Lebenszeichen Zwiebeltöpfchen
Harald Martenstein wehrt sich gegen den Trend
Es hat aber nichts mit Fußball zu tun. Ich war wieder einmal bei Karstadt. Ich wollte ein Zwiebeltöpfchen kaufen. Das alte Zwiebeltöpfchen war hingefallen, es war zerbrochen. Ich war unachtsam gewesen mit meinem Zwiebeltöpfchen.
Solch ein Töpfchen besteht aus Ton oder Porzellan und hat einige wenige Löcher. Der Sinn ist, dass die Zwiebel es schön dunkel hat, dann keimt sie nicht so schnell und hält länger. Sie hat es aber auch schön luftig, deswegen die Löcher, damit sie gesund bleibt. Man könnte die Zwiebel in den Kühlschrank tun, gewiss, aber aus einem Grund, den ich vergessen habe, gefällt es der Zwiebel nicht im Kühlschrank, und sie beginnt, schlecht gelaunt zu schmecken. Wahrscheinlich wegen der Kälte.
Bei Karstadt im Erdgeschoss sagte eine Frau: »Zwiebeltöpfchen, Haushaltswaren, dritter Stock.« Im dritten Stock sprach ich eine Verkäuferin an. Die Verkäuferin sagte: »Wir führen keine Zwiebeltöpfchen mehr. Der Hersteller hat die Produktion eingestellt. Weil, es ist kein Trendartikel.« Ich war aufgebracht. Ich sagte: »Wieso muss es denn dazu einen verfluchten Trend geben? Dass ein Zwiebel-esser ein Zwiebeltöpfchen braucht, ist offensichtlich und bedarf keiner historischen Entschuldigung oder pseudomodischen Begründung. Fensterrahmen, Blumenvasen und Klobrillen werden ebenfalls hergestellt, obwohl sie keine Trendartikel sind. Nein, stopp – noch! Noch werden sie hergestellt! Muss ich als Nächstes womöglich meine Schnittblumen in eine original italienische Pastamaschine hineinstellen, durch einen Trüffelhobel hindurch aus dem Fenster schauen und meine Notdurft in ein Latte-Macchiato-Glas verrichten?« Ich war wirklich sehr aufgebracht. Ich wunderte mich aber auch darüber, dass es die Zwiebeltöpfchen angeblich einmal geschafft hatten, Trendartikel zu sein. Ich wunderte mich, dass es angeblich eine Zeit gegeben hat, in welcher die schönen jungen Menschen von Berlin-Mitte auf dem Weg in ihre Internet-Flirt-Cafés und ihre Yoga-Saft-Bars Zwiebeltöpfchen mit sich getragen haben, in dieser Zeit hätte ich mich gefühlt wie Papa Hemingway in Paris, ein Autor im Einklang mit seiner Epoche.
Die Verkäuferin sagte traurig: »Wir sind froh, dass wir wenigstens noch mal Rumtöpfe geliefert bekommen haben. Es sind wahrscheinlich die letzten.« Ich gestehe, dass ich, vor etwa zwanzig Jahren, einen Rumtopf angesetzt habe. Das gehörte damals nämlich zu einem erfüllten Leben, wenigstens ein Mal einen Rumtopf angesetzt zu haben. Meine Großeltern taten es, meine Eltern taten es, auch ich habe es getan. Wir Älteren aber haben, neben vielem anderen, versäumt, die Liebe zum Rumtopf an die folgende Generation weiterzugeben, nun treiben sie es mit Pastamaschinen und Trüffelhobeln. »Sie haben doch sicher junge, trendbewusste Kunden«, fragte ich die Verkäuferin, die etwa 40 Jahre alt war. »Ich meine, jeder Mensch isst irgendwann im Leben eine Zwiebel, jeder. Wo, verdammt, bewahrt die deutsche Jugend von heute ihre Zwiebeln auf? Ich mache alles mit. Ich bin sogar bereit, die Zwiebelchen zu pulverisieren und durch ein Röhrchen in die Nase zu ziehen, wenn das der Trend ist.« Die Verkäuferin schwieg.
- Datum 22.06.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.06.2006
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Lieber Harald Martenstein,
leider war ich nicht in der Lage die wunderbare Hommage zur Ausgabe Nr. 25 frühzeitig zu lesen. Es ist ein wunderbarer Artikel und ich glaube, dass es vielen Menschen so geht und sie so empfinden wenn sie nach einem Aufenthalt im so genannten Ausland nach D zurückkommen. Nun habe ich natürlich heute sofort die Ausgabe Nr. 26 aufgeschlagen und mit Freude festgestellt, dass sie doch mehr im Alten verhaftet sind als ich es dachte. Natürlich sind diese Utensilien wichtig gewesen und für einige sind sie es ja vielleicht heute noch. Aber die Welt entwickelt sich weiter, gnadenlos, schnell aber vielleicht auch noch zum Guten. Ich habe nie ein solches Töpfchen benutzt, weiß auch nicht warum, vielleicht gefiel und gefällt es auch nicht meiner Frau. Was den Rumtopf betrifft, haben wir das früher auch gemacht. Vielleicht haben aber heute die jungen Leute kein Geld mehr, die teuren Früchte zu kaufen und den 80% Rum aus Österreich zu holen. Jetzt also weiter, die WM wartet.
Liebe Grüße
Lothar Krukenberg
Sehr geehrter Herr Mertenstein,
ich danke Ihnen für diesen Beitrag! Seit ca. einem Jahr versuche ich ein Zwiebeltöpfchen zu erstehen, bisher ohne Erfolg. Eine Töpferin versicherte mir glaubhaft, daß sich Zwiebeltöpfchen nicht mehr verkaufen. Ihre Begründung war, die Küchen seien wohl zu klein, als daß sich darin für so etwas Platz fände! Ich werde wohl töpfern lernen müssen.
lieber herr martensein,
es ist ganz einfach. es gibt noch zwiebeltöpfchen, nunja, eher schälchen. sie sind aus der reihe: beliebte tupperware, grün, mit einer abgedruckten zwiebel. man nennt das ding einfach zwiebelchen und stellt es in den kühlschrank. gut, ich gebe zu, das ist nicht so schön- und auch einem neuen trend folgend. aber seien sie unbesorgt, meine oma sagt immer, dass wäre viel besser und ihre küche würde nicht mehr nach zwiebel riechen.
sie oder ihre frau sollten dazu allerdings die menschenscheu überwinden bzw. jemanden kennen, der jemanden kennt, der auf diverse tupperwarepartys geht. ich kann verstehen, wenn ihnen der aufwand zu groß ist. aber auch sie sollten einsehen, dass man für zwiebeln manchmal opfer bringen muss.
hallo herr martenstein,
ich muss gestehen, das ich von ihrem zwiebeltöpfchen ziemlich irritiert war.
ich dachte beim lesen des artikels: upps, er isst ja blumenzwiebeln oder so, bis mir klar wurde:
aha, das ist ein behältnis für "normale " zwiebeln.
ehrlich gesagt:
ich kenne weder zwiebeltöpfchen noch einen rumtopf.
das liegt vermutlich eher an meinem migrationhintergrund :)
bei uns gab es nie ein extra behältnis für zwiebeln bzw. nur eine schale die irgendwo in der speisekammer lag. wobei die schale sehr gross war, da wir eine unmenge an zwiebeln verputzten und verputzen.
aber was ist ein rumtopf?
ich könnte jetz im internet schauen und recherchieren was ein rumtopf ist, aber ich mache es nicht.
ist das eine bouwle für partys? so ist das, ihre generation hat es bissel versäumt die heutige generation an die hand zu nehmen.
dies ist kein vorwurf oder so, aber manchmal muss mann auch sachen weiterreichen, die einem lieb und teuer sind und nicht nur heimlich daran freude haben.
vieleicht kommt ja ein zwiebeltöpfchen aus kunststoff heraus, die gehen garantiert nicht kaputt.
grüsse aus hamburg
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