Der weißhaarige Herr schaut aus dem Fenster des Flugzeugs wie ein Kind, das die Welt zum ersten Mal von oben sieht. Seine Stirn berührt die Scheibe, mit den Händen schirmt er den Blick gegen das Seitenlicht ab. Irgendwo da unten muss es sein. Am Rande der Schneeberge Transsilvaniens, wo ein Tal sich zur Ebene hin öffnet, steht auf einem Felsen die Burg Bran. Für Hunderttausende von Rumänien-Touristen ist sie Graf Draculas Schloss. Für Dominic Habsburg ist sie das Zuhause, das er vor 58 Jahren verloren hat. Damals war er 10 Jahre alt. Nun ist er zum ersten Mal wieder auf dem Weg dorthin. Die mittelalterliche Burg Bran bei Braşov in Siebenbürgen diente als Sommersitz der Königsfamilie, ehe die Kommunisten sie zum Spukschloss erklärten BILD

Daniela Zdarcu, 40 Jahre alt, steht an einem Fenster der Burg und schaut hinunter auf das Dorf und das Tor des Museums, das gerade einen Wagen hereinlässt. Es regnet. Der Museumsdirektor eilt mit einem Schirm zur Wagentür. Der Mann, der da kommt, wird entscheiden: über Daniela Zdarcu, die hundert anderen Museumsangestellten, die Andenkenverkäufer, das ganze Dorf. Bran lebt gut von seiner mittelalterlichen Burg und der Vampirlegende. Die Häuser hier sind größer als in den Nachbarorten, und an fast jedem hängt ein Schild mit der Aufschrift Pensiune.

Deshalb hat Daniela Zdarcu geweint, als sie vor drei Monaten die Neuigkeit hörte. Sie spülte Geschirr, die Nachrichten liefen, und ihr 12-jähriger Sohn rief: »Mama, da ist deine Burg.« Die Sprecherin sagte, das rumänische Kulturministerium habe entschieden, die 1947 durch die Kommunisten enteignete Burg Bran der königlichen Familie zurückzugeben. Sie gehöre nun bald Dominic Habsburg, einem Sohn der rumänischen Königstochter Ileana und des österreichischen Erzherzogs Anton Habsburg-Lothringen. Drei Jahre werde die Burg Museum bleiben – was dann geschehe, sei ungewiss.

2005 hat die rumänische Regierung die umfassendste Reprivatisierungskampagne beschlossen, die in Osteuropa je durchgeführt wurde. Überall im Land werden Häuser und Grundstücke zurückgegeben, die die Kommunisten enteignet haben. Seit die Rückgabe Brans beschlossene Sache ist, kursieren Gerüchte: dass die Burg in ein Luxushotel verwandelt werde. Oder dass Habsburg, der in den USA lebt, selbst einziehen wolle.

Vlad Ţepeș, der gefürchtete »Pfähler«, hat nur zwei Monate hier gelebt

Daniela Zdarcu hat Angst um ihren Job. Seit fünfzehn Jahren bewacht sie das Schlafzimmer von Prinzessin Ileana: Fünf Tage die Woche, zehn Stunden am Tag achtet sie darauf, dass die Touristen die niedrige Kordel am Türrahmen nicht übertreten. Oft fragen sie nach Dracula. Dabei hat der mittelalterliche Fürst Vlad Ţepeş Dracula, den der irische Autor Bram Stoker später zum Vampir stilisierte, höchstens zwei Monate in der Burg Bran gelebt. Daniela Zdarcu erzählt lieber Geschichten über die beiden letzten Schlossherrinnen: über Königin Maria von Rumänien und ihre Lieblingstochter Ileana. Maria ließ das mittelalterliche Gemäuer 1920 in ihren Sommersitz verwandeln, ausgestattet mit Jugendstilmöbeln, Warmwasser und einem Aufzug, der in den alten Brunnenschacht eingebaut wurde, um der Königin den Weg in den Park zu erleichtern.

Als Daniela Zdarcu 1990 in Bran zu arbeiten begann, erinnerte nichts mehr an Königin Maria und Prinzessin Ileana – die Kommunisten hatten die Sommerresidenz in eine mittelalterliche Burg zurückverwandelt, und die Informationstafeln berichteten über die Ausbeutung der Bauern im Lehnssystem. Seither hat die Museumsleitung versucht, die Räume wieder so herzurichten, wie die königliche Familie sie zurück gelassen hatte. Auf der Wandtafel in Daniela Zdarcus Zimmer steht nun, dass Ileana ein große Wohltäterin war. Daneben hängt ein Schwarz-Weiß-Foto, das die Prinzessin in rumänischer Volkstracht zeigt. Gleich wird ihr Sohn den Raum betreten.