Debatte Eine Stimme, ein Unschuldsbeweis
Hat Feridun Zaimoglu abgeschrieben? Seit Wochen gibt es Streit um seinen Roman »Leyla«. Wer jedoch die Tonbänder mit den Erinnerungen seiner Mutter hört, muss ihn von jedem Verdacht freisprechen.
Ein böser Verdacht ist wie Dreck, der auch am Unschuldigen kleben bleibt. Feridun Zaimoglu, der 1964 im anatolischen Bolu geborene und seit 35 Jahren in Deutschland lebende Autor von Kanak Sprak und Abschaum , sieht sich einem solchen Verdacht nun schon seit einigen Wochen ausgesetzt. Sein letztes Buch Leyla erzählt die Geschichte eines in den 1950er Jahren in Malatya aufwachsenden Mädchens, das später zum Geldverdienen nach Deutschland auswandern wird: ein bilderreicher, spannend zu lesender, oft genug aber auch tieftrauriger Roman über die erste Generation türkischer Arbeitsmigranten.
Von den meisten Kritikern hoch gelobt, entwickelte sich Leyla zu Zaimoglus bisher erfolgreichstem Buch – bis eine Germanistin Parallelen zu dem ersten Roman Emine Sevgi Özdamars entdeckte. Deren Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus ist bereits 1992 erschienen und erzählt ebenfalls die Geschichte einer »Gastarbeiterin« aus Malatya. Die Germanistin fasste den Verdacht, Leyla habe die Karawanserei plagiiert, und gab eine umfangreiche Auflistung von ungefähr 160 ähnlichen Motiven auf Umwegen an die Presse.
»Eine Lüge ist im Umlauf, und ich bin einer der Letzten, die davon erfahren«
Seither schwört Feridun Zaimoglu, sein Roman stütze sich einzig und allein auf die Erzählungen seiner Mutter, die Gespräche habe er auf Tonbänder aufgezeichnet, er habe noch nie eins von Özdamars Büchern gelesen. Zwar werden Plagiatsvorwürfe im juristischen Sinn von niemandem erhoben. Doch die Vermutung, Zaimoglu habe vor etlichen Jahren vielleicht die Karawanserei gelesen, einige Details hätten sich ihm eingeprägt, die er für Leyla verwendet habe – solch ein Vorwurf an einen Autor ist ernst genug. Und selbst im Unschuldsfall nicht leicht zu entkräften: Wie kann man beweisen, den Inhalt eines Buches nicht zu kennen?
In seiner Kieler Altbauwohnung empfängt mich der kettenrauchende und mit Hilfe von viel Kaffee dem nächsten Fußballspiel entgegenfiebernde Autor. Zu Jahresbeginn hat er mir als strahlender Gastgeber bei einem Literaturtalk gegenübergesessen. Jetzt wirkt er deutlich übernächtigter und macht auch keinen Hehl daraus, dass er von den letzten Wochen noch einigermaßen durch den Wind ist. »Es ist echt erstaunlich, wie da plötzlich Wahrheit zu Dichtung wird und Dichtung zu Wahrheit. Das hab ich jetzt zum ersten Mal erfahren, am eigenen Leib. Ich will und ich muss den Unschuldsbeweis antreten, ich muss sagen: Da ist eine furchtbare Lüge im Umlauf! Ich war einer der Letzten, die davon erfuhren. Und was das Schlimmste ist: Die ganze Zeit hieß es, F. Z. hat dies gemacht, er hat das gemacht. Die Schuldfrage stand gar nicht mehr zur Debatte.«
Was seine (Un-)Kenntnis von Özdamars Werk angeht, hat Zaimoglu früher manche etwas verwirrende Aussagen getroffen – normalerweise hätte kein Hahn danach gekräht, aber unter diesen Umständen hört man viel genauer und, vor allem: viel misstrauischer hin. »Ich kenne die Bücher von Emine Sevgi Özdamar nicht«, beteuert er ein ums andere Mal. »Wenn ich mich verteidige, überlege ich mir nicht, ob es plausibel klingt oder nicht, ich kann nur sagen: Ich habe ihre Bücher nicht gelesen!« – »Auch jetzt noch nicht?« – »Ich habe beim Verlag ein Paket mit ihren Büchern bestellt, es ist noch nicht da.« – »Aber es heißt doch, du habest dich damals schon positiv über die Karawanserei geäußert…« – »Emine Sevgi Özdamar kann sich meiner Wertschätzung sicher sein!« – »Wie kannst du von Wertschätzung reden, wenn du ihre Bücher gar nicht kennst?« – »Ich bin ihr begegnet, ich kenne ihre Art. Zum Beispiel habe ich ihr einmal gesagt, dass ich sie sehr mag, dass ich ihre Art sehr mag, dass sie so etwas Unverstelltes hat – eine typisch türkische Respektsbezeugung eben…« – Und so umtanzen wir im Krebsschritt die mögliche Hinterbedeutung einer kurzen Begegnung, die schon Jahre zurückliegt; ich krame weitere Zitate hervor, die in anderen Zeitungen oder auch im Spiegel gestanden haben, und er holt sein früheres Buch Kanak Sprak aus dem Bücherregal, um mir zu beweisen, dass das Zitat, nach dem er sich über Özdamars Mutterzunge lustig gemacht habe, sinnentstellend aus dem Zusammenhang gerissen ist.
Die erwähnte Liste wiederum, die alles ins Rollen gebracht hat, benennt Ähnlichkeiten von sehr unterschiedlicher Aussagekraft; einige können sich ebenso gut Zufällen verdanken, andere dem zeitgeschichtlichen Hintergrund geschuldet sein. Viele »Parallelen«, die der Germanistin auffielen, sind allerdings so banal, dass es die Beweiskraft insgesamt eher schwächt: Eine Familie sitzt auf dem Boden, Kindern spielen unter Obstbäumen. Mädchen machen die Wäsche, bügeln, häkeln, enthaaren sich die Beine und fantasieren von Küssen – verwunderlich wäre es eher, wenn in einem Buch übers ländliche Anatolien kein Obstbaum, im Entwicklungsroman eines Mädchens nicht die erste Menstruation erwähnt würde. Der Koran hängt überm Bett, der Prophet Mohammed wird erwähnt, und nicht nur solche Motive, sondern auch viele Formulierungen lassen sich auf einen gemeinsamen Erzählfundus im Hintergrund oder auf aus dem Türkischen übertragene sprachliche Wendungen zurückführen.
Überraschenderweise begann jedoch Zaimoglu selbst, als bereits einige Literaturkritiker die Übereinstimmungen mit philologischen Wurzeln erklären oder von einem natürlichen literaturgeschichtlichen Phänomen sprechen wollten, anhand der in den Zeitungen zitierten Details zu stutzen und von einem »literarischen Krimi« zu sprechen, den es aufzuklären gelte: Da gebe es Übereinstimmungen, die vermuten ließen, dass sie aus derselben Quelle stammten, dass ihnen bestimmte Ereignisse zugrunde lägen. – Welche Motive waren das?
»Zum Beispiel: Die Familien beider Mädchen stammen aus dem Kaukasus. Özdamars Ich-Erzählerin hat eine armenische Großmutter – bei uns in der Familie geht das Gerücht, meine Großmutter sei eine Armenierin. Bei Özdamar heiratet der Großvater sie aus Erbarmen – bei mir in der Familie auch! Da fing es an. Als sich diese familiären Details so häuften, fing ich an, über Überschneidungen nachzudenken. Fulya, die obszön rufend am Fenster steht – eine meiner Tanten, die lacht heut selber drüber. Der Selbstmordversuch meiner anderen Tante, die Nadel, die in ihrem Finger zerbricht – kommt alles auch bei Özdamar vor!«
»Dir wurden all diese Episoden von deiner Mutter erzählt? Hast du das auf Band?« »Ja! Und die Geschichte des Mannes mit dem abgeschnittenen Penis ist auch so ein Detail. Er war ein Ehebrecher, die Geschichte hat in Malatya einen großen Skandal verursacht: Die Ehefrau wurde von ihrem Mann gestellt, dann haben sie sich zusammengetan, um den Geliebten ins Haus zu locken. Ein echter Vorfall – ich könnte, wenn du magst, meine Mutter anrufen, du kannst sie fragen.« – »Ich kann unmöglich mit einer fremden Frau über einen abgeschnittenen Penis reden.« – »Oder über die anderen Dinge!« Immer wieder schlägt er vor, wir sollten in der Türkei anrufen, jetzt gleich. Irgendwann fasse ich mir ein Herz und rücke mit dem Grund meines Zögerns heraus: »Aber du weißt doch, Feridun, du hast selbst gesagt, es ist wie ein Krimi. Und in einem Krimi hätte der Täter inzwischen genug Zeit gehabt, um seine Eltern vorzubereiten.« – »Ich verstehe«, sagt Feridun. »Ich verstehe absolut.«
»Mutter, habe ich gesagt, das werden später tausend Leute lesen!«
Mit den Tonbändern hingegen ist es etwas anderes. Es würde eine gewaltige Portion Heimtücke dazugehören, sie zu fälschen, schon seit Wochen hat Zaimoglu diese Bänder wie Sauerbier angeboten, immer wieder vorgeschlagen, ein Dolmetscher möge sie einmal abhören. Und so kramt er sie auch jetzt hervor und legt sie auf den Küchentisch: seine, wie er sagt, einzige Quelle, die Erinnerungen seiner Mutter Güler Zaimoglu.
Diese sechs Kassetten harren also dessen, der genug Zeit und Geduld und Türkischkenntnisse mitbringt, sie sich anzuhören. Jede à sechzig Minuten, aber weil man das Diktiergerät langsamer abspielen kann, tun sich in puncto Gesamtlänge schauderhafte Möglichkeiten auf. Feridun schaut auf die Kassetten. Ich schaue auf die Kassetten. Es endet damit, dass wir den Rest des Nachmittags in seiner kleinen verqualmten Küche sitzen, mit krummem Rücken, fast Ohr an Ohr, denn so ein Diktiergerät hat nun einmal keine grandiosen Lautsprecher.
Und dann fängt Feriduns Mutter an zu erzählen. Allein wie diese Frau erzählt, raubt einem den Atem. Mal leise, etwas zaghaft. Dann lauter, sie holt aus – sie springt zwischen einzelnen Begebenheiten hin und her, wie es ihr der Fluss der Erinnerung vorgibt, zählt Namen auf, die ihr nach Jahren wieder eingefallen sind. Zwischendurch entschuldigt sie sich, es sei ihr erstes Gespräch mit Tonband, immer wieder müsse sie auf das Gerät schauen. Dann aber reißen sie die Erinnerungen mit, und was Zaimoglu seinem Roman als Prolog vorangestellt hat – das Bild eines jagenden Wolfsrudels –, lässt seine Mutter hier einfließen, mit eindringlich raunender Stimme.
Wovon sie erzählt, betrifft eine der Stellen, die als »auffällig« gelten, weil sie sehr ähnlich auch bei Özdamar vorkommen: »Ich war ganz allein. Der Lehrer wollte Geld von mir. (Aber sie hatte keins.) Ich bin zur Schule gegangen. Der Lehrer sagte: Nein, so geht das nicht, geh jetzt zum Laden deines Vaters, hol das Geld und bring es her. Also bin ich zum Laden meines Vaters gegangen. Ich habe Prügel bekommen und bin zurück zur Schule. Ich hab mich allein gefühlt, wie von Wölfen umstellt.«
Damals war Güler, die echte Leyla, neun Jahre alt. »Das war das erste Mal, dass das Kind mit den schlimmen Seiten des Lebens in Berührung kam«, sagt sie heute. Eine weitere als erklärungsbedürftig geltende Szene findet sich ebenfalls auf dem Tonband. Sowohl in der Karawanserei als auch in Leyla kommen der Vater ins Gefängnis, ist die Familie in Geldnöten und versucht, bei »großen Männern« Geld zu borgen… Nun, auf diesem ersten Band erzählt Mutter Zaimoglu tatsächlich davon, wie der Vater ein Dreivierteljahr im Gefängnis war und mal von diesem, mal von jenem Familienmitglied besucht wurde. Die Männer mit dem zweifelhaften Vermögen nennt Mutter Zaimoglu »mafya babas« – auch für den Deutschsprachigen unschwer als Mafia-Vater, Mafia-Boss zu übersetzen.
Dass in beiden Romanen geschildert wird, wie dem langsam auf die Pubertät zusteuernden Mädchen Brüste wachsen, ist an sich nicht überraschend; dass sich aber, während sich Özdamars Protagonistin etwas aus Stoff bastelt, um mehr herzumachen, Leyla zum umgekehrten Zweck Stoff vor den Busen binden muss, fiel der Germanistin als merkwürdig auf. Doch auch davon berichtet die Mutter ihrem Sohn so, wie der es später im Roman verwendet hat. Ebenso wie die mehrfach zitierte Geschichte von der ersten Menstruation. »Tuvalete gittim. Kilotumu syrdm. Bir baktm: bu kadar kan! Regle olmuşum. Hiç malumatm yok. Ich bin auf die Toilette gegangen. Hab die Hose runtergezogen. Hab geschaut: Wie viel Blut da war! Ich hatte meine Regel bekommen. Ich hatte ja von nichts eine Ahnung.« Also ruft sie ihre ältere Schwester. »Güzini çağrdm… Ömrüm boyunca unutamayacağm babamdan yediğim dayaklar kadar şiddetli, iki yanağma, şak şak. Ich rief Güzin… Und was ich mein Leben lang nicht vergessen werde: So heftig wie die Prügel, die ich von meinem Vater (sonst) bekam, schlug sie mich auf beide Wangen, klatsch klatsch.« Es blieb der Abdruck von fünf Fingern – »beş parmağ kald« –, danach zog die Schwester für Güler/Leyla ein Bett auf dem Boden aus.
Es kann kein vernünftiger Zweifel bestehen, dass hier Mutter Zaimoglu ihrem Sohn aus ihrem gesamten Leben erzählt – ziemlich ungefiltert, und langsam wird das für mich zur eigentlichen Überraschung. »Deine Mutter redet mit dir über solche Dinge?« – »O ja, sie hat mir auch noch ganz anderes erzählt. Weißt du, ich musste ihr das gar nicht sagen, sie wusste auch so: Ich brauchte Geschichten. Und sie sagte, ich werde dir alles erzählen. Und das hat mich auch ganz schön durchgeschüttelt, weil sie die Schamgrenzen, die sonst zwischen Mutter und Sohn sind, eingerissen hat, wir wussten es beide, und das ist ganz schön eigenartig. Wir saßen dabei in Ankara im Wohnzimmer, die Tür war zu, mein Vater hat manchmal angeklopft und gesagt, wollt ihr Tee? Und ich habe geraucht, und damit ich sie nicht voll qualme, wollte ich das Fenster öffnen. Aber da hat sie gesagt, mach das Fenster wieder zu, die Nachbarn dürfen es nicht hören. Mutter, habe ich gesagt, das werden später tausend Leute lesen! – Eine komische Verrückung von Intimität.«
»Und was hat dein Vater zu gewissen Details gesagt?« – »Mein Vater hat das Manuskript gelesen, mit einem Wörterbuch. Meine Mutter kann nicht so gut Deutsch, sie kennt also die Geschichten, die ich draus gemacht habe, aus den Erzählungen meines Vaters. Das war schon alles sehr, sehr seltsam! Auch für meinen Vater war es ja nicht so leicht, seine ganzen Eskapaden kommen darin vor. Er heißt wirklich Metin, und er war auch wirklich ein schöner junger Mann, oder?«
Er holt das Fotoalbum hervor, und ich bestätige es. »Und habt ihr über all das noch einmal gesprochen?« – »Nein, es ist ja kein Enthüllungsbuch, sondern ein Roman. Und weil meine Mutter und mein Vater sehr aufrichtige, anständige Menschen sind, aber auch ihre Grenzen haben, haben sie sich darauf verständigt: Es ist ein Roman.« – »Explizit verständigt?« – »Implizit. Darüber wird nicht gesprochen – aber stolz sind sie natürlich auch darauf!«
Kein Enthüllungsbuch, ein Roman. Was aber ist mit dem literarischen Krimi? Zaimoglus Lösung liegt – wie könnte es anders sein – in der Geschichte seiner Familie. In den Sechzigern lebten zwei seiner Tanten und zeitweise auch seine Mutter in einem Arbeiterwohnheim von Siemens in Berlin. Auch Özdamar habe dort eine Zeit lang gewohnt. Man habe sich unterhalten, zusammengesessen, Geschichten ausgetauscht. Auf diese Weise seien vielleicht Details aus dem Leben der Güler Çeçen, später Zaimoglu, ins Gedächtnis der Özdamar gewandert… Doch das sei legitim. Nein, hier soll kein Vorwurf umgedreht werden! Wie gesagt: Verdacht ist ein Dreck, der allzu leicht haften bleibt.
- Datum 22.06.2006 - 11:33 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.06.2006
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Grund für das Ganze ist doch nur dieser lächerliche Originalitätswahn in der Literatur und anderswo. Irgendwann steht im Duden hinter jedem zweiten Kompositum ein Copyrightvermerk. Und wenn in einem Roman der Kies knirscht, dann fragt man sich, bei wem er zuerst geknirscht hat. Außerdem: Pech für den Autor, daß er ein männliches Wesen ist und Erfolg hat.
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