Belletristik 4 Tassen Sherry, 1 Tasse Rum...
…und drei Bücher über das Leben in den Ozeanen, über die Geschichte der Erde und über den Alkohol auf See.
Als der Schriftsteller und Schulrat Adalbert Stifter 1857 zum ersten und letzten Mal das Meer erblickte (es war ein ziemlich kleines Meer, nämlich die Adria), war er überwältigt. Er könne nicht begreifen, so schrieb er, »daß ich so alt geworden bin und das nicht gesehen habe«. Er war erst 52, aber er fühlte sich sehr, sehr alt, und er hatte das Gefühl, Entscheidendes versäumt zu haben.
Heutzutage fahren nicht bloß Schulräte und Schriftsteller ans Meer, sondern alles, was vier Räder hat, bricht im Sommer zu den nahen und fernen Stränden auf, und wer mehr als nur Räder hat, besitzt ein Ferienhaus mit Meeresblick. Zwar sind wir, wenn wir endlich auf das große Nirwana des Wassers schauen, kaum so erschüttert wie damals Stifter, und doch treibt es uns irgendwie alle an die Küsten, als wäre dort das Glück. Das Meer, das Meer!
Wahr ist aber, dass wir übers Meer wenig wissen. »Wir«, das sind einerseits die Wissenschaftler, die sich erst seit relativ kurzer Zeit mit Nachdruck jenen ungeheuren Tiefen widmen, die den größten Raum der Erde einnehmen. »Wir«, das sind andererseits die Laien, die sich leicht über den agrarökonomischen Raubbau aufregen und ihm hier und da als Konsumenten in den Arm fallen, über die Raubfischerei aber wenig wissen oder wissen wollen. Es hat jede Menge Legebatteriendebatten gegeben, aber keine Lachsfarmdebatte. Der Grund mag sein, dass Hühner zur Lebenswelt unserer Vorfahren gehörten und ein inniges Nachleben in Bilderbüchern für kleine Kinder fristen, Lachse jedoch nicht. – Hier nun drei neue Bücher über Tiefen und Untiefen:
1. Richard Ellis, seines Zeichens Wissenschaftler am Museum of Natural History in New York, hat sich vorgenommen, diesem Mangel abzuhelfen, und in der Tat kann man aus seinem Buch eine Menge lernen über die stolzen, oft mythischen Meeresbewohner wie Hechte und Barsche, Haie und Wale, Seelöwen und Seekühe (wobei schon diese Namen erkennen lassen, wie der Mensch vom Land aus denkt und definiert). Auch die Seepferdchen und Seeschildkröten sind ihm eine Betrachtung wert, er widmet sich dem Leben der Atolle, und er erklärt uns, was unter »biologischer Invasion« zu verstehen ist.
Die nun ist der einstweilen äußerste Punkt einer ökologischen Sorge, die Ellis antreibt. Die Ratte zum Beispiel wanderte auf den Handelsschiffen von Kontinent zu Kontinent, bis sie überall, zu unsrem Verdruss, zu unsrer Gefahr, so heimisch wurde, dass kein Ausweisungsbeschluss einer Innenbehörde sie mehr vertreiben könnte. Ähnliches gilt für andere Lebewesen, auch für Mikroorganismen, die von den Ballastwassertanks der Schiffe quer über die Ozeane geschleppt und verbreitet werden.
An welchem Punkt, mit welchem Fisch Ellis auch beginnt, er endet immer wie Poes Rabe mit »Nevermore!«. Entweder ist das Meerestier schon ausgerottet, oder es ist dabei, ausgerottet zu werden. Vor allem in der Fischindustrie, die mit ihren Schleppnetzen Schneisen der Vernichtung in den Meeresboden gräbt, sieht Ellis den ärgsten Feind der ozeanischen Flora und Fauna, und wer sein Werk teilnahmsvoll liest, wird zögern, jemals wieder Fisch zu essen.
Der englische Titel des sachkundig und lesbar geschriebenen Buches lautet: The Empty Ocean – Plundering the World’s Marine Life, und das ist was ganz anderes als der schönfärberische deutsche Titel: Der lebendige Ozean – Nachrichten aus der Wasserwelt. Offenbar rechnet der Verlag nicht mit einer Leserschaft, die den ökologischen Alarmismus von Ellis goutieren würde. Genau den aber findet man drinnen im Buch, und das macht die Lektüre ambivalent. Einerseits ist es sicherlich gut, das ökologische Gewissen auch für das Leben unter Wasser zu schärfen, andererseits fragt man sich, wem die schlechten Gefühle nutzen, die Ellis erzeugt. Für ihn ist der Mensch nichts als ein grausamer oder unwissender Zerstörer der Artenvielfalt, und wer das als moralisches Problem versteht, wird dieses Buch mit Zustimmung lesen.
2. Man kann aber die Artenvielfalt auch als den mehr oder weniger zufälligen Stand der Evolution betrachten, wie Frank Schätzing es tut, und dann wird man sehen, dass im Verlauf der Erdgeschichte der größte Artenvernichter die Natur selber gewesen ist. Daraus ergibt sich, dass am Ende dieses Prozesses nicht notwendig der Mensch steht. Es ist möglich, dass er eines Tages zu jenen Arten zählt, die von der Evolution aussortiert wurden. Ich gebe zu, dass mir dieser mitleidlose Blick besser gefällt als der klagende von Ellis, und zwar deshalb, weil Schätzing mit endloser Wissbegier dem Wunder des Lebens nachspürt.
Allerdings wäre es unfair, Schätzing gegen Ellis auszuspielen, denn jener hat ein anderes, größeres Thema. Nachrichten aus einem unbekannten Universum heißt sein Buch, und es beginnt weit vor Adam und Eva, nämlich mit dem Urknall, der Entstehung des Kosmos, der Erde, schließlich der Bildung von Wasser und Eiweißmolekülen, endlich des Menschen; und erst im zweiten Teil kommt Schätzing auf die Meere, wobei auch hier sein Blickwinkel größer ist. Nicht allein die Fische interessieren ihn, sondern auch das Geheimnis der Wellen, der Meeresströmungen, der Winde, der Gezeiten und schließlich der Seebeben. Die Meereshöhe zum Beispiel, die dem Laien als stabile Angabe erscheint, ist auf verschiedenen Meeren verschieden.
Obgleich Schätzing zuweilen eine allzu heftige Liebe zum drastischen Bild und zum Kalauer entwickelt, liest man sein Buch wie einen Krimi, wobei bis zuletzt unklar bleibt, was man unter dem Täter zu verstehen hat. Evolution ist ja auch nur ein Wort, und ob dahinter Gott oder der Zufall wirkt, lässt Schätzing klugerweise offen. Es sieht so aus, als hätte in der Regel jeweils die Katastrophe ein neues, weiter entwickeltes Stadium der Erdgeschichte herbeigeführt, von den Eiszeiten bis zurück zum immer noch nicht restlos geklärten Aussterben der Dinosaurier mitsamt der damals ungeheuer reichen Vielfalt an Arten. Damals? Das Paläozän liegt rund 60 Millionen Jahre zurück, und wer Schätzing liest, den erfasst der Schauder vor der Tiefe des Brunnens der Vergangenheit.
Auch sonst wurde mir beim Lesen ein paar Mal unbehaglich. Das plastisch ausgemalte Bild der gewissermaßen negativen ozeanischen Gebirge und ihrer kaum bekannten Bewohner erzeugte in mir einen Tiefen- oder Tiefseeschwindel. Und der Gedanke, dass die Erdkruste nur eine dünne, auf einer Glutmasse schwimmende, sich ständig verschiebende Schicht ist, wo zuweilen vulkanische Ventile Druck ablassen, ist alles andere als beruhigend, zumal mir mein Schreibtisch, der sich im Erdgeschoss befindet und guten Bodenkontakt hat, immer als verlässlicher Ort erschienen ist. Weit gefehlt.
Frank Schätzing ist schon eine spezielle Nummer. Seine Lust, Fakten und Zusammenhänge jeglicher Art nahezu unbeschränkt sich anzueignen, ist ebenso verblüffend wie seine Fähigkeit, all das Zusammengelesene, Recherchierte, Selbsterlebte in einer berauschten Suada vorzutragen, als wäre er der Erste, der davon erzählt. Das ist er natürlich nicht, aber er gehört zu den wenigen Schriftstellern, die trockene Materie (und auch das Wasser kann trocken sein) so lustvoll ausbreiten, dass auch der Laie ihm lustvoll folgt. Dass ein Wissenschaftler wie Ellis dies nicht kann, darf man ihm nicht vorwerfen. Kompetenz ist dem grandiosen Auftritt nicht selten hinderlich.
3. Es gibt zwei Flüssigkeiten, die sich im Grunde nicht miteinander vertragen, nämlich Alkohol und Wasser, was jeder Weintrinker bestätigen wird. Seeleute trinken in der Regel keinen Wein (wohl, weil er zu viel Wasser enthält), sondern stärkere Sachen. Wie, warum und in welcher Tradition, davon handelt das in vielerlei Hinsicht anregende Buch von Rolf-Bernhard Essig (den ZEIT- Leser als Mitarbeiter kennen), Der Rausch der Meere. Natürlich kommt Kuttel Daddeldu vor, der Held in dem Gedicht von Ringelnatz, dessen Landgang an Weihnachten kein rühmliches Ende nimmt. Essig, der von einem Seemann abstammt, erzählt gleich zu Beginn, dass er einmal beim Schwimmen im Meer fast ertrunken wäre, woraus zwingend hervorgeht, dass er selber kein Seemann ist, weil Seeleute zumeist nicht schwimmen können (das ist auch gut so, wie mir einmal der Skipper auf einer stürmischen Segeltour sagte – der Mann über Bord habe dann nicht so lange zu kämpfen).
Nein, Essig ist kein Seemann, sondern ein ebenso amüsanter wie tiefgründiger und belesener Erforscher der ewigen Sehnsucht nach dem Meer, seiner endlosen Weite und geheimnisvollen Tiefe. Der Alkohol kam zunächst aus praktischen Gründen hinzu: Man wusste einfach kein besseres Mittel, das allmählich faulig werdende Wasser trinkbar zu machen.
Die schönen Ausflüge jedoch, die Essig in die Texte der Weltliteratur und in die Geschichte der Seefahrt unternimmt, zeigen, dass diese Begründung nicht ausreicht. Vermutlich erklärt sich die Sehnsucht nach dem Meer aus dem Wunsch nach dem schlechthin Anderen, dem abenteuerlich Entgegengesetzten, und das ist ohne einen guten Schluck naturgemäß nicht zu ertragen. Essig versäumt nicht, diesen Schluck näher zu beschreiben. Der Cocktail »Exxon Valdez« zum Beispiel geht so: 4 T Sherry, 1 T Rum, ½ T Blue Curaçao, ½ T Grenadine, dazu Eis und einen Tropfen Öl. Der kundige Leser begreift, dass T nicht Teelöffel bedeutet, sondern Tasse.
Ein in jeder Hinsicht ersprießliches Buch also, dessen Register das bunteste ist, das ich je gesehen habe: Es enthält ein Verzeichnis der Schiffe, der Personen, der Rauschmittel und der Orte.
- Datum 23.06.2006 - 14:13 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.06.2006
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