Glosse Blau ist das Nichts
Schreiben entsteht aus Wasser.
Wenn das Meer der Ursprung allen Lebens ist, dann ist es nur logisch, dass es auch der Ursprung allen Schreibens ist. Jedenfalls allen Schreibens, das sich um das Leben kümmert.
Als Guy de Maupassant an einem Morgen im April von seinem Matrosen geweckt wurde, lag nur ein vages Leuchten über Antibes. Die Sterne warfen schwache Schatten, die Nacht war so dunkel wie Tinte und leicht wie die Luft. »Gutes Wetter«, sagte der Matrose, der Bernard hieß, »der Wind kommt vom Land her.«
Es war die erste Nacht auf See; 15 Tage und Nächte war Maupassant unterwegs mit seiner Yacht Bel Ami, im Sommer 1888, von Nizza nach Saint-Tropez, vor jener Küste, deren Wasser strahlen konnten wie die Augen einer Frau und schwarzblau glommen, wenn sie Wind versprachen; 15 Tage mit einem Boot und ein paar Büchern und dem Geschenk, mit niemandem mehr reden zu müssen; 15 Tage, von denen seine Aufzeichnungen Auf dem Wasser erzählen, die schwerelos sind und doch schwermütig, ein Buch, dessen Sprache auf den Wellen tanzt und sich im Sonnenschein verliert und das Geheimnis allen Schreibens birgt: Wie fängt man den Moment ein, der alles in sich trägt?
Schreiben, so scheint es hier, ist wie Segeln. Man gleitet über eine Oberfläche, die all das verdeckt, was man sucht, was man fürchtet. Es ist ein großes Schweben, das man steuern kann, es ist der Rhythmus der Worte, der Sprache und der Stunden – und doch muss man sich etwas überlassen, das mächtiger ist als man selbst. Das Meer ist Warten und Geduld, es ist das Geheimnis, aus dem unsere Geschichten entstehen. Das Meer ist Einsamkeit, die schlimmste, schönste Einsamkeit, die man sich vorstellen kann. Das Meer ist ewige Wiederholung und die Nähe zu einem Gott, den der Matrose Wind nennt und für den der Schriftsteller so viele Wörter kennt, wie das Meer Farben hat.
Das Wasser spiegelt immer etwas anderes als die Wolken und den Himmel und die Möwen; das Wasser spiegelt uns, wie wir uns sehen wollen. Das Meer spiegelt das Geheimnis, das wir selbst sind. So hat es natürlich Melville beschrieben; so hat es Peter Matthiessen beschrieben in Far Tortuga, einem Meer-Roman wie Ebbe und Flut; so hat es Joseph Conrad beschrieben in Die Schattenlinie, ein junger Kapitän und seine fieberkranke Mannschaft müssen hier eine Prüfung bestehen, die mehr mit ihrer inneren Natur zu tun hat als mit der ewigen Flaute; so hat es eben auch Maupassant beschrieben, der elegante, reiche, melancholische Maupassant, der auf seinem »kleinen Boot« erfährt, »wie wenig von dem wirklich ist, was wir wissen, denn das Land, das in der Leere schwebt, ist noch isolierter, noch verlorener als diese Barke auf den Wellen«.
Also sucht er die Einsamkeit. Also segelt er auf dem Meer. Also blickt er in die Weite, in die Nacht, ins Nichts. Im Wasser findet er keinen Trost. Nur Schönheit.
- Datum 21.06.2006 - 03:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.06.2006
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren