Jazz Man muss den Dreck planen

Ekkehard Ehlers ist Deutschlands musikalische Antwort auf den genialen Konzeptkünstler Brian Eno. Nun spielt er den Blues

Noch nie war es so einfach, Musik zu machen. Und noch nie so schwierig, den eigenen Ton zu finden. Nach all dem klingenden Glück mit Laptop und Software, nach Hunderten von Namen, Labeln, Website-Adressen, MP3-Downloads und Insidertipps macht sich Müdigkeit beim Hörer breit: Der Grad des Machbaren übertrifft den Grad des Wünschbaren, des Hörbaren, des Aufnehmbaren. Die Demokratisierung des PCs hat das Komponieren zwar aus dem Elfenbeinturm der studierenden Spezialisten befreit, aber die Musik parteienzersplittert zurückgelassen. Die ästhetische Befreiung aus schwierigen Situationen findet nun einsam vernetzt in renovierten Altbauwohnungen und Eigenheimkellern statt, wer nennt die Orte, zählt die Clubs. Und dann ist da Ehlers.

Zwei aufregende Maxi-Schallplatten erschienen 2001, in der seltsamen Kombination Ekkehard Ehlers plays Albert Ayler und Ekkehard Ehlers plays John Cassavetes, Namen eines Free-Jazz-Giganten und eines Filmregisseurs, beide Male Musik, die guten Geistes nicht nachgespielt werden konnte. Auf der einfarbigen Vorderseite Begleittexte der theoretischen Art, auf der Rückseite Luftaufnahmen der Lebensorte, von New York, von Hollywood. Es hätte eine jener referenzgetränkten Hommagen sein können, die mit Samples und eigenen Klangzugaben sich den Verehrten auf Augenhöhe präsentieren, doch es war – zuerst enttäuschend und dann begeisternd – die Distanz, die den Toten die gebührende Reverenz erwies. Zu Albert Ayler bekommt eine Cellistin vorgegebene Tonfolgen über Kopfhörer zugespielt, improvisiert darüber, erhält ihr Eigenes zurück, viermal, bis ein Streichquartett entsteht, eine Verbindung der Intensität von Innen und Außen. Zu Cassavetes dröhnen Mahlersche Good bye -Schwaden, endlos wiederholt, fern der kürzelhaften Musikmomentaufnahmen der realen Cassavetes-Filmmusik und doch in ihrer spätromantischen Sehnsucht wahrer als jede Bearbeitung. Es ist die Trinität von Herz, Kopf und ästhetischer Demut, die Ekkehard Ehlers seinen Helden entgegenbringt, es ist einer der wenigen Wege aus der Sackgasse der übermächtigen Vergangenheit.

Später, auf einer CD versammelt, erfuhr man dann von weiteren Ekkehard Ehlers plays: für den Komponisten Cornelius Cardew, den Dichter Hubert Fichte und den Bluessänger Robert Johnson. Sie alle bilden Koordinaten der Liebe, die den Rahmen des bloß Musikalischen sprengen. Der 32-jährige Ekkehard Ehlers, lange in Frankfurt am Main, nun dort und in Berlin lebend, entpuppte sich als Konzeptkünstler, als Musikdenker und Spielleiter, dem englischen Autodidakten Brian Eno eng verwandt, der einst das Popkorsett der Gruppe Roxy Music sprengte, um Freiräume zu öffnen. Ehlers gestaltet Klangräume für Kunsthallen, schreibt Ballettmusik für William Forsythe (gesammelt auf der CD Politik braucht keinen Feind), bewegt sich zu Melodien der Popmusik mit der Gruppe März , sammelt 45 einminütige Miniaturen und komponiert sie auf La Vie À Noir. Doch immer wahrt er die Distanz zum Gegenstand, er nimmt die Entfernung zum Gegenstand als Maßstab für die Methode der Annäherung. Gewarnt sei vor Samples und vorgefertigten Prozessoren. Samples sind simpel, »es ist zu einfach, zu langweilig« (Ekkehard Ehlers).

A Life Without Fear, entstanden aus der Musik für das Stück Lazarus Signs des Choreografen Christoph Winkler in Berlin, erscheint nun wie ein Best of- Sampler, der Ekkehard Ehlers’ Ansätze bündelt – unter dem Zeichen des Blues. »There’s strange things happenin’ in the land«, singt der Bluesgitarrist Charles Haffer Jr. von der Schellackplatte, und der klare digitale Bass und die verzerrten Gitarrengriffe aus Dylan-Zeit knüpfen den Bezug zu heute, Begleitfiguren, die zurechtrücken, aber nicht modisch verfremden. Verhauchte Trompetentöne, von der akkordischen Gitarre gestützt, stimmen den Blues an, in einem anderen Stück treiben Mundharmonikaschlieren über staubige Ebenen, dann wieder das Zupfen und Zirpen von Metallgeklöppeltem, das wie eine Spieluhr zum beiläufigen In A Silent Way Miles Davisscher Prägung tickt. Das Improvisierte trifft das Abzurufende, die mikrofeine Trompete von Franz Hautzinger verbindet sich mit der rauen Gitarre von Joseph Suchy, während Ekkehard Ehlers Processing and Amps zugibt – Frozen Absicht, wie ein Titel anspielungssicher mitteilt.

Musikgeschichten mit Störfaktor sind da zu hören, wobei entweder das Handgemachte digital erhöht oder das Computergenerierte vom privaten Kratzen und Knistern auf den Boden zurückgeholt wird. »Lofi in High-Tech-Qualität« lautet die Losung. Von einer beruhigenden Unruhe ist diese Mischung, die zugleich einnimmt und distanziert, die der Trauer des Blues gerecht wird und doch die Distanz des weißen Nachgeborenen hören lässt. Als bloßes Sample, als Zitat wäre der Blues beschädigt, als reine Nachdichtung lächerlich.

In der englischen Zeitschrift Wire steht Ekkehard Ehlers, im taubenblauen Schlafanzug abgebildet, auf dem Friedhof in Brompton und gähnt hinter vorgehaltener Hand. Ist er gerade real aufgestanden oder digital auferstanden? Ein Grabstein mit R. I. P. schmückt die Papphülle von A Life Without Fear, eine schwarze Friedenstaube auf blauem Grund das Cover – zwischen den Polen, bedeutungsschwer und alltagstauglich, liegt auch der Raum für die Musik. Elaboriert spricht der Dozent der Stuttgarter Merz Akademie für Gestaltung über Projekte und Musiktheorie, über seine Bewunderung für die Klarheit der Kompositionen Helmut Lachenmanns und die Intuition des Choreografen William Forsythe. Mathematik und Romantik, das sind zwei denkbare Seiten dieser Musik. Man muss den »Dreck« planen, sonst klingt’s allzu glatt, den Blues spielen bedeutet, die Klage nicht zu wiederholen, sondern sie einzubetten in fremde Zonen. »Zärtlichkeit ist ein Umgang mit dem Detail«, schreibt Ekkehard Ehlers im Inneren der CD Politik braucht keinen Feind.

»Das Detail ist politisch, es ist eine Erinnerung an Zustände, die verschwinden.«

Hören Sie hier drei Stücke von "A Life Without Fear": den Schellackblues "Strange Things Happenin'" , das Trompetengitarrenstück "Die Sorge geht über den Fluss" und schließlich "Nie wieder schnell sagen" mit Mundharmonikas über staubigen Ebenen. Das Album ist als CD und LP erschienen bei Staubgold .

 
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