Jugend: Klassenkampf
In Gardelegen, Sachsen-Anhalt, überfallen Haupt- und Realschüler nach ihrer Entlassungsfeier ein Gymnasium – auch aus Wut über ihre Benachteiligung
Sie feierten am 8. Juni 2006 ihren Schulabschluss, obwohl es dazu für die meisten keinen rechten Grund gab. 153 Jungen und Mädchen beenden in diesem Sommer die Karl-Marx-Sekundarschule in Gardelegen, Sachsen-Anhalt. Die meisten haben die mittlere Reife in der Tasche, etliche einen qualifizierten Hauptschulabschluss. Sie könnten ins Berufsleben starten. Doch für 100 der jungen Leute heißt es wohl nur: »könnten«. Sie haben keine Lehrstelle. Die Firmenchefs im Altmarkkreis Salzwedel können nehmen, wen sie wollen, und sie suchen sich andere. Es sind die Besserqualifizierten, auch wenn Kultusministerium, Lehrer, Arbeitgeber und Eltern alle dieses Wort scheuen. Die Ausbildungsplätze und die Jobs, das Geld und die Karriere, sie gehen nicht an die Karl-Marx-Schüler, sondern an andere. Und diesen anderen wollten die jungen Leute an jenem Vormittag einen Besuch abstatten. Am Ende des Tages sollte dann die Bilanz lauten: schwere Sachbeschädigung und gefährliche Körperverletzung. Ihre kleine Stadt schaffte es in die Schlagzeilen: Realschüler überfallen Gymnasium.
Man tut der Karl-Marx-Schule gewiss kein Unrecht, wenn man von ihr sagt, dass sie nicht zum guten Ruf des 11.000 Einwohner zählenden Gardelegen beiträgt; das fängt beim Gebäude aus der Hochphase sozialistischer Zweckbauweise an. Die Fenster sind klein, die Gänge schmal und dunkel, der Putz blättert ab, es riecht muffig, und am Portal überwuchert Efeu den Namen des Patrons. Nach einer Reform im vergangenen Sommer, die diesem Namen Hohn spricht, drängen sich hier 536 Kinder aus drei ehemals eigenständigen Schulen. Gleich neben dem Pausenhof befindet sich ein Discounter, auf dessen Parkplatz einige Männer schon zur frühen Morgenstunde ihr Bier trinken.
Im März dieses Jahres erregte ein Brief Aufsehen, mit dem sich die Lehrerschaft an den Hauptpersonalrat beim Kultusministerium in Magdeburg wandte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits ein Viertel der 46 Kollegen krank gemeldet. Ihr Problem konnten die verbliebenen in einem Satz zusammenfassen: »Wir werden mit den Beleidigungen und Bedrohungen durch die Schüler nicht mehr fertig.« Die meisten Lehrer haben noch die zackigen Fahnenappelle der DDR miterlebt und müssen sich heute »Wichser« oder »Fotze« nennen lassen. Unter den Schülern ist nicht nur der Ton ruppig. Vor einigen Monaten verprügelte ein 16-jähriges Mädchen eine 15-Jährige schwer, vermutlich aus Eifersucht. Die Klassenkameraden standen daneben, mit ihren Handys filmten sie die Szene, ein Privatsender bekam sie später. Die Populisten unter Deutschlands Politikern blieben still. Eben noch hatten sie zur Lösung des Problems an der Berliner Rütli-Schule Abschiebungen und Deutsch-Pflichtkurse empfohlen – aber an der Karl-Marx-Schule in Gardelegen hat kaum ein Schüler einen »Migrationshintergrund«.
»Es gibt hier einen allgemeinen Werteverfall«, sagt Horst-Dieter Radtke, der Rektor, ein Mann mit grauem Bürstenhaarschnitt und melancholischen Augen. »Frust und Alkohol spielen eine große Rolle. Die Hälfte der Eltern lebt von HartzIV.« Und natürlich spiele der Sozialneid eine große Rolle. »In zehn Jahren hat der Landkreis 60 Millionen Euro für die Schulen ausgegeben, davon gingen 52 Millionen an die Gymnasien und acht Millionen an die Sekundarschulen. Das kann man werten, wie man möchte, aber es ist aufschlussreich, wenn man schaut, welche Schulform die Kinder der gut situierten Verwaltungsangestellten und Kommunalpolitiker meist besuchen.« Manch ein Karl-Marx-Schüler hat jetzt einen täglichen Schulweg von über einer Stunde.
»In den vergangenen Jahren sind hier durchaus neue Arbeitsplätze entstanden, vor allem in der Zulieferbranche für die Automobilindustrie«, sagt Jörg Marten, Redaktionsleiter der Gardelegener Volksstimme. »Aber die Arbeitslosen aus der Stadt werden dafür nicht gebraucht. Es kommen gut qualifizierte Fachkräfte aus Magdeburg, Stendal oder von noch weiter her.« Und Rektor Radtke ergänzt: »Die meisten haben sich schon aufgegeben.« Die Resignation der Eltern überträgt sich auf die Kinder. Auf welchen Wirtschaftsaufschwung sollten sie auch hoffen?
Enttäuschung, Alkohol, Neid, Verzweiflung – diese Mischung mag die 50 Jugendlichen angetrieben haben, die an jenem Donnerstagmorgen um halb elf durch die Stadt zogen in Richtung Gymnasium. Viele der Schüler waren betrunken; hinter ihnen lag eine turbulente Schulabschlussfeier. Am frühen Morgen hatten Unbekannte die Schlösser aller Außentüren mit Bauschaum zugesprüht. Der Schulleiter ließ die Veranstaltung in eine Sporthalle in der Nähe verlegen. Eigentlich sollte die Herzblatt-Show aus dem Fernsehen aufgeführt werden, eine Modenschau stattfinden, doch ging die Darbietung im Johlen und im Alkoholdunst unter. Die Lehrer räumten hinterher den Dreck weg. Ihre Schüler hatten jetzt was anderes vor.
An Tagen wie diesen ist es in Gardelegen seit langem Brauch, dass Jungen und Mädchen auch der anderen Schule einen Besuch abstatten. Im Geschwister-Scholl-Gymnasium war man diesmal nicht gewillt, die angetrunkenen Haupt- und Realschüler zu empfangen. Niemand werfe deshalb Direktor Dietmar Collatz Standesdünkel vor. Er handelte aus Erfahrung. »Vor einigen Monaten waren schon mal zwei Jungen von der Karl-Marx-Schule da und haben rumgepöbelt«, sagt der drahtige, braun gebrannte Mann. »Als wir sie zur Rede stellten, haben die frech eine falsche Identität angegeben. Diese Jugendlichen akzeptieren einfach keine Autorität.«
Als um viertel vor elf 50 Karl-Marx-Schüler vor dem verschlossenen Tor des Gymnasiums standen, mögen einige Gymnasiasten über den Zaun gespottet haben, das will der Direktor nicht ausschließen. Die Ausgesperrten fühlten sich provoziert. Viele schimpften bloß, aber 20 Jugendliche liefen zur Rückseite des Geländes. Die Geschwister-Scholl-Lehrer, in Objektbewachung nicht geübt, hatten den zwei Meter hohen Zaun hinten nicht im Blick. »Der Zaun war teilweise schon vorher kaputt«, berichtet später die Karl-Marx-Schülerin Nancy Rosenberg in der Lokalzeitung. »Das war wie eine Einladung.« Die Uhr hatte inzwischen elf geschlagen, drinnen lief der Unterricht.
Der Stoßtrupp war mit Fahnenstangen bewaffnet. »Einer hat damit eine Lampe nach der anderen zerschlagen«, sagt Mitschülerin Nancy, »wir haben versucht ihn zurückzuhalten, aber das war vergeblich. Der hat nichts mehr um sich rum mitgekriegt.«
Einige Eindringlinge stürmten johlend die Klassenzimmer. »Den Kindern wurden die Schulranzen weggerissen, ausgekippt und voll gesprüht«, sagt Direktor Collatz. Auch einige Scheiben gingen zu Bruch. Ein paar Lehrer hätten sich den Karl-Marx-Schülern auch »ziemlich hart entgegengestellt«, sagt der Direktor, »man darf sich das nicht gefallen lassen, heute wird doch viel zu schnell akzeptiert, wenn jemand gegen Regeln verstößt, es herrscht ein Klima des stillen Duldens.«
Die Kraft schien einem älteren Gymnasiasten zu fehlen. Er erhielt vom Anführer der Karl-Marx-Schüler eine Kopfnuss, das Nasenbein brach. Nun, es war inzwischen viertel nach Elf, rief der Schulleiter die Polizei. »Und die hat ziemlich lange auf sich warten lassen«, kritisiert er. Als die Beamten im Gymnasium auftauchten, verschwanden Nancy und ihre Freundinnen. »Wir wollten nicht, dass man uns in dem Durcheinander mitbeschuldigt.« Die Polizei nahm Personalien auf, es folgten Anzeigen wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch.
Die Schäden im Schulhaus, in der Summe 1200 Euro, sind inzwischen repariert; bei den Gymnasiasten hat sich die Aufregung wieder gelegt. Recht nüchtern äußern sie sich über die Randale ihrer Altersgenossen. »Was ich nicht hören kann, ist die Sache mit dem Frust«, meint der 18-jährige Timm Benecke. »Wenn bei denen was schiefläuft im Leben, dann ist das doch nicht unsere Schuld.«
Den Problemjugendlichen in und um Gardelegen eine Perspektive geben will Margarete Wegner vom Projekt HEJ!. Der flott klingende Name steht für »Handlungskompetenz zur Einbeziehung von Jugendlichen in regionale Entwicklungsaufgaben«. Magarete Wegner will auch den Hauptschülern eine Lehrstelle vermitteln. Mit Erfolg? »Ein Autohaus hat mehrmals Karl-Marx-Schüler angestellt«, sagt die energische Frau mit dem freundlichen Lächeln. Doch nach einigen Monaten seien sie nur noch unregelmäßig oder gar nicht mehr zur Arbeit erschienen, hätten die Lehre abgebrochen. »Natürlich will die jetzt niemand mehr haben.« Die örtliche Bäckereikette wiederum sucht vergeblich 22 Lehrlinge. »Da sagen mir viele Schüler, das ist ihnen zu anstrengend, mit dem zeitig Aufstehen und so.«




Solange Kinder wie Aschenputtel-Linsen ("Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen")behandelt werden und ihnen in ihrer Umwelt ständig weitere Beispiele für das Gewinner-Verlierer-Schema vorgesetzt werden, braucht man sich über solches Verhalten nicht zu wundern, denn irgendwann glauben sie ja an diese anscheinend unveränderbare Einteilung der Welt, sind frustriert und werden schließlich aggressiv. Statt bei Kindern ein solch einfaches Schwarz-Weiß-Raster zu verinnerlichen und dieses kontinuierlich zu verstärken, sollten sich alle Verantwortlichen Gedanken machen über die wahren Bedürfnisse der zukünftigen mündigen Bundesbürger.
Die meisten haben die mittlere Reife in der Tasche, etliche einen qualifizierten Hauptschulabschluss.
Dieser Satz hat mich verwundert - ich dachte die Absolventen werden durch den qualifizierenden Hauptschulabschluss qualifiziert - oder ist doch der Abschluss selbst qualifiziert?!
Vielleicht kann mir da jemand aus meiner Verwirrung weiterhelfen?!
Jaja, alles war schlecht am Sozialismus - auch die böse Zweckbauweise mit den düster-muffigen Gängen und den Schießschartenfenstern... (Und erst das Schulsystem, seufzte man nach der Wende, und verpaßte dem Osten eine ganze Menge Verbesserungen: 13 Jahre bis zum Abitur, Grundschule nur bis zur vierten Klasse; Spezialschulen wurden geschlossen etc.)
Das hätte der Autor aber dem Fotografen noch mal explizit sagen sollen, daß der nicht so inhaltlich querschießt. Der hat doch einfach eine dieser riesigen Fensterfronten abgelichtet, die so gut wie jedes Klassenzimmer einer zweckgebauten sozialistischen Schule zierte. Einige Leidgeprüfte erinnern sich vielleicht auch noch: die meist in der Form einer (von oben gesehen) leicht verschobenen Acht konzipierten Schulen hatten breite Gänge, die stets eine Fensterbreitseite in einen der mehr oder weniger begrünten Innenhöfe hatten. Tja. Und jetzt müssen wir irgendwelche skandinavischen Schulmodelle einführen, weil sich die Kultusminister nicht eingestehen wollen, daß das DDR-Modell "bis zur zehnten Klasse gemeinsam" irgendwie offenbar doch einige Vorteile hatte. Wen man schon zehn Jahre lang kennt, dem sprüht man nämlich keinen Karl-Marx-Schaum in den Schulranzen, weil der einem immer bei den Mathehausaufgaben geholfen hat.
PS: Fahnenappell war cool.
wohlgemeinte anliegen werden durch schlampige recherchen bzw. artikel aus der ferne nicht grade befördert.
auch mir ist auf anhieb der satz mit den "kleinen fenstern und muffigen gängen" in die nase gefahren.
die schule war zur zeit ihrer errichtung (vermutlich 70-iger jahre) baulich durchaus auf der höhe. gleiche bauten hat man damals sicher auch in NRW errichtet.
ihren jetzigen zustand nunmehr 16 jahre nach der "einheit" dem ddr-system anzulasten ist schon ziemlich abenteuerlich.
das gilt gleichermaßen für den geistigen zustand ihrer schüler.
ist es nicht vielmehr das übergestülpte westdeutsche schulsystem, was die ohnehin vorhandenen regionalen probleme
tadellos verfestigt hat? Seit PISA darf ich ja offen sagen,
daß ich die umschulung meiner Tochter nach der 4. Klasse für schwachsinn halte. dieses schulsystem führt zu einer ungeheuerlichen verschwendung von steuermitteln, überflüssiger bürokratie und - das ist ja wohl das hauptproblem - einer frühen einsortierung in "reich - arm" oder neudeutsch "winner-looser" ungeachtet der tatsächlichen potentiale der kinder, die damit (zumindest bei den loosern) einfach verloren gehen.
ich begrüße es nicht gerade, aber ich kann nachvollziehen, daß daraus haß entstehen kann.
Ich kann mich der gewissen DDR - Romantik in den Kommentaren nicht ganz anschließen. Weder bin ich ein Verfechter unseres sozialselektiven Schulsystems, noch sehe ich in der bloßen Existenz einer eingliedrigen Struktur das Allheilmittel.
Richtig ist sicherlich, dass Selektion in Verbindung mit sozialer Isolation Potentiale schafft, die sich in Vorfällen wie dem hier geschilderten entladen. Falsch dagegen scheint mir die Vorstellung zu sein, sozial Deklassierte könnten einfach durch eine Strukturreform eingebunden werden.
Dazu gehört mehr. Hier müssen individuellere (so allgemein die Phrase auch klingen mag) Angebote ansetzten, die Kinder und Jugendliche fördern, sie in ihrer Entwicklung begleiten, sie aber auch mit klaren Regeln und Forderungen in die Pflicht nehmen.
Es ist nicht einzusehen, warum in einer Gesellschaft jeder Schüler die hohen, teilweise schon wissenschaftspropädeutischen Fähigkeiten einer allgemeinen Hochschulreife erlangen muss. Stattdessen benötigen Schüler, die klassischer Weise auf Hauptschulniveau lernen könnten, eine ganz andere Förderung (wer sich schon einmal die praktischen Resultate von "Arbeitsschulen" angesehen hat staunt Bauklötze was Hauptschüler an kreativen und handwerklichen Fähigkeiten besitzen und wie sie diese umsetzen).
Bei entsprechender Förderung kann auch das Lernen in einer Hauptschule, Realschule oder Mittelschule hinsichtlich berufsvorbereitender Fähigkeiten und sozialer Kompetenzen erfolgreich sein.
Wenn Schulen mit besonderen Herausforderungen allerdings alleingelassen werden, wenn dort, wo mehrere rund um die Uhr zur Verfügung stehende Sozialarbeiter notwendig wären, gerade einmal ein Schulpsychologe gleichzeitig für mehrer Schulen ausreichen muss, wird auch in Zukunft die Diagnose richtig bleiben: Hauptschule/Realschule/Mittelschule = Einbahnstraße.
Ein eingliedriges Schulsystem verlagert die sozialen Probleme von Migration aber auch bildungsferner Schichten ohne Migrationshintergrund nur; mildert sie vielleicht ein wenig ab, ersetzt jedoch auf keine Fälle die notwendige zusätzliche Förderung, die für jene Schüler notwendig wäre.
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