Ich bin geboren in Nicaragua. Meine Kindheit und Jugend erlebte ich unter der brutalen Diktatur des Somoza-Regimes, die das Land 43 Jahre lang geißelte, bevor es am 19. Juli 1979 gestürzt wurde. Unter seiner Herrschaft erlitt Nicaragua Tyrannei, Armut, Krankheit und Krieg, die John F. Kennedy als schlimmste Feinde der Menschheit bezeichnete. Damals, als junges Mädchen in Nicaragua, erfuhr ich, was soziale und ökonomische Ungerechtigkeit bedeutet. »Wir Frauen täuschen uns, wenn wir glauben, dass wir wirkliche Gleichberechtigung erreicht hätten. Wir sind weit davon entfernt. Das Ausmaß häuslicher Gewalt überall auf der Welt ist nach wie vor dramatisch« BILD

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zehn war. Dieses Ereignis veränderte mein Leben. Ich erlebte, wie meine Mutter als alleinstehende Frau – aufgrund ihres Standes und ihres Geschlechts – diskriminiert wurde. Aus erster Hand erfuhr ich, wie schwer das Leben einer geschiedenen Frau sein konnte, die arbeiten musste, um ihre drei Kinder im Nicaragua der sechziger Jahre durchzubringen.

Als Folge dessen suchte ich mir eine Ausbildung, die mich davor bewahren sollte, das Schicksal meiner Mutter zu erleiden. Ich schwor mir, mich aufgrund meines Geschlechts nie als Mensch zweiter Klasse behandeln zu lassen, mich niemals machtlos im Angesicht von Grausamkeiten zu fühlen. So verließ ich Nicaragua, um – mit einem Stipendium der französischen Regierung ausgestattet – politische Wissenschaften in Paris zu studieren.

Am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, kam ich in Paris an. Freiheit und Gleichheit waren Konzepte, von denen ich im Nicaragua der sechziger Jahre nur träumen konnte. In Paris entdeckte ich ihren Wert. Europa erschien mir als Paradies, als erleuchteter Teil der Welt. Umso mehr alarmiert mich, was in der Welt seit dem 11. September geschieht; wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien Gesetzgebungen niederreißen, die in der Vergangenheit wesentlich dazu beigetragen haben, grundlegende Prinzipien der Demokratie zu sichern wie Rechtsstaatlichkeit, Zivilrechte und den Respekt für die Menschenrechte.

Nie habe ich düsterer auf die Welt geguckt als zurzeit. Nie erschienen mir meine Träume weniger greifbar als heute. Andererseits wäre es für jemanden wie mich unmöglich, ohne Hoffnung und Träume anzutreten, selbst wenn Wunder geschehen müssten, um sie einzulösen.

Eine meiner größten Hoffnungen ist es, den Kinder- und Frauenhandel wirksam zu bekämpfen; Regierungen davon zu überzeugen, die Opfer nicht mehr als Täter zu behandeln. Eine Tragödie, die überall in Europa geschieht. Ich weiß von Fällen in Großbritannien, in denen Frauen, die von ihren Peinigern verschleppt worden waren, unter Arrest gestellt und schließlich in ihre Heimatländer zurückgeschickt wurden.

100 von 147 Staaten haben das UNODC-Protokoll zur Bekämpfung des Menschenhandels ratifiziert, um insbesondere den Handel mit Kindern und Frauen zu unterbinden und unter Strafe zu stellen. Mein Wunsch ist es, dass multinationale Übereinkommen wie der EU-Rahmenbeschluss erfüllt werden; dass Regierungen auf der ganzen Welt begreifen, dass verschleppte und sexuell ausgebeutete Frauen auf der Opfer- und nicht auf der Täterseite stehen. Dass Regierungen Schutzräume für all die geschundenen Mädchen, Jungen und Frauen finanzieren und ihnen mit einer Ausbildung und psychologischer Unterstützung helfen, ins normale Leben zurückzukehren. In Italien gibt es 200 solcher Schutzräume, in Großbritannien einen einzigen, der 25 Frauen aufnehmen kann.