Gesundheitsreform Deutschland leidet

Sanierungsfall Merkel: Warum die Kanzlerin das Gesundheitssystem nur zaghaft reformiert

In der Geschichte deutscher Großreformen wimmelt es von Helden und Monstern: die allmächtige Pharmalobby, das kranke, dunkle System, der tapfere, aber bedauernswerte Gesundheitsminister mit dem härtesten Job der Regierung. Mit solchen Schauermärchen erklären Politiker gern, warum aus lange diskutierten guten Ideen für das Gesundheitswesen wieder einmal nichts wird.

Nur stimmt diesmal nichts davon. Diesmal sind weder die Lobbyisten schuld, noch ist es der Zeitdruck, der bei Gerhard Schröder oft als Ausrede bemüht wurde. Dass die Bundesregierung am kommenden Wochenende aller Voraussicht nach keine überzeugende Gesundheitsreform beschließen wird, liegt allein an den verantwortlichen Politikern. Und am meisten liegt es an der mächtigsten Frau: an Angela Merkel. Gesundheitspolitik ist ihr Thema, sie hat es selbst dazu gemacht. Sie kennt sich aus, sie hat hohe Erwartungen geweckt. Und doch ist wochenlang fast nichts geschehen. Und was geschah, war oft auch noch falsch.

Nun erwartet den Bürger eine merkwürdige Reform: Zwar hört er seit Tagen, die Regierung wolle »ihm nicht in die Tasche greifen«. Doch Ende des Jahres werden seine Gesundheitsbeiträge vermutlich erst einmal steigen, weil den Kassen sieben Milliarden Euro fehlen. Im folgenden Jahr dürfte er erleben, dass die Regierung weitere Steuern erhöht, um die Kassenbeiträge zu reduzieren. Das alles ist nicht leicht zu verstehen, schließlich ersetzt das zusätzliche Geld einen Zuschuss aus der Tabaksteuer, den die Regierung eben erst abgeschafft hat.

Anschließend werden die Bürger beobachten dürfen, wie ein großer Fonds eingeführt wird, dessen genaue Wirkung auf den Wettbewerb der Krankenkassen längst nicht so kalkulierbar ist, wie die Union es weismachen will. Und sie werden vermutlich feststellen, dass der Streit um die Zwei-Klassen-Medizin nicht etwa in der überfälligen Reform der privaten Krankenversicherung, sondern bloß in einer Sonderabgabe von Privatpatienten mündet. Mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen – das hat Ministerin Ulla Schmidt zunächst sehr traditionell übersetzt: Privatpatienten und Gutverdienende sollten mehr zahlen. Merkel hat diese Pläne teilweise gestoppt. Aber sie hat nicht verhindert, dass die Bürger insgesamt mehr zahlen müssen, ohne dass ihre Versorgung spürbar besser und das System grundlegend effizienter wird. Vier Merkel-Fehler sind schuld daran, dass die wichtigste schwarz-rote Reform scheitern dürfte:

Der erste Fehler liegt fast drei Jahre zurück, er wirkt allerdings bis heute nach. Auf ihrem Leipziger Parteitag wollte die Union dem Land weismachen, man könne beides haben: die Gesundheitsprämie und die Steuersenkungsreform des Wirtschaftsliberalen Friedrich Merz. Das war schon damals falsch, weil Merz die Steuersätze senken wollte, obwohl zur Gesundheitsprämie zwingend mehr, nicht weniger Umverteilung im Steuersystem gehört. Doch weil die beiden unvereinbaren Ideen zeitgleich beschlossen wurden, war Merkels Prämie fortan Symbol für einen vermeintlich neoliberalen Kurs.

Zweitens haben die Volksparteien den Streit über CDU-Prämie versus SPD-Bürgerversicherung von Beginn an übertrieben. Doch 2005 kam er den Wahlkämpfern auf beiden Seiten gerade recht, er wurde weiter hochgepuscht. Die Inszenierung macht den Parteien bis heute jede Verständigung schwer. Entsprechend groß war die Erleichterung, als Ulla Schmidt das Fondsmodell präsentierte – einen riesigen Topf, in den »das Versichertengeld sozialdemokratisch hineinfließt und christdemokratisch wieder herauskommt«, wie ein führender CDU-Mann treffend erklärt: Die Beitragshöhe hängt weiter vom Einkommen ab, aber die Kasse bekommt für jedes Mitglied gleich viel Geld. Allerdings hilft dieser Fonds zunächst nur den Parteien, nicht den Versicherten. Er macht das System nicht effizienter, allein löst er kein einziges Problem. Heute sagen das auch die Spitzenleute der Regierung. Zunächst jedoch lehnten sie sich zufrieden zurück. Und verloren Zeit, die sie gebraucht hätten, um sich an das Entscheidende zu machen: Strukturreform und Kostenersparnis.

Ein weiterer Fehler bestand darin, höhere Kosten anzukündigen. Es wird teurer werden« – diese Aussage der Kanzlerin war inhaltlich zweifelhaft, denn in vielen Branchen, zum Beispiel bei der Unterhaltungselektronik, senkt der technische Fortschritt die Kosten – im Prinzip kann dieser Mechanismus auch im Gesundheitswesen funktionieren. Andere Länder machen es vor. Merkels Satz war aber vor allem strategisch falsch. Er wurde verstanden als Signal, dass die Chefin beim Sparen im Gesundheitssystem wenig Ehrgeiz hat. Und so wird die Koalition am Sonntag wohl ein Konzept beschließen, das an den Strukturen im System zu wenig ändert. Das ist der größte Schwachpunkt der Reform.

SPD-Chef Kurt Beck und Finanzminister Peer Steinbrück haben den Verhandlungen in letzter Minute eine überraschende Richtung gegeben. Zwischen 30 und 45 Milliarden Euro Steuereinnahmen sollten mittelfristig in das Gesundheitssystem fließen, von einer neuen, steuerfinanzierten Säule war die Rede. Merkel hat den Vorstoß nicht als Chance gesehen, obwohl es ein Ziel der CDU-Gesundheitspolitik war, den Sozialstaat stärker durch Steuern statt durch Beiträge auf Löhne zu finanzieren. Dieser Systemwechsel wäre die richtige Antwort auf die veränderte Arbeitswelt mit ihren Teilzeit- und Billigjobs. Er wäre gerechter und würde Beschäftigung schaffen. Allerdings können auch richtige Ideen zum falschen Zeitpunkt schaden. Wer kurz vor dem Abschluss der Verhandlungen mal eben den Sozialstaat neu justieren will, schafft kein Vertrauen. Wer von einer Reform für die nächsten 30 Jahre schwärmt, sollte für die nötigen Berechnungen mehr als 40 Stunden reservieren.

Merkels Versäumnis besteht darin, dass sie selbst nicht viel früher mit Steinbrück den großen Wurf geplant hat – etwa bei den Koalitionsgesprächen. Wenn die Steuerfinanzierung richtig ist, warum fließen dann die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer vor allem in den Haushalt? In der vergangenen Woche hat Merkel die zweite Chance verstreichen lassen. Steuerfinanzierung plus Strukturreformen für Kassen, Ärzte, Krankenhäuser – das wäre die große Reform gewesen, die vollmundig versprochen wurde. Stattdessen hat die Kanzlerin vor CDU-Mitgliedern in Mecklenburg-Vorpommern den SPD-Vorstoß brutal gestoppt. Basta-Kanzler hat man Gerhard Schröder nach solchen Aktionen genannt. Kurzatmigkeit, Widersprüche und Machtwort-Politik: Von den Schröder-Fehlern ist Merkel momentan nicht weit entfernt.

Welche Gesundheitspolitik will die Große Koalition? Merkel hat es lange nicht für nötig gehalten, diese Frage selbst zu beantworten. Gleichzeitig hat sie keinem anderen Prokura erteilt, eine Richtung vorzugeben. Aber jemand muss erklären – und entscheiden. Wenn die Parteispitzen am Sonntag ihre Reformen beschließen, hat Angela Merkel noch einmal eine Chance. Dann müssen neben einer neuen Finanzierung des Gesundheitssystems strukturelle Änderungen bei den privaten Krankenversicherungen verabschiedet werden, etwa die Pflicht, auch Alte und Kranke aufzunehmen. Gelingt ihr nicht einmal das, droht die Koalition zum Sanierungsfall zu werden.

 
Leser-Kommentare
  1. In der Tat haben Frau Merkel und ihre Union nun ein Problem.
    Sie muß endlich re(a)gieren und zeigen wovon sie ’zutiefst
    überzeugt’ ist. Die Große Koalition ist an einem entscheidenden
    Punkt angelangt.

  2. Seit die Krankenversicherungen sich politisch korrekt in Gesundheitsversicherungen verwandelt haben, sind die Exzesse weniger in der Krankenbetreuung zu finden als vielmehr im Versuch, die Gesunden gesund zu halten. Es sind dies meist Kosten, die sich nicht unmittelbar auszahlen wie Sanatoriumsaufenthalte, Herzuntersuchungen im Acht-Wochen-Takt, kostspielige psychologische Betreuung von Gesunden -- alles Ausgaben, die in den meisten anderen zivilisierten Nationen als purer Luxus angesehen werden. Die Frage ist mithin nicht, wieviel kann man an Krankenbehandlung ersparen, sondern wie kann man Gesunde gesund halten, ohne dadurch den Etat zu sprengen?

  3. Der Artikel ist hervorragend. Er bringt in prägnanter Kürze alles auf den Punkt. Im Grunde ist aber jede weitere Diskussion über die Gesundheitsreform überflüssig und sinnlos, weil einfach schon zu lange Jahre darüber ergebnislos gequatscht worden ist. Ich glaube nicht, dass unsere regierenden PolitikerINNen zu dumm sind, um nicht zu wissen, wie man schnell und effizient das Gesundheitssystem umorganisieren könnte. Wenn mna ernsthaft wollte, könnte man sich auch von anderen Staaten, die es besser können, beraten lassen. Mir scheint, es liegt am mangelnden Willen. Die Politikerkaste fühlt sich offenbar schon lange nicht mehr dem Volk verpflichtet, sondern einer Klientel, der die Mehrheit des Volkes nicht angehört.

  4. „Deutschland leidet“ von Elisabeth Niejahr und
    S. 26: „Jedem seine Arztrechnung“ von Daniel Dettling, berlinpolis

    Die Regierung will die Einnahmen für die Krankenkassen erhöhen, die Experten fordern Kosteneinsparungen und mehr Effizienz im Gesundheitswesen. Das Einsparpotential beim Versicherten kommt in der Diskussion nicht vor. Die Versicherten nehmen die Leistungen des Gesundheitswesens kostenlos mit. Gesundheitsvorsorge des Einzelnen wird nicht eingefordert.

    Dabei ist unser Versicherungssystem unsozial. Den eigenen Gesundheitszustand bestimmt der Versicherte weitgehend selbst. Wir kennen die Volkskrankheiten, die Raucher, Drogensüchtige und Überwichtige verursachen. Wir hören und lesen von vielen Zivilisationskrankheiten, die durch ungesundes Essen, zu wenig Bewegung, gefährlichen Sportarten und stressiges Berufsleben verursacht werden. Für diese Krankheiten wird keiner zur Verantwortung gezogen. Wer sich um seine Gesundheit kümmert, wird nicht belohnt. Das ist unsozial.

    Hier liegt das größte Einsparpotential für unser Gesundheitswesen. Wenn nicht nur die Rechnung des Arztes zugestellt wird, sondern auch ein Teil davon vom Versicherten bezahlt wird, wird sich auch der Patient um überflüssige und ungerechtfertigte Kosten selbst kümmern. Die Praxisgebühr von 10 Euro hat uns gezeigt, welche Wirkung selbst kleine Beträge haben.

    Scheinbar passt es nicht in unsere sozialistisch geprägte Gesellschaft Eigenverantwortung zu fordern; auch im Gesundheitswesen. Zumindest schriebt keiner darüber.

    Kettwig, 1. Juli 2006

    K. Klein

  5. Momentan scheint sich die gesamte Reformdebatte auf die Finanzierung und Leistungseinschränkungen reduziert zu haben. Und auf einen Termin vor der Sommerpause, an dem alles stehen soll, ob es nun Sinn macht oder nicht.

    Wieder zu kurz kommt eine Strukturreform, die sich vor allem an Effizienz im System orientiert, die zunächst den Umfang einer allgemeinen medizinischen (Grund-)Versorgung definiert, die gewollte soziale Leistungen und deren Kosten benennt (wie z.B. die kostenlose Mitversicherung von Kinden), die Vorsorge vor Heilung stellt, wenn dies kostengünstiger ist, und die auch Anreizemechanismen zur persönlichen Vorsorge möglich macht. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang auch, dass man die Gruppe der Versicherten festlegt und damit auch die möglichen Einkommensarten, die in den Versicherungsbeiträgen zu berücksichtigen sind. Hinsichtlich der sozialen Komponenten scheint sich in der aktuellen Debatte ja der Grundsatz der Steuerfinanzierung und damit einer Umlage auf alle Einkommensarten manifestiert zu haben.

    Unter dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit ist weiterhin schleierhaft, warum es "bessere Versicherte" in der Pivaten Krankenversicherungen geben kann. Gleiches gilt für Beitragsbemessungsgrenzen (Gerade prozentuale Beiträge vom Gehalt stellen sicher, dass Besserverdienende auch einen größeren Anteil schultern.). Dies soll nicht ausschließen, dass man über Zusatzversicherungen weitere Risiken ausschließen kann.

    Und eine Reform des Gesundheitssystems kann nicht losgelöst von anderen Entwicklungen bzw. politischen Entscheidungen sein. Hier ist insbesondere die zunehmende Zahl nicht sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse zu sehen (u.a. Minijobs), für die die Politik der letzten Jahre die Grundsteine gelegt hat.

    Beim Thema Gesundheit wird es am Ende wohl heißen: Große Koalition heißt, es bleibt beim Finanzierungs- und Leistungskürzungsgeschacher. Die große Reform findet später statt, wenn überhaupt.

    • self22
    • 29.06.2006 um 18:08 Uhr
    6. Ratio

    eine bezahlbare Gesundheit muss möglich sein. Viele Behandlungen und Gerätschaften müssen wie alle Industrieprodukte einen Wertverlust haben, wenn keine entscheidenden Neuerungen dazukommen. Sollte es bei medizinischen Geräteherstellern keine Rarionalisierungseffekte wie in allen anderen Industriezweigen geben? Kaum zu glauben.
    Man sollte einen Teil der Gesundheitswissenschaft auf Produktivitätssteigerung lenken. Das muss sein, damit weiterhin (oder wieder?) jede nötige Behandlung für jeden möglich ist. Immer nur nach Neuem forschen bis die Kassen zusammenbrechen, bringt ja auch nichts. Es muss auch konsolidiert werden.
    Es ist eigentlich genug Geld im System. Da muss einfach einiges völlig falsch laufen...

  6. Reform? – nicht einmal ein "Reförmchen"!

    Fakt ist, Gesundheit ist ein Milliardenmarkt. Auf dem, und das ist das Komische, allerdings marktübliche Mechanismen nicht greifen.
    Das fängt damit an, daß allen sonst am Markt sich tummelnden Anbietern – also Dienstleistern unterschiedlichster Art, Handwerkern und Anderen – der Hang zum Betrug unterstellt wird: Ergo wird für jede auch noch so kleine erbrachte Leistung eine Rechnung erstellt. Kontrolle findet statt; es wir aber a u c h das Kostenbewußtsein geschärft!

    Im Gesundheitswesen ist alles anders: Weil Ärzte u.A. nun mal nicht betrügen und auch nie, Gott behüte, n i c h t e r b r a c h t e Leistungen verrechnen, kann hier auf Rechnungslegung verzichtet werden. Wenn der Patient um die von und durch ihn verursachten Kosten wüßte, würde er möglicherweise auf die eine oder andere Leistung/Medikation verzichten. Das aber würde dem System schaden! Eine Umsatzminimierung kann nicht im Interesse der partizipierenden Gruppen im Gesundheits-Monopoly sein!

    Und weil das so ist, wird auch in Zukunft dieser große Markt zu ca. 90 Prozent über Blanko-Schecks abgewickelt werden!

    Anmerkung des Verfassers: Seit ca. 30 Jahren bin ich privatversichert; nur ein einziges Mal wurde eine nicht erbrachte Leistung in Rechnung gestellt. Eine Leistung, die aus Sicht meines Arztes sinnvoll war, die ich aber – auch aus Kostengründen – ablehnte.
    W.B. Köln

  7. Frau Niejahr hat recht: Die gesetzlichen Krankenkassen sind keine Versicherungen. Sie sind Umverteilungsinstrumente von Besserverdienenden zu Schlechterverdienenden, von Gesunden zu Kranken, von Jungen zu Älteren, von Singles zu Familien usw. Umverteilungsinstrument zu sein ist der gesellschaftliche Ort und vor Krankheitsarmut zu schützen ist die soziale Funktion der GKV. Wie siamesische Zwillinge sind gesetzliche Krankenkassen und Sachleistungsprinzip miteinander verbunden. Nicht Bedürfnisse und Präferenzen des einzelnen zählen, sondern Gesetze und Satzungen bestimmen den gesellschaftlich akzeptierten Leistungsumfang.

    Krankenversicherungen sind etwas völlig anderes. Ihre individuellen Leistungen werden von den gepoolten individuellen Risiken, aber auch von den individuellen Prämien als Ausdruck individueller Präferenzen bestimmt.

    Frau Niedorf schlägt eine Strukturreform der privaten Krankenversicherungen und die Pflicht zur Aufnahme Alter und Kranker vor. Dieser Vorschlag führt das Versicherungsprinzip ad absurdum, denn die übrigen Versicherten werden gezwungen, diese Risiken mitzufinanzieren.

    Nein, entweder werden unzureichend versicherte Alte und Kranke ohne Kontrahierungszwang zu ihren individuellen Konditionen versichert und die Gesellschaft hilft ihnen ihre Prämien zu zahlen: Subjektförderung statt Objektförderung oder Zwang. Oder sie finden ihren Platz in den gesetzlichen Krankenkassen, Ausdruck der Fürsorge in einer entwickelten Kulturnation.

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