Wir standen auf einem Dorffriedhof irgendwo im Badischen, eine Hand voll Studenten auf Exkursion um ein Grab geschart, und da fragte unser Geschichtsdozent, ob die Überlebenden womöglich versuchten, mit den schweren Grabplatten die Toten unter der Erde zu halten, als Zombie-Abwehr sozusagen. Als ich sah, wie Barbara die Augen verdrehte, es hatte etwas Comicartiges und Tragisch-Leidendes zugleich, habe ich sie sofort ins Herz geschlossen. Daniel hielten wir Frauen im Kultursoziologieseminar für ein frühreifes Wunderbürschchen, auch weil er ominöse visionäre Techniken beherrschte: Er konnte auf einem Bildschirm mit einem Pfeil über den nackten Körper einer Frau streichen und behauptete, dass in nicht allzu langer Zeit »Pornografie im Internet« für alle möglich sei. Mit Britta und ihrem damaligen Freund, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, habe ich am Lateinamerika-Institut freiwillig eine Foucault-Lesegruppe gegründet, der einschneidendste wissenschaftliche Evolutionsschritt meines Lebens, denn bis dahin hatte ich mich, wenn die Namen Foucault, Lacan oder Derrida durch den Seminarraum schwirrten, unter den Tisch geduckt. Mit Kathrin versuchte ich, den obligatorischen Mediävistikschein unter Umgehung von Übersetzungen aus dem Mittelhochdeutschen zu erringen, doch in Erinnerung habe ich sie vor allem, weil sie zu meiner Magister-Party aufgerüscht und mit Sektflasche in der Hand… einen Abend zu spät kam. Thorsten war die Lichtgestalt einer Vorlesung zum Thema »psychoanalytische Literaturinterpretation«. Sie fand statt im Audimax der FU Berlin, und ich sah nur ihn. BILD

Wenn ich diese Leute nicht gekannt hätte, wäre mein Studium anders verlaufen. Bestimmt hätte ich hingeschmissen und niemals den Magister in Germanistik, Lateinamerikanistik und Soziologie geschafft. Ich hätte allein herumgewurschtelt, in München, Freiburg und Berlin, und mich mit meinen anderen Interessen (Kunst! Männer! Leben!) und weiteren Fächern (Geschichte, Psychologie, Kommunikationswissenschaft) verzettelt. Wir waren manchmal Lust- und oft Leidensgenossen: Kom-Militonen eben, vorübergehende Mitsoldaten im Kampf um Wissen und Scheine. Keine/r wurde ein/e Freund/in fürs Leben (auf die Egalität weiblicher und männlicher Anreden hätte ich damals großen Wert gelegt). Alle habe ich seit dem Ende meines Studiums aus den Augen verloren.

Thorsten ist nicht da, die Auskunft verbindet mich mit (s)einer Frau

Seitdem sind über zehn Jahre vergangen. Ich war auf der Journalistenschule, arbeite als freie Journalistin, lebe mit meinem Freund in Berlin und habe zwei Söhne bekommen. Mit einem Kind beginnt ein neuer Lebensabschnitt, man zieht Bilanz und fragt sich: Was ist aus meinem Leben geworden und aus den Menschen, die ich kannte? Was aus Barbara, Daniel, Britta, Kathrin und Thorsten?

Da, wo heute sogar ich Pornografie entdecken könnte, finde ich Barbara, Thorsten und Daniel sowieso. Da will Thorsten von Alice Schwarzer wissen, ob sich das Patriarchat nicht doch noch abschaffen ließe; und Aki Kaurismäki erzählt ihm, er glaube an Bäume und nicht an Gott. Das ist Thorsten, wie ich ihn kenne. Anscheinend ist er Feuilletonist in Zürich geworden. Die Auskunft verbindet mich direkt mit (s)einer Frau, er ist nicht da, ich soll morgen wieder anrufen, im Hintergrund höre ich eine Kinderspieluhr.

Bei www.beepworld.de finde ich einen, der Kathrin ganz doll lieb hat – aber nicht meine Kathrin Doll. Es ist unfassbar. Sie ist nicht zu finden im Internet, dabei war sie diejenige unter uns ziellosen Geistes- und Sozialwissenschaftlern mit der zukunftsträchtigsten Kombination: Informatik und Linguistik. Die muss sprechende Roboter programmieren, denke ich, und abgesahnt haben während des IT-Rausches. Vor drei, vier Jahren hatte ich sie auf der Party einer Freundin gesehen, doch der Wein hat die Details weggespült.

»Das ist die einzige Entscheidung, die ich bereue«