Schon wieder Fußball im Feuilleton? Ja, muss sein, denn Fußball ist kein Spiel auf Leben und Tod, sondern weit mehr als das, wie der englische Trainer Bill Shankley sagte. Fußball ist Politik, Weltpolitik mitunter, gerade in Iran, wo die oberste Liga mal Qods League hieß – Qods ist eine Bezeichnung für das »befreite« Jerusalem. Auch in Iran kennt man den Shankley-Spruch, jedenfalls wird auf ihn angespielt in Jafar Panahis Film Offside, mit dem der iranische Regisseur auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären gewann. Jetzt, pünktlich zur Weltmeisterschaft mit dem Teilnehmerland Iran, kommt er in die deutschen Kinos. »Warum macht ihr das?«, fragt der Wachsoldat am Teheraner Asadi-Stadion seine Häftlinge, »es geht doch nicht um Leben oder Tod!« Nein, es geht eben um mehr, es geht darum, das Länderspiel Iran gegen Bahrain anzuschauen. Als Frau. BILD

Unmittelbar nach Chomeinis Revolution 1979 wurde Frauen der Besuch von Fußballstadien untersagt. Angeblich erlaube es der Islam nicht, dass weibliche Blicke auf den männlichen Körper fallen, befanden die geistlichen Führer. Mehr als ein Vierteljahrhundert später besteht das Verbot immer noch – aber es ist ein Sport geworden, es zu umgehen. Getarnt mit Baseballkappen, übergroßen Blusen und Trikots, eingehüllt in Fahnen, versuchen junge Frauen, unerkannt ins Stadion zu kommen. Sechs von ihnen folgt Panahi mit seiner Kamera, im Fanbus auf der Fahrt zum Stadion, auf dem Schwarzmarkt beim Kauf eines Tickets, bis zur Einlasskontrolle, wo sie allesamt erwischt und in ein Gatter im Schatten der Stadionmauer gepfercht werden. Vom Spiel, der entscheidenden Qualifikationspartie für die Weltmeisterschaft in Deutschland am 8. Juni 2005, gibt es im ganzen Film nichts zu sehen, und doch ist das Match immer da – als Hörspiel, geschnitten aus dem Schreien, Stöhnen, Jubeln der 100000 Zuschauer.

Offside wirkt wie eine Dokumentation, mit wackelnder Handkamera gedreht im Gedränge des Spieltags, vor und während der 90 entscheidenden Minuten. Es ist aber ein geschickt komponierter Spielfilm mit Laienschauspielern, entstanden an vielen Tagen (die Zensurbehörden verhängten sogar ein vorübergehendes Drehverbot). Und obwohl die Mädchen mit ihrem Vorhaben scheitern (und damit das religiöse Regime einen Sieg davonträgt), ist der Film keine Tragödie, sondern eine Komödie. Die Protagonistinnen sind nicht nur furchtloser und fußballkundiger als ihre männlichen Bewacher (die meisten sympathische Tölpel vom Lande), sondern auch schlagfertiger – aufgeweckte Großstadtgirlies, wie es sie auch in Berlin, London oder New York gibt. Sie quatschen ihren Bewachern ein Ohr ab, um vielleicht doch noch ins Stadion zu kommen. In diesen Wortgefechten stellt Panahi, einst Assistent bei Irans Filmlegende Abbas Kiarostami, den ganzen Irrsinn des Mullah-Regimes leichthändig bloß.

Warum dürfen wir nicht ins Stadion, fragen die Mädchen. Damit ihr die Flüche der Männer nicht hört, sagen die Bewacher. Wir werden nicht lauschen, antworten die Mädchen und fluchen so beherzt, dass sie einen Ehrenplatz in der Fankurve verdient hätten. Warum wollt ihr in ein Stadion, wo es nur Herrenklos gibt, fragen die Bewacher, Männer und Frauen sind einfach verschieden! Weil Fußball wichtiger ist als essen, sagt die, die Stürmerin in einer Frauenfußballmannschaft ist. Am Ende sind die Gefangenen nicht mehr die Mädchen, sondern ihre Bewacher, die feststecken im Käfig ihrer absurden Argumente.

Den wahren Grund für den Lockruf des Stadions nennen aber weder die Mädchen noch der Regisseur, der es im Presseheft bei Mutmaßungen über sein eigenes Werk belässt: Vielleicht sei das weibliche Ballfieber Ausdruck des Wunsches, »Teil der weltweiten Gemeinschaft zu sein«, in der alle nach denselben Werten strebten. Das ist zu schön, um wahr zu sein. Ein alter Mann im Fanbus erklärt das Geheimnis der Arena: Du schreist, du singst, du gehst mit. Aber das Beste: Du kannst sagen, was du willst, und niemand belangt dich.

Das Stadion als Ort von Freiheit und vielleicht auch Widerstand – kein Wunder, dass den Mullahs bis heute Fußball nicht geheuer ist. Sie pfiffen sogar den Staatspräsidenten Mahmud Ahmadineschad zurück, als er Ende April 2006 in einer vermeintlich liberalen Anwandlung, in Wahrheit wohl aus (außen)politischem Kalkül ein Ende des Stadionverbots für Frauen verkündete. Sie dürften – natürlich nur Verheiratete in Begleitung männlicher Familienmitglieder – hinein, weil sie bei wichtigen nationalen Wettbewerben die »öffentliche Moral« heben würden. Nur wenige Tage später widerspricht der oberste religiöse Führer Ali Chamenei seinem Präsidenten; am 8. Mai zieht Ahmadineschad den Beschluss zurück.

Schlummert im Fußball also der Keim einer iranischen Gegenrevolution? Nein. Fußball ist überall auf der Welt ein politischer Januskopf. Er hat seine widerständigen Momente, aber mindestens genauso oft, wenn nicht öfter, ist er systemstabilisierend. Letztlich nutzt auch die iranische Führung den Auftritt ihrer Mannschaft bei der WM, um sich als friedliebendes, sportlich faires Mitglied der Weltgemeinschaft zu zeigen, das auch mal verlieren kann. Offside weiß um diese Instrumentalisierbarkeit des Spiels und zeigt sie auch – und hat genau hier seinen einzigen fragwürdigen Moment. Am Ende, Iran hat das entscheidende Match mit 1:0 gewonnen, mischen sich die Mädchen, Wunderkerzen in den Händen, unter die jubelnden Massen in den Straßen, und im Hintergrund läuft ein patriotisches Lied aus den Zeiten des Widerstands gegen die Westmächte vor mehr als sechs Jahrzehnten: Oh, Iran, du Quelle der Kunst, mögen teuflische Gedanken immer fern sein von dir, du sollst bestehen auf ewig… Wie absurd die Zustände auch sein mögen – das Land, die Nation wird siegen. Diese Botschaft kann man als Kritik am, aber eben auch als Zugeständnis an das Regime sehen; vielleicht ist es auch nur ein Zeichen von Fußballpatriotismus, von dem auch wir uns dieser Tage so gern forttragen lassen. Allerdings nimmt Panahi seiner komödiantischen Systemkritik die letzte Spitze. Gezeigt werden darf sein Film in Iran dennoch nicht.