Liebe Elena, vor einigen Tagen sind wir uns endlich begegnet, in Berlin. Wie war ich? Was mich betrifft – ich bin ein wenig enttäuscht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie Ihren Bruder zu unserem Treffen mitbringen würden, der uns die ganze Zeit mit misstrauischem Ernst beobachtet hat. Das wäre nicht nötig gewesen, Elena. Ich bin ein Ehrenmann, a man of honour. Sie brauchen bei mir keinen Beschützer. BILD

Das Faszinierendste an der Weltmeisterschaft ist der Zufall. Den Zufall halte ich für ein Tabu unserer Gesellschaft, niemand spricht darüber. In Deutschland herrscht zufälligerweise gutes Wetter, deswegen haben alle gute Laune. Nun schreiben die Zeitungen in nachdenklicher Weise: Deutschland, die gut gelaunte Nation, the new Germans. Und wenn es zufällig geregnet hätte? Dann hätte man Achern zum Symbol der WM erklärt. In der Nähe des Örtchens Achern sind, wie ich lesen durfte, englische Fans, um sie, so weit dies überhaupt möglich ist, unter Kontrolle zu halten, in einem umzäunten, sandigen und heißen Zeltlager untergebracht.

Die Beschreibungen erinnern ein wenig an das Lager von Guantánamo, wenngleich es in Achern, statt des Korans, für die Insassen als spirituelle Nahrung Bier gibt. Ich entschuldige mich für Achern, Elena.

Oder: Unsere Mannschaft schießt gegen Polen zufällig in der letzten Minute ein Tor. Hinterher erklären wir es zu einer Notwendigkeit, analysieren, warum es so und nicht anders hat kommen müssen. Nein, Polen hätte gegen Deutschland genauso gut gewinnen, England hätte gegen Trinidad und Tobago genauso gut verlieren können. Sie und ich, wir hätten uns vor vielen Jahren begegnen können. Ihr Bruder aber hätte neulich die Masern haben können.

Elena, Sie Teufelchen, natürlich habe ich, bevor ich Ihnen schrieb, Informationen über Sie gesammelt, für wie naiv halten Sie mich? Ich wusste, dass in Ihrem literarischen Werk Taxifahrer und, auffällig oft, Affären vorkommen. Es ist natürlich nicht immer richtig, vom Werk auf den Autor zu schließen, und doch glaube ich zu spüren, dass sie zu beidem, im Reich des literarischen Traums, in dem wir uns bewegen, eine grundsätzlich wohlwollende Haltung einnehmen. Ich bin anders. A man of honour.

Vorsätzlich eine Affäre zu beginnen, als Affäre, weiter nichts, das ist in meinen Augen so, als ob zwei Fußballmannschaften beschließen, auf Unentschieden zu spielen. Am Anfang gibt es vielleicht sogar ein paar hübsche Spielzüge, weil sich die beiden Verteidigerreihen nicht durch übermäßigen Einsatz behindern. Dann, sehr bald, wird es langweilig. Wenn aber nur eine der beiden Mannschaften auf Unentschieden spielt, geht das meistens daneben, solche Spiele verliert man.

Was das Taxi betrifft, interessiert mich der Ursprung Ihrer Obsession. Haben Sie einmal, wie Madame Bovary in der berühmten Kutschenszene, den Gegenstand Ihrer Affäre auf dem Rücksitz eines fahrenden Taxis geliebt? Sie sollten das unbedingt tun, nicht nur, weil eine solche Erfahrung zu einem kultivierten erotischen Leben wie dem unseren einfach dazugehört. Aber was rede ich da, ich kenne die Londoner Taxipreise, und nur zu gut, wenn Sie verstehen, was ich meine.