WM 2006 Und jetzt, Herr Neururer…?
Peter Neururer, 51, ist Trainer des Erstligisten Hannover 96 und kommentiert für die ZEIT das Geschehen bei der Fußballweltmeisterschaft
DIE ZEIT: …drei Siege in drei Gruppenspielen, das gab es noch nicht mal 1990 oder 1974, als Deutschland Weltmeister wurde. Ist Jürgen Klinsmann also doch ein guter Trainer?
Peter Neururer: Das können wir erst wissen, wenn die WM vorbei ist. Aber es stimmt: Die Ergebnisse geben ihm bis jetzt recht. Wir haben gegen ambitionierte, aber in ihren Möglichkeiten begrenzte Costa-Ricaner gewonnen. Wir haben gegen desolate Polen gewonnen und gegen eine Reservetruppe aus Ecuador. Wenn ich höre, dass wir jetzt schon halb im Finale stehen sollen, wird mir ganz flau im Magen.
ZEIT: Woher rührt dieses Unwohlsein?
Neururer: Nun: Ich habe eine Mannschaft gesehen, die spielt so überlegen, wie ich noch nie eine andere bei einer Weltmeisterschaft habe spielen sehen, auch Brasilien nicht. Die Mannschaft, von der ich spreche, kommt nicht aus Deutschland, sondern aus Argentinien.
ZEIT: Was können die, was die Deutschen nicht können?
Neururer: Im ersten Spiel haben sie vor allem durch eine erstklassige Defensive überzeugt, und jetzt haben sie gezeigt, dass sie von der Defensive auf den Angriff umschalten können. Und wie! Die Spieler fordern den Ball, bekommen ihn. Im Spiel gegen Serbien und Montenegro habe ich fünf Spielzüge über zwanzig Stationen gesehen, ohne dass der Gegner auch nur die Chance hatte, an den Ball zu kommen. Und wie exzellent sie ihre Chancen in Tore verwandelt haben! Ich kann mich an nichts Vergleichbares erinnern. Sie?
ZEIT: Nein, im Moment nicht.
Neururer: Sehen Sie!
ZEIT: Als Sie die Argentinier sahen, hatten Sie da das Gefühl: Es spielt der künftige Weltmeister?
Neururer: Ach, ich halte nicht so viel von Prognosen. Vielleicht so: Wenn an einem Tag bei der deutschen Mannschaft wirklich alles stimmt und wenn am selben Tag bei der argentinischen Mannschaft wirklich gar nichts stimmt, dann hat Deutschland an diesem Tag eine Chance gegen Argentinien.
ZEIT: Wie groß schätzen Sie diese Chance, etwa in einer Prozentzahl?
Neururer: Das kann ich nicht. In Mathe war ich schon in der Schule nicht gut. Ich war immer schon Geisteswissenschaftler.
ZEIT: Wenn Sie von öffentlichen Prognosen wenig halten: Tippen Sie wenigstens privat, wie das ganze Land gerade?
Neururer: Klar, aber in kleinem Rahmen: Ich tippe mit Olaf Thon und meinem Sohn. Es gibt Punkte fürs exakte Ergebnis und für die Tendenz. Und raten Sie mal, wo ich stehe.
ZEIT: An letzter Stelle?
Neururer: Genau. Das freut meinen Sohn, so bessert er sich sein Taschengeld auf. Ich sehe auch die Spiele mit meinem Sohn, zwei täglich im Fernsehen, immer eins im Stadion.
ZEIT: Da Sie täglich im Stadion weilen: Gibt es einen Lieblings-Fangesang?
Neururer: Da bin ich wieder bei den Argentiniern. Deren Lied Te quiero mas gefällt mir mit Abstand am besten, weil es nicht einem einzelnen Spieler oder der Mannschaft gilt, sondern dem ganzen Land.
ZEIT: Und wie gefällt Ihnen die WM-Hymne von Herbert Grönemeyer?
Neururer: Von dem kenne ich nur Bochum . Da war ich ja mal Trainer.
ZEIT: Vergessen Sie bei der WM schon mal Ihren Bundesligajob, vergessen Sie Hannover 96?
Neururer: Nie! Ich telefoniere jeden Tag mit meinen Spielern, die bei der WM sind, und frage sie, wie es ihnen geht. Ich habe mit Vahid Hashemian gelitten, als er mit Iran ausgeschieden ist. Per Mertesacker ist gut drauf, Steven Cherundolo hat mit den USA gerade ein ganz gutes Spiel gemacht, Štajner mit Tschechien leider nicht.
ZEIT: Das klingt, als hielten sie stets zu den Nationalmannschaften Ihrer Spieler.
Neururer:
Aber sicher! Nur gegen Deutschland hört der Spaß auf.
Das Interview führte
Matthias Stolz
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- Datum 21.06.2006 - 03:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.06.2006 Nr. 26
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