»Der Trieb ist stark«

25 Jahre Aids: Warum steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder? Eine Begegnung mit dem Regisseur von André Paul

Im Verlauf des Gesprächs stellt Rosa von Praunheim, Filmprovokateur, Schwulenaktivist und einstiger Spießerschreck, beim Blick auf die Getränke fest: »Wir haben ja gar keine Milch mehr!« Er ruft nach seinem Lebensgefährten: »Mike, magst du heute noch welche holen gehen?« – »Nein!«, hallt es nicht eben freundlich aus dem Nachbarzimmer. »Na gut«, erwidert Praunheim, »dann mach ich das morgen.«

Vielleicht passt diese Szene zu dem verbürgerlichten Charlottenburg, das sich in den vergangenen Jahren um Praunheim herum – er lebt seit Jahrzehnten hier – völlig verändert hat. An diesem Spätnachmittag sind die Cafés an der Konstanzer Straße voller Familien, die gemeinsam Fußball schauen. »Als ich hierher zog, war der Stadtteil eine Hochburg der Subkultur«, erzählt Praunheim. »Es gab viele schwule Bars und Saunaclubs. Hier konnte eine sexuelle Minderheit, die woanders diskriminiert wurde, sich selbst verwirklichen. Ein tolles 68er-Lebensgefühl.« Hier entstanden auch Praunheims große Filmerfolge, Die Bettwurst und Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Bundesrepublikanisches Aufsehen erregte Praunheim einst, als er öffentlich Alfred Biolek und Hape Kerkeling als schwul bezeichnete und damit eine bundesrepublikanische Outing-Debatte lostrat.

Vor 25 Jahren, im Juni 1981, tauchte die Krankheit auf, welche die Menschheit so geschädigt hat, wie es vorher nur noch die Pest im Mittelalter schaffte: Aids. Und für die schwule Community begann ein Albtraum. »Fast alle Homosexuellen haben zu diesem Zeitpunkt promiskuitiv gelebt. Kondome waren überhaupt kein Thema. Man hat die bis dahin existierenden Geschlechtskrankheiten in Kauf genommen, es gab ja schnell wirkende Medikamente dagegen«, erinnert sich Praunheim. Der ältere Herr mit schütterem grauem Haar, in bequemer Sporthose und T-Shirt, unter dem sich ein Bäuchlein spannt, nippt bedächtig an seiner Kaffeetasse. In diesem Moment passt zu dem inzwischen 64Jährigen dann doch besser sein bürgerlicher Name Holger Mischwitzky.

»Als Aids dann über uns kam, war das so ähnlich wie heute mit der Vogelgrippe. Niemand wusste etwas Genaues, manche glaubten, sogar der Dampf in den Saunen könne das Virus übertragen. Es herrschte Panik, gleichzeitig meinten viele linke Schwule in Deutschland, die Amerikaner betrieben mit ihren Präventionskampagnen Psychoterror. Einige gaben Bemerkungen von sich wie Fernsehmoderator Matthias Frings, der meinte, jeder habe ein Recht auf Aids.«

Es ist nicht ganz leicht, diese Haltung zu verstehen. Inzwischen sind allein in Deutschland fast 14000 Menschen an Aids gestorben. Und vor allem junge Schwule setzen heute ihr Leben wieder leichtsinnig aufs Spiel, laden im Internet zu anonymen »Bareback-Partys« ohne Kondome. »Sex auf Leben und Tod, ein Zeichen von fehlender Verantwortung, Hoffnungslosigkeit und Dekadenz«, kommentiert der Modemacher Wolfgang Joop, selbst engagiert in der Hilfe für HIV-Kranke. Doch Praunheim, der Mann, der einst mühsam Hilfsgelder für Aids-Kranke sammelte, fallen dazu nur Bemerkungen folgender Art ein: »Der menschliche Sexualtrieb ist eben sehr stark. Da setzt das Gehirn aus.«

2003 hatten sich 1600 Menschen in der Bundesrepublik mit Aids infiziert, 2004 waren es 2000, im vergangenen Jahr bereits 2500. Rasante, beängstigende Anstiege. Und fast 38 Prozent der Neuinfizierten sind männliche Homosexuelle, obwohl sie deutlich weniger als zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. »Der Kampf gegen Aids ist verloren«, sagt Wolfgang Joop. Derlei Kritik mag Praunheim nicht gern hören. Stattdessen sei die Gesellschaft schuld, die fortgesetzt »diskriminiert« und »Rechte verweigert«.

Ist es nicht ein Fortschritt, dass sich im Deutschland des Jahres 2006 Spitzenpolitiker mit ihrem Lebensgefährten öffentlich zeigen können? Dass kaum jemand Aids-Kranke ächtet? Dass die Gesellschaft womöglich toleranter geworden ist? Vielleicht spürt Praunheim, dass Schwule eben nicht mehr nur Opfer sind. Doch statt die eigene Community selbstkritisch zu durchleuchten, bemüht er verstaubte Feindbilder: natürlich den Papst, der »Schwule als Todsünder verurteilt«, was dieser allerdings nie getan hat. »Der Kampf ist noch lange nicht vorbei«, sagt Rosa von Praunheim. Er meint damit nicht Aids, er meint seine diskriminierte Szene. Doch Homosexualität ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aids leider auch. André Paul

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte
    Service