das Bild des Gleichgewichts passt allerdings nicht ganz: Früher starben pro Jahr weniger Menschen, als geboren wurden, heute liegen die Geburtenraten oft unter der Reproduktionsrate von 2,1. Aber eben nicht immer. Beispiele wie Skandinavien zeigen, dass ein Gleichgewicht auch für moderne Staaten möglich ist. Wie der Weg ins Gleichgewicht zu beschreiten ist, sagt diese Theorie indessen nicht.
Anders als der ökonomische Erklärungsversuch führt die soziologische »Theorie des zweiten demografischen Übergangs« den neueren Geburtenrückgang vor allem auf einen Wertewandel in der Gesellschaft zurück. Ein gesteigerter Individualismus, das höhere Konsumbedürfnis oder der steigende Wert der Freizeit werden als Ursachen gesehen.
Wollen Frauen lieber ein eigenes Einkommen als ein eigenes Kind?
Die öffentliche Debatte schuf daraus eine »Kultur der Kinderlosigkeit«, in der Nachwuchs keinen Wert mehr hat. Gibt es die wirklich? »Wir haben im Moment einen Diskurs, der zum Großteil aus Mythen besteht, für die es keine kausalen Zusammenhangsbelege gibt«, sagt Gerda Neyer, Politologin und Mathematikerin vom Max-Planck-Institut (MPI) für demografische Forschung in Rostock. Auch die Kultur-Theorie des neueren Geburtenrückgangs ist nie kausal belegt worden. Das geht auch gar nicht. »Es ist fast unmöglich, in solchen Zusammenhängen Ursache und Wirkung auseinander zu halten«, sagt Gerda Neyer.
Um zu erforschen, was die wahren Beweggründe für oder gegen das Kinderkriegen sind, müssten erst einmal saubere Methoden ersonnen werden. Ob etwa Kinder generell an Wert verlieren und darum die Geburtenzahlen sinken, sei mit Einmalbefragungen nicht feststellbar. Denn sie missachten eine banale Erkenntnis: Die Ursache kommt vor der Wirkung. Über lange Zeit hinweg muss man zunächst betrachten, welche Einstellungen ein Mensch hat, um später zu vergleichen, ob seine angegebenen Ideale mit der Geburt von Kindern zusammenfallen oder nicht. Anders sind kausale Zusammenhänge nicht zu erfassen. Eine solche Forschung dauert aber Jahre. Zwar entstehen mit dem »Beziehungs- und Familienentwicklungs-Panel« und dem »Gender and Generation Survey« in Deutschland und auf europäischer Ebene nun erstmals mächtige Langzeiterhebungen zu Familien- und Fertilitätsfragen. Bis daraus erste Schlussfolgerungen zur Verfügung stehen, wird aber noch einige Zeit vergehen.
Doch lange warten, das wollen vor allem die Medien nicht. »Grund für Geburtenkrise weiterhin ein Rätsel« ist eine schlechte Schlagzeile. Umfrage- und Prognose-Institute – sogar Unternehmensberatungen – werfen darum eine Studie nach der anderen auf den begierigen Markt der öffentlichen Meinung. Leider sind ihre Aussagen oft schlecht belegt. Da werden Korrelationen zu Beweisen, Einmalbefragungen zu kulturellen Trends und erfundene Rankingnoten zu verlässlichen Indikatoren für die demografische Zukunft.
Aber es nützt wenig, Weltbilder durch schlechte Methoden retten zu wollen. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zweifelt offenbar am Pessimismus der Wohlstandstheorien. Mit sorgfältig herausgesuchten Datenreihen versuchen die Berliner deshalb, das Gegenteil zu beweisen. So zeigen sie Zahlen, die im Ländervergleich zu belegen scheinen, dass mit der Frauenerwerbsquote auch die Fertilität steigt – und nicht sinkt. Rein statistisch lässt sich dieser Zusammenhang auch finden. Nur sind solche Korrelationen noch keine kausalen Beweise. Auch dass sich im Osten Deutschlands wieder vermehrt der Weißstorch ansiedelt, hat nichts mit den dort steigenden Geburtenraten zu tun. Kein Wunder, dass der Wirtschaftsweise Bert Rürup in einem Bericht für das Bundesfamilienministerium einen ähnlichen Ländervergleich zur Frauenarbeit zeigt wie die Berliner, aber zu dem Schluss kommt, es gebe keinen Zusammenhang mit der Geburtenhäufigkeit.
Das Berlin-Institut hat viel Aufwand in eine Studie gegen Fatalismus und Frauenfeindlichkeit gesteckt. Wissenschaftlich betrachtet, lehren solche Korrelationen leider gar nichts. Auf welch wackligen Beinen die gängigen Erklärungsmodelle für das Kinderkriegen tatsächlich stehen, zeigt sich, wenn doch einmal eine aussagekräftige Untersuchung gelingt. So attackiert der Heidelberger Soziologe Thomas Klein, diesmal mit methodisch kaum anfechtbarem Geschütz, nicht weniger als die These von den Opportunitätskosten. Klein stellt fest, dass nie untersucht worden ist, ob Frauen wirklich so denken, wie es Ökonomen postulieren – ob sie also tatsächlich den Verlust an Einkommen während der Erziehung gegen die Freude am Kind abwägen. Der Soziologe hat in einer Längsschnittstudie zwölf Jahre lang mehr als 5000 Frauen beobachtet. Er hielt nicht nur fest, welche Vorstellungen jede von ihnen zu Beruf und Kindern äußerte, sondern auch, ob sie später tatsächlich ein Kind bekam. Und fand heraus: Ob Beruf oder Karriere im Fall einer Geburt zurückstehen mussten, beeinflusste die Frauen nur wenig. Ausschlaggebend war eher, ob sie grundsätzlich in Kindern etwas sahen, was ihr Leben erfüllter und intensiver macht. Das heißt, das ökonomische Kosten-Nutzen-Kalkül hatte kaum Bedeutung für die Entscheidung der Frauen.
Die Ergebnisse sind gleich in doppelter Hinsicht starker Tobak, denn ohne Opportunitätskostenhypothese fallen nicht nur die Wohlstandstheorien in sich zusammen. Die politische Begründung für Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie entkräften sie gleich mit. Denn auch die beruht auf dieser ökonomischen Idee: Letztlich zielt alles, was Müttern das Geldverdienen ermöglicht, darauf ab, die Opportunitätskosten zu senken – auch die Bereitstellung von Kinderbetreuung. Dass seine Ergebnisse am politischen Mantra der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kratzen, weiß Thomas Klein. Den Begriff von einer »Kultur der Kinderlosigkeit« möchte er zwar lieber nicht in den Mund nehmen. Seine Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass es eine derartige Stimmung gibt. Pikant auch, dass in Kleins Untersuchungen die Ansicht, Kinder erfüllten das Leben mit Sinn oder machten es intensiver, am seltensten von Akademikerinnen angegeben wurde.
Der Lüneburger Soziologe Günter Burkart spricht von einer »Kultur des Zweifelns«. Heute sei es normal, auch den Kinderwunsch genau zu überdenken. Gründe zu zweifeln gebe es viele. Reicht das Geld? Kann ich mein Kind und meinen Partner gleichzeitig glücklich machen? Bin ich überhaupt in der Lage, ein Kind zu erziehen? Er sieht darin keinen Egoismus, sondern eher eine »Selbstthematisierung«. In einer modernen Gesellschaft wachse das Bedürfnis, über alles und jedes nachzudenken und so schließlich auch sich selbst systematisch immer wieder infrage zu stellen.
Oder ist wichtig, ob sie in Kindern überhaupt Erfüllung zu finden hoffen?
Für Gerda Neyer vom MPI in Rostock reicht eine Studie wie die des Soziologen Klein indessen nicht aus, um von einem Trend zu sprechen. »Für fast alles lassen sich gewisse Belege finden«, sagt die Methodenexpertin, »man will immer den einen Grund für das Geburtenverhalten haben, aber den gibt es nicht.« Ist es vermessen, die Bevölkerungsforschung nach Gründen für das in Deutschland fehlende halbe Kind pro Frau zu fragen? Oder ist es nur wissenschaftliche Übervorsicht, wenn Forscher wie Neyer sehr zurückhaltend argumentieren – weil sich rein prinzipiell alles widerlegen lässt? Nein. Die Demografie ist einfach noch nicht so weit, sich mit handfesten Begründungen für den Geburtenrückgang in die Debatte einzumischen. Denn sie ist eine unterentwickelte Wissenschaft, gerade in Deutschland.
Durch die Nazis zur Begründung von Eugenik und Rassenhygiene missbraucht, galt die Demografie nach dem Zweiten Weltkrieg lange als belastet. Erst in den Siebzigern bekam die Bundesrepublik mit dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden ein staatliches und erst 1996 mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock das erste größere nichtstaatliche Forschungsinstitut für Demografie – eines der größten weltweit. Mit Macht drängen die Demografen dort voran, ihr eigenes Forschungsfeld zu erschließen. In Rostock spricht man gern von einer »neuen Demografie Europas«, die es zu begründen gilt. Denn die verschiedenen Länder sind mit ihren unterschiedlichen Fertilitätsmustern und ihren verschiedenen kulturellen, ökonomischen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen geradezu perfekt geeignet, das Geburtenverhalten zu untersuchen.
Doch bevor sie zu gesicherten Aussagen kommt, muss sich die Demografie in gewissem Sinne erst neu erfinden. Denn nicht nur ihre Methoden, auch ihre Theorien sind unterentwickelt. Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich Demografen, Soziologen und Psychologen zusammen mit Ökonomen, Anthropologen, Politologen und Forschern aus dem Bereich des Gender Mainstreaming an einen Tisch setzen müssen, um mit dem Wissen aller Disziplinen neue Ideen zu entwickeln für das komplexe Forschungsfeld Mensch.
Deutschland ohne Kinder?
Eine Serie in vier Folgen. Alle Analysen, Videoreportagen und -interviews sowie zahlreiche Infografiken finden Sie hier.
- Datum 09.06.2008 - 14:13 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.06.2006
- Kommentare 168
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Merci, gorgo, chrklemp. Ich stelle das Aufkommen von hysterischen Zuegen fest. Ausserdem ein Abdriften in Schwarz-Weiss-Weltsicht, also Absolutismen und Projektionen von missliebigen Charakterzuegen auf's andere Geschlecht. Argumentation ad hominem und nicht zur Sache. Anzutreffen in Momenten, in denen der Finger dahin gelegt wird, wo's wirklich wehtut. Und zwar nicht deswegen, weil der Andere so Unrecht hat, nicht wahr? Da haben wir es wieder. Keine Sorge, ich verlange von Ihnen nicht, Ihre Weltsicht in Frage zu stellen. Es ist o.k., einer anderen Meinung anzuhaengen. Mir genuegt es, Ihre Reaktion zu unterstreichen. Und zu konstatieren, dass, wenn Ihnen die Argumente ausgeheen, Sie anfangen, polemisch zu werden. Fuehlen Sie sich ruhig weiter verfolgt. Weiter so. Dann nimmt Sie wirklich niemand mehr ernst. Aber Herr Mersch, u.a., aufpassen. Wenn Sie darauf einsteigen, wie Sie es in Ansaetzen zu tun scheinen, rennen Sie genau in die Falle. Nennt sich projektive Identifikation. Und funktioniert hoellisch gut. Ziehen Sie sich diesen Schuh nicht an, dazu war Ihre bisherige Argumentationslinie viel zu gut. Vielen Dank an alle Beteiligten.
Hat eigentlich schon mal jemand untersucht, welchen Einfluß die Werbung für Kondome an jeder Haltestelle auf die Zeugungsfähigkeit der Deutschen haben? Ich vermute, einen verheerenden...
Liebe Herren,
für viele Frauen, vor allem im westliche Teil unserer Republik sind die traditionellen Strukturen (Mann 0Ernährer, Frau = Kinderaufzucht und Haushalt) noch immer eine uneinnehmbare Festung.
Hier geht es doch nicht um verquere Ansichten von "linken Gutmenschen" sondern um das Rech auf ein selbstbestimmtes Leben(ja auch für Frauen)!
Je mehr ich Ihre Beiträge lese, desto mehr wird mir Angst und Bange. Meine Eltern haben mich also umsonst zu einem selbstbestimmten Menschen erzogen, der für dich selbst sorgen kann und (hoffentlich bald) auch für seine Kinder.
Von meinen Eltern wurde mir vorgelebt, wie es ist, Kinder zu erziehen und gleichzeitig zu arbeiten. Ich habe Kinderkrippe und - garten erlebt und bin (trotzden) recht "wohlgeraten", habe eine enge Bindung zu meinen (ganz und gar nicht selbstsüchtigen oder karrieregeilen) Eltern. Es war eine ganz normale Sache, dass Mutti und Vati arbeiten gingen. Meine Eltern sind mir immer noch die größten Vorbilder.
Wie bitte haben Herren wie Sie das Recht, uns Frauen dieses von unseren Eltern vorgelebte Leben schlecht zu machen?
Sie schreiben:
"Die zentrale These des Buches ist: Junge Leute warten in ganz Europa mit der Familiengründung so lange, bis der Mann eine feste Stelle hat. Da das aber heute immer länger dauert, müssen die Frauen entweder spät gebären oder sich einen deutlich älteren Freund suchen. "
Ja und das ist in einem Land wie Deutschland mit seiner überwiegend gut ausgebildeten Bevölkerung besonders ausgeprägt.
Man kann immer wieder feststellen, dass Frauen mit Kindern beruflich viel stärkeren Erfolg haben, wenn sie erst die Kinder in die Welt setzen und erst später eine berufliche Karriere starten. Der umgekehrte Weg ist sehr schwer. Aber da man für das Aufziehen von Kindern Sicherheit benötigt, bleibt die Option der frühen Geburt nur für Privilegierte (wie von der Leyen) oder für Personen, die sich sowieso am unteren Ende der gesellschaftlichen Rangfolge befinden.
Auch aus diesem Grund habe ich ja die Alternative Familienmanagerin empfohlen: die löst dieses Problem sofort. Ein Paar, wo der Mann noch studiert und die Frau eine zugelassene Familienmanagerin ist, könnte sofort Kinder in die Welt setzen. Wenn der Mann dann später mal eine Stelle hat, verbessert sich die ökonomische Situation der Familie erheblich. Wenn die Familie auseinanderbricht, ist es für keine der beiden Seiten eine wirtschaftliche Katastrophe. All diese Dinge müssen heute berücksichtigt werden.
Wie auch immer: Das demografische Problem in Deutschland und in ähnlicher Form in ganz Europa ist so gravierend, dass m. E. keine Lösungen, die bereits seit 30 Jahren erfolglos propagiert werden (bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Männer müssen sich an Familienarbeit beteiligen, die Unternehmen müssen mehr für Familien tun, mal nach Frankreich und Schweden schauen), greifen werden. Das Problem ist einfach viel viel zu groß. Diese allseits vorgeschlagenen Lösungen mit der Vereinbarkeit haben im wesentlichen nur ein Ziel: Das Problem auszusitzen. Oder anders ausgedrückt: Nur blablabla machen, aber nichts wirklich ändern wollen.
LG Peter Mersch
Sie haben Recht, es war schon etwas spät und da habe ich mich verschrieben. Aber ich habe die andere URL jetzt dazugenommen, falls mir das wieder bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion :-) passiert.
So deutlich wie Sie wollte ich es eigentlich gar nicht sagen, weil dann wieder manch eine(r) entrüstet ist. Aber die Zwangstrennung zwischen Familie und Beruf, die Tatsache, dass heute eigene Familienarbeit grundsätzlich eine unbezahlte Leistung ist, für die man folglich keinerlei Ausbildung benötigt, entwertet diese Arbeit immer weiter. Wir sehen im Fernsehen die Familienmanagerin aus der Vorwerk-Reklame, die einen eigenen kleinen erfolgreichen Familienbetrieb führt und denken: Ja klar, hat die einen Beruf. Und dann schalten wir um und sehen, wie eine Super-Nanny helfen muss und haben ein ganz anderes Bild der Wirklichkeit. Bislang wird staatlich ausdrücklich das Aufziehen von Kindern ohne jegliche Ausbildung und auch ohne ökonomische Basis gefördert, und das ist extrem ungesund bis untragbar.
Selbst die Ausbildungsinstanz "Oma" entfällt ja heute häufig: Das Paar ist längst woanders hingezogen und steht nun völlig allein da. Sich mit der Materie ernsthaft beschäftigen, dafür ist keine Zeit da, denn Mama und Papa müssen ja beide arbeiten gehen und das Erziehen der Kinder ist ja keine Arbeit.
Es ist wirklich schlimm, wie sehr alles auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird, die ja eigentlich die Zukunft unseres Landes sein sollten.
Gesellschaftlicher Optimismus hat auch eine psychologische Komponente. Und wenn in ein paar Jahren das Medianalter unserer Gesellschaft auf über 50 gestiegen ist, dann wird diese psychologische Komponente eine immer stärkere Bedeutung erhalten: Wir sind dann eine alte Gesellschaft ohne Zukunft. Persönliche und ökonomische Depressionen werden die Folge sein.
Wenn man das Konzept mit den Familienmanagerinnen mal zu Ende denkt, dann entstehen einfach sehr sehr viele Vorteile:
- Familienarbeit bekommt einen neuen Stellenwert.
- Die Besteuerung betrifft in erster Linie die, die keine Kinder haben, aber viel verdienen. Das sorgt endlich für einen gewissen Lastenausgleich zwischen Kinderlosen/armen und Familien und zwar durch Besteuerung derer, die bislang den größten Vorteil aus ihrer Kinderlosigkeit gezogen haben. Diese werden dafür ihr schlechtes Gewissen los, soziale Trittbrettfahrer zu sein.
- Es ist eine gezielte Bevölkerungsplanung möglich. Sogar ein ggf. gewünschtes leichtes Schrumpfen ist möglich.
- Die Familienmanagerinnen könnten zusätzlich all die Dienste anbieten, die Berufstätige mit Kindern so dringend benötigen (Ganztagsbetreuung, ggf. sogar mal für ein paar Tage, wenn es erforderlich ist).
- Die Familienmanagerinnen könnten auch wertvolle Hilfestellung für berufstätige Eltern geben, endlich haben die mal Ansprechpartner, die es eigentlich wissen sollten.
- Es entsteht eine Gruppe von Eltern, die ausreichend organisiert ist, um mit ihrer Marktmacht den Unsinn zu stoppen, den die Lebensmittelindustrie verursacht, verbieten kann man den ja leider nicht. Denn viele Kinder werden heute bereits im Kleinkindalter mit Nahrung gefüttert (bis hin zum Verfaulen aller Milchzähne), die man nur noch als Körperverletzung bezeichnen kann. Unausgebildete Mütter wissen leider nicht Bescheid, die entscheiden sich rein nach dem Preis.
- Da unter den Familienmanagerinnen zwangsläufig auch etliche mit Migrationshintergrund wären, könnten manche Integrationsaufgaben mit deren Hilfe besser angegangen werden.
- Die Familienmanagerinnen benötigen über kurz oder lang Zusatzdienste, sie werden also Arbeit schaffen. Gleichzeitig würden sie selbst dem normalen Arbeitsmarkt entzogen werden, was diesen wiederum entlastet.
Ich bin davon überzeugt, wenn erst einmal wieder eine ausreichende Zahl von offenbar ordentlich erzogenen, glücklichen und selbstbewussten Kindern durch unsere Straßen hüpft, wird ein Ruck durch unser Land gehen. Ohne Kinder, die ja die Zukunft repräsentieren, lohnt es sich doch überhaupt nicht an die Zukunft zu glauben. Man muss Kinder sehen, um optimistisch zu bleiben, das gilt für Kinderlose letztendlich genauso, auch die brauchen die Kinder um an die Zukunft zu glauben. Da wir das Kinderkriegen aber ganz entscheidend bereits Migranten und sozial Schwachen überlassen, wird die Kluft zwischen diversen gesellschaftlichen Schichten immer größer werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Integration der Zuwanderer in unserem Land viel besser gelingen wird (bzw. überhaupt erst möglich wird), wenn sich auch die deutsche Bevölkerung wieder stärker an der Reproduktion beteiligt.
LG Peter Mersch
Joachimstange, Sie haben das Problem durchaus korrekt beschrieben. Es gibt allerdings Länder, die auf dieses Problem durchaus rascher und flexibler reagieren, wobei gewisse Egoismen nicht zu übersehen sind. Aber, wenn die Auseinadersetzungen um die letzten Wohlstandsbrocken härter werden, wird Gutmenschentum nicht helfen.
Prof. Heinsohn hat dem rein demographischen Gedanken den der Migration - sowohl Im- als auch Emigration - und deren Beitrag zur Situation des Landes Deutschland hinzugefügt. Leider spitzen sich die Dinge dadurn nur zu.
Wenn immer wieder der Aspekt der Arbeitslosigkeit in die Debatte gebracht wird, so kann ich das bald nicht mehr verstehen. Das statische Denken, daß nur eine gewisse feste Zahl von Arbeitsplätzen als Grundlage ihrer Überlegungen, es ist sozusage wie beim DFB in der Vor-Klinsmann-Ära: uninspiriert, demotiviert, statisch.
In Hamburg braucht man jetzt schon einen Hundeführerschein. Ich fordere einen Kinderführerschein.
Sie schreiben:
"Daraus kann man schlussfolgern dass weniger Kinder geboren werden weil die Menschen reicher werden oder dass die Menschen reicher werden weil weniger Kinder geboren werden.
Ernstzunehmende Wissenschaftler werden die zweite Möglichkeit zumindest in Betracht ziehen."
Wissenschaftler wie Birg tun das ja auch, so schreibt Birg z. B.
"In den meisten Entwicklungsländern verhinderte die hohe Wachstumsrate der Bevölkerung einen raschen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens - eine der wesentlichen ökonomischen Voraussetzungen für einen Rückgang der Geburtenrate und der Wachstumsrate der Bevölkerung."
Und weiter:
"In Deutschland ... bewirkte der Zirkel des Reichtums, das die Wachstumsrate des Volkseinkommens ständig über der Wachstumsrate der Bevölkerung lag, so dass sich das Pro-Kopf-Einkommen stetig erhöhte."
Nachzulesen (da Links nicht erlaubt) bei herwig minus birg punkt de und dann auf den Artikel "Auswirkungen und Kosten der Zuwanderung nach Deutschland" gehen.
Darin findet man auch sehr schöne Grafiken über die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung bis 2100, insbesondere auf den Seiten 45 und 46.
Ich kenne zur Zeit leider niemanden, der bei einer solchen Entwicklung Reichtum prognostiziert. Wenn Sie (oder auch Herr Schwentker) ein Modell haben, wie das in irgendeiner Weise gut gehen kann: Bitte, stellen Sie es vor. Ich kenne keins.
Ich bin auch gegen ungebremstes Wachsen der Bevölkerung. Fertilitätsraten von 1,2 und dank unserer türkischen Mitbürger(innen) dann schließlich von 1,36 halte ich persönlich aber für eine Katastrophe. Leider gibt es überhaupt keine Erfahrungswerte über den Umgang damit. Und deshalb bin ich zunächst für die sichere Seite, nämlich eine von 2,1 oder knapp darunter anzustreben. Wenn dann mehr Erfahrung vorliegt, kann man ggf. sich anders entscheiden.
Auch die These, dass Deutschland schon mehrfach schwere Einbrüche in der Bevölkerung erlebt hat, halte ich für problematisch. Vorausgegangen waren immer Katastrophen. Die Befürchtung ist: Auch diesmal wird es eine Katastrophe geben, allerdings nicht als Ursache, sondern als Folge der Demographie. Warum müssen Menschen ungeplant auf so etwas zu gehen, wenn wir sonst alles planen? Warum hat ein Mensch das Recht, durch die Pille Schwangerschaften zu verhindern (und wenn das nicht klappt dann abzutreiben), der Staat aber kein Recht, durch gegenläufige Maßnahmen Schwangerschaften gezielt zu fördern??? Mir leuchtet das nicht ein. Eine der Hauptaufgaben des Staates ist die gesamtgesellschaftliche Planung, da gehört das dazu. Eine Hauptaufgabe des Staates ist es, bei bestehender individuellen Rechten und Freiheiten ein gewünschtes Kollektivverhalten sicherzustellen, sonst müsste er alle sozialstaatlichen Maßnahmen sofort und auf der Stelle abschaffen.
Momentan erleben wir übrigens die günstigen Auswirkungen einer Katastrophe: Momentan gehen die Menschen in Rente, die 1940 - 1945 geboren wurden. Da gab es aber den Kriegsknick. Momentan gibt es an der Rentenfront also eine Atempause. Wenn in 20 Jahren die Babyboomer in Rente gehen und wir das Problem noch immer nicht grundsätzlich gelöst haben, dann Gnade uns Gott. Die jungen Menschen, die dann noch die Möglichkeit dazu haben, werden das Land massenhaft verlassen, so wie sie es im Osten Deutschlands ja schon längst in Richtung Westdeutschland tun, nur diesmal wird es ganz Deutschland betreffen.
LG Peter Mersch
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren