Föderalismus Kein Zentralismus!
Die Föderalismusreform heizt einen alten Streit neu an: Blockieren die Länder effektives Regieren? Oder garantieren erst sie bürgernahe Demokratie? Matthias Krupa ist gegen mehr Zentralsteuerung
Die deutsche Geschichte kennt viele Beispiele für skandalöse Kleinstaaterei – und für verheerenden Zentralismus, ebenso für vernünftige Reformen von oben und nachhaltige Modernisierung von unten. Den deutschen Sozialstaat zum Beispiel hat der mächtige Reichskanzler Bismarck ins Werk gesetzt; die Spielregeln des Parlamentarismus wurden in der Paulskirche zwar beschworen, aber in den Einzelstaaten erprobt. Der Widerspruch zwischen Zentralmacht und Partikulargewalten ist in Deutschland konstitutiv gewesen für die Verfassung von Reich, Bund und Republik. Fast immer ging es um die Balance zwischen Einheit und Vielfalt, nur selten um ein hartes Entweder-oder. Der Föderalismus, so hat es der Historiker Thomas Nipperdey einmal formuliert, ist seit dem späten Mittelalter in Deutschland »eine Tatsache und ein Problem von erstrangiger politischer Bedeutung«.
Eine Tatsache. Und ein Problem. Gewiss. Nur: Kann man das Problem, so wie es sich heute stellt, mit mehr Zentralismus lösen?
Am vergangenen Freitag stimmte in Berlin der Bundesrat, die Vertretung der Länder, über die Erhöhung der Mehrwertsteuer ab, die der Bundestag bereits beschlossen hatte. Elf der 16 Landesregierungen sagten ja, nachdem der Bundesfinanzminister vorher versprochen hatte, ihnen an einer anderen Stelle entgegenzukommen: Es geht um Geld, das der Bund den Ländern für den Nahverkehr überweist. Bereits im Vorfeld hatten die Länder durchgesetzt, dass ein Teil der Mehrwertsteuererhöhung in ihre Kassen fließt – und nicht, wie es einmal vorgesehen war, zur Senkung der Lohnnebenkosten verwendet wird.
Es war das übliche Geschacher. Unter dem Strich sogar ein eher harmloser Fall. Und doch zeigt das Beispiel, worum es in der Debatte über die notwendige Neuordnung unseres Staatswesen eigentlich geht: um Durchsichtigkeit und Zuständigkeit, um die Frage, wer wofür Verantwortung trägt und wer für welche Entscheidungen haftbar gemacht werden kann. Und natürlich darum, wie die wirtschaftliche Dynamik entstehen soll, die notwendig ist, um Arbeitsplätze zu schaffen, die öffentlichen Haushalte zu sanieren und die Sozialsysteme zu sichern. Auf keine dieser Fragen liefert die Forderung nach mehr Zentralismus, wie sie, wen wundert’s, vor allem in Berlin erhoben wird, eine hinreichende Antwort.
Ob Vogelgrippe oder Rechtschreibreform, der Hohn über die Kleinstaaterei hat Konjunktur – mindestens in der schwatzenden Klasse. Die normalen Bewohner dieses Landes hingegen hängen offensichtlich an ihren regionalen Identitäten, an Weißwürsten und Wattwürmern, und eben auch an den staatlichen Einheiten, die dazugehören.
Und in Wahrheit ist ja schon der Befund, der der Klage über zu viele Länderkompetenzen zugrunde liegt, falsch. Tatsächlich hat sich die Balance von Einheit und Vielfalt, von Bund und Ländern, wie sie im Grundgesetz 1949 angelegt war, in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verschoben. Aber: Nicht die Länder haben dabei gewonnen, sondern der Bund hat im Lauf der Zeit immer mehr Politikfelder an sich gezogen. Natürlich gibt es Aufgaben, für die der Bund ein eindeutiges Mandat braucht: Sicherheitspolitik und europäische Einigung gehören dazu, der Umbau der sozialen Sicherungssysteme, Umweltschutz und Energiesicherheit. Aufgaben, die vor keinen Grenzen Halt machen. Vieles andere ist weniger eindeutig.
Allzu oft nämlich verbarg sich hinter dem Ausgreifen des Bundes der fragwürdige Glaube an die Instrumente der zentralen Steuerung und Planung. Unter dem Strich ist den Ländern außer der Schul- und Teilen der Hochschulpolitik, dem Kommunalwesen sowie den Angelegenheiten der Polizei nur noch wenig übrig geblieben, worüber sie selbstständig entscheiden können. In vielerlei Hinsicht hat der Bund sie zu Verwaltungsbezirken erniedrigt. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass die Beteiligung an Landtagswahlen stark zurückgegangen ist: Die Wähler haben ein feines Gespür dafür, ob ihre Stimme wirklich etwas entscheidet oder nur hilft, eine politische Kulisse auszumalen.
Die Folgen dieser Entwicklung sind heute zu besichtigen: Weil die Landesparlamente nur noch wenig zu sagen haben, mischen sich die Ministerpräsidenten mit immer mehr Elan in die Bundesangelegenheiten, schließlich sogar in die europäische Politik ein. Dabei handelt es sich allerdings um eine Art Notwehr oder jedenfalls um einen Reflex. Einen Ausweg aus dieser »Verflechtungsfalle« (Fritz W. Scharpf) wird es nur geben, wenn die Verflechtungen gelockert und die Zuständigkeiten klarer getrennt werden. Das heißt vor allem: wenn die Landesparlamente wieder mehr entscheiden können. Wohlgemerkt: die Parlamente! Dieser Gedanke steht hinter der umstrittenen Föderalismusreform – nicht die Selbstermächtigung größenwahnsinniger Provinzfürsten.
Und die Europäische Union? Zwingt sie die Mitgliedsstaaten nicht geradezu zur Konzentration? Wie will ein Land in Brüssel mitreden, wenn es mit 16 Stimmen spricht? Das Argument ist richtig – und führt doch nur wieder zu derselben Antwort: Die Zuständigkeiten müssen geklärt, die Kompetenzen verbindlich verteilt werden. Zwischen der EU und den Mitgliedsstaaten, zwischen dem Bund und den Ländern.
Einheit und Vielfalt: Die EU zoomt die Probleme des deutschen Föderalismus auf europäisches Format. Eine Zentrale, die immer mehr an sich zieht; eine Bürokratie, die immer mächtiger wird; Politik, die sich dem Blickfeld der Bürger zunehmend entzieht. Muss man vielleicht die Exekutive in Berlin stärken, um der Exekutive in Brüssel besser Paroli bieten zu können? Nein! Zentralismus kann man nicht mit Zentralismus bekämpfen, Bürokratie nicht mit Bürokratie. Man kann sich nicht gleichzeitig darüber lustig machen, dass Brüssel die Größe von Kondomen festlegt – und fordern, dies müsse künftig unbedingt in Berlin geschehen.Es stimmt ja, auch der deutsche Föderalismus bringt Kuriositäten hervor. Meistens allerdings nicht, weil die Länder zu viel, sondern weil sie zu wenig Freiheiten haben. Warum sollen Bayern, Bremen und Brandenburg nicht darum wetteifern, wer Studenten und Professoren die besten Arbeitsbedingungen bietet? Warum sollen besonders gute Beamte nicht von Kiel nach Stuttgart gelockt werden können – oder umgekehrt? Warum soll Hessen nicht ausprobieren dürfen, ob es bessere Ideen für die Betreuung von Arbeitslosen hat als der Bund?
Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hat in der Süddeutschen Zeitung unlängst daran erinnert, dass Einheitlichkeit kein Wert an sich sei. »Der Leitwert in einem freiheitlichen Gemeinwesen heißt Vielfalt«, so Herzog. »Wo immer es möglich ist, 16 Lösungsansätze auszuprobieren, da ist die Chance, die beste Lösung zu finden, 16-mal größer als bei einer Einheitslösung.« Best practice heißt dieses Prinzip, ganz unideologisch.
Die Rechnung mit dem Wettbewerb klingt einfach. Was den Ländern allerdings fehlt, um ihn zu verwirklichen, sind die finanzpolitischen Voraussetzungen. Zwar verfügen die Länder mehr oder weniger autonom über ihre Ausgaben, doch die Einnahmen können sie kaum beeinflussen. Der Bund bestimmt die Steuern, an denen die Länder partizipieren – und macht sie damit zu Kostgängern. Hierin liegt eine der größten Schwächen des deutschen Föderalismus. Um sie zu beheben, brauchen die Länder mehr Rechte, nicht weniger. Ein zweiter Teil der Föderalismusreform, die Modernisierung der Finanzverfassung, soll daher folgen.
Zu oft haben die Bürger in Deutschland heute schon das Gefühl, Politik finde weit weg statt und folge eigenartigen, eigenen Gesetzen. Zentralismus könnte diese Entfremdung nur verschlimmern. Was der föderalen Demokratie hilft, sind allein klar durchschaubare Zuständigkeiten vor Ort.
Pro:
Bernd Ulrich plädiert für mehr Zentralismus
- Datum 23.06.2006 - 10:11 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.06.2006
- Kommentare 6
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Die Vorteile kleinerer operativer Einheiten (Bundesländer) sind wegen der, wenigstens theoretisch, kürzeren Entscheidungswege und der damit verbundenen schnelleren Entscheidungsfindung nicht von der Hand zu weisen.
Bei der Förderalismusreform geht es jedoch darum den deutschen Bundestag wieder in die Lage zu versetzen dass Land effektiv zu steuern. Im Gegensatz zur Schweiz, dem Ursprungsland des Begriffes der Konkordanzdemokratie, sind in Deutschland Volksabstimmungen (bei denen die größtmögliche Anzahl der Bürger bei Entscheidungen über Einzelfragen einbezogen werden) nicht vorgesehen.
In der realen Welt ist die Bundesrepublik, die gesamte europäische Gemeinschaft; einem massiven Konkurrenzdruck des pazifischen Wirtschaftsraumes ausgesetzt. Das ist einer der Triebkräfte der europäischen Einheit. Die Entscheidungsfindung auf dieser Ebene per Einstimmigkeit im Europaparlament (wohl stärkste Form der Konkordanz) behindert offensichtlich zunehmend die Entscheidungsfindungen, was nicht lange mehr gut gehen kann.
Das ähnlich gelagerte Problem haben der Bund und die Länder.
Zum Beispiel hält der Pisa Schock die Politiker nicht davon ab die einzelnen Bundesländer als Experimentierfeld für Bildungspolitik zu verstehen, weshalb sie (noch) mehr Kompetenzen in diesem Feld bekommen sollen.
Es existiert jedoch weder eine spezielle NRW Weltliteratur noch eine bayerische Biologie oder eine Berliner Mathematikwissenschaft. Die heranwachsende Generation hat eine Recht in allen Bundesländern das primäre notwendige Grundwissen und wenigstens eine einheitliche Grundbildung vermittelt zu bekommen. Wenn die Bundesländer speziellen Heimatkundeunterricht vermitteln wollen kann das ja gesondert geschehen. Wer auf seiner Ewigkeitsgarantie
§ 79 Abs. 3 GG herumreitet, obwohl oh Grauen alles fließt, sollte auch nicht mit der Zukunft der Jugend, ihrem Recht auf gleiche Bildungschancen in allen Bundesländern spielen.
Auf der Jagd nach Finanzmitteln feiert die deutsche Kleinstaaterei fröhliche Urständ!
Dass der Föderalismus in Deutschland vor die Hunde gekommen ist, kann man nicht dem Föderalismusprinzip zum Vorwurf machen. Parteien und Politiker haben als Opfer und Täter des Systems zugleich den Föderalismus ad absurdum geführt. Die Kompetenzverschränkungen zwischen Bund und Ländern ist das Problem, ebenso z.B. die Beschickung des Bundesrates durch die Landesparlamente. Dadurch wird der zweite Rat gezwungenermaßen zur Parteien- statt zur Länderkammer.
Die Lösung:
Erarbeitung eines Konzepts zur Föderalismusreform durch eine unabhängige Kommission statt durch befangene Politiker. Bestandteile könnten sein: klare Kompetenztrennung, mehr Kompetenzen für die Länder, mehr Steuerhoheit für die Länder, Wahl des Bundesrates durch die Bürger, Volksentscheid als Abschluss der Föderalismusreform. Demokratiefragen gehören vor's Volk!
Es ist auch in diesem Fall wie so oft:
Die in Prinzip richtige Idee (Reform des Föderalismus mit dem Ziel, das Land besser regierbar zu machen) endet mal wieder in einem partei- und machtpolitischen Gezänk.
Und das Ergebnis ist komplex, bürokratisch, undemokratisch.
Die Regierenden sind offenbar nicht willens oder nicht in der Lage, vernünftige, tragfähige, einfache, demokratische Lösungen zu erarbeiten.
Dabei kommt es weder auf die Farbe (Rot, Schwarz, Gelb, Grün...) noch auf die Position (Bund, Länder, Kommunen) an.
Traurig.
"Zu oft haben die Bürger in Deutschland heute schon das Gefühl, Politik finde weit weg statt und folge eigenartigen, eigenen Gesetzen. Zentralismus könnte diese Entfremdung nur verschlimmern. Was der föderalen Demokratie hilft, sind allein klar durchschaubare Zuständigkeiten vor Ort."
Genau das ist das Problem - und die klare Durchschaubarkeit vor Ort (egal ob zuständig oder nicht) ist eben auch nicht vorhanden. Dafür aber immer das Bedürfnis noch schnell abzuzocken, solange die Möglichkeiten als Diätenbeziher dafür noch gegeben sind. Volksvertreter passt schon lange nicht mehr.
Was für Provinzpossen sich (nicht nur) im Brandenburger Landtag (und auch anderswo) abspielen, spottet jeder Beschreibung und setzt sich schlussendlich im Bundestag fort. Die größten "Bewahrer" der Demokratie rekrutieren sich gerade im Osten vielfach aus ehemaligen Kadern der SED und FDJ (und eine davon ist nun sogar Bundeskanzlerin geworden) - die an ihre Vergangenheit jetzt tunlichst nicht mehr erinnert werden möchten (ebenso wie seinerzeit die ehemaligen NSDAP-Größen im Bundestag).
Die ursprünglichen Aufgaben des Bundes werden immer mehr von der EU übernommen (und könnten auch noch weitergehender von der EU übernommen werden). Die anderen Aufgaben können an die Länder zurückgegeben werden. Die Auflösung des Bundes zugunsten der EU und der direkten Mitgliedschaft der Länder in der EU. Die kleinsten Länder der BRD sind größer als die kleinsten EU-Mitglieder, NRW kämme sogar unter die größten Zehn. Der Bund hat sich einfach aufgrund der europäischen Einigung ausgewachsen, weil er seine historische Funktion erledigt hat. Deutschland hat schon mehrfach versucht, Europa zu dominieren, zu besetzen, jetzt ist Europa vereinigt, aber eben nicht germanozentriert, sondern bunter, offener. Und das ist ja auch gut.
Die Länder hingegen sind am Bürger näher dran, historisch sehr oft älter und historisch gewachsen, zudem demokratischer verfasst (Elemente direkter Demokratie).
Würden wir uns zu einer Auflösung des Bundes herbeilassen können, wären die Kompetenzen schon geregelt. Es gäbe Effizienzgewinne und gleichzeitig mehr Demokratie; und mehr Selbstbestimmung, da weniger mitreden.
»Wo immer es möglich ist, 16 Lösungsansätze auszuprobieren, da ist die Chance, die beste Lösung zu finden, 16-mal größer als bei einer Einheitslösung.«
Irgendwie kommt mir diese Art Zweckoptimismus bekannt vor. So etwas wie das (ganz unideologische!) Best-Practice-Prinzip muss mir schon früher einmal begegnet sein. Richtig: In meinem ersten Leben. Damals, im real existierenden Sozialismus, habe ich eine Sache abschließend kapiert: Immer da, wo das Ideal besonders simpel gestrickt und leicht erreichbar erscheint, ist es: eine Fata Morgana.
Der Hohn über die Kleinstaaterei (der wohl eher eine Art Galgenhumor der denkenden, als ein schlechter Gag der schwatzenden Klasse ist) hat ja nicht deswegen Konjunktur, weil seine Prediger etwas gegen die Einheit in Vielfalt hätten. Er existiert, weil regionalen Identität mehr sein sollte als Weißwurst und Wattwürmer und weil inzwischen auch dem allerletzten Optimisten klar geworden ist: Sie wird nie mehr sein können.
Der schöne Traum vom fairen Wettbewerb kooperierender Freunde ist eine Schimäre. Er ist von der menschlichen Realität so weit entfernt, wie der Sozialismus vom DDR-Alltag entfernt war. Macht und die ist nun einmal mit der Gesetzgebungsgewalt zwangsläufig verknüpft führt nämlich leider nicht dazu, dass derjenige, der sie ausübt, weiser, gerechter oder auch nur klüger würde. Sie führt auch nicht dazu, dass ihr Inhaber plötzlich das Große und Ganze im Auge hätte. In den allermeisten Fällen korrumpiert Macht, sie macht träge und denkfaul. Für den real-sozialistischen Kellner gilt das ebenso, wie für den kapitalistischen Manager. Und der bundesdeutsche Ministerpräsident macht - obwohl demokratisch gewählt - leider, leider! auch nicht die Ausnahme, die diese Regel bestätigen würde.
Wäre es anders, wäre schon längst aufgefallen: Es geht ja bei der Föderalismusreform gar nicht um ein Entweder Oder. Die Frage Mehr oder weniger Zentralismus, mehr oder weniger Föderalismus? stellen sich vielleicht die Politiker und einzelne Journalisten. Die Realität stellt sie nicht. Der Realität geht es um ein WIE?, nicht um ein WAS? Und genau das macht die Sache so schwierig.
Wären die Länder in Sachen Politik wirklich kompetent, hätte es dem Bund unmöglich gelingen können, sie zu Verwaltungsbezirken zu erniedrigen, wie Matthias Krupa es auszudrücken beliebt. Der Bund ist keineswegs mehr Despot, als die Länder es sind. Er versucht lediglich, Lücken zu schließen, die andere fahrlässig lassen - und er schießt dabei (zugegeben) oft weit über das Ziel hinaus.
An die Stelle der Einigkeit und des logischen Denkens, die notwendig wären, um auf der Länderebene diejenigen (Teil-)Aufgaben zu lösen, die dort lösbar sind, tritt nämlich in jedem einzelnen Fall neu das allgemein bekannte Geschacher: Gibst Du mir, gebe ich Dir. Dabei scheint es vollkommen unerheblich zu sein, ob mans braucht oder ob mans haben solltest. Bund und Länder kommen dem außenstehenden Betrachter nicht selten vor wie Menschen mit krankhafter Sammelwut: Sie rümpeln sich zu mit Dingen, die sie weder nutzen noch je genutzt haben oder auch nur nutzen werden. Hauptsache meins!
Von der viel gepriesen Rahmensetzungskompetenz des Bundes ist an vielen Stellen gar nicht mehr die Rede. Bundesgesetze und die zugehörigen Durchführungsbestimmungen regeln bis ins letzte Detail noch die kleinste Kleinigkeit, dafür regieren die Länder an anderen Stellen rigoros und gleichberechtigt gegeneinander an zum Schaden des Steuerzahlers. Debattiert wird beispielsweise darüber, ob nun der Bund, oder die Länder für die (Hoch-)Schulen zuständig sein sollen. Dabei müsste eigentlich darüber beraten werden, welche Kompetenzen in Sachen Bildung nun beim Bund, und welche bei den Ländern liegen müssen. Und zwar von der Vorschule, bis zur Uni. Der willkürliche Trennungsstrich zwischen der 12. Klasse und dem 1. Studienjahr ist keinem vernünftig denkenden Menschen zu vermitteln. Und ebenso wenig kann man einem vernünftig denkenden Menschen vermitteln, wieso das Umweltrecht in die Kompetenz des Bundes ODER in die der Länder gehört und zwar komplett vom FFH-Gebiet bis zum letzten Grashalm am Fließgewässer 3. Ordnung. Was für ein himmelschreiender Unfug!
Kompetenz zu besitzen bedeutet doch nicht, möglichst viele möglichst komplizierte Aufgaben zu haben (eine Vorstellung, die sich übrigens auf fast allen Entscheidungsebenen eingeschlichen hat). Kompetenz zu besitzen bedeutet, genau die Aufgaben zu haben, die man bewältigen kann. Der tatsächlich fragwürdige Glaube an Instrumente aller Art wäre komplett überflüssig, wenn jeder über die Dinge entscheiden dürfte, die er selbstständig entscheiden KANN, ohne damit andere in ihren Kompetenzen einzuschränken. Aber wie das unter Kindern nun einmal so ist: Man gönnt dem anderen selbst das nicht, wofür der eigene Mund und der eigene Magen dann doch eine Nummer zu klein sind.
Die Beteiligung an Landtagswahlen ist stark zurückgegangen. Für meine Person erkläre ich das damit, dass ich eine traurige Erfahrung gemacht habe: Weder mein Bundesland noch seine Repräsentanten wissen wirklich etwas anzufangen mit den Kompetenzen, die sie momentan haben. Ich bin einfach nicht gewillt ihnen zu glauben, dass sich das ändern würde, würden die Kompetenzen zunehmen. Denn ich bin noch nicht überzeugt, dass die Ursache für die tagtäglich erlebte In-Kompetenz ausschließlich darin zu suchen ist, dass die Länder nicht autonom über ihre Einnahmen entscheiden können. Die Modernisierung der Finanzverfassung, fürchte ich, würde zwar dazu führen, dass man mich noch stärker zur Kasse bittet, als bisher schon, aber nicht dazu, dass mein Geld sinnvoller ausgegeben wird. Und dass sie dazu führt, dass ich mehr Mitbestimmungsrechte darüber bekomme, was mit meinem Geld passiert, erwarte ich erst recht nicht.
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