SachbuchAuf hoher See mit Gott

Was Admiral Christoph Kolumbus in sein Bordbuch schrieb, als er nach Amerika segelte. von 

Aus gegebenem Anlass ist bereits viel über Christoph Kolumbus geschrieben worden. Rekapitulieren wir: Er wurde in Genua geboren (zweifelhaft!). Er lernte als Matrose segeln (mutig!). Er heiratete eine Tochter aus portugiesischem Adel (schlau!). Er hatte zwei Söhne (konsequent!). Er brachte sich selbst Latein bei (strebsam!). Er galt als ausgezeichneter Navigator, obwohl er auf Indien Kurs nahm und in der Karibik strandete (genial daneben!). Er starb an den Folgen von Arthritis (oder wars doch die Syphilis?). Und er gehört zu den wenigen Menschen, die nach ihrem Tod noch auf Reisen gingen (Exhumierung!). So viel zur Sekundärliteratur, die inzwischen Bücherregale durchhängen lässt!

Umso erfreulicher ist es, dass der Hugendubel Verlag in München nun Aufzeichnungen seiner ersten Entdeckungsfahrt nach Amerika 1492–93 und damit eine Primärquelle publiziert. Sie beruht wiederum auf einer Publikation des Italieners Cesare de Lollis, der im 19. Jahrhundert eine Sammlung von Kopien aus Genueser Archiven veröffentlichte – 138 der Dokumente sollen die Unterschrift von Christoph Kolumbus tragen. Das Bordbuch also. Es liest sich zwar nicht wie ein Roman, wie es der Verlag seinen Lesern im Klappentext schmackhaft machen möchte (Floskel!), aber es liest sich als spannendes Protokoll eines Entdeckerglücks und wegbegleitendes Dokument für den heutigen Massentourismus. Kolumbus war von den Eingeborenen, die er auf den Karibikinseln traf (»Sie haben dichtes, struppiges Haar, das Pferdeschweifen gleicht«), nicht minder beeindruckt als umgekehrt die Eingeborenen von den fremden Besuchern (»Seht Euch doch die Männer an, die vom Himmel herabgestiegen sind«). Als er Kuba entdeckt, kommt er aus dem Schwärmen nicht mehr heraus (»Bäume, von denen zahllose, kleine Vögel ihr süßes Gezwitscher vernehmen ließen«).

Er fühlte sich als Auserwählter Gottes (eitel!), und vielleicht gerade deshalb wechselt er im Bordbuch immer wieder von der Ich-Form in die dritte Person – er schreibt dann von dem Admiral, der im höheren Auftrag die Welt erkundet. Um seinen Jungs an Bord die Reise kürzer erscheinen zu lassen (und sie entsprechend bei Laune zu halten), täuscht er kürzere Tagesetappen vor, vermeldet beispielsweise nur 44 statt 56 Seemeilen (gewieft!). Den unruhigen, rastlosen Reisenden von heute, die mal eben kurz für drei Tage zum Kilimandscharo oder nach New York jetten, müsste er stattdessen das Doppelte oder das Dreifache vortäuschen. Und genau deshalb sollte man dieses Buch lesen: Um sich dabei klar zu machen, dass wir heute verdammt schnell unterwegs sind, viel zu schnell!

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