Ich habe einen Traum Bianca Jagger
Bianca Jagger wurde 1950 als Bianca Perez-Mora Macias in Nicaragua geboren. 1971 heiratete sie den Rockmusiker Mick Jagger. Ihre Scheidung acht Jahre später fiel mit dem Fall des Somoza-Regimes in ihrer Heimat zusammen. Kurz darauf begann sie ihren Kampf für die Menschenrechte, der sie nach Mittelamerika, ins frühere Jugoslawien, in US-amerikanische Todeszellen und nach Asien führte. Sie träumt von einem Ende der sexuellen Ausbeutung der Frau.
Ich bin geboren in Nicaragua. Meine Kindheit und Jugend erlebte ich unter der brutalen Diktatur des Somoza-Regimes, die das Land 43 Jahre lang geißelte, bevor es am 19. Juli 1979 gestürzt wurde. Unter seiner Herrschaft erlitt Nicaragua Tyrannei, Armut, Krankheit und Krieg, die John F. Kennedy als schlimmste Feinde der Menschheit bezeichnete. Damals, als junges Mädchen in Nicaragua, erfuhr ich, was soziale und ökonomische Ungerechtigkeit bedeutet.
Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zehn war. Dieses Ereignis veränderte mein Leben. Ich erlebte, wie meine Mutter als alleinstehende Frau – aufgrund ihres Standes und ihres Geschlechts – diskriminiert wurde. Aus erster Hand erfuhr ich, wie schwer das Leben einer geschiedenen Frau sein konnte, die arbeiten musste, um ihre drei Kinder im Nicaragua der sechziger Jahre durchzubringen.
Als Folge dessen suchte ich mir eine Ausbildung, die mich davor bewahren sollte, das Schicksal meiner Mutter zu erleiden. Ich schwor mir, mich aufgrund meines Geschlechts nie als Mensch zweiter Klasse behandeln zu lassen, mich niemals machtlos im Angesicht von Grausamkeiten zu fühlen. So verließ ich Nicaragua, um – mit einem Stipendium der französischen Regierung ausgestattet – politische Wissenschaften in Paris zu studieren.
Am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, kam ich in Paris an. Freiheit und Gleichheit waren Konzepte, von denen ich im Nicaragua der sechziger Jahre nur träumen konnte. In Paris entdeckte ich ihren Wert. Europa erschien mir als Paradies, als erleuchteter Teil der Welt. Umso mehr alarmiert mich, was in der Welt seit dem 11. September geschieht; wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien Gesetzgebungen niederreißen, die in der Vergangenheit wesentlich dazu beigetragen haben, grundlegende Prinzipien der Demokratie zu sichern wie Rechtsstaatlichkeit, Zivilrechte und den Respekt für die Menschenrechte.
Nie habe ich düsterer auf die Welt geguckt als zurzeit. Nie erschienen mir meine Träume weniger greifbar als heute. Andererseits wäre es für jemanden wie mich unmöglich, ohne Hoffnung und Träume anzutreten, selbst wenn Wunder geschehen müssten, um sie einzulösen.
Eine meiner größten Hoffnungen ist es, den Kinder- und Frauenhandel wirksam zu bekämpfen; Regierungen davon zu überzeugen, die Opfer nicht mehr als Täter zu behandeln. Eine Tragödie, die überall in Europa geschieht. Ich weiß von Fällen in Großbritannien, in denen Frauen, die von ihren Peinigern verschleppt worden waren, unter Arrest gestellt und schließlich in ihre Heimatländer zurückgeschickt wurden.
100 von 147 Staaten haben das UNODC-Protokoll zur Bekämpfung des Menschenhandels ratifiziert, um insbesondere den Handel mit Kindern und Frauen zu unterbinden und unter Strafe zu stellen. Mein Wunsch ist es, dass multinationale Übereinkommen wie der EU-Rahmenbeschluss erfüllt werden; dass Regierungen auf der ganzen Welt begreifen, dass verschleppte und sexuell ausgebeutete Frauen auf der Opfer- und nicht auf der Täterseite stehen. Dass Regierungen Schutzräume für all die geschundenen Mädchen, Jungen und Frauen finanzieren und ihnen mit einer Ausbildung und psychologischer Unterstützung helfen, ins normale Leben zurückzukehren. In Italien gibt es 200 solcher Schutzräume, in Großbritannien einen einzigen, der 25 Frauen aufnehmen kann.
In vielen Ländern, aus denen Menschen verschleppt oder mit trügerischen Versprechungen gelockt wurden, lassen sich Regierungsmitglieder von Händlerringen bestechen und bieten ihnen dafür Protektion. Der Handel mit Menschen ist so profitabel geworden wie der Handel mit Waffen und Drogen; Waffen lassen sich nur einmal verkaufen, Frauen und Kinder immer wieder ausbeuten.
Nach Schätzungen der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation, werden 2,4 Millionen Mädchen, Jungen und Frauen jedes Jahr weltweit verkauft. Unicef geht davon aus, dass allein in Asien jedes Jahr aufs Neue eine Million Mädchen und Jungen ins kommerzielle Sexgeschäft gezwungen werden. Mit sexueller Ausbeutung wird Profit gemacht: 32 Milliarden US-Dollar jährlich, so die Schätzungen.
Um diese Tragödie zu bekämpfen, brauchen wir die Zusammenarbeit von Regierungen, die Kooperation der Medien, das Bekenntnis der Staaten zu ihrer Verantwortung und eine konsequentere Ausschöpfung des Strafmaßes, als das bislang der Fall ist.
Ich träume von einer weltweiten Kampagne, die den Handel und die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern bekämpft; von einer Kampagne, die Männern überall bewusst macht und sie mit Scham erfüllt, welche nicht wieder gut zu machende Schäden sie einer Gesellschaft und ihren Kindern und Frauen zufügen.
In manchen Entwicklungsländern glauben viele HIV-infizierte oder an Aids erkrankte Männer, sie würden schlagartig vom Virus befreit, wenn sie mit einer Jungfrau schlafen, vorzugsweise mit einem Kind. Diese Männer suchen nach blutjungen Mädchen und sind bereit, viel Geld für Sex mit einem Kind und ohne Kondom zu bezahlen.
Vor kurzem fuhr ich mit Christian Aid nach Indien, um mehr über die Arbeit von Sanlaap zu erfahren, einer Organisation in Kalkutta, die sich um Opfer von Verschleppung und sexueller Ausbeutung kümmert. Ich besichtigte eine Mädchen-Unterkunft, Sneha, was übersetzt Zuneigung bedeutet. Hier leben 48 Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren, die die Polizei aus den Fängen von Menschenhändlern befreit hatte. Christian Aid schätzt die Zahl der Kinderprostituierten allein in den Rotlichtbezirken von Kalkutta, Mumbay und Delhi auf 400000. Ich hörte herzzerreißende Geschichten von zehnjährigen Mädchen, die gezwungen worden waren, mit HIV-infizierten Männern zu verkehren; unbeschreibliche Geschichten von Missbrauch, Grausamkeit und Verrat. Viele der Kinder schluchzten, als sie mir erzählten, wie sie ihre Puffmutter angefleht hatten, nicht mit diesen Männern schlafen zu müssen. Doch sie ignorierte ihre Appelle. Weigerten sich die Kinder, wurden sie missbraucht, geschlagen und mit Zigaretten verbrannt. Ein Mädchen beschrieb voller Panik und nach langem Zögern, wie kranke, abgemagerte und mit Schorf übersäte Männer ins Bordell kamen, um ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Einem anderen Mädchen gelang es, den entsetzlichen Lebensbedingungen zu entfliehen. Doch von ihrer Familie, in deren Augen sie entehrt war, wurde sie für immer verstoßen. Ein Mädchen suchte Zuflucht bei der Polizei, doch der diensthabende Polizist war von ihrer Madam bestochen worden und brachte sie ins Bordell zurück.
Regierungen vermeiden es oft, den Terror zum Thema zu machen, den Millionen Mädchen und Frauen jeden Tag erleben. Wir Frauen täuschen uns, wenn wir glauben, dass wir wirkliche Gleichberechtigung erreicht hätten. Wir sind weit davon entfernt. Das Ausmaß häuslicher Gewalt überall auf der Welt ist nach wie vor dramatisch. Immer noch gibt es eine Mauer des Schweigens, die brutale Männer schützt. Frauen helfen, diese Mauer aufrechtzuerhalten. Aus Angst vor den Folgen einer Anzeige verlängern sie ihr eigenes Leiden.
Manchmal droht mich die Wut zu überwältigen. Aggression und Verzweiflung jedoch können deine Effektivität schmälern. Du musst immer versuchen, den Zorn in Leidenschaft für die Sache zu verwandeln. Zu Beginn musste ich große Schwierigkeiten überwinden, um Glaubwürdigkeit in meiner politischen und meiner Menschenrechtsarbeit zu erlangen. Nicht nur weil ich Bianca »Jagger«, sondern weil ich eine Frau bin. Meine Tochter Jade macht sich Sorgen wegen der Risiken, die meine Einsätze mit sich bringen. Sie sagt mir oft, ich solle zurückschalten. Aber Zeugin zu sein ist ein essenzieller Teil meiner Welt, und meine Mission hält mich lebendig.
Ich wusste, dass eine Frau, die in eine vermeintliche Männerdomäne einbricht, ein Kampf erwartet. Aber ich war immer bereit, diesen Preis zu zahlen.
- Datum 28.06.2006 - 13:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.06.2006 Nr. 26
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Prostitution ist natürlich ein Übel, das aus der Welt geschafft gehört. Jedoch muss man sich dabei die Situation vieler Frauen ansehen, die (so traurig es auch ist) in ihrem Leben nie einem anderen Geschäft nachgegangen sind und nie etwas "richtiges" gelernt haben und somit auf dem Arbeitsmarkt nicht integrierbar sind. Für diese Frauen ist die Prostitution die einzige Erwerbsmöglichkeit.
Ein Verbot würde bewirken, dass Prostituierte in die Illegalität gedrängt werden, wodurch eine umfassende Überwachung durch staatliche Organe unmöglich wird und der Willkür durch Zuhälter Tür und Tor geöffnet wird.
Es führt weiterhin dazu, dass die Prostituierten (mangels Sozialversicherung) außerhalb des sozialen Systems existieren müssten, was ihre Lage weiterhin verschärfen würde.
Es steht außer Frage, dass Zwangsprostitution verboten gehört. Reguläre Prostitution jedoch ist leider Bestandteil der Gesellschaft und auch mit Verboten nicht aus der Welt zu schaffen, sodass man sich damit arragieren und versuchen muss durch geeignete Maßnahmen sicherzustellen, dass sich dieses Geschäft in geregelten Bahnen vollzieht oder es muss durch den Staat eine Alternative zur Prostitution angeboten werden, um Frauen aus diesem Geschäft herauszubekommen.
Jedoch stellt sich dann die Frage, was die Freier machen sollen. Die Nachfrage ist sicherlich gegeben und wenn aufgrund von Verboten das Angebot wegfällt werden einige unter Umständen geneigt sein, sich ihre Befriedigung auf andere Art und Weise zu verschaffen. Für mich birgt dies das Risiko eines Anstieges von Vergewaltigungsdelikten.
Diese Frau geht mit offenen Augen durch die Welt und hat den Mut die Wahrheit auszusprechen und uns die Wirklichkeit zu zeigen. Die Zivilisation hat nie statt gefunden, wir im Westen nutzen die Prostituierten für unsere Zwecke, wer was anderes behauptet lügt und will einfach nicht hinschauen, nicht nur in Indien werden die Frauen feilgeboten und verkauft auch hier in meiner Nachbarschaft gibt es genug Bordelle und all die Lenas und Katjas sind bestimmt nicht aus purer Geschäftlichkeit hier, das Geld für ihre Dienste erhalten die Männer im Hintergrund und lassen seelisch kranke Frauen zurück.
Die Ehe ist in vielen Fällen, ebenfalls ein Feld in dem Missbrauch gang und gebe ist. Die Familie als geheilgstes Glied der Gesellschaft ist ein Hort von Vergewaltigungen und Schlägen, und wenn wundert es dass Hierzulande immer weniger Lust auf Familie haben. Wir können mittlerweile selber entscheiden was wir wollen, dank Menschen wie Osho, Frau Jagger und viele andere die Wege zeigen die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden.
Frau Jagger tut das was sie zu einem Individium macht, sie geht mit offenen Augen durch die Welt und sieht was hier los ist, jenseits von offizellen Darstellungen.
Ich finde das ist das mindeste was hier alle tun können, mit offenen Augen durch die Strassen zu gehen, hinzuschauen auch wenn es weh tut.
Männer brauchen Sex, Zärtlichkeit usw. wie die Irren. Wieso gibt es denn die Nachfrage seit tausenden von Jahren? Akzeptiert das endlich und handelt danach, sonst ändert sich nix!
Akzeptieren heisst, dass auf Prostitutuierte z.B. nicht herabgeschaut wird, sondern genau andersherum. Sie halten die Zivilisation zusammen. Schwer seine Einstellung zu ändern nicht wahr? Tja, wenn ihr das nicht könnt, seid ihr vielleicht mit schuld ...
Dieser Artikel handelt vom Einsatz Bianca Jaggers gegen Menschenhandel (!), Zwangsprostitution (!) und Ausbeutung der Frau (!) Ein "anderer" Blick auf Prostituierte würde daran sicherlich nicht viel ändern...Und seit wann brauchen nur Männer Liebe, Sex und Zärtlichkeit?
Jede Form der Prositution (ob "Zwangs"... oder nicht) sollte abgeschafft werden.
Die Degradierung des Menschen auf seine reine Körperlichkeit - zumal zwecks Gelderwerb - verstösst gegen die Würde des Menschen, und zwar grundsätzlich.
Ob dahinter Zwang oder Freiwilligkeit steckt, ändert nichts am Sachverhalt.
Es ist moralisch verwerflich, und in vielen anderen Bereichen zurecht tabuisiert:
- Pharmaprobanden beteiligen sich an pharmakologischen Studien (zumindest sinngemäss und offiziell) zum Zwecke der Wissenschaft.
- Organhandel ist nicht erlaubt.
- Schaubelustigungen auf Jahrmärkten durch missgestaltete Personen sind schon seit sehr langer Zeit verboten und diskreditiiert.
Aus dem gleichen Grund sollte auch jede Form von Prostitution abgeschafft werden.
Falsch verstandene Liberalität verhindert das bislang.
Hier ist ein Umdenken gefordert, wie in Schweden, wo die Prostitution ebenfalls verboten ist.
Prostitution ist menschenunwürdig, und die Einkünfte daraus sind überhaupt nicht zu kontrollieren.
Der Schatten der Prostitution sind Menschenhandel, Steuerhinterziehung, kriminelle Verflechtungen, Subkulturen und ein allgemeiner Verfall humaner Werte.
Weg damit.
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