Er war das Beste, was wir sein können«, sagt der Pastor Lorenzen in Fontanes Stechlin am Sarg seines Freundes Dubslav, und dann sagt er, was das ist, das Beste, ohne Erklärung, wie die selbstverständlichste Sache auf der Welt: »ein Mann und ein Kind«.

Das Motiv vom ewigen Jungen ist ein Klischee: »das Kind im Manne«; die Modelleisenbahn oder Carrera-Rennstrecke; der Vater, der mit seinen beiden Söhnen spielt, und plötzlich geht die Tür auf, und die Mutter schaut herein, und sie entdeckt, dass sie nicht mehr nur zwei Kinder hat, sondern drei. Aber ganz weit hinauf und sehr tief nach drinnen reicht das Bild auch. Isaac Newton, der größte Physiker zwischen Galilei und Einstein, am Ende seines Lebens: »Ich bin nur wie ein kleiner Junge gewesen, der am Meeresstrand spielt und sich darüber freut, wenn er einen besonders glatten oder schönen Kieselstein findet – und der große Ozean der Wahrheit lag unentdeckt vor mir.«

Dass er ein Junge bleiben darf oder sogar bleiben soll, ist eine der merkwürdigsten, typischsten Bestimmungen des Mannes. Er ist das Wesen, das sich in den eigenartigsten Hobbys verlieren darf. Nicht die maskuline Schrankhaftigkeit macht das unwiderstehliche Schauspieleridol, sondern der Einschlag von Verspieltheit und Verlegenheit wie bei Cary Grant. Richard von Weizsäcker in Gesellschaft eines alten Freundes ist ein vollkommen jungenhafter Anblick, als sei im Grunde, im Wesenskern, gar keine Zeit vergangen seit den gemeinsamen Studententagen im Nachkriegs-Göttingen, wo man bis sechs Uhr morgens, wenn die Besatzungsmacht die nächtliche Ausgangssperre aufhob, auf der Bude Scharaden spielte und über Gott und die Welt redete. In Papst Benedikt XVI. steckt ein brillanter Professor, und in diesem Professor steckt ein übergescheiter Knabe, und mindestens solange Joseph Ratzinger Kardinal war, kam dieser Bub auch gelegentlich zum Vorschein: in der weltvergessenen theologischen Gedankenbauerei oder in der lässigen Überlegenheit, mit der ein weniger heller Spielkamerad im Jungeninternat »Kirche« seine Grenzen vorgeführt bekam. Die Jungenhaftigkeit ist die Anmut des Mannes, als Zugabe, nicht wie bei Frauen schon gleich in die Weiblichkeit mit eingebaut. Frauen mögen das, sie verlieben sich darin – und dann bekommen sie wieder Probleme damit, denn Jungen (auch das Kind im Manne) entziehen sich und wollen in ihren eigenen Welten leben.

Dabei steht es ja mit den realen, sechs- oder sechzehnjährigen Jungen nicht zum Besten. Die erwachsenen Männer besetzen die Kommandohöhen der Gesellschaft, aber dort, wo die Chancen von morgen verteilt werden, in den Schulen und Universitäten, liegen schon die Mädchen in Führung. Die Ernährerrolle mit sicherem Dauerarbeitsplatz, ein Leben lang in derselben Firma, womöglich der Sohn im gleichen Betrieb wie der Vater – das gibt es im schnellen, flexiblen Kapitalismus immer weniger, da können Jungen nicht mehr hineinwachsen. Wenn sie aus Einwandererfamilien stammen, aus türkischen etwa, werden sie oft auf eine Männerherrlichkeit getrimmt, die sie nicht nur respektlos gegen Lehrerinnen und Mitschülerinnen, sondern letztlich untauglich für die westliche Moderne macht.

In patriarchalischen Krisengesellschaften – nicht nur in der islamischen Welt – klaffen Anspruch und Realität für den männlichen Nachwuchs auf frustrierende Weise auseinander: hier das Bild vom souveränen Herrn über Weib und Kind, da eine Wirklichkeit ohne Jobs, ohne die Möglichkeit zur Familiengründung, voller aufgestauter sexueller und aggressiver Energie. Jungen, für die keine erfüllbare Männerrolle zur Verfügung steht, sind einer der großen Risikofaktoren der Gegenwart, ein globales Unruhepotenzial.

Der ewige Junge dagegen, die Jungenhaftigkeit des Mannes in der reichen europäischen oder amerikanischen Welt, erlebt eine historisch beispiellose Blüte. Noch nie war es möglich, so lange jung zu sein wie heute in privilegierten Verhältnissen – nicht bloß im Sinne körperlicher Fitness oder von Stil und Mode, der Ausstattung mit den Attributen einer universal gewordenen Jugendkultur. Die bis in jedes Greisenalter tragbare Jeans ist nur das äußerliche Signal einer viel tiefer reichenden Umwertung der biographischen Werte. Altersunabhängig erstrebenswert und verfügbar ist vor allem die jugendliche Unfertigkeit geworden, das Ausprobieren, Sich-Zeit-Lassen und Noch-mal-neu-Anfangen, das Gefühl, dass der Ernst des Lebens noch gar nicht begonnen hat. Einer der erfolgreichsten Romane der neunziger Jahre, About a Boy von Nick Hornby, handelt von diesem Mann im unverbindlichen Schwebezustand, dem seine Musik, seine Drinks und seine Accessoires Leben genug sind – in der Verfilmung dann gespielt von Hugh Grant, der Personifikation des ewigen Jungen schlechthin.

Natürlich gilt die Scheu, sich festzulegen, für Frauen nicht weniger als für Männer – auch sie studieren lange, heiraten spät, lassen sich scheiden und heiraten wieder neu, haben wenig Nachwuchs oder keinen. Aber endlos Zeit für die Familiengründung bleibt ihnen nicht, um Kinder müssen im Zweifel immer noch sie sich kümmern – das permanente Provisorium ist eher für den ewigen Jungen gemacht, das ewige Mädchen gibt es nicht, kein »Sex in the City« mit Sechzigjährigen.