Die Sorglosigkeit trägt Badeschlappen, und wenn man nicht wüsste, dass sich Lukas Podolski nichts dabei gedacht hat, würde man denken: Er hat sich was dabei gedacht. »Pfffff«, sagt er oft. Antworten gibt er lieber auf dem Platz. Gegen Ecuador schoss er das 3:0 BILD

Es ist einer dieser gewittrigen Weltmeisterschaftstage in Berlin, das Land kleidet sich in seinen Farben und wartet auf den nächsten nationalen Kick. Der Deutsche Fußball-Bund hat ein paar Spieler aus seinem Mannschaftshotel ins Internationale Congress Centrum am Rande der Hauptstadt gekarrt, zu Pressegesprächen, damit die Zeitungen etwas zu schreiben haben in den kleinen Sommerlöchern, die sich nun zwischen den Spielen auftun. Christoph Metzelder kommt, im schwarz-rot-goldenen Dress und ernst wie sein eigener Presseattaché. David Odonkor, konzentriert und federnd wie ein Sprinter hinterm Startblock. Und Lukas Podolski, schluffig wie ein Pauschaltourist auf dem Weg zum Mittagsbuffet: Badelatschen, kurze Hose, T-Shirt. Er sagt »Tach«, nimmt sich ein Fläschchen Cola light , trinkt es fast leer und lässt sich in einen Sessel fallen. In der folgenden Viertelstunde wird er mit Rülpsern zu kämpfen haben.

Lukas Podolski, in dessen Biografie das jeden Erwachsenen erschütternde Geburtsjahr 1985 angeführt ist, ist ein Phänomen, für das die alles und jeden verwertende Fußballindustrie längst ein Etikett gefunden hat. Darauf steht: »Authentizität«. Das Land definiert sich mit Begeisterung gerade mal wieder neu, die Kanzlerin verliert in der Stadionloge die Kontrolle, der Bundestrainer redet von Philosophie, wenn er Taktik meint, Philosophen reden vom Fußball, wenn sie das Land erklären wollen, Mannschaftskollege Metzelder ruft zu noch mehr Patriotismus auf – und Podolski antwortet auf die Frage, wie sich diese WM nun anfühle für ihn, den Stürmer, gewissermaßen im Epizentrum der Euphorie: »Geil. Stimmung ist gut.«

Podolski ist der Narr der Deutschen – dabei will er gar nicht komisch sein

Es war bislang nicht Podolskis WM, auch wenn er bei seinem dritten Auftritt – dem Sommer-Kick gegen Ecuador – endlich das erste Tor geschossen hat, bejubelt von 72000, die fest entschlossen schienen, jeden Zweifel an Podolski aus dem Berliner Stadionrund zu brüllen. Jede WM gebiert Sieger und Verlierer, beschleunigt oder bremst Karrieren; und im Angriff der deutschen Nationalelf sind die Rollen da bislang klar verteilt: Miroslav Klose, beweglicher Bestandteil eines beweglichen Spiels, sammelt Tor um Tor. Podolski hingegen ist in den Partien von München, Dortmund und Berlin durch die gegnerischen Strafräume geschlichen, den Kopf vorgereckt wie ein Stier, den rechten Arm angewinkelt, um sich die Verteidiger vom Leib zu halten, und er wirkte statisch, langsam, fremd. »Der Lukas« spiele zu stehend, sagte Kollege Klose, »Lukas muss lernen, dass ihm bei so einem Turnier nicht so viel Raum gegeben wird«, sagte Jürgen Klinsmann, in den Zeitungen wurde das Wort »Krise« an seinen Namen geklebt – und genau deshalb haben die Fans den 21-Jährigen nach jeder vertanen Chance gefeiert wie keinen Zweiten. »Lu-kas Po-dol-ski«, immer wieder.

Es war, als wollten sie ein Kind aufmuntern. Oder einen Clown, der nicht aufhören darf, komisch zu sein. Viele nennen ihn »Poldi«, das klingt wie im Zirkus. Natürlich rufen viele seinen Namen nur im Ton dieser koketten, leicht ironischen Verbrüderung mit dem einstigen Prollsport Fußball und dessen Hauptdarstellern – aber es ist auch ein wenig Ernst dabei, ein bisschen Kummer. Schließlich hat sich die Nation zuletzt an Podolskis Einfachheit ergötzt, an der Sorglosigkeit, mit der er Herausforderungen anging und anfangs Erfolg hatte. Alles ist schwierig geworden im Leben, es scheint keine einfachen Lösungen mehr zu geben, nicht auf dem Arbeitsmarkt, nicht in der Familienpolitik und auch nicht im Fußball, der stundenlang von Experten seziert wird. Wenn Podolski gefragt wird, wie es gegen den nächsten Gegner laufen muss, sagt er: »Hauen wir weg.« Und dann? »Weitersehen.« Seine Rolle dabei? »Ich mach das Ding rein und fertig.«

Podolski spricht, wie er spielt, immer geradeaus. Er kennt eigentlich keine Zweifel und keine Fragezeichen, er lebt nicht in der Welt der Konjunktive, er macht nicht mal einen Abstecher ins Was-wäre-wenn – es reicht ihm, was ist . Fragt man ihn nun, ob er sich manchmal Sorgen mache über irgendwas, dann sagt er: »Nö. Ist ja nicht meine Aufgabe.« Jeder Gesprächsversuch mit ihm endet wie ein gescheiterter Doppelpass. Einmal hat er den Journalisten gesagt: »Ich geb euch kurze Antworten, dann braucht ihr nicht so viel zu schreiben.«